Braun [2]

Braun [2]

Braun, 1) Heinrich, bayr. Schulreformator, geb. 17. März 1732 in Trostberg (Oberbayern), gest. 8. Nov. 1792 in München, besuchte Schule und Universität zu Salzburg und trat 1750 in das Benediktinerkloster Tegernsee, wo er, wie in Kloster Rott, Freising, Wien, München (seit 1765) mit Erfolg als Lehrer wirkte. In München zum Prälaten ernannt, ward er daneben 1777 staatlicher Direktor des gesamten Schulwesens in Bayern und Oberpfalz. B. war Anhänger der Aufklärung. Ihr diente er auch als Autor mit mehr als 60 meist populären Schriften. Unter diesen sind programmatisch bedeutsam die »Gedanken über Erziehung und öffentlichen Unterricht« (Münch. 1774). Vgl. »Heinrich Brauns Tatenleben und Schriften« (das. 1793).

2) Johann Wilhelm Joseph, kath. Theolog, geb. 27. April 1801 in Gronau bei Düren, gest. 30. Sept. 1863 in Bonn, ward 1828 Repetent am Konvikt zu Bonn, 1829 außerordentlicher, 1833 ordentlicher Professor der Theologie daselbst. Weil er sich dem päpstlichen Verdammungsurteil der Lehre seines Meisters Georg Hermes (s.d.) nicht unterwerfen wollte, wurde er 1845 mit seinem Kollegen Achterfeldt (s.d.) vom Erzbischof suspendiert. 1848 in die deutsche Nationalversammlung gewählt, hielt er sich zu den Großdeutschen. Seit 1850 war er Mitglied des Herrenhauses, 1852–62 des Hauses der Abgeordneten. Er gab unter andern eine »Bibliotheca regularum fidei« (Bonn 1844, 2 Bde.) heraus und schrieb als Vorstand des Vereins der Altertumsfreunde im Rheinland eine Anzahl archäologischer Abhandlungen.

3) Alexander Karl Hermann, königlich sächs. Märzminister, geb. 10. Mai 1807 in Plauen, gest. daselbst 23. März 1868, wurde Advokat in seiner Vaterstadt; 1839 zum Mitglied, 1845 zum Präsidenten der Zweiten Kammer gewählt, kämpfte er für Einführung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens und bildete 16. März 1848 ein liberales Ministerium, worin er die Justiz und das Präsidium übernahm. Weil er sich mit der radikalen Majorität der Kammer nicht verständigen konnte, trat er 24. Febr. 1849 zurück, war 1849 bis März 1850 wieder Mitglied des Landtags und wurde darauf Amtshauptmann in Plauen.

4) Adolf, Freiherr von, Vorstand der Kabinettskanzlei des Kaisers Franz Joseph I., geb. 1821, studierte in Wien, betrat die Beamtenlaufbahn und zog als Legationsrat des österreichischen Bundespräsidiums in Frankfurt a. M. während des Fürstentags 1863 die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich, der ihn in die Kabinettskanzlei berief, welcher er seit 1863 zuletzt als Leiter ununterbrochen angehörte. Seine offizielle Tätigkeit als Vertrauensmann des Kaisers war stets mit dem Schleier des Amtsgeheimnisses umgeben, auch in der Gesellschaft trat er nie hervor. Sein Rat war bei der Bildung des Ministeriums Hohenwart (Febr. 1871) ausschlaggebend. Er wurde wiederholt mit schwierigen Missionen betraut; so mußte er die in Ungnade gefallenen Minister (Graf Beust u. a.) zum Rücktritt bewegen. Noch bei Lebzeiten bildete sich um seine Persönlichkeit ein Kreis von Legenden. Am 1. Jan. 1900 trat er in den Ruhestand.

[Naturforscher.] 5) Alexander, Botaniker, geb. 10. Mai 1805 in Regensburg, gest. 29. März 1877 in Berlin, studierte 1824–27 in Heidelberg Medizin, dann bis 1831 in München und bis 1832 in Paris Botanik, wurde 1833 Professor am Polytechnikum zu Karlsruhe, 1837 Direktor des großherzoglichen Naturalienkabinetts, 1846 Professor in Freiburg, 1850 in Gießen und 1851 Professor der Botanik und Direktor des botanischen Gartens in Berlin. Brauns Bedeutung lag vorwiegend in seinen philosophischen Bestrebungen auf dem Gebiete der Morphologie; er faßte seine Grundanschauungen in den »Betrachtungen über die Erscheinung der Verjüngung in der Natur« (Leipz. 1850) zusammen, in welcher Schrift er auch die Lehre von der Blattstellung der Pflanzen entwickelte. In seinen systematischen Arbeiten suchte er die Anordnung der Pflanzen auf vergleichend morphologische Grundlage in Zusammenhang mit der historischen Entwickelung des Pflanzenreichs zu stellen. Seine spätern Schriften beziehen sich vornehmlich auf die Morphologie und die Kryptogamen. Er schrieb: »Untersuchung über die Ordnung der Schuppen an den Tannenzapfen« (Abhandlungen der Leopoldinisch-Karolinischen Akademie, Bd. 14); »Über die Richtungsverhältnisse der Saftströme in den Zellen der Charazeen« (Berl. 1852); »Das Individuum der Pflanze in seinem Verhältnis zur Spezies etc.« (das. 1853); »Algarum unicellularium genera nova et minus cognita« (Leipz. 1855); »Über Chytridium« (Berl. 1856); »Über Isoetes« (das. 1863); »Beitrag zur Kenntnis der Gattung Selaginella« (das. 1865); »Die Charazeen Afrikas« (das. 1867); »Neuere Untersuchungen über die Gattungen Marsilia und Pilularia« (das. 1870 u. 1872); »Über Parthenogenesis bei Pflanzen« (das. 1857); »Über Polyembryonie und Keimung von Caelebogyne« (das. 1860). Vgl. Mettenius, A. Brauns Leben (Berl. 1882).

6) Karl Ferdinand, Physiker, geb. 6. Juni 1850 in Fulda, studierte seit 1868 Mathematik und Naturwissenschaft in Marburg und Berlin, wurde 1877 Professor in Marburg, 1880 in Straßburg, 1883 am Polytechnikum in Karlsruhe, 1885 in Tübingen, wo er den Bau eines neuen physikalischen Instituts leitete. 1895 kehrte er als Professor der Physik und Direktor des Physikalischen Instituts nach Straßburg zurück. Er zeigte, daß entgegen der Thomson-Helmholtzschen Annahme in den galvanischen Ketten chemische Energie nicht vollständig in elektrische umgewandelt werden kann, er arbeitete über die Natur der elastischen Nachwirkung, über elektrische Differenzen als Folge von Temperaturdifferenzen in strukturlosem Metall, über Entstehung elektrischer Ströme durch elastische Deformation, über Abweichungen vom Ohmschen Gesetz in metallisch leitenden Körpern, über Abhängigkeit der Löslichkeit vom Druck etc. Er erfand 1897 die nach ihm benannte Kathodenstrahlenröhre, die für die Untersuchung des zeitlichen Verlaufs schneller elektrischer Schwingungen sehr wichtig geworden ist. Seit 1898 beschäftigte er sich mit Studien über drahtlose Telegraphie und führte 1898 den geschlossenen Schwingungskreis als Erreger der vom Sender auszustrahlenden Wellen in dieselbe ein. Hierdurch wurde es möglich, größere Energiemengen zur Ausstrahlung zu bringen und damit weite Entfernungen zu überbrücken, auch wurde die Senderanordnung die Grundbedingung für eine abgestimmte Telegraphie. Der Schwingungskreis bildet jetzt die Grundlage aller andern Systeme. B. schrieb: »Drahtlose Telegraphie durch Wasser und Luft« (Leipz. 1901).

[Dichter und Schriftsteller.] 7) Wilhelm von, schwed. Dichter, geb. 8. Nov. 1813, gest. 12. Sept. 1860, war zuerst Offizier, nahm aber im 33. Jahr seinen Abschied, um sich ganz der Literatur zu widmen. B. gehörte zu den populärsten Dichtern seiner Zeit. Seine witzigen, zuweilen recht frivolen Poesien richteten sich hauptsächlich gegen die herrschende Gefühlsschwärmerei. Seine »Gesammelten Werke« erschienen in 6 Bänden (Stockh. 1875–76).

8) Karl, deutscher Politiker und Schriftsteller, geb. 20. März 1822 in Hadamar, gest. 14. Juli 1893 zu Freiburg i. Br., studierte in Marburg klassische Philologie und Geschichte, dann in Göttingen die Rechte, wurde Anwalt in Wiesbaden und trat als juristischer und politischer Schriftsteller auf, kämpfte gegen die Kleinstaaterei, für nationale Einheit und wirtschaftliche Freiheit. Von 1848–66 war er Mitglied, 1858 bis 1863 Präsident der nassauischen Zweiten Kammer. Nach der Einverleibung Nassaus 1867 Justizrat und Rechtsanwalt beim Obertribunal in Berlin geworden, wurde er in den norddeutschen Reichstag und den preußischen Landtag, 1871 in den deutschen Reichstag gewählt, dem er als ein Führer der nationalliberalen Partei angehörte. 1880 schloß er sich der sezessionistischen, 1884 der deutsch-freisinnigen Partei im Reichstag an, dem er bis 1887 angehörte. B. war 1858 Mitbegründer des volkswirtschaftlichen Kongresses und seit 1859 sein ständiger Präsident. 1873 übernahm er die Herausgabe der Spenerschen Zeitung zu Berlin, die jedoch schon 1874 einging. 1879 als Anwalt am Reichsgericht nach Leipzig übersiedelnd, verzichtete er auf eine Wahl ins Abgeordnetenhaus, kehrte 1887 als Rechtsanwalt beim Kammergericht nach Berlin zurück und zog im Herbst 1891 nach Freiburg i. Br. Von seinen zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: »Für Gewerbefreiheit und Freizügigkeit durch ganz Deutschland« (Frankf. 1858); »Parlamentsbriefe« (Berl. 1869); »Bilder aus der deutschen Kleinstaaterei« (3. Aufl., Hannov. 1881, 5 Bde.), sein berühmtestes Werk; »Während des Krieges. Erzählungen, Skizzen etc.« (das. 1871); »Aus der Mappe eines deutschen Reichsbürgers. Kulturbilder und Studien« (Hannov. 1874, 3 Bde.); »Eine türkische Reise« (das. 1876–77, 3 Bde.); »Zeitgenossen, Erzählungen, Charakteristiken und Kritiken« (Braunschw. 1877, 2 Bde.); »Randglossen zu den politischen Wandlungen der letzten Jahre« (anonym, Bromb. 1879); »Von Friedrich dem Großen bis zum Fürsten Bismarck. Fünf Bücher Parallelen zur Geschichte der preußisch-deutschen Wirtschaftspolitik« (das. 1882). Seit 1888 gab er die »Vierteljahrsschrift für Volkswirtschaft« heraus.

9) Otto, Schriftsteller und Publizist, geb. 1. Aug. 1824 in Kassel, gest. 12. Juni 1900 in München, studierte in Bonn, Heidelberg und Marburg, wo er in den bewegten Märztagen von 1848 zum »Präsidenten der Marburger Studentenschaft« gewählt wurde, Rechtswissenschaft, widmete sich aber schließlich nur den schönen Wissenschaften. Nach absolvierten Universitätsstudien ließ er sich in Kassel nieder und gab die »Hessischen Jahrbücher«, seit 1857 das »Kasseler Sonntagsblatt« heraus. Von 1860–91 war er Redakteur der »Allgemeinen Zeitung« und wurde 1885, zum 25jährigen Jubiläum seiner Redaktionstätigkeit, von der philosophischen Fakultät der Münchener Universität zum Ehrendoktor ernannt. B. gab auch den Cottaschen »Musenalmanach« (Stuttg. 1891ff.) heraus. 1883 veröffentlichte er Jugendgedichte und Übersetzungen aus dem Spanischen u. d. T.: »Aus allerlei Tonarten« (2. Aufl., Stuttg. 1898).

10) Julius, Archäolog, geb. 16. Juni 1825 in Karlsruhe, gest. 22. Juli 1869 in München, studierte seit 1843 in Heidelberg Theologie und widmete sich seit 1848 in Berlin kunst- und kulturgeschichtlichen Studien, die er auf Reisen durch Italien, Ägypten, Nubien, Palästina, Syrien, Kleinasien und Griechenland fortsetzte. 1853 habilitierte er sich in Heidelberg als Privatdozent, ging 1860 als außerordentlicher Professor nach Tübingen und siedelte 1861 nach München über, wo er später eine Lehrstelle an der Akademie der Künste annahm. Er schrieb: »Studien und Skizzen aus den Ländern der alten Kultur« (Mannh. 1854); »Geschichte der Kunst in ihrem Entwickelungsgang durch alle Völker der Alten Welt hindurch, auf dem Boden der Ortskunde nachgewiesen« (Wiesbad. 1856–58, 2 Bde.; 2. Ausg. 1873), sein erst lange nach seinem Tod in seiner Bedeutung anerkanntes Hauptwerk, in dem er den Kulturzusammenhang sämtlicher Völker des orientalisch-klassischen Altertums bewiesen hat; »Gemälde der mohammedanischen Welt« (Leipz. 1870).

[Künstler.] 11) Kaspar, Holzschneider, geb. 13. Aug. 1807 in Aschaffenburg, gest. 29. Okt. 1877 in München, widmete sich in München der Malerei und ging 1837, um die Technik der französischen Xylographen kennen zu lernen, nach Paris, wo er sich von Brévière unterweisen ließ. Nach München zurückgekehrt, gründete er 1839 mit v. Dessauer eine xylographische Anstalt, aus der eine große Anzahl illustrierter Prachtwerke hervorging. B. machte sich allmählich von der Nachahmung der französischen Manier los und ließ an die Stelle der Tonwirkung Formen- und Linienschönheit treten, indem er im Schnitt sich strenger an den Stil der Zeichnung hielt Seine Anstalt nahm, seitdem er sich 1843 mit Friedrich Schneider (geb. 10. Okt. 1815 in Leipzig, gest. 9. April 1864) assoziiert hatte, einen großen Aufschwung und wurde eine Schule für Xylographen. Er verband damit ein Verlagsgeschäft (»B. u. Schneider«) und gründete 1844 die humoristische Zeitschrift »Fliegende Blätter« (s.d.). Von den zahlreichen von B. mit Holzschnitten versehenen Werken sind zu erwähnen: »Das Nibelungenlied«, nach Zeichnungen von Schnorr und Neureuther; der »Volkskalender«, mit Illustrationen nach Kaulbach und Cornelius; ferner lieferte er Holzschnitte zu »Götz von Berlichingen«, zu der Cottaschen »Bilderbibel«, den »Münchener Bilderbogen« u. a.

12) Ludwig, Maler, geb. 23. Sept. 1836 in Schwäbisch-Hall, besuchte die Kunstschule in Stuttgart und bildete sich dann in München und Paris. Eine Reihe trefflicher Aquarelle aus dem schleswig-holsteinischen Kriege von 1864 veranlaßte einen Auftrag des Grafen von Hunolstein, einen Zyklus von Bildern aus dessen Familiengeschichte, den B. in Nürnberg ausführte. Ebendort entstand sein Nürnberger Turnier von 1496. Weiter schilderte B. eine Reihe Szenen aus dem deutschen Kriege von 1866 für den Großherzog von Mecklenburg-Schwerin und seit dem Kriege von 1870/71 eine Szene aus der Schlacht bei Wörth, die Kapitulation von Sedan, den Einmarsch der Mecklenburger in Orléans, den Einzug der deutschen Armee in Paris, den Angriff württembergischer Kürassiere am Mont Mesly vor Paris u. a. Eine rege Tätigkeit entfaltete er in Panoramen, von denen die der Schlachten von Sedan, Weißenburg und Marsla-Tour am bekanntesten geworden sind. Mit einem Gebet Gustav Adolfs vor der Schlacht bei Lützen (1892) machte er auch einen Versuch in der Malerei großen Stils, wandte sich aber dann der Genremalerei zu, indem er Stoffe aus dem Leben in den bayrischen Bergen behandelte (Hochzeitszug zu Anfang des 19. Jahrhunderts, der St. Leonhardiritt in Fischhausen bei Schliersee). Seine Bilder zeichnen sich durch große Lebendigkeit der Auffassung, treffliche Zeichnung und Farbe sowie durch sorgfältige Behandlung aus.

13) Adolf, Photograph, Begründer der Firma A. Braun u. Komp. in Dornach i. E. (jetzt Braun, Clément u. Komp. Nachfolger in Paris und Dornach), war ursprünglich Musterzeichner, wendete sich später der Photographie zu und begann mit photographischen Aufnahmen aus der Schweiz, zu deren Absatz er 1850 ein Verlagsgeschäft in Dornach gründete. Nachdem er 1864 das Patent von Swans unveränderlichem Kohledruckverfahren erworben, vervielfältigte er die hervorragendsten Gemälde, Handzeichnungen und Skulpturen der französischen und später auch andrer europäischer Museen. Nach seinem 1876 erfolgten Tode wurde sein Geschäft von Louis Pierson, Gustav Braun und Léon Clément fortgesetzt, die das Verfahren wesentlich vervollkommten. Sie veröffentlichten Reproduktionen der Schätze der Gemäldegalerien zu Dresden, Amsterdam, Madrid (Prado), Petersburg (Eremitage), Florenz (Uffizien und Palast Pitti) und Rom. Einige dieser Galeriewerke sind von Texten hervorragender Kunstgelehrter begleitet. Einem ersten ausführlichen Katalog in französischer Sprache sind später mehrere Nachträge gefolgt. Zweigniederlassungen des Geschäfts bestehen in Paris und New York.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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