Konservatorĭum


Konservatorĭum

Konservatorĭum (neulat., ital. Conservatorio, franz. Conservatoire), Name der größern Musikschulen, auf denen die Schüler zu Komponisten, Lehrern, Virtuosen etc. ausgebildet werden. Der Name K. stammt aus dem Italienischen, ist aber von Haus aus keineswegs darum gewählt, weil diese Anstalten die echte, wahre Kunst »konservieren« sollen, sondern conservatorio heißt im Italienischen Bewahranstalt, Pflegehaus, Waisenhaus. Die ersten Konservatorien waren in der Tat Waisenhäuser, in denen die dafür beanlagten Kinder für den kirchlichen Gesangsdienst ausgebildet wurden, so in dem 1537 gegründeten Conservatorio Santa Maria di Loreto zu Neapel, ferner den drei auch noch im 16. Jahrh. in Neapel entstandenen Sant' Onofrio, Della pietà und Dei poveri di Gesù Cristo. Die ältesten Musikschulen Venedigs hießen nicht Conservatorio, sondern Ospedale (Hospital). Die Zahl der Konservatorien Italiens wuchs im 17. Jahrh. schnell, als es sich darum handelte, für die aufblühende Oper die erforderlichen Gesangskräfte zu beschaffen, zumal auch das Ausland sich die Sänger und Sängerinnen aus Italien verschrieb. Die ältesten Konservatorien sind von Haus aus sämtlich Singschulen. Die bedeutendsten gegenwärtigen Konservatorien Italiens sind die zu Neapel (seit 1808 königliches K.), Venedig (Liceo B. Marcello, 1877), Bologna (Liceo musicale Rossini, seit 1864 städtisch), Mailand (Conservatorio G. Verdi, seit 1850 staatlich), Palermo (seit 1863 staatlich), Florenz, Turin, Genua, Padua, Parma, Pesaro und das Liceo musicale der Cäcilienakademie in Rom. Auch das Pariser K., das älteste außerhalb Italiens, entstand 1784 als Opernschule und wurde erst 1792 mit einer Instrumentalschule verbunden; dieses Institut ist seiner ganzen Organisation nach eins der größten und angesehensten. In den größern Provinzialhauptstädten Frankreichs sind sogen. Sukkursalen (Zweiginstitute, Filialen) des Konservatoriums errichtet (zu Toulouse, Nantes, Dijon, Lyon, Lille, Nancy, Rennes, Perpignan). Zu Bedeutung gelangten auch das 1817 von Horn in Paris begründete Kirchenmusikinstitut, besonders seit 1853 unter L. Niedermeyer (gest. 1861), und neuerdings die seit 1896 von V. d'Indy geleitete Schola Cantorum. Ein gleichfalls schon älteres Institut von vortrefflicher Tendenz und Organisation ist das K. in Prag (eröffnet 1. Mai 1811), an dem außer dem praktischen und theoretischen Musikunterricht auch geregelter allgemeiner Schulunterricht erteilt wird (vgl. Ambros, Das K. in Prag, Prag 1858). Das K. der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wurde als Singschule 1. Aug. 1817 unter Salieri eröffnet und erst nach einigen Jahren auf die andern musikalischen Fächer ausgedehnt (vgl. Pohl, Die Gesellschaft der Musikfreunde etc., Wien 1871). Das erste von Anfang an seinen Schwerpunkt in die Ausbildung von Virtuosen legende K., nach dessen Muster alle weiterhin entstehenden eingerichtet wurden, ist das von Mendelssohn-Bartholdy gegründete K. in Leipzig (eröffnet 2. April 1843), an dem als erste Lehrer Mendelssohn, Schumann, Ferd. David, M. Hauptmann u. a. tätig waren (vgl. Kneschke, Das königliche K. der Musik in Leipzig 1843–1893, Leipz. 1893).

Von den zahlreichen seither zur Bedeutung gelangten deutschen Konservatorien sind besonders hervorzuheben in Berlin das Sternsche (1850), von A. B. Marx, Th. Kullak und J. Stern begründet, die Kullaksche Akademie (1855–90), das Scharwenka-Klindworthsche K. (1881), die königliche Hochschule für Musik, die eine Dependenz der königlichen Akademie der Künste ist und in drei getrennte Abteilungen zerfällt: das königliche Institut für Kirchenmusik (eröffnet 1822), die Abteilung für musikalische Komposition (1833 eröffnet) und die Abteilung für ausübende Tonkunst oder das eigentliche K. (1. Okt. 1869 eröffnet, unter Direktion von J. Joachim); ferner das K. in Köln (»rheinische Musikschule«, 1850 durch Ferd. Hiller begründet), das Dresdener königliche K. (1856), das königliche K. in Stuttgart (1856 von Stark, Faißt, Lebert u. a. begründet), die staatlichen Musikschulen in München (königliche Akademie der Tonkunst, begründet 1867) und Würzburg, das Hochsche K. in Frankfurt a. M. (1878 unter Direktion von J. Raff begründet), das »Raff-Konservatorium« daselbst (1883). Von sonstigen deutschen Musikschulen, deren beinahe jede größere Stadt eine oder mehrere hat, seien noch hervorgehoben: das Institut für Kirchenmusik in Breslau, das K. in Hamburg, die Musikschule in Frankfurt a. M., das großherzogliche K. in Karlsruhe, das fürstliche K. in Sondershausen, die kirchliche Musikschule (Haberl) in Regensburg, das städtische K. in Straßburgi. E., die großherzogliche Orchester- und Musikschule in Weimar. Außerhalb Deutschlands seien noch erwähnt in Wien die Horakschen Klavierschulen, in Budapest die Landesmusikakademie, deren Ehrendirektor F. Liszt war, das Nationalkonservatorium und die Ofener Musikakademie, in Graz die Musikschule des Steiermärkischen Musikvereins, in Innsbruck die Musikschule des Musikvereins (1818 gegründet), in Lemberg die Musikschule des Galizischen Musikvereins, in Salzburg die Musikschule des Mozarteums. Die bedeutendsten schweizerischen Musikschulen sind die in Genf, Basel, Bern und Zürich. Eins der größten existierenden Konservatorien ist das zu Brüssel (Direktor Gevaert, vorher Fétis), denen die zu Lüttich, Gent und Antwerpen würdig zur Seite stehen. Diese Institute sind staatlich. Von holländischen Konservatorien sind besonders das in Amsterdam (K. der Maatschappij tot bevordering van toonkunst, seit 1862) und das zu Rotterdam (seit 1845) zu nennen. Im Haag besteht seit 1826 eine blühende königliche Musikschule (Direktor H. Viotta). Rußland hat Konservatorien mit Hochschulrechten in Petersburg (seit 1862) und Moskau (seit 1866) sowie Musikschulen der Kaiserlich Russischen Musikgesellschaft in einer großen Zahl größerer Provinzialstädte. Die gleichen Rechte wie die beiden hauptstädtischen Konservatorien hat noch seit 1886 die Musikschule der Philharmonischen Gesellschaft in Moskau. England hat mehrere bedeutende Konservatorien in London (Royal academy of music, Royal college of music) und je eins in Edinburg, Dublin, Birmingham und Manchester, Skandinavien in Kopenhagen, Christiania und Stockholm, Spanien in Madrid, Saragossa und Valencia, Portugal in Lissabon, Griechenland in Athen. Amerika besitzt eine ganze Reihe Konservatorien in den größern Städten: New York, Boston, Baltimore, Cincinnati, Chicago etc.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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  • Konservatorium — Sn per. Wortschatz fach. (18. Jh.) Entlehnung. Entlehnt aus it. conservatorio Musikschule und relatinisiert. Die Bezeichnung ist ursprünglich dadurch begründet, daß die namengebenden Musikschulen an Waisenhäuser angeschlossen waren, die sich als… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

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  • Konservatorium — Konservatorium: Der seit dem 18. Jh. bezeugte Name der hochschulartigen Ausbildungsstätte für alle Sparten des musikalischen Berufes ist aus it. conservatorio relatinisiert. Dies ist von it. conservare »bewahren, erhalten« (< lat. conservare;… …   Das Herkunftswörterbuch

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