Genf [1]


Genf [1]

Genf (franz. Genève, ital. Ginevra), ein Kanton der Schweiz, erstreckt sich zu beiden Seiten der Südwestecke des Genfer Sees und längs der Rhone, wird fast ganz von Frankreich umschlossen und ist nur auf dem rechten Seeufer durch den schmalen Streifen Versoix-Céligny mit der übrigen Schweiz (Kanton Waadt) verbunden. Das Ländchen bildet einen Teil des aus Sandsteinen und Mergeln bestehenden und mit Gletscherschutt bedeckten Flachlandes, das durch die Rhone, die aus den Gletschergebieten des Montblanc kommende Arve und deren Zuflüsse in Hügel von 338–521 m Meereshöhe zerlegt ist. Das Klima ist gesund u. wegen der Nähe des Sees ziemlich mild; die mittlere Jahrestemperatur beträgt 9,3° (im Winter 0,7, im Sommer 17,9°). Die Höhe der Niederschläge, die in den Monaten August bis Oktober am stärksten sind, erreicht 83,6 cm.

Wappen der Stadt u. des Kantons Genf.
Wappen der Stadt u. des Kantons Genf.

Im Winter weht meist der trockne, kalte Nordostwind, die sogen. Bise, im Sommer der warme und feuchte Südwind (vent du midi); beide steigern sich nicht selten zu großer Heftigkeit. Der Kanton umfaßt 277 (ohne den See 249,4) qkm mit (1900) 133,417 Einw. (481 auf 1 qkm). Nach ihrer Muttersprache sind 110,058 Franzosen, 13,766 Deutsche, 7300 Italiener, 114 Romanen etc. Die Zahl der Ausländer ist 1900 auf 52,132 (39,3 Proz.) gestiegen, darunter 34,054 Franzosen. Nach der Konfession zählte man 1900: 67,228 Katholiken, 62,541 Reformierte, 1076 Juden. Die reformierte und altkatholische Staatskirche stehen unter der Oberaufsicht des Staates; jene ist einem Konsistorium, das aus 25 Laien und 6 Geistlichen besteht, diese dem aus 25 Laien und 5 Geistlichen zusammengesetzten Conseil supérieur unterstellt. Die Römisch-Katholischen sind wie die Juden und die andern Kulte völlig unabhängig. Das Unterrichtswesen des Kantons befindet sich in vortrefflichem Zustand. An die Primärschule schließt sich für das Alter von 13–15 Jahren die obligatorische Fortbildungsschule an. An Mittelschulen bestehen das Collège (Kantonschule mit Lehrerseminar) und die höhere Mädchenschule (mit Lehrerinnenseminar), ferner an Fachschulen 12 landwirtschaftliche Schulen, eine Gartenbauschule, eine Gewerbeschule, eine Kunst-, eine Handels-, eine Uhrmacherschule, eine Bauhandwerkerschule und ein Technikum. In der Stadt G. (s. unten) bestehen eine Universität und ein Musikkonservatorium.

Im Flachlande sind Gärtnerei und Weinbau die Haupterwerbszweige. 230 qkm oder 83 Proz. der Gesamtfläche sind produktiv; davon entfallen 103 qkm auf Äcker, 10 qkm auf Obst- und Gemüsegärten, 65 qkm auf Kunstwiesen, 19,3 qkm auf Weinberge, 27,7 qkm auf Wald. Der Ertrag des an sich wenig ergiebigen Bodens ist durch Drainage und Bewässerungsanlagen erhöht worden. Der Weinbau ist verhältnismäßig sehr ausgedehnt und lieferte 1901: 122,913 hl (meist Weißwein) im Werte von 2,6 Mill. Fr. Nach der Zählung von 1903 enthielt der Kanton 3778 Pferde, 8396 Rinder, 2425 Schweine, 549 Schafe und 1469 Ziegen. Das Tierreich ist vorzüglich durch die Vögel (307 Arten) vertreten. Die Fischerei im See und in der Rhone ist bedeutend. Sandstein-, Töpfer- und Ziegeltonlager sind häufig. Die ergiebigsten Erwerbszweige der Bevölkerung bilden Industrie und Handel. 1902 waren 394 Betriebe dem Fabrikgesetz unterstellt. Von hervorragender Bedeutung ist die Präzisionsmechanik, besonders die Uhrmacherei, die sich weniger durch die Menge von Fabrikaten als durch die Herstellung von kunstvollen und reichverzierten Werken auszeichnet; der Wert der Produktion beläuft sich jährlich auf 10 Mill. Fr. Die Uhrmacherei wurde 1587 von einem Franzosen, Ch. Cousin, nach G. gebracht und erreichte 1789, wo sie 4000 Arbeiter beschäftigte, ihren Höhepunkt. Daneben entwickelte sich seit 1796 die Herstellung von Musikdosen, deren Erfindung einem Genfer, Ant. Favre, zu danken ist; neuerdings ist dieser Industriezweig im Rückgang begriffen. Bedeutend ist dagegen die Industrie in Gold- und Silberwaren (Uhrgehäuse und Schmuckwaren). Daneben bestehen Eisengießereien, mechanische Werkstätten, Fabriken für Chemikalien und Anilinfarben, Kerzen und Seife, Schokolade, Zigarren, Automobile; die Stadt G. besitzt an der Rhone zwei große Wasser- und Elektrizitätswerke: La Conlouvrenière in der Stadt (20 Turbinen) und Chèvres (15 Turbinen) 6 km unterhalb G. An der Grenze Frankreichs gelegen, ist G. gleichsam das Tor, durch das ein bedeutender Handel mit Frankreich, den Vereinigten Staaten von Nordamerika und besonders mit Italien pulsiert. Um den Verkehr mit den französischen Nachbargebieten zu erleichtern, ist der Kanton von einer neutralen zollfreien Zone umgeben, die sich über das Pays de Gex und den größten Teil von Obersavoyen erstreckt. Von den zahlreichen Banken hat allein die Handelsbank das Recht der Notenemission im Höchstbetrag von 24 Mill. Fr.

Nach der Verfassung vom 14. Mai 1847 (zuletzt 1892 revidiert) hat der Kanton eine repräsentativdemokratische Staatsform. Die Gesamtheit der stimmfähigen Einwohner (Conseil général) wählt die Behörden und die 7 Vertreter für den Nationalrat sowie die beiden Ständeräte; sie besitzt das Recht der Initiative (bei Unterstützung von mindestens 2500 Bürgern) und das fakultative Referendum (auf Antrag von mindestens 3500 Wählern). Das Organ der gesetzgebenden Gewalt ist der Große Rat (Grand Conseil) von 100 Mitgliedern, die von den drei Wahlbezirken (Stadt, rechtes und linkes Ufer) auf 3 Jahre durch Listenskrutinium gewählt werden. Er übt die Aussicht über die Verwaltung und das Begnadigungsrecht aus, bestimmt den jährlichen Staatshaushalt, wählt die Richter etc. Die ausübende Gewalt ist dem Staatsrat (Conseil d'Etat) von 7 auf 3 Jahre vom Großen Rat ernannten Mitgliedern übertragen. Die Rechtspflege wird durch Schiedsgerichte, Friedensgerichte, einen Gerichtshof erster Instanz, ein Zivil-, Straf- und Korrektionsgericht und ein Kassationsgericht ausgeübt. Jede der 48 Gemeinden hat einen Conseil municipal, der je auf 4 Jahre gewählt wird. In der Stadt G. ist die Verwaltung einem Conseil administratif übertragen, der wie der Conseil municipal direkt von den stimmberechtigten Einwohnern gewählt wird. Die Staatseinnahmen betrugen 1903: 8,862,933, die Ausgaben 9,475,283 Fr. Die Einnahmen setzen sich aus Stempel- und Hypothekensporteln, einer progressiven Vermögenssteuer, einer Mietswertsteuer, einer Grundwertsteuer, Steuern auf Pferde und Wagen, Automobile etc. zusammen. Die Summe der Staatsanleihen betrug Ende 1903: 41,908,700 Fr. Literatur s. S. 564.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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