Hartmann von Aue

Hartmann von Aue

Hartmann von Aue (Owe), mittelhochdeutscher Dichter, geb. um 1170 aus einem edlen Geschlecht in Schwaben, gest. nach 1210, war Dienstmann der Herren von Aue und nahm teil am Kreuzzug von 1197 (oder schon 1189?). Über seine weitern Schicksale ist nichts bekannt. Gottfried von Straßburg erwähnt ihn in seinem um 1210 gedichteten »Tristan« noch als Lebenden; Heinrich von dem Türlin beklagt ihn in der »Krone« (um 1215–20 gedichtet) als einen Toten. Unter Hartmanns erzählenden Dichtungen ist »Erec« (hrsg. von M. Haupt, Leipz. 1839,2. Ausg. 1871; neuhochd. von Fistes, 2. Aufl., Halle 1855) am frühesten (bald nach 1190) gedichtet. Es folgte wahrscheinlich zunächst: »Gregorius vom Steine«, eine nach französischem Vorbild bearbeitete Legende (hrsg. nach unvollständiger Überlieferung von Lachmann, Berl. 1838, und von Paul, Halle 1873; übersetzt von Fistes, 2. Aufl., das. 1855; von Pannier, Leipz. 1883; nach einer 1875 aufgefundenen vollständigen Handschrift hrsg. von Paul, Halle 1882, 2. Aufl. 1900); weiter die liebliche, nach einer schwäbischen Volkssage gedichtete Erzählung »Der arme Heinrich«, jetzt sein populärstes Werk (hrsg. von den Brüdern Grimm, Berl. 1815; von Haupt, 2. Aufl., Leipz. 1881; von W. Wackernagel und W. Toischer, Basel 1885; von Paul, 3. Aufl., Halle 1904; übersetzt von Simrock, 2. Aufl., Heilbr. 1875; von Hausmann, Gotha 1886; Ebner, Halle 1887; Bötticher, das. 1891), und »Iwein oder der Ritter mit dem Löwen« (hrsg. von Benecke und Lachmann, Berl. 1827, 4. Aufl. 1877; von Henrici, Halle 1891–93; dazu das Wörterbuch von Benecke, Götting. 1843, 3. Aufl. von Borchling, Leipz. 1901; neuhochd. von W. v. Baudissin, Berl. 1845; von Koch nebst dem »Armen Heinrich« im »Ritterbuch«, Bd. 1, Halle 1848; umgedichtet von Stecher, Graz 1880). Der »Iwein«, der wie der »Erec« den Gegensatz zwischen Heldentum und Liebe, zwischen der Hingebung an die Ritterpflichten und der Freude am tatenlosen häuslichen Glück schildert, ist noch vor 1203 verfaßt, da Wolfram von Eschenbach im fünften Buch seines »Parzival« auf ihn anspielt. Er gehört ebenso wie »Erec« dem Sagenkreis vom König Artur an, und beiden liegen französische Gedichte von Chrétien de Troyes zugrunde. Als Erzähler zeichnet sich H. durch freie, natürliche Bewegung der Rede sowie Gewandtheit und Anmut des Vortrags aus, sein Stil wurde vorbildlich für das höfische Kunstepos der Folgezeit. Weniger bedeutend und weniger einflußreich sind seine Lieder (hrsg. in »Des Minnesangs Frühling« von Lachmann und Haupt, 4. Aufl., Leipz. 1888), unter denen nur die auf den Kreuzzug bezüglichen ein größeres Interesse beanspruchen. Den Minneliedern am nächsten verwandt ist Hartmanns »Büchlein«, ein zierliches poetisches Sendschreiben an die Geliebte in Gestalt eines Wortkampfes zwischen Leib und Herz über die Minne. Ein zweites Büchlein, das Haupt gleichfalls H. zuwies, wird vielmehr von einem seiner Nachahmer herrühren (beide Büchlein sind abgedruckt in Haupts Ausgabe des »Armen Heinrich«). Eine kritische Gesamtausgabe der Dichtungen Hartmanns lieferte Fedor Bech (Leipz. 1866–69, 3 Bde.; 3. Aufl. 1891 ff.). Vgl. L. Schmid, Des Minnesingers H. Stand, Heimat und Geschlecht (Tübing. 1874); O. Reck, Verhältnis des Hartmannschen ›Erec‹ zur französischen Vorlage (Greifsw. 1897); Lippold, Über die Quelle des Gregorius Hartmanns von Aue (Leipz. 1869); B. Gaster, Vergleich des Hartmannschen Iwein mit dem Löwenritter Crestiens (Greifsw. 1896); P. Cassel, Die Symbolik des Blutes und der Arme Heinrich des H. v. A. (Berl. 1882); C. Kraus, Das sogenannte II. Büchlein und Hartmanns Werke (Halle 1898); Rötteken, Die epische Kunst Heinrichs von Veldeke und Hartmanns von Aue (das. 1887); Saran, H. v. A. als Lyriker (das. 1889); Schönbach, Über H. v. A. (Graz 1894); H. Piquet, Étude sur Hartmann d'Aue (Par. 1898).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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