Liebe [1]


Liebe [1]

Liebe, das dem Haß entgegengesetzte Gefühl, das durch ein erstrebenswertes Gut in den Lebewesen erregt wird, und das in der Vereinigung mit jenem, sei es als herrschendes oder dienendes Glied, seine Befriedigung findet. Die Eigenschaften, die den Wunsch der Vereinigung, resp. des Besitzes erwecken, können in äußern und innern, körperlichen und geistigen Vollkommenheiten, Schönheit, Kraft und in solchen Vorzügen bestehen, die der liebende Teil vielleicht um so mehr bewundert, je weniger er sie selbst besitzt. Indem man den unwiderstehlichen Drang zur Vereinigung, der die L. kennzeichnet, wie eine elementare, physische Kraft betrachtete und sich dabei der gegenseitigen Anziehung der ungleichen Magnetpole, der Abstoßung der gleichartigen erinnerte, entstand das schon von Platon erörterte philosophische Theorem, daß zur L. eine polare Verschiedenheit, ein möglichst großer Gegensatz gehöre; doch ist dies nur in einem sehr bedingten Sinne richtig, denn sonst müßten den Gottlosen die innigste Gottesliebe, den Barbaren die höchste L. zur Kunst eigen sein. In dem Allgemeinbegriff der L. vereinigen sich aber so viele verschiedene Regungen, daß man mit Notwendigkeit gewisse Unterschiede und Grenzen ziehen muß, um nicht ganz fremde Begriffe zu vermischen. Im engern Sinne versteht man unter L. nur das Verhältnis lebender Wesen zueinander, und nur unter ihnen kann sie zu derjenigen Steigerung und Vollkommenheit gelangen, die durch die Gegenseitigkeit der L. bedingt wird. Aber auch hier muß man wieder die aufopfernde L. der Eltern für ihre Kinder und ihre Erwiderung von diesen, die uneigennützige L. oder Sympathie für andre Personen, die man Freundschaft nennt, und die Geschlechtsliebe unterscheiden, die nur in vollkommener Gegenseitigkeit ihr Glück findet, weshalb auch die Alten deren einfache Personifikation im Eros nicht für genügend hielten und die Personifikation der Gegenliebe (Anteros) hinzufügten. Die Geschlechtsliebe setzt schon an sich den in körperlichen und geistigen Verschiedenheiten ausgeprägten geschlechtlichen Gegensatz voraus und in vielen Fällen, wenn sie zu dauernder Befriedigung führen soll, auch einen gewissen Gegensatz der Charaktereigentümlichkeiten, so daß eine gegenseitige Ergänzung und Ausgleichung möglich wird, wie z. B. zwei heftige und unnachgiebige Persönlichkeiten niemals glücklich miteinander leben können. In die Geschlechtsliebe spielen aber außerdem eine Menge dunkler und instinktiver Regungen und Gefühle hinein, namentlich im Tierleben, woselbst eine deutliche Periodizität der Triebe, gewisse auf den Geruchsinn wirkende Anlockungsmittel, die ein Sichfinden und Erkennen aus einiger Entfernung ermöglichen, Reiz- und Erregungsmittel für Auge und Ohr eine Rolle spielen. Wir sehen daselbst Schaustellungen der Körpervorzüge in Farben und Zeichnungen (vgl. Artikel »Hochzeitskleid«, mit Tafeln), Kraftentfaltung in den Kämpfen mit den Nebenbuhlern, Gesangsleistungen, Tänze und Vorführungen sonstiger Vorzüge, die einen berückenden Zauber auf das wählende Geschlecht aus üben, das dort in der Regel das weibliche ist. Beim Menschen sind diese Naturtriebe durch Erziehung, Volkssitte, Erwerbsverhältnisse und Standesunterschiede in gewisse Schranken gebannt, die indessen häufig genug durch die elementare Gewalt der Leidenschaft umgerissen werden. Die verjüngende, auf die Natur zurückführende Kraft der L., welche sie zu allen Zeiten zum Quell der Poesie gemacht hat, weiß die Hindernisse der Erziehung und Verfeinerung des Lebens zu überwinden; sie hat dadurch nicht an Reiz eingebüßt, sondern das Verhältnis der Liebenden zueinander wird im Gegenteil durch die Erschwerung ihrer Vereinigung mit einer Poesie des Sehnens, der Hingebung und Aufopferung umwoben, deren reinigende Wirkung der Natursohn wohl nur in den seltensten Fällen erfährt. Daß die Macht der Leidenschaft durch Hindernisse nur gesteigert wird, beweisen die verzweifelten Schritte so vieler Liebespaare, die den gemeinsamen Tod der Unmöglichkeit, füreinander zu leben, vorziehen. Das dunkle, triebartige Wesen der Geschlechtsliebe offenbart sich auch in gewissen Verirrungen derselben, so wenn z. B. verworfene Geschöpfe bessere Naturen unlösbar an sich ketten, wie es Prévost in »Manon Lescaut« so unübertrefflich geschildert hat, oder wenn Personen des gleichen Geschlechts über die Freundschaft hinausgehende Empfindungen erregen. Solche Neigungen sind wohl in der Regel krankhafter Natur und daher milder zu beurteilen, als es meist geschieht. L. in unserm Sinne findet sich bei niedern Völkern, bei denen das Weib ohne Wahl verkauft wird, nur ausnahmsweise, am seltensten wurden zärtliche Gefühle in Afrika beobachtet; selbst bei einem vergleichsweise so fortgeschrittenen Volke, wie den Abessiniern, dient die Vereinigung der Paare fast ausschließlich der Geschlechtslust und Lebensbequemlichkeit. Dasselbe gilt von den meisten mohammedanischen Völkern, so von den Türken, die nach Moltkes Beobachtungen »das ganze Brimborium von Verliebtsein, Hofmachen, Schmachten und Unglücklichsein« nicht kennen. Allerdings kommen auch in diesen Ländern Liebesabenteuer vor, aber sie beruhen weniger auf unüberwindlicher Neigung als auf Abenteuersucht und Rachedurst der gefangenen Frau und ihres Liebhabers. Bei den Australiern und auf Neuguinea fand Zöller ausgeprägte Eifersucht der Männer, die auf tiefergehende Gefühle deuten könnten, wie auch bei amerikanischen Indianern häufiger wahre Neigung beobachtet wurde. Chinesen und Japaner besitzen eine entwickelte Romanliteratur, in der ähnliche Liebesgeschichten wie in der unsrigen eine Rolle spielen, ähnlich wie die altindische Literatur in dieser Richtung sich der germanischen nähert und die griechisch-römische an Gefühlstiefe überragt. So sehen wir, daß auch die L. eine Verfeinerung des Gefühls voraussetzt, welche die Höherschätzung der Frau zur Voraussetzung hat und durch Behandlung der Frau als Ware wie durch polygame Verhältnisse zerstört wird. Im allgemeinen soll die L. einem natürlichen Antrieb folgen, und daher gehört die christliche Forderung der Feindesliebe auf ein ganz andres Gebiet, nämlich auf das der Selbstüberwindung. Vgl. Michelet, L'Amour (Par. 1859 u. ö.; deutsch von Spielhagen, 5. Aufl., Leipz. 1889); Teichmüller, Über das Wesen der L. (das. 1879); Mantegazza, Physiologie der L. (deutsch, 12. Aufl., Berl. 1904); Duboc, Psychologie der L. (2. Ausg., Hamb. 1883); Hellwald, Zur Entwickelungsgeschichte der L. (in den »Ethnographischen Rösselsprüngen«, Leipz. 1891); Bölsche, Das Liebesleben in der Natur (Berl. 1898–1903, 3 Bde.); R. Günther, Kulturgeschichte der L. (das. 1899); Lippmann, Die L. in der dramatischen Literatur (das. 1904). – Eine (pessimistische) »Metaphysik der Geschlechtsliebe« stellten Schopenhauer und v. Hartmann auf, nach deren Ansicht die L. eine Äußerung des »blinden Willens zum Leben«, bez. des »Unbewußten« ist, das die Liebenden unter der Vorspiegelung individuellen Glückes seinen Zwecken dienstbar macht.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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