Stolberg [4]

Stolberg [4]

Stolberg, 1) Christian, Graf zu, Dichter, der Linie S.-Stolberg angehörig, geb. 15. Okt. 1748 in Hamburg als Sohn des Grafen Christian Günter, gest. 18. Jan. 1821 in Windebye, studierte seit 1769 in Halle, 1772–74 in Göttingen, wo er dem Göttinger Dichterbund (s. d.) beitrat, erhielt 1777 die Amtmannsstelle zu Tremsbüttel in Holstein und vermählte sich hier mit der in vielen seiner Gedichte gefeierten Luise, Witwe des Hofjägermeisters v. Gramm, einer gebornen Gräfin von Reventlow. Nach 23jähriger musterhafter Verwaltung seines Amtes legte er es 1800 nieder und lebte fortan auf seinem Gut Windebye bei Eckernförde. Seine kleinern »Gedichte« (Elegien, Lieder. Balladen etc.) sind mit denen seines Bruders zuerst 1779 in Leipzig (neue Aufl. 1822) erschienen; ebenso die »Schauspiele mit Chören« (1787), von denen ihm »Belsazar« und »Otanes« angehören. Beiden Brüdern gemeinsam waren auch die »Vaterländischen Gedichte« (Hamb. 1815), in denen sie freilich an die neue Zeit einen veralteten Maßstab legten. Christian veröffentlichte außerdem »Gedichte aus dem Griechischen« (Hamb. 1782) und eine Übersetzung des Sophokles (Leipz. 1787, 2 Bde.) in fünffüßigen Jamben, Übertragungen, die für ihre Zeit nicht ohne Wert waren. Seine sämtlichen poetischen Arbeiten befinden sich in der Ausgabe der »Werke der Brüder S.« (Hamb. 1820–25, 20 Bde.); eine Auswahl aus den Gedichten beider gab Kreiten heraus (Paderb. 1889). Als Dichter bewegt sich Christian in den Bahnen seines stürmischern und leidenschaftlichern Bruders Friedrich Leopold; den Übertritt des Bruders zur katholischen Kirche hat er gemißbilligt, doch hielt er weiterhin die innigen persönlichen Beziehungen aufrecht.

2) Friedrich Leopold, Graf zu, jüngerer Bruder des vorigen, Dichter und Schriftsteller, geb. 7. Nov. 1750 in dem holsteinischen Flecken Bramstedt, gest. 5. Dez. 1819 auf dem Gut Sondermühlen bei Osnabrück, wurde frühzeitig in Kopenhagen, wo sein Vater seit 1756 die Winter verbrachte, mit Klopstock bekannt, den er wie sein Bruder schwärmerisch verehrte, und gehörte in Göttingen, wo er von 1772 an studierte, gleichfalls zu dem erwähnten Dichterbund. Nach Beendigung der Universitätsstudien unternahmen die Brüder 1775 eine »Geniereise« durch Süddeutschland und die Schweiz und kamen in enge freundschaftliche Beziehungen zu Goethe und Lavater. Doch schlug Friedrich Leopold nach der Rückkehr 1776 eine Stelle am weimarischen Hof aus, weil ihn Klopstock gegen das dortige Treiben einzunehmen wußte. 1777 wurde er fürstbischöflich oldenburgisch-lübischer Oberschenk und Gesandter in Kopenhagen, seit 1781 lebte er als Oberschenk und Vizehofmarschall in Eutin. Durch die Vermählung mit Agnes von Witzleben (1782) fand er das reinste häusliche Glück, und ut demselben Jahre wurde er mit seinem Göttinger Freunde Joh. Heinr. Voß wieder vereinigt, der als Rektor nach Eutin berufen wurde. Nach dem Tode seiner Gattin (1788) ging er 1789 als dänischer Gesandter nach Berlin und schritt hier 1790 zu einer zweiten Vermählung mit der Gräfin Sophie von Redern. Doch gab er 1791 seinen Gesandtschaftsposten auf und trat eine längere Reise nach Italien und Sizilien an. Durch die Eindrücke dieser Reise, vor allem durch Beziehungen, die er jetzt mit der Fürstin Golizyn (s. Golizyn 8) und mit verschiedenen Mitgliedern des ultramontanen westfälischen Adels anknüpfte, ferner durch die allgemeine Wendung der europäischen Ereignisse wurde er, der in den Jugendjahren ein leidenschaftlicher Freiheitsschwärmer und Tyrannenhasser gewesen war, mehr und mehr in die Bahnen der politischen und kirchlichen Reaktion hineingezogen. Nachdem er, von der Reise zurückgekehrt, 1793 das Amt eines Kammerpräsidenten in Eutin angetreten hatte, zeigte sich diese Wandlung immer deutlicher und führte zu einer Erkaltung der frühern freundschaftlichen Beziehungen zu Voß. Schließlich war es vor allem das Bedürfnis nach unbedingter Autorität, das ihn dazu brachte, in Münster mit Weib und Kindern (die älteste, später dem Grafen Ferdinand von S.-Wernigerode vermählte Tochter ausgenommen) zur römisch-katholischen Kirche überzutreten. Dieser Schritt erregte ungeheures Aufsehen und wurde von vielen alten Freunden sehr verübelt, obwohl S. selber darauf Wert legte, mit den protestantischen Bekannten in guten Beziehungen zu bleiben. Nach dem Übertritt gab er sein Amt auf und verbrachte den Rest seines Lebens unter seinen neuen Freunden in Westfalen. Die Werke aus dieser Zeit zeugen durchgehends von der geistigen Befangenheit ihres Urhebers, wodurch Voß veranlaßt wurde, den alten Jugendfreund 1819 in dem Aufsatz »Wie ward Fritz S. ein Unfreier« in sehr schroffer und herber Form anzugreifen. »Gedichte«, »Schauspiele mit Chören« und »Vaterländische Gedichte« gab S. mit seinem Bruder gemeinsam heraus. Stolbergs Lyrik ist vielfach altertümelnd, in ihrer Freiheitsbegeisterung ganz vag und phrasenhaft, oft gesucht einfachen Gepräges; sie stand im allgemeinen noch unter den Einwirkungen Klopstocks. Als Prosaiker versuchte er sich auch in einem Roman: »Die Insel« (1788), und einer weitschweifigen »Reise durch Deutschland, die Schweiz, Italien und Sizilien« (1794; neu hrsg. von Janssen, Mainz 1877); als Übersetzer trat er mit der ersten Übertragung der Iliade (Flensb. u. Leipz. 1778), einer vorzüglichen Nachdichtung von vier Tragödien des Äschylos (verfaßt 1783, gedruckt Hamb. 1802) und mehreren Schriften Platons hervor. Das bedeutendste Werk aus seiner letzten Periode ist die »Geschichte der Religion Jesu Christi« (Hamb. 1806–18, 15 Bde.), ferner sei erwähnt das »Leben Alfreds des Großen« (Münst. 1815) und »Ein Büchlein von der Liebe« (das. 1820, 5. Aufl. 1877; auch Freiburg 1890). Seine Schriften nehmen den größten Teil der »Werke der Brüder S.« (Hamb. 1820–25, 20 Bde.) ein. Vgl. Nicolovius, F. L., Graf zu S. (Mainz 1846), mehr apologetische Parteischrift als Lebensbeschreibung; Menge, Graf F. L. S. und seine Zeitgenossen (Gotha 1863, 2 Bde.); Hennes, Aus Fr. L. v. Stolbergs Jugendjahren (das. 1876); Janssen, F. L., Graf zu S. (3. Aufl., Freiburg 1882); Keiper, F. L. Stolbergs Jugendpoesie (Berl. 1893). Stolbergs Briefe an J. H. Voß veröffentlichte Hellinghaus (Münst. 1891).

3) Auguste Luise, Gräfin zu, Schwester der vorigen, geb. 7. Jan. 1753 in Bramstedt, gest. 30. Juni 1835 in Kiel, wurde durch ihre Brüder mit Klopstock, Miller und andern Mitgliedern des Göttinger Dichterbundes bekannt und trat auch mit Goethe, den sie übrigens persönlich nie kennen lernte, in Briefwechsel. Sie heiratete 1783 den dänischen Minister Grafen A. P. Bernstorff und wurde 1797 Witwe. Vgl. »Goethes Briefe an die Gräfin Auguste zu S.« (mit Einleitung von W. Arndt, 2. Aufl., Leipz. 1881).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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