Ballāde


Ballāde

Ballāde, eine episch-lyrische Dichtungsgattung, der Romanze (s. d.) entsprechend. Der Name findet sich zuerst bei den Provenzalen, wo balada (von balar, »tanzen«) soviel wie Tanzlied bedeutet, d. h. ein von den Tanzenden selbst während des Tanzes gesungenes Lied. Der provenzalischen balada entspricht die altitalienische ballata, die altfranzösische balete. In der französischen Literatur wurde dann unter ballade ein Gedicht in einer bestimmten Form verstanden: drei Strophen, durchgereimt, ihre letzte Zeile bildet Refrain; eine kürzere vierte Strophe, das sogen. envoi, entspricht metrisch dem Schluß der Strophenform und wird meist mit dem Worte Prince eingeleitet. Diese Art der B. hat vom Ende des 13. Jahrh. bis ins 16. Jahrh. die französische Literatur dermaßen beherrscht, daß jede andre Form dagegen zurücktritt; sie ist dann vereinzelt bis auf unsre Zeit (z. B. von Lafontaine und Théodore de Banville) angewendet worden. In England wird das Wort B. (ballad) noch heute synonym mit rondeau oder song gebraucht. Für uns hat es im letzten Drittel des 18. Jahrh. seinen besondern Sinn gewonnen hauptsächlich durch die Eigenart nordischer Volksballaden (»popular ballads«), die den Menschen im Kampf mit Menschen oder übermächtigen, unheimlichen Naturgewalten ringend und untergehend darstellen. Es haftet demgemäß für uns an der B. etwas eigentümlich düster Gewaltiges im Gegensatze zu der mehr heitern, farbenprächtigen Romanze. Doch ist eine scharfe Grenze zwischen beiden Gattungen nicht zu ziehen. Zu jenen nordischen Balladen gehören vor allem die sogen. Border-ballads, die Kämpfe und Ereignisse auf der Grenzmark zwischen England und Schottland besingen, zuerst von Percy (1765) wirksam veröffentlicht und danach z. T. durch Herder (»Dein Schwert, wie ist's vom Blut so rot, Edward«) dem deutschen Volke zugänglich gemacht wurden. Aus diesen ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. die moderne deutsche B. herausgewachsen, die in GoetheErlkönig«, »Fischer«), SchillerTaucher«, »Ritter Toggenburg« etc.), Uhland (»Das Schloß am Meer«), Heine (»Die beiden Grenadiere«, »Belsazar«, »Loreley«) u. v. a. glänzende Blüten trieb. – In der Musik ist die B. die Komposition eines Gedichts, das auf den Namen B. Anspruch hat, für eine Singstimme (mit Instrumentalbegleitung) und taucht als solche in der Musikliteratur gegen Ende des 18. Jahch. auf, wo Joh. Andre, Fr. Reichardt und K. Fr. Zelter, besonders aber Zumsteeg die Balladen Bürgers, Schillers und Goethes in Musik setzten; doch blieb es dem genialen Franz Schubert vorbehalten, den eigenartigen ästhetischen Wert der B. (»Erlkönig«, »König in Thule«, »Der Fischer«) musikalisch zu erschließen. Auch Bernhard Klein gehört unter die ersten Balladenkomponisten (»Erlkönig«). Der Spezialmeister dieser neuen Form wurde aber Karl Löwe, dem es gelang, die Einheitlichkeit der musikalischen Gestaltung durch die dem Volkslied abgelauschte refrainartige Durchführung eines plastischen melodischen Hauptgedankens zu gewinnen, ohne doch darum die von Zumsteeg und Schubert ausgebildete Charakteristik im einzelnen aufgeben zu müssen (»Odins Meeresritt«, »Oluf«, »Archibald Douglas«, »Der Nöck« etc.). Von neuern Balladenmeistern ist besonders noch Robert Schumann zu nennen (»Die beiden Grenadiere«, »Die rote Hanne«, »Belsazar«), der indes über Löwe und Schubert nicht eigentlich hinauskam, aber eine erweiterte Form der Balladenbehandlung unternahm, nämlich die für Soli, Chor und Orchester (»Das Glück von Edenhall«, »Des Sängers Fluch« u. a.), die Form damit in die des weltlichen Oratoriums auflösend. Instrumentalwerke mit der Bezeichnung B., für Klavier (Chopin, Brahms), für Orchester (H. v. Bülows »Des Sängers Fluch«) oder ein Soloinstrument mit Orchester gehören zur darstellenden, charakteristischen (Programm-) Musik. Vgl. Spitta, Musikgeschichtliche Aufsätze (Berl. 1894).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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  • Ballade — Ballade, die, oder Romanze gehört zu den epischen oder historischen Dichtungsarten. Das Wort Ballade stammt aus dem Italienischen und bezeichnet eigentlich ein Lied, welches man zum Tanze sang. Sie erzählt eine wirkliche oder erdichtete… …   Damen Conversations Lexikon

  • ballade — BALLADE. s. f. (On ne prononce qu une L dans ce mot et les suivans.) Espàce d ancienne Poésie Françoise, composée de couplets faits sur les mêmes rimes, et qui finissent tous par le même vers. Voilà une jolie ballade. La ballade est composée de… …   Dictionnaire de l'Académie Française 1798

  • ballade — Ballade. s. f. Espece d ancienne Poësie Françoise. Cet homme a fait une ballade. On appelle, Le refrein de la ballade, Le vers intercalaire qui revient à la fin de chaque couplet. On appelle dans l entretien ordinaire, Le refrein de la ballade,… …   Dictionnaire de l'Académie française

  • Ballade — »episch dramatisches Gedicht«: Das Wort wurde im 16. Jh. – zunächst in der Bed. »Tanzlied« – aus frz. ballade entlehnt, das seinerseits aus it. ballata stammt (zu it. ballare »tanzen«). Die seit dem 18. Jh. bezeugte heutige Bedeutung bildete sich …   Das Herkunftswörterbuch

  • Ballade — Sf erzählendes Gedicht erw. fach. (16. Jh., Bedeutung 18. Jh.) Entlehnung. Das Wort wurde zunächst mit der Bedeutung Tanzlied entlehnt aus frz. balade Tanzlied (letztlich aprov. balada aus aprov. balar tanzen , aus l. ballāre; Ball2). Die… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • ballade — late 14c., an earlier borrowing of BALLAD (Cf. ballad) (q.v.) with a specific metrical sense. Technically, a poem consisting of one or more triplets of seven (later eight ) lined stanzas, each ending with the same line as the refrain, usually… …   Etymology dictionary

  • Ballade — Bal*lade , n. [See {Ballad}, n.] A form of French versification, sometimes imitated in English, in which three or four rhymes recur through three stanzas of eight or ten lines each, the stanzas concluding with a refrain, and the whole poem with… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • Ballāde — Ballāde, ursprünglich wohl ein Lied, mit Mimik vorgetragen; jetzt ein der Form nach lyrisches Gedicht mit epischem Stoffe, der meist der Volkssage entlehnt od. im Geiste derselben gedichtet ist. Am frühesten bestand die B. als Ballata bei den… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Ballade — Ballāde (vom ital. Ballata, d.i. Tanzlied), bei den südroman. Völkern (seit 12. Jahrh.) kürzeres, rein lyrisches Gedicht, meist erotischen Inhalts, zur Begleitung des Tanzes gesungen; im 14. Jahrh. in England und Schottland das epische Volkslied… …   Kleines Konversations-Lexikon