Kastilĭen


Kastilĭen

Kastilĭen (span. Castilla), ein Teil Zentralspaniens, der durch eine Gebirgskette (s. Kastilisches Scheidegebirge) in die ehemaligen Provinzen oder Königreiche Altkastilien (nördlicher Teil) und Neukastilien (südlicher Teil) geschieden wird. Altkastilien (Castilla la vieja) umfaßt die größere Hälfte des nördlichen Tafellandes, die nördliche Hälfte des Iberischen und die westliche Hälfte des Kantabrischen Gebirges samt dem entsprechenden Teil der Nordküste, grenzt gegen N. an das Atlantische (Kantabrische) Meer, gegen O. und NO. an Vizcaya, Alava, Navarra und Aragonien, gegen S. an Neukastilien und Estremadura, gegen W. an Leon und Asturien und zerfällt in die acht Provinzen: Palencia, Valladolid, Avila, Segovia, Soria, Burgos, Logroño und Santander (s. diese Artikel). Der Flächeninhalt beträgt 65,727 qkm (1193,7 QM.). Die Bevölkerung zählt (1900) 1,785,403 Einw. Es ist ein kräftiger Menschenschlag, die Männer hager, aber muskulös, von mittlerer Größe, die Frauen meist voll und schlank, von großer Lebhaftigkeit und mit viel natürlicher Grazie begabt. Die hervorspringenden Züge des kastilischen Charakters sind Stolz, Ehrenhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Genügsamkeit und starres Festhalten am Alten. Mit diesen Zügen verbindet sich ein ernstes, gemessenes, förmliches und schweigsames Wesen. Die Landbevölkerung lebt teilweise sehr zerstreut in Caserios und Weilern, besonders in den nördlichen und östlichen Provinzen.

Neukastilien (Castilla la nueva) grenzt gegen N. an Altkastilien, im O. an Aragonien und Valencia, gegen S. an Murcia und Andalusien, gegen W. an Estremadura und umfaßt den bei weitem größten Teil des südlichen Tafellandes. Es zerfällt in die fünf Provinzen: Madrid, Toledo, Guadalajara, Ciudad Real und Cuenca und hat Madrid zur Hauptstadt. Das Areal beträgt 72,160 qkm (1310,6 QM.). Die Bevölkerung zählt (1900) 1,923,3 10 Einw. Die Neukastilier sind ein aus der Vermischung der Mozaraber (d. h. der von den Arabern unterjochten Westgoten) und der Spanier, die sich nach der Besiegung und Vertreibung der Mauren hier niederließen, hervorgegangenes Mischlingsvolk. Unter allen Zentralspaniern sind sie die talentvollsten und haben namentlich viel Mutterwitz.

[Geschichte.] K., das alte Bardulien, das Gebiet des obern Ebro, von den zahlreichen Bergschlössern (castella) K. genannt, stand seit dem 8. Jahrh. unter der Herrschaft der Könige von Asturien und Leon, die das Land durch eingeborne Grafen verwalten ließen. Diego Nuñez und Fernan Gonzalez werden im 10. Jahrh. als Grafen von K. genannt, die durch Aufstände gegen Ordoño II. und seine Nachfolger die Unabhängigkeit ihres Landes von Leon zu erreichen suchten. Nach dem Tode des Fernan Gonzalez (970) herrschte sein Sohn Garcia Fernandez fast selbständig, bis er 1000 gegen Almansur von Cordoba fiel. Garcia Fernandez' Sohn Sancho hinterließ die Grafschaft K. 1026 seinem Schwiegersohn, dem König Sancho dem Großen von Navarra, der bei seinem Tode (1035) K. seinem zweiten Sohn Ferdinand gab. Dieser besiegte bei Carrion 1037 den König Bermudo III. von Leon und vereinigte hierauf ganz Leon mit seiner bisherigen Herrschaft zum Königreich K., das unter Ferdinands Fürsorge und verständiger Regierung immer mehr emporstieg. Er schlug in der Schlacht von Atapuerta 1054 einen Angriff seines neidischen Bruders Garcia III. von Navarra zurück, vereinigte das navarrische Gebiet auf dem rechten Ebroufer mit K. und erweiterte durch glückliche Kämpfe mit den Arabern die Grenzen seines Reiches beträchtlich nach Süden. Bei seinem Tode (1065) teilte er sein Reich unter seine drei Söhne, von denen Sancho II. K., Alfons Leon und Asturien, Garcia Galicien erhielt. Indes Sancho II. (1065–72) vertrieb seine Brüder; erst nach seinem Tode bemächtigte sich Alfons VI. (1072–1109) des Reiches und teilte sich 1076 mit Aragonien in das Königreich Navarra. Er regierte mit Weisheit und Kraft und führte siegreiche Kriege gegen die Ungläubigen, denen er unter anderm Toledo entriß; dagegen verlor er 1080 in der unglücklichen Schlacht bei Ucles seinen einzigen Sohn, Sancho. Unter ihm wurde das römisch-hierarchische Kirchensystem auch in K. eingeführt. Seine Tochter Urraca vermählte sich nach seinem Tode mit Alfons I. von Aragonien, doch gereichte die Vereinigung keinem zum Segen. Der kastilische Adel erhob sich endlich gegen die aragonische Herrschaft und rief Urracas Sohn erster Ehe, Alfons Raimundez, zum König aus. Nach langem, blutigem Krieg wurden die Reiche 1126 wieder getrennt; K. mit Leon und Galicien wurde das Gebiet Alfons' VII. (1126–57), der den Titel eines »Kaisers von Spanien« annahm und tapfer gegen die Araber focht. Unter seinen Söhnen und Nachfolgern wurde das kastilische Reich zerrissen, indem Leon, Galicien, Asturien und Navarra sich unabhängig machten. In K. folgte ihm Alfons VIII., der Edle (1157–1214). Dieser hinterließ die Krone seinem elfjährigen Sohn Heinrich I., der jedoch schon 1217 verunglückte. Nun brachen wieder Bürgerkriege aus, bis 1230 durch Vertrag Ferdinand III., Sohn von Heinrichs Schwester Berengaria und Alfons IX. von Leon, als König von K. und Leon anerkannt und dabei festgesetzt wurde, daß beide Staaten in Zukunft ein einziges, unteilbares Reich bilden und die Erbfolge auf den ältesten Sohn und in Ermangelung männlicher Erben auf die weibliche Linie übergehen sollte. Ferdinand III., der Heilige (1230–52), war ein ebenso weiser Regent wie tapferer Feldherr; er eroberte 1236 Cordoba, 1248 Sevilla und brachte das Land bis zur Südküste unter kastilische Herrschaft, ja sogar Granada in Lehnsabhängigkeit. Ihm folgte 1252–84 Alfons X., der Weise, der mit großer Freigebigkeit Künste und Wissenschaften unterstützte. Er bedrückte aber das Land mit neuen Steuern und erregte dadurch, daß er die Söhne seines erstgebornen Sohnes, Ferdinand de la Cerda, vom Thron ausschloß und seinen zweiten Sohn, Sancho, zum Nachfolger bestimmte, einen Thronstreit, der Kastiliens Macht bedeutend schwächte und den Adel zu Trotz und Überhebung verleitete. Kummer und Reue brachen Alfons X. das Herz. Unter Sancho IV. (1284–95) brach wieder eine Empörung der Edelleute aus, welche die Sache der Infanten von La Cerda zu der ihrigen machten. Gegen den minderjährigen Ferdinand IV. (1295–1312) erhoben sich mehrere Prätendenten, und auch die Nachbarreiche suchten sich auf Kosten Kastiliens zu vergrößern; indes seine Mutter Maria de Molina wußte diese Gefahren durch Weisheit und Standhaftigkeit zu überwinden. Neue Streitigkeiten brachen aus, als nach Ferdinands plötzlichem Tode die Krone an dessen zweijährigen Sohn Alfons XI. (1312–50) fiel; das Reich wurde durch diese innern Kämpfe völlig zerrüttet. Erst 1335 gelang es Alfons, der Empörungen Herr zu werden und durch die Bewilligung der Alcavala (einer Steuer auf den Verkauf alles beweglichen Gutes) eine unabhängige Stellung zu gewinnen. Er eroberte darauf 1344 Algeziras und starb bei der Belagerung von Gibraltar 1350. Ihm folgte Peter der Grausame (1350–69), der durch seine Greueltaten eine Erhebung seines Halbbruders Heinrich von Trastamara veranlaßte und 1369 von diesem bei Montiel geschlagen und getötet wurde. Heinrich II. (1369–79) behauptete im Bündnis mit Frankreich den Thron gegen Peters Schwiegersohn, den englischen Prinzen Johann von Lancaster, und erwarb Viscaya. Sein Sohn Johann I. (1379–90) führte Krieg mit den Portugiesen und Engländern um den Besitz seines Thrones, vertrug sich aber 1387 im Vertrag von Bayonne mit dem Haus Lancaster und 1389 mit Portugal. Ihm folgte der elfjährige Heinrich III. (1390–1406), dessen Minderjährigkeit Streitigkeiten über die Reichsverwaltung veranlaßte, die das Land furchtbar zerrütteten. Da erklärte sich der junge 14jährige König 1393 für mündig, vermählte sich mit Katharine von Lancaster und führte die Regierung selbst und zwar mit großer Energie. Unter ihm wurden 1402 die Kanarischen Inseln zuerst von K. besetzt. Nach seinem frühen Tode folgte Johann 11. (1406 bis 1454), anfangs unter der Vormundschaft seiner Mutter Katharina und des Infanten Ferdinand, nachherigen Königs von Aragonien, der die Regierung mit Gewandtheit und Energie führte, glücklich gegen die Araber focht (Sieg bei Antequera 1410), aber schon 1416 starb. Damit erreichte der glückliche Zustand von K. sein Ende. Johann selbst, der sich im 13. Jahr für mündig erklärte, war ein schwacher und charakterloser Fürst, der ganz unter der Leitung seines Günstlings Alvaro de Luna (s. d.) stand. Luna vermählte den König mit der Infantin Isabella von Portugal, diese verband sich aber mit den Mißvergnügten gegen den Günstling und bewirkte seine Hinrichtung (1453). Der König war fortan ein Spielball der Parteien. Charakterloser noch als er war sein Sohn und Nachfolger Heinrich IV., der Ohnmächtige (1454–74), der durch Verschwendung das Land zerrüttete und dem räuberischen Adel zügellose Freiheit ließ, den Arabern aber 1462 das wichtige Gibraltar entriß. Sein Günstling, Beltran de la Cueva, galt allgemein für den Vater einer von der Königin gebornen Tochter, Johanna (Beltraneja). Als nun der König dieselbe zur Erbin seines Reiches erklärte, traten die kastilischen Barone gegen ihn auf und ernannten 1465 seinen elfjährigen Bruder, Alfons, zu Sevilla feierlich zum König. Den hierdurch hervorgerufenen Bürgerkrieg beendete 1468 Alfons' Tod. Heinrichs Schwester Isabella ward nun von den Verbündeten zur Königin ausgerufen, und Heinrich IV. mußte selbst ihre Ansprüche auf die Thronfolge anerkennen. Er starb 11. Dez. 1474, ein Reich hinterlassend, das die Greuel des Bürgerkrieges in grenzenloses Elend gestürzt hatten. Der König Alfons V. von Portugal machte als Oheim und Verlobter der Johanna Beltraneja im Bund mit Frankreich allerdings einen Versuch, deren Erbrecht zur Geltung zu bringen, ward aber 1476 bei Toro gänzlich geschlagen und erkannte im Frieden von Alcantara 1479 Isabella als Königin von K. an. Da nun kurz zuvor (1479) Johann II. von Aragonien gestorben war, so erbte Ferdinand dessen Krone, und K. wurde mit Aragonien und somit ganz Spanien zu Einem Reich vereinigt. Vgl. »Coleccion de cronicas y memorias de los reyes de Castilla« (Madr. 1780–87, 9 Bde.); »Actas de las cortes de Castilla 1563–1713« (das. 1861–85); Rosell, Cronicas de los reyes de Castilla (das. 1875–78, 3 Bde.); Schirrmacher, Geschichte Kastiliens im 12. und 13 Jahrhundert (Gotha 1881).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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