Schmerling [2]

Schmerling [2]

Schmerling, Anton, Ritter von, österreich. Staatsmann, geb. 23. Aug. 1805, gest. 23. Mai 1893 in Wien, entstammte einer alten niederösterreichischen Adelsfamilie, studierte in Wien die Rechte, trat 1829 in den Staatsdienst und war 1846 bereits Appellationsrat. 1847 wählten ihn, dessen liberale Gesinnung und Gegnerschaft gegen das Metternichsche System bekannt war, die niederösterreichischen Stände in den Landtag, woselbst er die Interessen des Bürger- und Bauernstandes vertrat und für die Preßfreiheit wirkte. An der Bewegung der Märztage von 1848 hatte er lebhaften Anteil, war Mitglied der Deputation, die mit dem Hofe wegen einer Verfassung verhandelte und half bei der Organisation der Nationalgarde mit. Von dem neuen Ministerium wurde er im April 1848 nach Frankfurt gesandt, um hier als Vertrauensmann den Beratungen über einen neuen Verfassungsentwurf für Deutschland beizuwohnen. Nach Colloredos Rücktritt übernahm er 19. Mai 1848 für die letzten Wochen der Bundesversammlung das Präsidium. Von der Stadt Tulln in Niederösterreich in das deutsche Parlament gewählt, schloß er sich hier der Partei der konstitutionellen Monarchie an. Am 15. Juli von Erzherzog Johann zum Reichsminister ernannt, verwaltete er anfangs das Innere und Äußere, behielt aber nachher nur das letztere bei. Da er jedoch seinen großdeutschen, österreichischen Standpunkt energisch vertrat und von der preußischen Hegemonie nichts wissen wollte, entzweite er sich mit den meisten seiner bisherigen Parteigenossen, legte 15. Dez. 1848 sein Ministerium nieder und kehrte nach Wien zurück, welche Stadt ihn in den Kremsierer Reichstag entsandte. Von der österreichischen Regierung als Bevollmächtigter bei der Zentralgewalt nach Frankfurt zurückgesandt, arbeitete er nun als Führer der Österreicher in der Paulskirche dem preußischen Erbkaisertum eifrig entgegen. Nachdem dennoch 27. März 1849 die preußische Partei die Oberhand behalten, schied er Ende April aus der Versammlung und ging wieder nach Wien, wo er 28. Juli 1849 als Justizminister ins Kabinett Schwarzenberg eintrat und der Schöpfer der Geschwornengerichte wurde. Mit der von Schwarzenberg verfolgten reaktionären Politik nicht einverstanden, nahm er im Januar 1851 seinen Abschied und ward bald darauf Senatspräsident des obersten Gerichtshofs und 1858 Präsident des Oberlandesgerichts in Wien. Nachdem das föderalistische Oktoberdiplom auf Widerwillen in der Bevölkerung gestoßen war, wurde S. 13. Dez. 1860 zum Staatsminister ernannt und arbeitete die zentralistischen Staatsgrundgesetze für die Reichs- und die Landesvertretungen aus, die mit dem kaiserlichen Patent vom 26. Febr. 1861 bekannt gemacht wurden (s. Österreich, S. 198). Diese Februarverfassung stieß aber auf den Widerstand vorzüglich Ungarns, dem gegenüber S. eine unfruchtbare, abwartende Haltung einnahm, die sich in seinem Ausspruch: »Wir können warten!« ausdrückte. Aber auch in der westlichen Hälfte standen die Slawen in Opposition gegen den Reichsrat und die Verfassung. Die ungünstige Finanzlage des Reiches, die unsicher gewordene Stütze der Deutschliberalen und ein geschickter Vorstoß der ungarischen Adelspartei unter Moritz Esterházy, die den Kaiser zu einer Reise nach Pest bestimmte, brachten S. zu Falle. Zuerst wurde das ganze Ministerium entlassen (27. Juli 1865), dann auch (20. Sept.) die Februarverfassung sistiert. S. übernahm sodann die Würde eines ersten Präsidenten des obersten Gerichtshofs; 1861–65 war er auch Mitglied des böhmischen, 1861–67 des niederösterreichischen Landtags und ward 1867 lebenslängliches Mitglied des österreichischen Herrenhauses, dessen erster Vizepräsident er wiederholt war, und in dem er seit 1879 die Opposition gegen das Taaffesche System führte. Am 11. Nov. 1891 trat er als Präsident des obersten Gerichtshofs in den Ruhestand und behielt nur das Kuratorium der Theresianischen Ritterakademie bei. Seinem politischen Liberalismus ist S. ebenso treu geblieben wie seiner gut österreichischen Gesinnung. Er hinterließ Memoiren, die noch nicht veröffentlicht sind. Ein Teil davon fand Benutzung durch A. v. Arneth, Anton Ritter von S. Episoden aus seinem Leben. 1835, 1848–1849 (Prag u. Wien 1895). – Sein Bruder Joseph, Ritter von S., geb. 1807, gest. 6. Sept. 1884, war lange Zeit österreichischer Militärbevollmächtigter in Frankfurt a. M., dann im Kriegsministerium, 1868 Mitglied des Herrenhauses, 1878 als Feldzeugmeister verabschiedet.


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