Lamaïsmus


Lamaïsmus

Lamaïsmus, die eigentümliche Form, die der Buddhismus (s. d.) bei den Tibetern, Mongolen etc. angenommen hat, die deshalb Lamaïten oder Lamaïsten heißen. Der L. hat seinen Namen von Lama (tibet. »der Obere«), bei den Buddhisten in Tibet und in der Mongolei Titel der Äbte der Klöster, doch aus Höflichkeit auch andern Mönchen gegeben. Unter der Mongolenherrschaft wurde der Abt des Sâkjaklosters, seitdem unter dem Namen Paspa ('Phagss pa, »der Hochwürdige«) bekannt, tributärer Herrscher von Tibet und Haupt der lamaischen Hierarchie. Da dieselbe bald übermächtig wurde, suchte die Mingdynastie in China sie durch Erteilung der Königswürde an mehrere andre tibetische Patriarchen zu schwächen. Die Schüler des berühmten Tsongkhapa (geb. 1357, gest. 1417 oder 1429), der bei den Lamaisten fast ebensohoch gefeiert war wie Buddha, begründeten ein neues System der Hierarchie. Tsongkhapa selbst war Gründer der Gelugpa oder Tugendsekte gewesen (nach ihrem Heimatskloster auch Galdanpa genannt), die als unterscheidendes Merkmal die gelbe Mütze im Gegensatz gegen die übliche rote annahm. Er trat den Auswüchsen der unter den Rotmützen üblichen Zaubergaukeleien entgegen und richtete die großen gemeinschaftlichen Gebete »Monlam« ein. In der Folge führte diese Reform zu einer neuen Entwickelung der Hierarchie und zur Gründung eines doppelten Papsttums mit eigentümlicher Nachfolge. An der Spitze der lamaischen Kirche stehen nämlich seitdem zwei oberste Bischöfe, der Dalai Lama (»Ozeanpriester«, d.h. Priester, groß wie der Ozean) zu Lhassa und der Bogdo Lama zu Taschi Lhuupo, beide an Heiligkeit und Würde einander gleich (s. Dalai Lama). Beide werden, wenn sie sterben, stets für dieselbe Stellung wiedergeboren: mit andern Worten, diese Würden werden mit Kindern besetzt, die für Inkarnationen der frühern Inhaber dieser Würde gelten. Als unter dem fünften Dalai Lama die Rotmützen die geistliche Herrschaft der Gelbmützen bedrohten, rief jener den Beistand der Kalmücken an, die ihm sodann auch die weltliche Herrschaft über Tibet eroberten und ihn als politisches und kirchliches Oberhaupt anerkannten. Über die spätern Dalai Lamas und die Rolle des Dalai Lama bei dem neuesten Eindringen der Engländer (1904) s. Tibet (Geschichte).

Die geistliche Macht der Lamas erstreckt sich über Tibet hinaus auf Bhotan, Sikkim, Teile von Nepal, Ladak, Sifan oder Tangut, die Mongolei, die Mandschurei, die Provinz Tiënschan Pelu, die Buräten und Kalmücken und die Lamaklöster in Peking. Die Stellvertreter der Großlamas in den einzelnen Provinzen sind die sieben oder zehn (nach andern mehr) Chutuktu (tibet. Paspa, »ehrwürdig«), die ebenfalls für inkarnierte Heilige gelten; sie haben die Zivilverwaltung in Händen. Die dritte Rangklasse bilden die zahllosen Chubilchane, einfache Inkarnierte. Die Auffindung und Wahl der Inkarnationen aller drei Rangstufen, d.h. die Besetzung der höchsten geistlichen Stellen, lag früher lediglich in der Hand der Hierarchie; später wurde sie bedeutend von der chinesischen Regierung beeinflußt. Das Mönchtum im L. hat vier Rangstufen: Khanpo, etwa soviel wie Abt; Gelong, der mit den Weihen versehene Priester; Getsul, der angehende Mönch, und Bandi (Banta), der Novize. Die drei Hauptklassen des höhern, nicht inkarnierten Klerus sind: die Khanpo, die Tschossdsche (die Schriftgelehrten) und die Rabdschampa, etwa unsern Doktoren der Theologie entsprechend. Ein Weltpriestertum kennt der L. nicht, die Geistlichen aller Grade sind Ehelose und leben in der überwiegenden Mehrzahl in Klöstern. Auch bestehen Nonnenklöster unter der Leitung inkarnierter Äbtissinnen. Die Gesamtheit aller lamaischen Religiosen bildet den Verein der Priesterschaft oder die Kirche (Gedun). Die Kleidung ist für jede Klasse genau vorgeschrieben. Obgleich alle Priester das Gelübde ablegen, nur von Almosen zu leben, bettelt doch nur ein kleiner Teil von ihnen; bei den bedeutenden Einkünften der Klöster haben sie dies nicht nötig. Der Lama ist nicht allein Fürsprecher bei Gott, sondern auch Arzt, Astrolog, Wahrsager und Exorzist, beschäftigt sich auch mit dem Abschreiben oder Drucken von Büchern, der Fabrikation von Heiligenbildern, Reliquien, Amuletten, Rosenkränzen und treibt wohl selbst Handwerk, Viehzucht und Ackerbau. Zugleich sind die Priester die alleinigen Inhaber und Überlieferer der Gelehrsamkeit, d.h. der Theologie. Diese ist im wesentlichen der ältere buddhistische Heiligenkultus, doch versetzt mit der Verehrung zahlreicher Götter indischen, insonderheit çivaitischen Ursprungs, auch mit schamanischem Geisterdienst. Die Tempel bilden stets ein nach den Himmelsgegenden orientiertes Rechteck; ihr Inneres zerfällt in den Vorhof, die Tempelhalle und das Allerheiligste mit den Heiligenbildern. Andre religiöse Stätten und Bauwerke sind: Kapellen in der Nähe der Tempel und an den Wegen; Türme oder Pyramiden, in denen Reliquien von Heiligen beigesetzt sind; die ManisEdelsteine«), d.h. Mauern, auf denen die heilige Formel Om mani padme hûm eingegraben ist; Gebetmaschinen (s. d.); Segensbäume, d.h. Masten und Stangen mit Gebetsflaggen. Auch der Rosenkranz wird fleißig gehandhabt. Den Höhepunkt des lamaischen Gottesdienstes an den drei oder vier monatlichen Fast- und Feiertagen bezeichnet das Sakrament, nämlich die Einsegnung und Verteilung des heiligen Wassers und die Spendung des Getreideopfers. Als höchste Festtage gelten: das Neujahrsfest, das mit ausgelassenster Fröhlichkeit begangen wird; das Fest der Menschwerdung des Buddha Çâkjamuni, mit Bilderprozessionen; die Wasserweihe bei Beginn des Herbstes, und das Lampenfest, zugleich das Himmelfahrtsfest des Tsongkhapa. Außerdem opfert der Lamaist täglich an seinem Hausaltar und läßt die strafenden Gottheiten durch Seelenmessen mit sich versöhnen. Vgl. Köppen, Die lamaische Hierarchie und Kirche (Berl. 1859); L. A. Waddell, The Buddhism of Tibet: Lamaism, etc. (Lond. 1895).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.