Christiania [2]


Christiania [2]

Christiania (Kristiania; hierzu der Stadtplan), Hauptstadt des gleichnamigen norweg. Stiftes (s. oben) und zugleich des Königreichs, ganz umgeben von dem Amt Akershus, mit einem Gebiet von 17 qkm, liegt an dem Nordende des 110 km langen Christianiafjords (s.d.). Die Stadt wird von dem Flüßchen Akerselv durchflossen und umfaßt außer der eigentlichen Stadt mehrere Stadtteile und ehemalige Vorstädte, wie Oslo oder Gamle-Byen (»Altstadt«), Grünerlökken, Sagene, Rodelökken, Grönland, Vaterland, Piperviken, Hammersborg, Hornunnsbyen u. a.

Wappen von Christiania.
Wappen von Christiania.

Die Straßen sind überall kanalisiert und werden mit Gas oder elektrischem Licht erleuchtet; gutes Trinkwasser erhält die Stadt durch zwei Wasserleitungen. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 5,6°, doch ist der Unterschied zwischen Wintertemperatur (Januar -5°) und Sommertemperatur (Juli 16,5°) groß. Die breite Karl Johanns-Gade, die unmittelbar nach dem königlichen Schloß (Slottet, auf einer Anhöhe) führt, macht mit dem Eidsvoldsplatz und der Storthingsgade einen großstädtischen Eindruck. Unter den übrigen Straßen sind die Viktoria-Terrasse und die westliche Avenue, Bygdö Allée, hervorzuheben. Außer der Kathedrale, »Vor Frelsers Kirke« genannt, besitzt die Stadt noch 15 lutherische, eine anglikanische, einige methodistische und 2 kath. Kirchen. Unter den öffentlichen Gebäuden sind das Nationaltheater, das Sitzungshaus des Storthings, der Justizpalast, der Regierungspalast und die Reichsbank (letztere beide im Bau), die neue Freimaurerloge, die Universität, das historische Museum, das Skulpturenmuseum und die Stiftung von M. Thorsen und Frau (für alte Damen) zu nennen. Am alten Marktplatz steht eine hübsche Markthalle, ein Ziegelbau in halbbyzantinischem Stil. Das alte Schloß, Akershus, der Sitz der norwegisch-dänischen Könige bis 1719, wird als Arsenal benutzt; das neue, von Karl Johann erbaute, ist ein großes, aber einfaches Gebäude. Die Bevölkerung Christianias ist in raschem Wachstum begriffen; sie betrug 1801 um 8931,1835: 24,045,1865: 65,514,1885 mit Vorstädten 128,301,1901: 225,677 Einw. Die industrielle Tätigkeit in der Stadt und Umgegend ist nicht unbedeutend; in blühendem Betrieb stehen Baumwollspinnereien, Webereien, mechanische Werkstätten, Papier- und Ölmühlen, Seifensiedereien, Bierbrauereien, Ziegelbrennereien etc. In Rücksicht des Handels ist C. die wichtigste Stadt des Landes. In den sichern und geräumigen Hafen, der im Winter durch Eisbrecher offen gehalten wird und jetzt durch große, neue Kaianlagen bedeutend verbessert worden ist, liefen vom Ausland 1900: 2493 Schiffe mit einer Tragfähigkeit von 886,307 Ton. ein sowie 1529 Schiffe mit 460,183 T. aus. Der Wert der Einfuhr betrug 1900: 145,040,400 Kronen, der der Ausfuhr 31,661,400 Kr. Die Zolleinnahmen betrngen 1900: 19,206,811 Kr. Die Stadt selbst besaß 1900: 142 Segelschiffe von 98,276 T. und 173 Dampfschiffe von 81,860 T. Dampfboote vermitteln die Verbindung mit der nächsten Umgebung und mit allen norwegischen Städten längs der ganzen Küste bis Vadsö sowie mit Gotenburg, Frederikshavn, Kopenhagen, Hamburg, Bremen, Stettin, London, Hull, den Niederlanden und Belgien, Frankreich, Spanien, Italien und Nordamerika. Eisenbahnen vermitteln den Verkehr mit Schweden (über Kongsvinger und Frederikshald) und mit dem Binnenland: nach Skien, Kongsberg, Kröderen, Sperilen, Randsfjord, Gjövik und Fagernes in Valdres, nach Flisen in Solör, nach Otta im Gudbrandsdal und über Röros nach Drontheim. Eine Bahn nach Bergen ist im Bau. Für den innern Verkehr sorgen zahlreiche elektrische Bahnen.

Unter den Bildungsanstalten steht die Universität Fridericiana (1811 durch freiwillige Beiträge gegründel) obenan. Die Zahl der Professoren beträgt 63, wozu noch 3 Lektoren, 5 Dozenten und 12 sogen. Stipendiaten kommen; die der Studierenden ca. 1400. Mit der Universität verbunden sind naturhistorische Museen, ein Münzkabinett, ein Museum skandinavischer Altertümer, ein ethnographisches Museum, eine Bibliothek von 370,000 Bänden, ein botanischer Garten und ein astronomisches und magnetisches Observatorium; es besteht eine Gesellschaft der Wissenschaften. Außerdem besitzt C. eine höhere Militär- und eine Kriegsschule, mehrere Gymnasien und große Volksschulen, eine technische Schule, eine Kunst- und Zeichenschule, eine Nationalgalerie; von sonstigen gemeinnützigen Anstalten mehrere Spitäler, ein Bußgefängnis, zwei andre große Gefängnisse, Armenhäuser, ein großes neues Krankenhaus, eine Irrenanstalt (zu Dikkemark, außerhalb der Stadt) u. dgl. Außer der norwegischen Reichsbank bestehen daselbst mehrere Bankinstitute. C. ist Sitz des Storthings, der Regierung von Norwegen, des höchsten Gerichts, des Stiftsamtmannes und eines Bischofs sowie eines deutschen Generalkonsuls. Die Umgebungen Christianias sind überaus schön. Aus dem ruhigen Becken des Fjords erhebt sich das Land allmählich nach allen Seiten, bis auf die Gipfel der Berge mit Wald bedeckt. Die alte Feste Akershus (s. oben) ist z. T. geschleift; sie bietet schöne Spaziergänge mit Aussichten über die Stadt und den inselreichen Fjord, die zu den lieblichsten im nördlichen Europa gehören. Gegen NW. ziehen sich hochliegende Wälder hin, die z. T. der Stadt gehören; dort oben liegen sehr besuchte Hotels und Restaurationen (Holmenkollen, Boxenkollen, Frognersäteren), zu denen eine elektrische Bahn und der Kaiser Wilhelm- Weg führen. Im W. der Stadt liegt die Halbinsel Bygdö mit einem großen Park und dem Lustschloß Oskarshall; im Fjord, der Festung Akershus gegenüber, das Inselchen Hovedöen mit den Ruinen eines alten Cistercienserklosters.

Geschichte. Die alte Stadt (Oslo), um 1050 gegründet, früh Sitz eines Bischofs, in der Unionszeit (seit 1397) die eigentliche Hauptstadt Norwegens, ohne jedoch zu großer Bedeutung zu gelangen, ward in wirtschaftlicher Hinsicht lange von der deutschen Hansa beherrscht. Erst seit Anfang des 16. Jahrh. begann auch der Handel der eingebornen Bürger sich etwas zu heben; doch wirkten dem Aufblühen des Wohlstandes wiederholte verheerende Feuersbrünste entgegen. Nach einer solchen (1624) gründete Christian IV. auf der andern Seite des Fjords das jetzige C., das bis Ende des 17. Jahrh. mit Wällen umgeben war und sich 1716 kurze Zeit in den Händen Karls XII. befand Später folgte eine Zeit blühenden Handelsverkehrs (namentlich mit England) und bedeutenden Aufschwungs, die nur zu Beginn des 19. Jahrh. vorübergehend eine Unterbrechung erlitt. Vgl. Daae, Det gamle C. 1624–1824 (2. Aufl., Christ. 1890–91); A. Collett, Gamle C.-Billeder (das. 1893); A. Nielsen, C. und Umgegend (das. 1894).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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