Wünschelrute

Wünschelrute

Wünschelrute (Zauberrute), nach dem altdeutschen Wort wünschen, das auch zaubern bedeutete, manchmal kurz der »Wunsch« genannt, ein Baumzweig, mit dessen Hilfe man vergrabene Schätze, Metalladern, Quellen und andre verborgene Dinge aufzufinden hoffte. Die Wurzeln des Glaubens an die besondere Kraft gewisser Baumzweige, besonders des gabeligen Mistelzweiges (s. Viscum), der in der »Äneide« die Pforten der Unterwelt öffnet, lassen sich einerseits auf den Zauberstab der Magier und Götter, anderseits auf die alte Stabwahrsagung (Rhabdomantie) zurückführen. Schon in der Bibliothek von Ninive wird eine Göttin als »Herrin des magischen Stabes« genannt; auch Mosis' Stab dient zum Quellenhervorlocken, und besonders nach dem die Pforten der. Unterwelt eröffnenden Schlangenstab des Hermes wird die W. später als Virgula divina seu mercurialis (trepidans) bezeichnet, wie denn der dem Hermes in mancher Beziehung entsprechende deutsche Sturmgott Wuotan als »Gottheit des Wunsches und Stabes« bezeichnet wird. Der Gebrauch der W. zur Aufsuchung verborgener Dinge entwickelte sich im Mittelalter zu einer besondern Wissenschaft namentlich einzelner Bergleute, die man Rutengänger (Rhabdomanten) nannte. Man hielt einen in der Johannisnacht unter Ansprachen und Zeremonien geschnittenen Gabelzweig vom Haselnußstrauch für vorzugsweise tauglich und trug ihn, gewöhnlich die Gabelenden mit beiden Händen fest umschlossen vor der Brust, so, daß der Stiel der Gabel in die Höhe stand und sich dann nach den Orten, wo sich die gesuchten Dinge befänden, bewegen (»schlagen«) sollte. Der Glaube an die Fähigkeit der W., durch Metallschätze und unterirdisches Wasser in Bewegung gesetzt zu werden, war so allgemein, daß die Physiker bis in die neueste Zeit Versuche angestellt haben, dies aus natürlichen Ursachen zu erklären. Mehrere »Metall- und Quellenspürer«, namentlich der italienische Landmann Campetti, mit dem Amoretti und die Physiker der Münchener Akademie im Beginn unsers Jahrhunderts experimentierten, benutzten statt des Holzstabes auch den sogen. bipolaren Zylinder, einen zwischen Zeigefinger und Daumen gehaltenen Metallstab, und das siderische Pendel, ein an einem Faden aufgehängtes Stück Kohle, Schwefelkies u. dgl., das unter dem Einfluß verborgener Metalle und strömenden Wassers in Schwingungen geraten sollte. Gilbert, Maréchaux, Erman, Pfaff u. a. wiesen nach, daß es sich bei der W. lediglich um Bewegungen handle, die durch unbewußte sogen. ideomotorische Bewegungen hervorgerufen werden, wie denn bereits Zeidler (1700) in seinem »Pantomysterium« nachgewiesen hatte, daß die Rute sich alsbald bewegte, wenn ihr Träger den gesuchten Gegenstand auch nur gefunden zu haben glaubte. In jüngster Zeit hat die W. wieder vielfach bei Aufsuchung von sogen. unterirdischen Wasseradern, von Gold etc. Anwendung gefunden. Der weit verbreitete Glaube an die hierbei angeblich erzielten Erfolge veranlaßte eine Anzahl von Mitgliedern der preußischen Geologischen Landesanstalt, die auf dem Gebiete der Quellen- und Grundwasserkunde große praktische Erfahrung besitzen, gegen die Anwendung der W. öffentlich Verwahrung einzulegen. Vgl. Vallemont, Physique occulte, ou traité de la baguette divinatoire (Par. 1696); die gesamte ältere Literatur bei Aretin im »Neuen literarischen Anzeiger« von 1807, S. 305–477; Carus Sterne, Die Wahrsagung aus den Bewegungen lebloser Körper (Weim. 1862); L. Weber, Die W. (Kiel 1905); Franzius, Meine Beobachtungen mit der W. (Berl. 1907); König, Ernstes und Heiteres aus dem Zauberreich der W. (Leipz. 1907).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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