Drusus


Drusus

Drusus, Beiname eines Zweiges des röm. Geschlechts der Livier. Bemerkenswerteste Römer dieses Namens: 1) Marcus Livius, Sohn des C. Livius D., Konsuls 147 v. Chr., brachte als Tribun 122 seinen Kollegen C. Gracchus um die Volksgunst, indem er ihn in Übereinstimmung mit dem Senat durch volksfreundliche Versprechungen überbot, und wurde 112 Konsul.

2) Marcus Livius, Sohn des vorigen, geb. um 120 v. Chr., war im J. 91 Tribun und gehörte zu der gemäßigten Partei des Senats, die den Ritterstand und das Volk mit der Aristokratie versöhnen und dadurch das Ansehen des Senats wiederherstellen wollte. Er gab daher dem Senat die Gerichte wieder zurück, doch so, daß er zugleich 300 Ritter in den Senat aufnahm, und suchte das Volk durch Landanweisungen, Getreideverteilungen u. dgl. zu gewinnen. Seine Gesetze wurden jedoch von der gegnerischen Partei des Senats unter Führung des Konsuls C. Marcius Philippus für ungültig erklärt. Infolgedessen ließ er sich, bis dahin von den reinsten Beweggründen geleitet, durch seinen Ehrgeiz verführen, den Bundesgenossen das römische Bürgerrecht zu verheißen, damit sie ihm zur Ausführung seiner Pläne behilflich sein sollten, wurde aber in der Vorhalle seines Hauses ermordet. Vgl. Asbach, Das Volkstribunat des Livius D.

3) Nero Claudius, Sohn des Tiberius Claudius Nero und der Livia, Stiefsohn des Kaisers Augustus und jüngerer Bruder des Kaisers Tiberius, geb. 38, nachdem sich seine Mutter drei Monate zuvor von Nero getrennt und mit Augustus vermählt hatte, starb 9 v. Chr. In Gemeinschaft mit Tiberius wurde er im J. 15 mit der Führung des Krieges gegen die Rätier und Noriker beauftragt, schob die römische Grenze bis an die Donau vor und sicherte sie durch Anlegung mehrerer festen Plätze. Berühmt wurde er durch seine Feldzüge in das Innere von Deutschland (12–9), durch die er nicht nur Gallien gegen die steten Einfälle der Deutschen zu schützen, sondern auch die Grenzen über den Rhein vorzuschieben suchte. Nachdem er umfassende Vorbereitungen getroffen, am Rhein zahlreiche feste Lager errichtet und zwischem dem Niederrhein und dem Zuidersee durch einen schiffbaren Kanal (Fossa Drusiana, s. Drususgraben) eine Verbindung hergestellt hatte, machte er im J. 12 einen Einfall in das Gebiet der Usipeter und Sigambrer und führte dann sein Heer durch jenen Kanal und den Zuidersee zur Mündung der Ems und weiter stromaufwärts, wobei er auf dem Strom den Brukterern eine siegreiche Schlacht lieferte. Im J. 11 drang er zu Lande durch die Gebiete der Usipeter, Sigambrer und Cherusker bis zur Wesel vor, brachte auf dem Rückzug den Feinden, die ihn schon eingeschlossen zu haben glaubten, eine völlige Niederlage bei und erbaute als Stützpunkt für weitere Operationen im Innern des Landes das Kastell Aliso (wahrscheinlich in der Nähe von Paderborn an der Lippe). Das Jahr 10 wurde hauptsächlich auf Anlegung einer Befestigungslinie von Mainz über den Taunus hin und eines befestigten Lagers (einige identifizieren es mit der Saalburg bei Homburg) verwendet. Im J. 9 wiederholte er den Einfall von Mainz aus zu Lande und gelangte bis zur Elbe, wo er, wie erzählt wurde, durch die Wundererscheinung einer Frau von übernatürlicher Größe vom weitern Vordringen abgemahnt ward; auf dem Rückmarsch aber starb er noch in Feindesland infolge eines Sturzes vom Pferde. Sein Kenotaphion in Mainz, der »Eichelstein«, hat sich erhalten. Germanicus und D. sind die Lichtgestalten in der Geschichte der julisch-claudischen Dynastie. Kühn und doch besonnen als Feldherr, verstand D. es zugleich, durch den Zauber einer liebenswürdigen Persönlichkeit aller Herzen zu gewinnen, ein Vorzug, den der Gegensatz zu seinem Bruder Tiberius noch glänzender hervortreten ließ. D. war mit der jüngern Antonia, der Tochter des M. Antonius und der Octavia, verheiratet und hinterließ drei Kinder: Germanicus, der später von Tiberius adoptiert wurde, Livilla, die nachmalige Gemahlin des D. Cäsar (s. unten 4), und Claudius, den nachmaligen Kaiser. Die reiche Literatur über seine Feldzüge in Deutschland, besonders von Lokalforschern, hat zu wenig allgemein anerkannten Ergebnissen geführt.

4) D. Cäsar, einziger Sohn des Kaisers Tiberius, geb. 15 v. Chr., unterdrückte 14 n. Chr. den Aufstand der Legionen an der Donau, vermittelte als Statthalter von Illyricum geschickt den Waffenstillstand zwischen Arminius und Marbod (17) und trug dann (19) wesentlich dazu bei, daß Marbod von Catwalda vertrieben und genötigt wurde, Zuflucht bei den Römern zu suchen. Im J. 22 von Tiberius zum Mitregenten ernannt, stand er den ehrgeizigen Plänen Sejans im Wege, der seine Gemahlin Livilla (Tochter von D. 3) verführte und ihn im Einverständnis mit ihr im J. 23 vergiftete.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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