Wanderung


Wanderung

Wanderung (Migration), die Erscheinung, daß manche Tiere zu regelmäßigen Zeiten im Jahr oder anscheinend regellos ihren Standort verlassen und vorübergehend oder für immer eine andre Heimat suchen. Solche Wanderungen werden zum Teil aus unbekannten Gründen meist in Massen ausgeführt, wie z. B. diejenigen der Wanderheuschrecke, verschiedener Schmetterlinge und Ameisen, einiger Landkrebse, mancher Fische (Lachse, Aale, Heringe etc.), sehr vieler Vögel, auch einzelner Schildkröten, Frösche und Säugetiere (z. B. des Lemmings). Regelmäßige Wanderungen machen besonders Zugvögel, die in der kalten Jahreszeit nach Süden ziehen und zu Anfang des Sommers in ihre alten Quartiere zurückkehren. Die große Sicherheit, mit der manche unter ihnen, z. B. die Störche, ihre Nester wieder auffinden, hat früher zur Annahme eines besondern Wandertriebes geführt, erlaubt jedoch eine einfachere Deutung. Man unterscheidet nämlich neben den eigentlichen Zugvögeln die Standvögel, die ihren Aufenthaltsort das ganze Jahr hindurch beibehalten, und die Strichvögel, die nur wenig oder in unregelmäßiger Weise umherziehen (s. Vögel, S. 208). Es kann nun ein und derselbe Vogel allen drei Kategorien angehören. So ist die Eiderente für Grönland, Spitzbergen und Island ein Wandervogel, der südwärts zieht, sobald er wegen des Eises nicht mehr genug Seetiere zur Nahrung fangen kann; an der Ostsee, die nur teilweise zufriert, wird sie zum Strichvogel, d. h. sie sucht die offen bleibenden Stellen auf; an den Küsten von England und Frankreich, die vom warmen Golfstrom bespült werden, lebt sie als Standvogel jahraus, jahrein. Somit hat sich die Gewohnheit der regelmäßigen W. erst allmählich ausgebildet. Schließlich wurde das Wandern im Laufe der Generationen zur bleibenden Gewohnheit. Die von den Vögeln eingeschlagenen Zugstraßen wurden zumeist dadurch bestimmt, daß auf ihnen während der oft wochenlangen Reise Nahrung anzutreffen ist und sind daher für Sumpfvögel andre als für Landvögel etc. Die nach Afrika wan dernden Vögel fliegen nur zum Teil über die Meerenge von Gibraltar oder von der Westspitze Siziliens nach dem nahen Kap Bon, legen vielmehr je nach ihrem Ausgangspunkt und sonstigen Umständen Wege zurück, die weder der Luftlinie entsprechen, noch auch unter Berücksichtigung aller vorhandenen Inseln als ebenso vieler Ruhepunkte gewählt sind. Das Mittel meer hing aber in einer frühern Epoche der Erdgeschichte nicht mit dem Atlantischen Ozean zusammen, sondern bestand aus zwei nur durch eine schmale Brücke getrennten Binnenseen. Waren so Afrika und Europa an mehreren Stellen miteinander in Verbindung, so konnte auch die Ausbreitung mancher Landvögel nach dem Norden und ihre regelmäßige Rückwanderung im Herbst geschehen, ohne daß sie mit dem Meer in Berührung kamen. Langsam, in einer für die einzelnen Generationen wohl kaum merkbaren Weise, senkte sich das Land, und ebenso allmählich gewöhnten sich die Vögel an die Überwindung der ihnen entgegentretenden Hindernisse. Ihr Weg blieb ihnen nach wie vor geläufig, obwohl er erst nur über Land, dann über schmale Wasserflächen und endlich über einen breiten Meeresarm führte; indes mag auch manche Art, die nicht zu so andauernden Flügen befähigt war, die W. über das Mittelmer haben aufgeben müssen. Es handelt sich demnach hierbei um eine von alters her ererbte Erfahrung, die in jedem Jahre wieder aufgefrischt und von den Alten den Jungen beigebracht wird. In Nordamerika gehen die Züge gewisser Vögel über 1000 englische Meilen weit, treffen aber dabei auf kein Meer. Vgl. Palmén, Über die Zugstraßen der Vögel (Leipz. 1876); Weismann, Über das Wandern der Vögel (Berl. 1878); Homeyer, Die Wanderungen der Vögel (Leipz. 1881); Marshall, Deutschlands Vogelwelt im Wechsel der Zeiten (Hamb. 1886); Gätke, Die Vogelwarte Helgoland (Braunschweig 1891); Dixon, Migration of birds (Lond. 1895); Duncker, Der Wanderflug der Vögel (Jena 1905); Gräser, Der Zug der Vögel (2. Aufl., Berl. 1905); Günther, Der Wanderflug der Vögel (in »Verhandlungen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft«, Bd. 15, Leipz. 1905). – Mehr oder weniger regelmäßig wandern auch viele niedere Seetiere (und einzelne Meeresfische), indem sie je nach der Jahreszeit oder auch täglich an die Oberfläche des Wassers kommen und wieder in die tiefern Schichten versinken. Diese vertikalen Wanderungen sind zum Teil wohl rein passiv, d. h. beruhen auf den Strömungen des Wassers; andre hingegen sind das Resultat des Bedürfnisses der Tiere nach mehr oder weniger Sonnenlicht und Sonnenwärme, oder endlich nach schwimmender pflanzlicher Nahrung (allerlei Algen etc.), die ja viel stärker von diesen physikalischen Faktoren abhängt als die Tiere.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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