Tatāren


Tatāren

Tatāren, ursprünglich Name eines mongol. Volksstammes, der aber nach Ausrichtung des asiatischen Großreichs durch Dschengis-Chan auf alle Mongolen und die unterworfenen verwandten Völker übertragen wurde. Heute nennt man T. einen Zweig des uralaltaischen Volksstammes vom Mittelländischen und Schwarzen Meere bis an die Lena in Sibirien, der die Jakuten, Buruten oder schwarzen (Kara-) Kirgisen im chinesischen Turkistan, die Kirgisen oder Kasak, die Uzbeken, Kiptschak, Turkmenen, Karakalpaken, Nogaier oder Karatataren, Tarantschen und Dunganen und die T. im engern Sinn umfaßt. Die letztern, sämtlich Mohammedaner, werden als ansässige und nomadisierende T. unterschieden. Im europäischen Rußland wohnen etwa 1,200,000. Die Kasanschen T. (etwa 450,000) haben durch Vermischung mit Finnen und Russen ihren mongolischen Typus mehrfach eingebüßt; sie sind nüchtern, gastfrei, arbeitsam und sehr begabt, können alle lesen und schreiben und ernähren sich vorzugsweise durch den Handel. Die Krimschen T. (250,000) werden in Steppen- und Bergtataren geteilt. Die erstern, von recht reinem mongolischen Typus, beschäftigen sich vorzugsweise mit Viehzucht (namentlich Schafe), die letztern mit Obst- und Gartenbau. Die tatarischen Stämme in Kaukasien, zusammen (1905) 1,879,908 Seelen, zerfallen in Aserbeidschan-Tataren, Kumüken, Türken, Nogaier, Karatschaier, Turkmenen, Bergkabardiner, Karapapachen. Zu den Sibirischen T. (1905: 476,139) gehören die Tureliner, bei denen man die eigentlichen T. und die nach den von ihnen bewohnten Gegenden benannten Taraischen, Tobolskischen, Tjumenschen und Tomskischen T. unterscheidet. Teils leben sie in Städten, teils treiben sie Ackerbau, Viehzucht und Jagd. Auch gehören zu ihnen die Barabiner in der Steppe Baraba zwischen Ob und Irtisch (fast ausschließlich Viehzüchter und Fischer), die schon sehr russifizierten Tschulymschen T., am Fluß Tschulym; die Telëuten (s. d.), Sagaer, Abakan oder Katschinzen (s. d.), Karagassen (s. d.) und Reste der einst zahlreichen Ariver und Asanen (s. d.). S. Tafel »Asiatische Völker I«, Fig. 7. Die Umbildung Tartaren wird auf ein Wortspiel König Ludwigs des Heiligen von Frankreich zurückgeführt, der den Namen bildlich von »Tartaros« ableitete. Vgl. Schott, Älteste Nachrichten von Mongolen und T. (Berl. 1846); Wolff, Geschichte der Mongolen oder T. (Bresl. 1873); Vambéry, Die primitve Kultur des turkotatarischen Volkes (Leipz. 1879) und Das Türkenvolk (das. 1885); Radloff, Aus Sibirien (das. 1884, 2 Bde.); Parker, Thousand years of the Tartars (Lond. 1895).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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