Sicherheitsdienst


Sicherheitsdienst

Sicherheitsdienst, die Maßnahmen einer Truppe gegen Überraschung durch den Feind. Zur Schonung der Kräfte des Ganzen verwendet man zur Durchführung der einschlägigen Aufgaben jeweils nur Bruchteile der Gesamttruppen, und zwar solche, die ihrer Eigenart nach für Lösung dieser Sonderaufgaben besonders geeignet sind (früher eigne sogen. leichte Truppen). Ihnen fällt hierbei die Aufklärung (früher Rekognoszieren genannt, s. Aufklärungsdienst) sowie die unmittelbare Sicherung (Bedeckung) zu. Erstere soll der Führung rechtzeitig Nachrichten über den Feind verschaffen und damit die zum Fassen des Entschlusses, zum Erlassen und Ausführen der Befehle erforderliche Zeit gewähren; letztere soll die Masse der eignen Truppen vor Überraschungen direkt schützen. Aufklärung und Sicherung stellen somit zwei in der Ausführung getrennte, in dem erstrebten Zweck zusammenfallende Tätigkeiten dar, die eine mehr offensiver, die andre mehr defensiver Natur. Die Aufklärung verlangt schnell bewegliche Truppen (Reiterei, unterstützt durch die Mittel der modernen Verkehrstechnik), während die Sicherung eine zähe Widerstandsfähigkeit voraussetzt und daher bei gemischten Waffen grundsätzlich der Infanterie zufällt; selbständig auftretende Kavallerie ist aber durch ihre Ausrüstung mit Feuerwaffe (Karabiner) befähigt, auch den S. zu übernehmen. Die Maßnahmen zur Aufklärung dienen stets mittelbar auch der Sicherung. Die Grundsätze und Formen des Sicherheitsdienstes weisen in den heutigen Heeren große Übereinstimmung auf. Im besondern kommt überall zum Ausdruck, daß die Sicherungsglieder, je näher dem Feinde, desto schwächer sind, daß sie im allgemeinen den Kampf nicht suchen sollen, nötigenfalls aver ihn bis zum äußersten durchführen müssen. Nachstehender Darstellung sind die deutschen Bestimmungen zugrunde gelegt.

Sicherung des Marsches. Sie fällt im Vormarsche der Avantgarde zu, deren Aufgaben sind: Aufklärung, unmittelbare Sicherung des Gros und Beseitigen allenfallsiger Marschhindernisse (toter, wie lebender). Im Rückmarsch hat die Arrieregarde die Aufklärung durchzuführen, Fühlung am Feinde zu halten und dem etwa nachdrängenden Feind eine Einwirkung auf das Gros zu verwehren. Sicherung der Flanken (s. d.) geschieht, wenn erforderlich, durch Seitendeckungen. Stärke und Zusammensetzung der Sicherungsabteilungen sowie das Maß ihrer Entfernung vom Gros und untereinander hängen von den jeweiligen Verhältnissen ab. Die Avantgarde gliedert sich in Haupttrupp, Vortrupp und Avantgardenkavallerie; sie steht unter einem besondern Avantgardenkommandeur, der auf Grund des vom obersten Führer ihm erteilten Auftrags die Anordnungen zur Durchführung dieses Auftrags selbständig trifft. Unter Umständen verfügt der Führer des Ganzen über die Kavallerie unmittelbar (vorgeschobene [früher selbständige] Kavallerie), aber auch dann muß die Avantgarde eine für die nächsten Zwecke ausreichende Kavallerie erhalten. Der Haupttrupp enthält die Masse der Infanterie und Feldartillerie. Der Vortrupp besteht aus einem Teil der Infanterie, der notwendigen Kavallerie und, wenn erforderlich, den Pionieren. Ein starker Vortrupp schiebt auf 400–500 m eine Infanteriekompanie vor. Auf ungefähr gleiche Entfernung vor dieser, bez. unmittelbar vor dem Vortrupp marschiert die Infanteriespitze (1 Offizier mit wenigstens einer Gruppe = 1 Unteroffizier, 8 Mann), über diese hinaus vorgeschoben grundsätzlich die Kavalleriespitze (1 Offizier und 4–6 Reiter) oder die Kavallerie des Vortrupps. Die Arrieregarde kann nicht wie die Avantgarde auf Unterstützung durch das Gros rechnen; dabei wird sie leichter in einen hartnäckigen Kampf verwickelt, beispielsweise bei Deckung eines Flußüberganges des Gros. Sie wird daher in der Regel stärker gemacht, namentlich an Artillerie, die zur Führung eines auf Zeitgewinn abzielenden Gefechts besonders geeignet ist. Unter einem besondern Arrieregardenkommandeur stehend, gliedert sie sich in Haupttrupp, Nachtrupp und Arrieregardenkavallerie. Seitendeckungen verwendet man heutzutage nur ausnahmsweise; so lange wie möglich begnügt man sich mit seitlich entsprechend weit reichender Aufklärung durch Kavallerie. Reicht diese jedoch nicht aus, so werden besondere Seitendeckungen gebildet; Zusammensetzung, Gliederung und Verhalten derselben sind ähnlich wie bei einer Avantgarde oder Arrieregarde, reichliche Zuteilung von Kavallerie ist geboten.

Bei jedem Halt übernehmen die Marschsicherungsabteilungen ohne weiteres die Sicherung der ruhenden Truppen.

Sicherung der Ruhe. Die damit beauftragten Truppen heißen Vorposten. Auch hier lassen sich für Stärke und Zusammensetzung stets bindende Vorschriften nicht geben; Nähe des Feindes, dessen Unternehmungslust, eigne Stärke, moralischer Zustand der eignen Truppen, Gelände etc. entscheiden. So ergeben sich zahlreiche Abstufungen von den sogen. Marschvorposten, die nur für eine Nacht die Unterkunft zu sichern haben, bis zu dem dichten Vorpostennetz im Festungskrieg. Während längeres Gegenüberstehen einen höhern Grad von Sicherung und Gefechtsbereitschaft fordert, kann die nur für 1–2 Nächte ruhende Truppe sich im allgemeinen mit der unmittelbaren Sicherung der belegten Orte und dem Vorschieben schwacher Postierungen begnügen. Anders wiederum, wenn bei unmittelbarer Nähe des Feindes eine Entscheidung bevorsteht oder der Kampf abends nur ruht, um am nächsten Morgen fortgesetzt zu werden (mehrtägige Schlachten); hier fallen Sicherungs- und Gefechtslinie zusammen, für das Ausscheiden besonderer Sicherungsglieder fehlt der Raum, und die gesamte Ausstellung kennzeichnet sich als Gefechtsbereitschaft. Im Bewegungskrieg sind mit Rücksicht auf die dringend gebotene Schonung der Kräfte zu den Vorposten nicht mehr Kräfte zu verwenden, als unabweisbar notwendig. Für ihre Ausstellung ist das Wegenetz ausschlaggebend, denn die Bewegungen größerer Truppenkörper sind im wesentlichen an die gebahnten Kommunikationen gebunden. Die vom Feinde herführenden Straßen etc. müssen daher besetzt und dadurch gesperrt werden; für das Zwischengelände genügt meist die Überwachung durch Patrouillen. Infanterie und Kavallerie ergänzen sich beim Vorpostendienst derart, daß ersterer vor allem die Sicherung, letzterer die Aufklärung obliegt; bei Tage wird die Infanterie tunlichst geschont, in der Nacht die Kavallerie, doch darf die Aufklärung auch nachts nicht unterbrochen werden. Gemischte, d. h. aus Infanterie und Kavallerie bestehende Vorposten gliedern sich in der Regel in das Vorpostengros, die Vorpostenkompanien und die Vorpostenkavallerie; sämtliche Teile unterstehen innerhalb eines Vorpostenabschnittes dem Vorpostenkommandeur. Das Vorpostengros steht gewöhnlich in der Nähe der Marschstraße; es dient den Vorpostenkompanien als nächste Unterstützung oder zum Rückhalt. Die gleichfalls an oder in unmittelbarer Nähe der Straßen aufzustellenden Vorpostenkompanien bilden die Hauptsicherungslinie. Sie sichern sich unmittelbar durch einfache und Doppelposten (Posten vor Gewehr) und schieben gegen den Feind zu Feldwachen (1 Offizier mit 30–60 Mann), Offizierposten oder selbständige Unteroffizierposten vor, die ihrerseits Unteroffizierposten (6 Mann unter einem Unteroffizier) oder Doppelposten (2 Mann auf Posten, die Ablösung bei der Feldwache) aussetzen. Auf der wichtigsten durchführenden Straße wird der Durchlaßposten (Unteroffizierposten, früher Examiniertrupp) aufgestellt, bei dem allein nicht der eignen Armee angehörige Personen die Vorpostenaufstellung durchschreiten dürfen. Nahaufklärung und Verbindung untereinander betätigen die Infanterieabteilungen durch schwache Patrouillen, die früher nach ihren Sonderaufgaben als Schleich-, Visitier-, Verbindungspatrouillen bezeichnet wurden. Während des Aussetzens der Vorposten verbleibt die gesamte Kavallerie in der vordern Linie; haben Vorpostengros und Vorpostenkompanien ihre Plätze erreicht, so rückt die Kavallerie, abzüglich der zu den Vorposten übertretenden Teile, in die Unterkunft. Die vorn verbleibende Vorpostenkavallerie gliedert sich in Vorposteneskadrons, die Offizier- oder Unteroffizierposten oder Vedetten (früher auch Kavalleriefeldwachen) vorschieben und zu ihrer unmittelbaren Sicherung den Schnarrposten (einfachen Posten, früher Avertissements-, Benachrichtigungsposten), nötigenfalls einen oder mehrere Doppelposten zu Fuß ausstellen. Offizier- und Unteroffizierposten stellen nach Bedarf Vedetten und Posten auf. Die Vedette ist 3 Reiter stark, die meist abgesessen sind, und von denen 2 Mann gemeinsam beobachten, während der 3., tunlichst verdeckt in der Nähe, die Pferde hält. Mit Rücksicht auf die unbedingte Notwendigkeit, die Fühlung am Feinde bei Tag und bei Nacht zu erhalten, werden vielfach stärkere Offizierposten der Vorpostenkavallerie über die Linie der Vorposten hinausgeschoben, die, örtlich nicht gebunden, den Bewegungen des Feindes sich anhängen. Im Stellungs- und besonders im Festungskrieg müssen die Vorposten wesentlich stärker gehalten und dichter aufgestellt werden als im Feld- (Bewegungs-) krieg. Dabei fällt, wenigstens auf den angegriffenen Fronten, mit dem Näherkommen des Angreifers der Vorpostendienst ausschließlich der Infanterie zu, die dabei unter weitgehender Ausnutzung von Deckungen dauernde Gefechtsbereitschaft bewahren muß. In solcher Lage kann es auch angezeigt sein, für die Dunkelheit als gemeinsames Erkennungszeichen ein jede Nacht wechselndes Wort, Losung (s. d.), auszugeben.

Die unmittelbare Sicherung der mit Truppen belegten Ortschaften und der Biwaks (örtliche Sicherung) geschieht durch meist vorgeschobene Außenwachen, die sich wie Feldwachen verhalten, durch an den Ausgängen aufgestellte Doppelposten und durch Patrouillen. Innenwachen sorgen für Ruhe und Ordnung im Innern und übernehmen in kleinern Verhältnissen zugleich die Aufgaben der Außenwachen.

Sicherung auf dem Gefechtsfelde. In geschlossenen Formationen für spätere Verwendung bereit gehaltene Truppen bedürfen auch hier der unmittelbaren Sicherung, um nicht durch Überraschung seitens des Feindes in schwierige Lagen zu geraten. Einzelne Posten und Patrouillen unter Zuteilung von Signaltrupps werden hierzu meist genügen. Berittene Waffen haben bei Bewegungen auf dem Gefechtsfeld Aufklärer vor der Front, welche die Gangbarkeit des Geländes erkunden und gegen einen überraschenden Zusammenstoß mit dem Gegner sichern. Fechtende Truppen können in Front und Rücken einer besondern Sicherung meist entbehren; dies trifft in der Gegenwart auch für die Artillerie zu, für die man früher zur Abwehr von Nahangriffen eine aus Infanterie oder Kavallerie gebildete Bedeckungsabteilung (Partikularbedeckung) bereit zu stellen pflegte. Dagegen muß jede kämpfende Truppe auf der nicht an eigne Kräfte angelehnten Seite (Flügel, bez. Flanke) sich grundsätzlich durch Gefechtspatrouillen sichern. Hier findet die Infanterie-Offizierpatrouille ein Feld der Tätigkeit in der unentbehrlichen Ergänzung der auf dem Gefechtsfelde ganz besonders wichtigen Aufklärungs- und Sicherungstätigkeit der Divisionskavallerie. Vgl. Felddienst-Ordnung (Berl. 1900) sowie die Exerzierreglements für die Infanterie (das. 1906), Kavallerie (das. 1895) und Feldartillerie (das. 1907); Balck, Taktik (3. Aufl., das. 1903/04, 6 Bde.) und Literatur unter Artikel »Taktik«.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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