Palmen [1]


Palmen [1]

Palmen (hierzu Tafeln »Palmen I-IV«), monokotyle Familie aus der Ordnung der Principes, baumartige Pflanzen von elegantem Wuchs, mit meist einfachem, durch eine Terminalknospe fortwachsendem Stamm, ohne Dickenzuwachs. Nur wenige P. haben einen oben in einige Äste geteilten Stamm, deren jeder dann mit einer einfachen Blätterkrone abschließt, wie die Dumpalme (Hyphaene, Tafel III, Fig. 2).

Stammstück einer Palme. Oben ein Stammquerschnitt mit Andeutung der Gefäßbündel, unten ein Stammstück mit ringförmigen Blattnarben.
Stammstück einer Palme. Oben ein Stammquerschnitt mit Andeutung der Gefäßbündel, unten ein Stammstück mit ringförmigen Blattnarben.

Der Stamm hat meist in seiner ganzen Länge gleiche Dicke oder ist auch in der Mitte oder nach unten bauchig verdickt. Von den majestätischen Dattel- und Wachspalmen von 40 bis 50 m Höhe gibt es alle Übergänge bis zu den Formen, deren Stamm fast unterirdisch ist oder nur als ein 1–2 m hoher Stock sich erhebt, wie bei der Zwergpalme. Einen mehr an die Gräser erinnernden besondern Typus repräsentiert die Gattung Calamus (Tafel IV, Fig. 5) mit ihren 90 bis 160 m langen und kaum 25 cm dicken rohrähnlichen Stämmen, die an Bäumen lianenartig (Palmlianen) emporklimmen. Der mit kräftigen Nebenwurzeln im Boden befestigte oder auch auf Luftwurzeln (wie bei Iriartea) sich stützende Palmenstamm ist durch die Überreste der Blattscheiden schuppig oder, wenn die Blätter sich glatt vom Stamm ablösen, von den ringförmigen Blattbasen (s. die Abbildung) bedeckt, bisweilen auch mit dichtgestellten Stacheln besetzt. Im Innern wird der Stamm von zahlreichen Leitbündeln durchzogen, die auf dem Stammquerschnitt eine regellose Anordnung zeigen (s. die Abbildung; vgl. auch »Leitbündel«). Die sehr großen Blätter umfassen mit scheidenförmiger Basis den Stamm, haben einen unterseits konvexen Blattstiel und eine hand- oder fächerförmig (Fächerpalme) oder fiederförmig (Fiederpalme) geteilte Blatt fläche; in einigen Fällen treten auch ungeteilte, nur an der Spitze zweispaltige Blätter auf. Die Teilung der Fächer- und Fiederblätter entsteht dadurch, daß die ursprünglich ganze, in der Knospenlage gefaltete Blattfläche an den Faltenlinien zerreißt. Die Blütenstände sind Ähren oder Rispen mit kolbenförmigen Ästen (spadix), die meistens abwärts hängen, oft eine kolossale Größe haben und zahlreiche verhältnismäßig kleine, unansehnliche Blüten enthalten. Am Grund sind diese Blütenstände meist von einem (oder mehreren) weiten, tutenförmigen Hüllblatt (spatha) umgeben, das anfangs dieselben ganz einschließt. Dasselbe ist entsprechend der Größe des Blütenstandes oft von außerordentlicher Länge (z. B. bei Oreodoxa regia [Tafel III, Fig. 3] bis zu 2,5 m) und wegen der lederartigen Beschaffenheit zu allerlei Gerätschaften, selbst zu Hängematten für Kinder, geeignet. Die Blüten sind häufig durch Fehlschlagen eingeschlechtig, entweder ein- oder zweihäusig. Sie bestehen in der Regel aus dreizähligen alternierenden Kreisen; auf ein kelchartiges sechsblätteriges Perigon folgen sechs oder mehr Staubblätter, der oberständige Fruchtknoten ist dreiteilig und meist auch dreifächerig mit je einer Samenanlage im Innenwinkel jedes Faches. Die 1–3samige Frucht ist beeren- oder steinfruchtartig. Der Same besitzt reichliches, oft hornartiges Endosperm, das den Embryo umgibt.

Man kennt ungefähr 1100 Palmenarten, die vorwiegend den Tropen angehören. Sie bilden folgende Unterfamilien: Coryphinae (Corypha, Tafel II, Fig. 1; Chamaerops, Tafel IV, Fig. 3) mit einsamigen Beeren und Fächer-, seltener Fiederblättern, Rhapis (Tafel IV, Fig. 6), Borassinae (Borassus, Tafel II, Fig. 3; Hyphaene, Tafel III, Fig. 2; Lodoicea, Fig. 4) mit großen, 1–3samigen Steinkernfrüchten und Fächerblättern, Lepidocaryinae (Mauritia, Tafel II, Fig. 2) mit schuppig bepanzerten Früchten, Ceroxylinae (Caryota, Tafel I, Fig. 1; Arenga, Fig. 2; Maximiliana, Tafel III, Fig. 1; Oreodoxa, Fig. 3; Jubaea, Tafel IV, Fig. 1; Chamaedorea, Fig. 4; Oenocarpus, Fig. 2) mit einsamigen Beeren oder 1–3samigen Steinkernfrüchten und Fiederblättern, Phytelephantinae, durch rudimentär bleibende Blütenhüllen und kopfig dichtgedrängte Fruchtstände ausgezeichnet. Diese Unterfamilien werden in zahlreiche kleinere Verwandtschaftsgruppen geteilt; von denselben bewohnen die Calameae das tropische Afrika und Asien bis 30° nördl. Br., die Sundainseln und Australien bis 30° südl. Br., die Raphieae das äquatoriale Afrika, Madagaskar, die Maskarenen und Polynesien, die Mauritieae das tropische Amerika von 10° nördl. Br. bis 15° südl. Br., die Borassinae Afrika, die Maskarenen und Sechellen sowie Westasien bis 30° nördl. Br., die Cocoïneae Amerika von 23° nördl. Br. bis 34° südl. Br., die Arecineae den Erdgürtel zwischen 30° nördl. Br. und 42° südl. Br., die Chamaedorinae Amerika zwischen 25° nördl. Br. und 20° südl. Br., auch Madagaskar, die Maskarenen und Sechellen, die Iriarteae Amerika von 15° nördl. Br. bis 20° südl. Br., die Caryotinae Asien bis 30° nördl. Br., die Sundainseln und Australien bis 17° nördl. Br., endlich die Coryphinae den Erdgürtel zwischen 40° nördl. Br. und 35° südl. Br. Die westlichen und östlichen Hemisphären haben jede ihre eignen Gattungen (bez. Tribus); nur die Kokospalme (Cocos nucifera), die Ölpalme (Elaeis guineensis) und die Weinpalme (Raphia vinifera) kommen sowohl in der Alten als Neuen Welt vor. In Südeuropa ist nur die Zwergpalme (Chamaerops humilis, Tafel IV, Fig. 3) einheimisch; die Dattelpalme wird besonders in Unteritalien und Südspanien kultiviert. Dem Gemälde der Tropenlandschaft geben die P., die Linné die Fürsten (principes) des Pflanzenreichs nannte, wegen ihres zierlichen Wuchses ein eigentümliches Gepräge. Die P. wachsen meist einzeln oder in kleinen Gruppen in der niedern Vegetation der Ebenen, Flußufer und Küsten, oder sie stehen gemischt mit andern Bäumen in den Wäldern. Die meisten vegetieren in der Ebene bei einer mittlern Temperatur von 22–24°. Vgl. die beifolgenden Tafeln; weitere Abbildungen von P. auf den Tafeln: Fett und Öl liefernde Pflanzen, Genußmittel-, Industrie-, Nahrungs-, Faserpflanzen.

In der vorweltlichen Vegetation finden wir die P. von der Kreidezeit an bis zum Tertiär, in letzterm jedoch am häufigsten vertreten; sicher festgestellt ist die Tatsache, daß P. (wie Palmacites Daemonorops Heer) im Tertiär noch unter dem 54. Breitengrad vorkamen; im Pliocän verschwanden sie aus Europa bis auf eine Art, die von Chamaerops humilis nicht verschieden zu sein scheint. Blattreste von Sabal, Chamaerops und Phoenix sind aus Nordamerika und Europa bekannt. Von Blüten ist Phoenix Eichleri aus dem Bernstein des Samlandes sicher festgestellt; kokosnußähnliche Früchte mit drei Keimlöchern wurden in dem rheinischen Tertiär, Hölzer mit Palmenstruktur (Palmoxylon) in der Libyschen Wüste und auf der Insel Antigua nachgewiesen.

Viele P. sind wichtige Nutzpflanzen. Aus dem stärkehaltigen Mark von Metroxylon Rumphii wird Sago bereitet; die jungen Blätter und Knospen sind z. B. bei Euterpe oleracea ein wohlschmeckendes Gemüse (Palmenkohl); die Steinbeeren mehrerer Arten haben eßbares Fruchtfleisch, z. B. die als Nahrungsmittel für große Gebiete unentbehrliche Dattel. Die in der unreifen Kokosnuß enthaltene Flüssigkeit (Kokosmilch) dient als Erfrischungsgetränk. Das ölhaltige Endosperm der Kokospalme (Kopra) und das Fruchtfleisch und Endosperm der Ölpalme u.a. dienen zur Darstellung der Palmbutter oder des Palmöls, bei dessen Bereitung als Rückstand das Palmenmehl gewonnen wird. Mehrere, z. B. Arenga saccharifera (Tafel I, Fig. 2), Raphia vinifera, Mauritia vinifera (Tafel II, Fig. 2) u.a., lassen aus ihren Stämmen einen zuckerreichen Saft ausfließen, den man auf Palmwein oder Palmzucker verarbeitet. Die Betelpalme (Areca Catechu) hat sehr gerbstoffreiche Samen, von denen Stücke mit gebranntem Kalk in die Blätter von Piper betle gewickelt und gekaut werden. Palmzweige (Blätter) dienten schon im hohen Altertum als ein Symbol der Siegesfreude, so bei den Festen des Osiris in Ägypten und den feierlichen Einzügen der Könige und Kriegshelden in Jerusalem, bei den Olympischen Spielen und auf dem Kleid römischer Imperatoren, und in der Folge nahm sie auch die christliche Kirche in dem gleichen Sinn in ihre Bildersprache auf (s. Palmsonntag). Die Stämme einiger Palmenarten, wie Ceroxylon, schwitzen ein Wachs aus. Die Fasern am Grunde der Blattstiele oder auf den Früchten, z. B. der Kokospalme, dienen zu starken, dauerhaften Geweben, die Stämme der P. zu Bauholz, die dünnern Stämme und Blätter zum Bedachen der Wohnungen, zu Körben, Hüten, Stöcken, Spießen, Pfeilen, Matten u. dgl., die Stämme von Calamus liefern das Material zu Stuhlgeflechten, Attalea funifera liefert die Piassavafasern, das harte Endosperm, wie besonders von Phytelephas macrocarpa (vegetabilisches Elfenbein), verwendet man zu allerhand Drechslerarbeiten.

Sehr zahlreiche P. werden als Zierpflanzen kultiviert. In Europa wächst wild nur Chamaerops humilis, viele P. aber wachsen außerhalb der Tropenzone und steigen in den Anden und am Himalaja zu sehr bedeutenden Höhen empor. Solche P. eignen sich zum Teil auch zur Anpflanzung in Europa, und in der Tat werden an der Riviera über 100 Arten im Freien kultiviert. Manche von diesen halten an der Riviera nur eben noch aus, andre aber gedeihen noch viel nördlicher. Trachycarpus (Chamaerops) excelsa hat man in Norddeutschland unter guter Bedeckung viele Jahre im Freien erhalten. Die meisten andern Arten werden in Palmenhäusern (s. Gewächshäuser) kultiviert, die wegen des hohen Wuchses vieler P. eine bedeutende Höhe erfordern, während man sie verhältnismäßig nicht sehr stark zu heizen braucht. Viele Arten überstehen den Winter besser in einem Kalthaus. Auch unter den Blattpflanzen (s. d.), die im Zimmer kultiviert werden, spielen die P. eine große Rolle.

P. sind in den Tropen vielfach geheiligte Bäume, und der Kultus der Dattelpalme ist der älteste Baumkultus, von dem wir geschichtliche Kunde besitzen. In Arabien, wo die Dattelpalme seit den ältesten Zeiten Ernährerin des Menschen war, wo seine ganze Existenz auf ihr beruhte, verband sie sich früh mit den religiösen Vorstellungen des Volkes. Auch die Kokospalme und die Fächerpalme des asiatischen Kontinents sind nach der Mythologie der asiatischen Völker göttlichen Ursprungs, und in den religiösen Zeremonien der Inder spielt die Kokospalme eine große Rolle. Die Fächerpalme wurde zu jeder Zeit in Indien als Symbol des Mutes wie als Beschützerin der Felder und Wälder betrachtet. Auch auf den Inseln der Südsee genießen beide P. hohe Verehrung. Im klassischen Altertum war die Dattelpalme Zeichen des Sieges, und auf den Triumphzügen trugen die Soldaten Palmenwedel in den Händen. Oft erscheinen P. auf Münzen, und Sabal Palmetto ist das Wappen Floridas. Die P. wurden von Dichtern aller Nationen gepriesen, auch haben sie seit den ältesten Zeiten einen bedeutenden Einfluß auf die Architektur ausgeübt. Vgl. Martius, Historia naturalis palmarum (Münch. 1823–50); Griffith, Palms of British East India (Kalkutta 1850); Wallace, Palm-trees of the Amazon and their uses (Lond. 1853); Seemann, Die P. (2. Aufl., Leipz. 1863); de Kerchove de Denterghem, Les palmiers (Par. 1878, 2. Aufl. 1902); Drude, Die P., in Martius' »Flora brasiliensis« (Münch. 1878) und Über Verbreitung der P. (in »Petermanns Mitteilungen«, 1878) und in Engler und Prantls »Natürliche Pflanzenfamilien«, Teil 2, Abt. 3 (Leipz. 1889); Grisard und Vandenberghe, Les palmiers utiles et leurs alliés (Par. 1889); Baillon, Monographie des palmiers (das. 1895); Barbosa-Rodrigues, Sertum palmarum brasiliense (das. 1903, 2 Bde.); Salomon, Die P. etc. für Gewächshaus- und Zimmerkultur (Berl. 1887); U. Dammer, Palmenzucht und Palmenpflege (Frankf. a. O. 1897) und Palmen (in der »Gartenbaubibliothek«, Berl. 1900); Schröter, Die P. und ihre Bedeutung für die Tropenbewohner (Zür. 1901); Prothero, The Palms in human life (New York 1904).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.