Madeirawein


Madeirawein

Madeirawein, der auf Madeira seit 1421 gebaute Wein (Reben aus Cypern oder Kreta), der frühzeitig großen Ruf erlangte und in Quantitäten von durchschnittlich 120,000 hl im Jahr ausgeführt wurde. 1853 erschien die Traubenkrankheit auf der Insel und 1873 die Reblaus, die den Weinbau fast vollständig vernichtete. Jetzt gewinnt man aus heimischen Pfropfreisern auf amerikanischen Stecklingen ca. 20,000 hl im Jahr. Man baut den Wein auf der Südseite der Insel an Holzwänden oder Hürden aus Schilf, auf der Nordseite dagegen wird die Rebe an Kastanienbäumen in die Höhe geleitet. Der junge Wein erhält bei seiner Behandlung im Faß und beim letzten Umfüllen vor der Ausfuhr einen Zusatz von Kognak oder Sprit (3 Proz., bei geringern Sorten bis 10 Proz.). Der feinste Wein Madeiras ist der Malvasier (engl. Malmsey), ein süßer, geistiger, balsamischer Likörwein, der auf ganz beschränktem Terrain an der Südseite wächst, mindestens sechs Jahre zur vollkommenen Reise bedarf, und dessen beste Sorten der königlichen Familie von Portugal gehören. Dem Malvasier ähnlich ist der Boal, während der Sercial ganz trocken, hellgelb und bukettreich ist. Die Hauptmasse der Produktion bildet der gewöhnliche M., Verdelho (Dry Madeira). Der beste wächst auf der Südseite der Insel (Funchal, San Roque, Cama do Lobos, Campanario), geringere Sorten auf der Nordseite und auf der Insel Porto Santo. Früher ließ man den Wein, um ihm die vorzüglichsten Qualitäten zu geben, zweimal die Linie passieren, jetzt lagert man ihn zu gleichem Zweck in Gebäuden mit Glasdach (Estufas), in denen sich eine hohe Temperatur entwickelt, oder in geheizten Räumen bei 40–60°, in denen er 10–16 Proz. seines Volumens verliert. Diese Weine kommen nicht vor dem zweiten Jahre zum Versand; viel länger brauchen die Weine bei gewöhnlichem Lagern (Canteiroweine), um reif zu werden. Gut abgelagerter M. hat eine milde Fülle, ein köstliches, prickelndes, hochfeines Aroma und einen Reichtum an Geist, die ihn in die erste Klasse der Weine stellen; er ist einer der stärksten und schwersten Weine und enthält 16–20 Proz. Alkohol. Bisweilen werden auch süßliche Madeiraweine hergestellt, indem man den fertigen Weinen süßen (unvergornen) Wein, auch Rohrzucker, zusetzt. Da beim Pressen auch die wenigen roten Trauben, die auf der Insel wachsen, mitgenommen werden, so kommt auch rötlicher M. vor. Kein Wein wird so viel verfälscht oder nachgemacht wie der M.; man ersetzt ihn durch die verschnittenen Weine der südkanarischen Inseln, der Azoren, des Kaps und Spaniens und treibt in Frankreich (Cette, Marseille), Magdeburg, Hamburg etc. die entschiedenste Pantscherei, indem man besonders alte Weißweine, auch Obstwein, mit Nußschalenextrakt, Honig etc. auf M. verarbeitet. Roter M. ist der Tinto (Inselburgunder), der, solange er jung ist, dem Burgunder gleicht, im Alter aber dunkel bernsteinfarben wird und sehr reich an Gerbstoff ist. Guter M. wirkt bei Schwächezuständen kräftigend auf den Organismus. Man trinkt ihn als Frühstückswein und als Vorwein (nach der Suppe), seltener als Dessertwein.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.