Orientalische Frage


Orientalische Frage

Orientalische Frage, die Frage der Lösung der durch die Verhältnisse des Orients bedingten Schwierigkeiten. Diese beruhen in der Lebensunfähigkeit des Türkischen Reiches (s. d.), das weder den Umfang seines Gebiets mit eigner Kraft behaupten, noch ein gedeihliches Verhältnis zwischen seinen mohammedanischen und christlichen Untertanen herzustellen vermag. Die Versuche seiner Vasallenstaaten, wie Rumäniens, Ägyptens, Serbiens, Montenegros, von Tripolis und Tunis, oder der unterworfenen Völker, wieder Griechen, sich der türkischen Herrschaft zu entziehen, riefen wiederholt »orientalische Fragen« hervor, in welche die übrigen europäischen Mächte teils hemmend, teils fördernd eingriffen. Während noch im 18. Jahrh. unter dem Eindruck der starken Militärmacht der Türkei einzelne europäischen Mächte diese gegen die Eroberungskriege Österreichs und Rußlands nur schüchtern unterstützten, stand ihr zuerst England 1798 gegen die ägyptische Expedition Bonapartes bei. Seitdem wetteiferten die Mächte, um im Orient entweder selbst, wie Rußland, Eroberungen zu machen, oder, wie Österreich und England, den Status quo zu erhalten und, da sie selbst dort keine Eroberungen machen können oder wollen, fremde Eroberungen zu hindern, oder, wie wiederum England und Frankreich, den herrschenden Einfluß im Orient zu erlangen. Besonders heftig entbrannte die o. F. während des griechischen Aufstandes (1821–30), des Angriffs Ägyptens auf Syrien (1833–40), vor und während des Krimkriegs (s. d.) sowie seit 1875 aus Anlaß des Aufstandes in der Herzegowina und in Bulgarien und des Angriffskriegs Serbiens und Montenegros gegen die Türkei. Durch den Berliner Kongreß (1878) wurde der von Rußland soeben geschaffene Bulgarenstaat erheblich beschränkt und Österreichs Macht auf der Balkanhalbinsel vergrößert, um Rußland die Spitze zu bieten. Neue Verwickelungen der orientalischen Frage ergaben sich in Ägypten (1881), das England besetzte, und in Bulgarien, das 1885 Ostrumelien (s. d.) mit sich vereinigte und durch seinen Konflikt mit Rußland den europäischen Frieden bedrohte. Die Schwierigkeit der Lösung liegt einesteils in der von religiösen und panslawistischen Motiven beeinflußten Eroberungssucht Rußlands, das seit Katharina II. sich als den Rechtsnachfolger des byzantinischen Kaiserreichs und Konstantinopel als seine legitime Hauptstadt betrachtet und daher mindestens die griechisch-orthodoxen slawischen Untertanen der Pforte in fortwährender Gärung erhält, andernteils in der Zerrüttung des Türkischen Reiches und der Unfähigkeit seiner Regierung, ein gesundes, kräftiges und finanziell unabhängiges Staatswesen zu schaffen. Die frühern Schutzmächte, Österreich, Frankreich und England, aber bereicherten sich selbst auf Kosten der Türkei, so daß Deutschland die einzige kühle Macht blieb, bis es begann, sich für die wirtschaftliche Hebung Vorderasiens zu interessieren. Komplizierter gestaltete sich die o. F. seit der Beunruhigung der Balkanhalbinsel durch die mazedonischen Wirren (s. Mazedonien, S. 490). Vgl. F. v. Hagen, Geschichte der orientalischen Frage (Frankf. 1877); Döllinger, Die o. F. in ihren Anfängen (Wien 1879); Bamberg, Geschichte der orientalischen Angelegenheit etc. (Berl. 1889); Hilty, Die o. F. (Bern 1896); Driault, La question d'Orient (2. Aufl., Par. 1901); Cahuet, La question d'Orient dans l'histoire contemporaine (das. 1905); Ratzel, Die orientalischen Fragen (Neudruck in Bd. 2 seiner »Kleinen Schriften«, Münch. 1906).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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