Hunnen


Hunnen

Hunnen, ein Volk mongolischer Rasse, jedenfalls mit den Hiung nu (Hiünjo, Hiünjün; sanskrit. Hûna, avest. Hunavô, griech. Funoi und Unoi) identisch, die schon um 1300 v. Chr. in der Geschichte des chinesischen Volkes als Grenzfeinde auftreten. Eine Art von Hunnenreich bildete sich zuerst um 1200 v. Chr. Einzelne Horden beunruhigten China namentlich 1120, 910, 880 (Schansi), 700 (Schantung), 650 (Tschili), bis 220 Kaiser Shi Hoangti die Lücken der Großen Mauer ausfüllte. Einen neuen Aufschwung nahm das Hunnenreich unter Mete (um 210–170); doch Kaiser Wu Ti vertrieb um 120 v. Chr. die H. nach der nördlichen Mongolei. Um 50 v. Chr. zerfiel das Reich der H. in einen südlichen Teil, der die chinesische Oberhoheit anerkannte, 142 n. Chr. in China ganz ausging und seit 400 seinerseits Teile des großen Reiches (das nördliche Liang und das große Hsia) beherrschte, und in einen nördlichen, der sich bis 84 n. Chr. unabhängig erhielt. Da wich der dort hausende, immer noch sehr beträchtliche Rest der H., schwer bedrängt von Chinesen und sibirischen Stämmen (z. B. dem Tungusenvolke der Sien-pe), nach dem bereits durch den Häuptling Tschitschi (gest. 36 v. Chr.) bearbeiteten Westen aus, wo er bald eine bedeutende Rolle spielen sollte. Ein Teil, die Weißen H. (Euthaliten, Ephthaliten, Hephthaliten, chines. Tin-la, nicht zu verwechseln mit dem tibetischen Nomadenvolk der Yue-tschi am Altyn Tag, das von den H. schon im 2. vorchristlichen Jahrhundert befehdet wurde und um 10 v. Chr. in Nordwestindien das »indoskythische Reich« gründete), ließ sich am Aralsee nieder, besetzte das heutige Chiwa, Balch und Badachschan (Hauptstadt Pah-ti-jan), griff seit 420 Persien heftig an (484 fiel der Sasanide Peroz gegen sie), brach, seinerseits von den Türken bedrängt, vom Tsung-ling aus 495,515 und 530 in Nordwestindien (Reich der indoskythischen Yue-tschi) ein, mischte sich allmählich stark mit den Nachbarn und erscheint später als Volk der Chwaresmier, das 1157 ein Stück Persiens eroberte (s. Chiwa). Ein andrer Teil, die eigentlichen H., zog in die sibirisch-osteuropäische Steppe ein und führte hier zunächst ein Nomadenleben. Durch nachrückende Völker gedrängt und verstärkt, stießen diese H. 350 n. Chr. auf die Alanen, besiegten sie 370 und zwangen sie zur Heeresfolge. Nun überschritten sie den Don und erschienen unter Balamber an den Grenzen des gotischen Reiches. Zu den Schrecknissen, welche die Zahl und der rasche Siegeslauf der H. verbreiteten, gesellte sich der Abscheu, den die gellende Stimme, die ungeschlachte Gebärde und die abstoßende Häßlichkeit der H. einflößten. Sie unterschieden sich (nach alten Schilderungen) von den übrigen Menschen durch breite Schultern, platte Nasen, kleine, schwarze, tief in dem Kopf liegende Augen und Bartlosigkeit. Viehzucht, Jagd und Raub lieferten ihnen den Unterhalt. Ihre Kleidung bestand meist aus Fellen; als Nahrung dienten Stutenmilch und rohes Fleisch. Die Wohnung der Weiber und Kinder war der Wagen; die Männer waren fast unzertrennlich von ihren unschönen, aber raschen Pferden. Sie fochten nicht in geordneten Reihen, sondern umschwärmten die feindliche Schlachtordnung und waren ebenso rasch im Angriff wie in scheinbarer Flucht. Ihre Waffen waren mit spitzen Knochen versehene Wurfgeschosse, Säbel und Schlingen. Der König der Goten, Hermanrich, gab sich, am Widerstand verzweifelnd, selbst den Tod (375). Sein Nachfolger Winithar wurde von den H. besiegt und getötet, worauf sich die Ostgoten unterwarfen. Auch die Westgoten mußten vor den H. weichen. einer ihrer Häuptlinge, Athanarich, zog sich 376 nach Siebenbürgen zurück; ein andrer, Fritigern, trat auf römisches Gebiet über. Die Macht der H. zersplitterte sich unter der Zwietracht unabhängiger Häuptlinge, und ihre Tapferkeit nutzte sich in Raubzügen ab; auch scharten sie sich aus Beutegier öfters unter die Fahnen besiegter Feinde. Ihre Hauptmasse hatte sich unter den von ihnen besiegten germanischen und sarmatischen Völkern niedergelassen und breitete sich im Norden des Kaspischen und Schwarzen Meeres von der Wolga bis zur Donau aus. Erst unter König Rugila (bis 434) und seinen Neffen Bleda und Attila nahmen die H. wieder eine machtvolle Stellung ein. Attila vereinigte 445 die hunnische Macht in Einer Hand. Das oströmische Reich wurde ihm tributpflichtig, das weströmische nur durch die vereinten Westgoten und Römer unter Aëtius auf den Mauriazensischen Feldern (451) vor einem gleichen Schicksal bewahrt. Nach Attilas Tode (453) stritten sich seine zahlreichen Söhne sowie die Häuptlinge der unterworfenen Stämme um die Oberherrschaft. Am Fluß Netad in Pannonien (454) errangen Gepiden, Goten, Sueven, Heruler und Alanen die alte Selbständigkeit zurück; Attilas ältester Sohn, Ellak, fiel. Sein Bruder Dengizich (Dintzic, Dinzio) behauptete sich noch mehrere Jahre an der Donau; doch auch er wurde in Thrakien von dem Oströmer Anagastus besiegt und bald darauf getötet (469). Den Rest des Volkes führte Attilas jüngster Sohn, Irnak (Irnach, Hernac, Irnas), nach den alten Steppen an der europäisch-asiatischen Grenze, wo er die beiden Stämme der Kulurguren und Uturguren bildete und sich nach 558 unter andern Nomadenstämmen (Awaren, Bulgaren, Chazaren) verlor. Attilas Palast und das alte Dacien von den Karpathen bis aus Schwarze Meer ward Sitz einer neuen, von dem Gepidenkönig Ardarich gegründeten Macht; Pannonien von Wien bis Sirmium nahmen die Ostgoten in Besitz. Vgl. De Guignes, Histoire générale des Huns, des Turcs, etc. (Par. 1756–58, 3 Bde.); Wylie, History of the Henng-noo in their relations with China, und Howarth, The westerly drifting of nomades, Teil 12 (beide im »Journal of the Anthropological Institute«, Bd. 3, Lond. 1874); Inostrantzew, Hiung-nu und H. (in der »Shivaja starina«, 1900; russisch); v. Richthofen, China, Bd. 1 (Berl. 1877); Cunningham, Ephthalites or White Huns (in den »Verhandlungen des neunten internationalen Orientalistenkongresses«, Bd. 1, 1893); v. Brandt und Schurtz im 2., v. Wlislocki im 5. Band von Helmolts »Weltgeschichte« (Leipz. 1902 u. 1905). S. auch Attila.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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