Wettrennen


Wettrennen

Wettrennen (hierzu Textbeilage: »Stand des Rennsports in Europa«), im weitern Sinne jede Konkurrenz, deren Ausgang von der Schnelligkeit der Fortbewegung der aktiven Teilnehmer abhängig gemacht wird, wie: Wettläufe (Laufsport), Radfahrerrennen, Ruder- und Segelregatten, Pferderennen, Automobilrennen u. Im engern Sinne versteht man unter W. alle Arten von Pferderennen, und zwar: 1) Flach- und Hindernisrennen, für die das Wort Rennsport als terminus technicus gebräuchlich ist, und 2) Trabrennen.

Die ersten W. fanden bei den Festen des persischen Sonnengottes, des Mithra, statt. Herakles führte sie bei den Griechen ein, die bei ihren Olympischen Spielen im Wagen fahrend oder reitend nach dem Ziel jagten, oder, bei dem letzten Umlauf abspringend, mit dem Pferd am Zügel dem Ziel zueilten. Beim Wettfahren wurden zwei (Zeugos) oder vier Pferde (Tethrippon) an den Wagen geschirrt. Bei den Römern waren die W. (cursus equorum) mehr zur Befriedigung der Schaulust bestimmt. Die Reiter ritten auf einem Pferde (singulatores) oder hatten deren zwei und sprangen im Reiten von dem einen auf das andre (desultores). In jedem Rennen (missus) mußten sieben Umläufe (spatia) gemacht werden. Gewöhnlich fuhren vier Gespanne auf einmal ab, deren Lenker jeder mit einer andersfarbigen Tunika bekleidet war, da bei den römischen W. vier Parteien bestanden, die sich durch weiße, grüne, rote und blaue Kleidung voneinander unterschieden und in Konstantinopel politische Bedeutung besaßen.

Bei den germanischen Völkern waren die W. eng mit dem heidnischen Kultus verbunden, und Spuren solcher ritualen W. haben sich in Deutschland und Belgien bis zum heutigen Tag erhalten. Namentlich bei dem bayrisch-österreichischen Stamm fanden daher die W. von Italien aus rasch Eingang und, von den heimischen Erinnerungen unterstützt, sehr bald Aufnahme unter den Zeremonien einzelner Kirchenfeste, obwohl die Kirche sie früher als heidnische Sitte zu beseitigen gesucht hatte. Von Österreich aus verbreiteten sie sich früh nach Ungarn. In England wurden die W. von den Römern eingeführt, aber erst unter Heinrich II. um 1160 wesentliche Teile öffentlicher Volksbelustigung. – W. im Sinne des Begriffes Rennsport sind englischen Ursprungs. Eine Verordnung des Stadtrates der Stadt Chester vom 10. Jan. 1511 ordnete die alljährliche Abhaltung von Pferderennen auf dem Rodee bei Chester an. Diese »Chesterrennen« erlangten im Laufe der nächsten Jahrhunderte große Popularität und Ausbreitung, und es entstand eine besondere Zucht von Wettrennpferden, indem man möglichst nur solche Hengste und Stuten zur Zucht benutzte, die sich in den W. besonders hervorgetan hatten. So wurde der Grundstein zur englischen Vollblutzucht gelegt, die ihre angeborne Leistungsfähigkeit und Ausdauer einer jahrhundertelangen systematischen Reimprüfung der Voreltern verdankt. Bei dieser Zucht auf Leistung bildete eine genaue Auszeichnung der Rennleistungen und der Abstammung der Vollblutpferde die wesentlichste Grundlage. Gegenwärtig werden Rennkalender und Vollblutgestütbücher in allen den Rennsport und die Vollblutzucht betreibenden Ländern geführt. In England wurden die Rennresultate seit 1709 urkundlich festgelegt, und 1827 erschien der erste Band des »General Stud-Book«.

Weiteres über den gegenwärtigen Stand des Rennsports und Wetten beim W. s. die Textbeilage.

Aus der wichtigsten Literatur vgl. Hazzi, Über die Pferderennen als wesentliches Beförderungsmittel der bessern Pferdezucht (Münch. 1826); Kloch, Über Wettrenner und W. (Bresl. 1835); »Abhandlungen über Pferdezucht und Pferderennen« (von Gräfe und v. Meyendorff, Berl. 1861–63,3 Tle.); Graf G. v. Lehndorff, Hippodromos. Einiges über Pferde und Rennen im griechischen Altertum (das. 18) 6) und Handbuch für Pferdezüchter (4. Aufl., das. 1896); Silberer, Handbuch des Rennsports (Wien 1881) und Turf-Lexikon (2. Aufl., das. 1890); v. Bonin und Hartmann, Handbuch für Rennbesucher (Berl. 1886); »Der Turf« (mit Wörterbuch, 3. Aufl., Wien 1880); Rice, History of the British turf (Lond. 1879); Black, Horse-racing in England (das. 1893); v. Kuhlmann, Kritische Betrachtungen über Vollblutzucht und Rennbetrieb in Deutschland (Berl. 1890); »Hippologische Gedanken, von einem Freunde des Vollblutpferdes« (das. 1894); v. Öttingen, Das Vollblutpferd (das. 1895); K. v. Tepper-Laski, Rennreiten (2. Aufl., das. 1903); A. Schlüter, Training des Pferdes (2. Aufl. das. 1898); E. Bauer, Der Rennsport (Leipz. 1901).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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