Schild [1]

Schild [1]

Schild, Schutzwaffe gegen Hieb, Stich und gegen Wurfgeschosse aller Art (Pfeile, Speere, Kugeln). Der S. ist zweifellos jünger als die ältesten Angriffswaffen; dennoch reicht er in sehr frühe Entwickelungsstufen der menschlichen Kultur zurück; auch ist er über alle Erdteile verbreitet. Lücken bestehen vorwaltend in Gebieten des Gebrauchs von Bogen und Pfeil, die ja beim Gebrauch beider Hände bedürfen und daher im allgemeinen die Verwendung des Schildes ausschließen. Lediglich die Eingebornen einiger Gebiete Indonesiens (Aruinseln) und Melanesiens (Neuguinea) verwenden beide zusammen. Wo sonst in Bogengebieten Schilde gebraucht werden, ist ein besonderer Träger nötig (Wute in Kamerun). Die Entstehung und Entwickelung des Schildes geht von zwei Punkten aus: dem zur Abwehr von Schlägen instinktiv erhobenen eignen Stock und der zum Schutze gegen Schlag, Hieb und Biß mit dem Fell eines Tieres umwickelten Hand. Sehr frühe Formen der ersten Art sind die Stabschilde der Australier, der Obernilvölker und einiger Stämme des deutsch-ostafrikanischen abflußlosen Gebiets (Wanyaturu, Waschaschi etc.); die eine Art schützt die Hand durch die Verlegung des Handgriffs in die Schildmasse selbst (s. Tafel »Entwickelung der Waffen« beim Art. »Waffen«, Fig. 24), die andre durch Zuhilfenahme einer an den Stab geflochtenen Lederschutzkappe (Tafel, Fig. 23). Für die Urformen der andern Art sprechen sprachliche Belege: die Ägis (s. d.) des Zeus und der Athene ist ursprünglich nichts andres als ein Ziegenfell (aix), und Herkules trägt das Fell des nemäischen Löwen. In der Folge nähern sich beide Formen: das Fell bedarf der Handhabe und der Versteifung durch einen eingefügten Stock, der Stockschild einer stets wachsenden Vergrößerung durch Fell, Leder, Holz, pflanzliches Geflecht, Metall etc. Der an großen Säugetieren reiche Osten und Norden Afrikas besitzt den runden oder ovalen Leder- und Fellschild (Fig. 25 der angeführten Tafel), der tierarme äquatoriale Westen den rechteckigen oder schwach abgerundeten reinen Holzschild oder aber doch eine durch pflanzliches Flechtwerk meist sehr stark vergrößerte hölzerne Urform (Fig. 27). In ähnlicher Weise hat sich auch der melanesische, der malaiische (s. Tafel »Malaiische Kultur II«, Fig. 28) und der amerikanische S. (s. Tafel »Indianische Kultur I«, Fig. 13) entwickelt, während der australische zwar eine Verbreiterung, aber keine eigentliche Weiterentwickelung über das Handloch hinaus erfahren hat. In Afrika sind Eisenschilde oder mit Eisen beschlagene Schilde nur im Norden, im Bereich des mittelmeerisch-vorderasiatischen Kulturkreises (Sûdan, Niam-Niam, Monbuttu) üblich geworden; die hellfarbigen Völker der Südspitze kennen überhaupt keinen S.

Die älteste Schildform der Griechen war die des Kreises, später oval, etwa 1,5 m lang mit seitlichen Ausschnitten, böotischer S. genannt (Fig. 1), von den Hopliten geführt, während die leichten Truppen später den Rundschild (Fig. 2) oder die halbmondförmige Pelte (Amazonenschild), die Schutzwaffe der leichtbewaffneten Peltasten (s. d., mit Abbildung), trugen. Der S. (Sakos, Aspis) bestand aus mehreren Lagen Rindsleder mit Metallbelag oder mit Randschienen beschlagen, auf denen die Nagelköpfe buckelartig hervortraten.

Fig. 1. Böotischer Schild.
Fig. 1. Böotischer Schild.

Der S. der Römer war ursprünglich rechteckig, an seine Stelle trat später der tuskische Rundschild (clupeus oder clipeus, aspis), seit den Gallierkriegen das etwa 1,25 m hohe, 80 cm breite Scutum (Fig. 3). Der von den Principes geführte eherne Clupeus wurde durch die kreisrunde Parma von 1 m Durchmesser aus Leder ersetzt, die später die Veliten erhielten. In späterer Zeit waren ovale, rechteckige und sechseckige Schilde im Gebrauch, deren Form und Bemalung (Blitzstrahlen, Adler, Halbmonde, Lorbeerzweige etc. kommen als Schildzeichen vor) wahrscheinlich zur Unterscheidung der Truppenteile dienten.

Fig. 2. Rundschild.
Fig. 2. Rundschild.

An der in der Mitte hervortretenden Erhöhung (Omphalos) war oft eine eiserne Spitze angebracht, die nicht allein die Kraft der Wurfspieße, Pfeile, Steine etc. schwächen, sondern im Handgemenge auch als Angriffswaffe dienen sollte; zum Halten des Schildes diente ein lederner Riemen oder eine eherne Handhabe oder metallene Ringe, durch die der linke Arm gesteckt ward. Die Perser führten große Schilde aus Flechtwerk, häufig mittels Metallspitze in die Erde zu stecken, um hinter ihnen vorzuschießen. Der Verlust des Schildes in der Schlacht galt als die größte Schande, daher die auf dem Schlachtfeld getöteten oder verwundeten Krieger auf dem S. weggetragen wurden. Römer und Griechen machten nicht allein im Einzelgefecht von den Schilden Gebrauch, sondern ganze Abteilungen wußten diese Schutzwaffen so zu verschränken, daß dadurch zum Angriff und vorzüglich zur Verteidigung gegen Reiterei sowie bei Rückzügen, wo die Schwerbewaffneten die leichten Truppen und den Troß in die Mitte nahmen, ein undurchdringliches Schutzdach gebildet wurde, auf dem die Soldaten beim Stürmen, zur Ersteigung niedriger Mauern selbst mehrfach übereinander stehen konnten.

Fig. 3. Scutum.
Fig. 3. Scutum.

(Vgl. zu Folgendem die Tafeln »Rüstungen und Waffen I-III« beim Artikel »Rüstung«.)

Der S. der Germanen bestand in der ältesten Zeit aus einem großen, meist viereckigen, einfachen Weidengeflecht, das mit ungegerbter Rindshaut oder einem Wolfsfell überzogen und zur Verstärkung in der Mitte mit einem großen bronzenen, resp. eisernen Nabel und mit ebensolchen Bändern und Nägeln beschlagen war (Tafel III, Fig. 14). Doch kommen schon in der Bronzezeit namentlich bei den skandinavischen Völkerschaften auch ganz aus Bronze bestehende Rundschilde vor, von denen mehrere im Kopenhagener Museum erhalten sind. Die spätern vielfachen Berührungen der Germanen mit den Römern hatten auch eine Verbesserung der germanischen Waffen nach römischem Vorbilde zur Folge. Dementsprechend erscheint in der Merowinger- und Karolingerzeit schon eine unterschiedliche Form des Schildes für den Reiter und Fußkämpfer. Während ersterer gleich dem sich nach römischer Art tragenden Vornehmen zwecks ungehinderter Führung des Pferdes den leichten, hölzernen, lederbezogenen, mit eisernem Nabel und radiallaufenden Bändern beschlagenen Rundschild bevorzugte (Tafel III, Fig. 15), trug der Fußknecht zu seiner bessern Deckung einen mandelförmigen, über 1 m hohen, stark gewölbten Holzschild, der an den Rändern und in der Mitte kreuzweise mit Eisenbändern und in den dadurch entstandenen Rauten mit großen Nägeln verstärkt war. Ein Beispiel hierfür bietet die Figur eines karolingischen Kriegers aus dem früher im Schatze von St.-Denis befindlichen Schachspiel Karls d. Gr. (Tafel I, Fig. 1). In der Schlacht wurde ein solcher S. mit der Spitze auf den Boden gestützt, wodurch er eine wirksame Deckung gewährte. Die letztgenannte, den germanischen Völkern eigentümliche Schildform bildet bereits den Übergang zu dem im 11. und 12. Jahrh. üblichen normannischen S., wie solcher neben dem noch ovalen bretonischen S. insbes. auf dem vom Ende des 11. Jahrh. stammenden Teppich von Bayeux erscheint, der die Eroberung Englands durch die Normannen darstellt (Schlacht bei Hastings 1066). Dieser lange und schmale, unten spitz zulaufende und oberhalb rund abschließende Holzschild, der sowohl Reiter als Fußknecht vom Fuß bis an die Schulter deckt, kann als das Urbild aller spätern Schildformen angesehen werden. Seine Außenseite war mit Leinwand, Leder oder Pergament bezogen und auf Kreidegrund mit dem Wappen des Eigentümers bunt bemalt oder auch mit Pelzwerk benagelt, woraus sich das heraldische Pelzwerk (fóh) im Mittelalter gebildet hat (Tafel III, Fig. 16). An der Innenseite war neben den beiden Handgriffen ein langer Riemen (Schildfessel) befestigt, mittels dessen der S. auf dem Marsche um den Hals getragen wurde. Im 13. Jahrh. wird der Reiterschild infolge der stets fortschreitenden Verbesserung des Harnisches allmählich kürzer und der Oberrand flacher gebildet, bis er um 1300 zu einer kleinen dreieckigen Tartsche mit geradlinigen oder schwach abgerundeten Rändern, dem sogen. petit écu, zusammenschrumpft, der nur noch die halbe Brust und die linke Schulter des Reiters deckte (Tafel III, Fig. 17). Der zu damaliger Zeit minder geachtete und weniger gut gerüstete Fußknecht behielt dagegen zu seinem bessern Schutz die große normannische Schildform noch bei. Am Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrh. verschwindet der kleine dreieckige Reiterschild, um einer rechteckigen, fast quadratischen kleinen Tartsche Platz zu machen, deren rechte Seite zum Einlegen der Lanze mit einem Ausschnitt versehen war (Tafel III, Fig. 18). Eine entsprechende Umänderung erfuhr zu derselben Zeit auch der S. des Fußvolks, dem nunmehr infolge der glänzenden Siege der Schweizer über die trefflich gerüsteten Ritterheere Österreichs eine erhöhte Beachtung geschenkt wurde. Es entsteht daher der Setzschild oder die große Pavese, die, auf den Boden gestellt, eine Deckung bis zur Mitte der Brust gewährte (Tafel III, Fig. 19), sowie ferner die bis zu 2 m hohe, innen mit Eisen beschlagene Sturmwand, die, mit den am untern Ende angebrachten eisernen Spitzen in die Erde gerammt, den Mann vollständig deckte, wobei ein in Augenhöhe angebrachtes kleines Guckloch die Beobachtung des Feindes ermöglichte. Die Pavese, deren Name sich von der schon im Altertum als Schildwerkstätte berühmten Stadt Pavia ableitet, war besonders in den böhmischen Heeren beliebt, bei denen, wie in der Böheimschlacht (12. Sept. 1504), die dicht aneinander gereihten Schilde eine feste Schutzwand und somit einen Ersatz für die sonst in den Hussitenkriegen übliche Wagenburg bildeten. Da jedoch diese großen und schweren Pavesen die Beweglichkeit der Truppen hinderten und sich mehr zur Verteidigung als zum Angriff eigneten, entstand gleichzeitig für das leichtbewaffnete Fußvolk, insbes. für die Bogen- und Armbrustschützen, eine kleinere und leichtere Art Handschild, die kleine Pavese (Tafel III, Fig. 20). Die Mehrzahl aller dieser rechteckig geformten Setz- und Handschilde hatte in der Mitte eine von oben nach unten laufende hohle Ausbauchung, innerhalb der sich die eisernen oder ledernen Handhaben befanden, und zeigte auf der mit Leder oder Pergament überzogenen Außenseite geschmackvolle religiöse oder heraldische Malereien in Tempera. Eine besondere Art dieser Tartschen bildete zu derselben Zeit in den unter dem Einfluß des Orients stehenden ungarischen, polnischen und moskowitischen Heeren die sogen. ungarische Tartsche mit einem tief nach rechts abgeschrägten obern Rande (Tafel III, Fig. 21) sowie die von den spanischen Mauren übernommene und in den romanischen Ländern beliebte Adarga (vom arabischen dárake, daher das Wort »Tartsche«, Tafel III, Fig. 22). Dieser ovale oder herzförmige S. entsprach dem seit undenklichen Zeiten im Orient üblichen kleinen Rundschilde, der, meist aus hartem Leder gefertigt, mit ornamentierten Buckeln beschlagen und mit bunten Malereien verziert war (Tafel II, Fig. 18). Infolge der Vervollkommnung des Plattenharnisches gegen Mitte des 15. Jahrh. verschwindet allmählich die kleine Reitertartsche und findet als Verstärkungsstück nur noch im Turnier Anwendung, wo sie beim Rennen oder Stechen an den Brustharnisch angeschraubt oder festgebunden wurde.

Mit dem Aufkommen der Landsknechte und der Entwickelung der Feuerwaffen gegen Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrh. verschwindet in Deutschland der S. auch bei dem Fußvolk, während er sich in den italienischen, französischen und spanisch-niederländischen Heeren wegen der hier eingeführten Fechtweise mit Degen und S. zur Rondelle oder Rondache entwickelte und sich noch bis zum Anfang des 18. Jahrh. erhielt (Tafel II, Fig. 10). Dieser eiserne, meist schußfreie und daher sehr schwere Rundschild wird zuweilen auch noch mit verschiedenen komplizierten Parier- und Angriffsvorrichtungen, wie Degenbrechern, Klingenfängern und Stoßklingen, versehen und durch eine eingefügte kleine Blendlaterne auch zu nächtlichen Überfällen (Kamisaden) eingerichtet (Tafel III, Fig. 23).

Nicht zu verwechseln mit diesen für den Kriegsfall bestimmten Schilden sind die reich getriebenen, ziselierten und goldtauschierten Prunkschilde, die sich kunstbegeisterte Herrscher zur Zeit der Renaissance von den ersten und berühmtesten Künstlern anfertigen ließen, um als vielbewunderte Kunstwerke nur bei Festlichkeiten zur Erhöhung fürstlichen Glanzes Verwendung zu finden (Tafel II, Fig. 6).

Im Rittertum des Mittelalters spielte der S. eine bedeutende Rolle. Das Berühren des Schildes ist eine Herausforderung zum Zweikampf; Ritter, die in der Schlacht fielen, wurden mit dem S. bedeckt; in seinem S. empfing der Ritter die Gabe seines Herrn; starb ein Fürst, so trugen seine Getreuen als Zeichen der Landestrauer den S. verkehrt, d.h. mit der Spitze nach vben. Auch das Wort Schildwache gehört hierher, da man an dem Bild auf dem S. erkannte, ob der Träger Feind oder Freund war. S. auch Wappen. – Die noch heute übliche Redensart: jemand auf den S. erheben schreibt sich daher, daß es lange bei vielen Völkern für die höchste Ehrenbezeigung galt, auf dem S. emporgehoben zu werden. Bei den Burgundern diente es als Zeichen der Königswahl, ebenso bei den Westgoten, deren junger Anführer Thorismund nach dem Sieg über Attila in der gewaltigen Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (451 n. Chr.) auf diese Weise zum König erhoben wurde. Vgl. Böheim, Handbuch der Waffenkunde (Leipz. 1890); Demmin, Die Kriegswaffen (4. Aufl., das. 1893); Jähns, Handbuch der Geschichte des Kriegswesens (das. 1880); »Zeitschrift für historische Waffenkunde« (Dresd., seit 1897); Frobenius, Der Ursprung der afrikanischen Kulturen (Berl. 1898) und Geographische Kulturkunde (Leipz. 1904); Clephan, The defensive armor and the weapons and the engines of war of mediaeval times and of the Renaissance (Lond. 1900).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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