Granaten


Granaten

Granaten (v. ital. granāta), eiserne, mit Pulver gefüllte Hohlgeschosse, daher häufig gleichbedeutend mit Bomben (s. d.), wie man die aus Mörsern geworfenen G. z. B. in Preußen nannte. Die etwa 1 kg schweren Handgranaten, die von den Grenadieren (s. d.) mit der Hand geworfen wurden, hatten 7,5–8 cm Durchmesser und etwa 65 g Sprengladung. Sie dienten dann, zu 25–30 Stück in einen großen (28–32 cm) Mörser gepackt, zum Rebhühner- oder Wachtelwurf, später Spiegelgranatwurf (daher Spiegelgranaten) genannt, weil in den Kessel des Mörsers ein hölzerner Hebespiegel gelegt wurde, auf welchen die G. kamen. Aus Haubitzen großen Kalibers geworfen, gaben sie den Granathagel. Die G. der gezogenen Geschütze bilden einen durch einen Boden geschlossenen Zylinder aus Gußeisen oder Stahl mit ogivaler oder spitzbogenförmiger Spitze, in deren vorderstem Punkt sich zum Einbringen der Sprengladung und Einschrauben des Zünders (Zündergranate) meist ein Mundloch befindet. Für erstern Zweck gibt es jetzt auch G. mit abschraubbarem Kopf oder Boden. Die zum Durchschießen von Panzerzielen dienenden Panzergranaten (Fig. 1), früher aus Hartguß, jetzt aus geschmiedetem Stahl mit gehärteter Chromstahlspitze, haben volle Spitze, sind etwa 31/2 Kaliber lang und in der Marine bis etwa 455 kg Gewicht in Gebrauch. Zur Führung in den Zügen des Geschützrohrs trägt bei den G. der walzenförmige Teil ein Führungsmittel, bei den ältesten G. aus einem umgegossenen dicken, später (1869) ausgelöteten dünnen Weich- und seit 1872 einem ähnlichen Hartbleimantel (Fig. 2) bestehend. Mit der gesteigerten Geschoßgeschwindigkeit genügten aber diese weichen Führungsmittel nicht mehr, an ihre Stelle traten nach Vavasseurs Vorschlag (1866) Kupferringe und Kupferbänder (Fig. 1). Da mit dem Gewichte der Granate ihre lebendige Kraft und mit der Größe der Sprengladung die Sprengwirkung wächst, so steigerte man nach dem Vorangehen Krupps die Länge der G. und gewann dadurch beides. Man bezeichnet die Länge der Granate abgekürzt nach Kalibern, z. B. L/3,5, d. h. 3,5 Kaliber lang. Um aber noch mehr an Hohlraum zu gewinnen, fertigte man die G. aus Stahl mit dünnerer Wandung und gewann gleichzeitig durch die größere Festigkeit des Geschoßmaterials gegenüber dem Gußeisen viel an Wirkung der Sprengstücke. Nach Annahme des Progressivdralles mußte man das Einschneiden der vordern Kupferringe in die Züge aufgeben und gab dem vordern Kupferband oder -Ring den Durchmesser der Seele zwischen den Feldern mit sehr geringem Spielraum, so daß dieser nur die Zentrierung der Granate zwischen den Feldern übernahm (Zentrierring), während das Kupferband nahe dem Geschoßboden sich in die Züge einpreßt und allein sicher führt (Führungsband). Später hat man den Zentrierring bei den langen G. fortgelassen und gab dem Geschoß eine kleine entsprechende Wulst (Zentrierwulst, Fig. 1).

Fig. 1. 21 cm-Stahlpanzergranate. a Kupferführung, b Zentrierwulst.
Fig. 1. 21 cm-Stahlpanzergranate. a Kupferführung, b Zentrierwulst.

Krupp hat dann auch diese bei den G. L/4 und länger aufgege-

ben. Der zylindrische Geschoßteil hat überall den gleichen Durchmesser und etwa 0,5 mm Spielraum im Rohr. Das Wirkungsfeld der Granate wurde neuerdings eingeschränkt, weil durch das Schrapnellgeschoß jetzt manche ihrer frühern Aufgaben besser gelöst werden. Die Granate hatte den Zweck, feste Ziele möglichst zu zerstören und eine ausgiebige Wirkung gegen lebende Ziele zu äußern. Da letztere Art der Wirkung von der Zahl der Sprengstücke abhing, so entstanden die hierauf abzielenden Konstruktionen der Doppelwand- und der Ringgranate (Fig. 2) für die Feldartillerie, die es hauptsächlich mit lebenden Zielen zu tun hatte. Den Kern der Granate bilden zwölf übereinander liegende, außen tief gezahnte Ringe. Aus demselben Grunde verwendete man das spröde Gußeisen, das zudem billig ist, und versah die G. mit Aufschlagzünder.

Fig. 2. 8 cm-Ringgranate mit dünnem Bleimantel.
Fig. 2. 8 cm-Ringgranate mit dünnem Bleimantel.

Gegen lebende Ziele, besonders wenn sie sich dicht hinter Deckungen befanden, zeigte sich das Schrapnell, das an Stelle des Brennzünders einen Doppelzünder erhalten hatte, bedeutend besser geeignet, und so mußte ihm die Granate ihre Rolle als Hauptgeschoß der Feldartillerie abtreten. Da indessen für das Beschießen lebender Ziele dicht hinter Deckungen die Fallwinkel der Sprengteile des Schrapnells zu spitz ausfallen, führte man eine mit brisantem Stoff geladene Granate ein. Diese (Fig. 3), die bestimmt ist, Ziele dicht hinter Deckungen zu treffen, erhält eine dickere Wand als das Schrapnell, damit die schweren Sprengstücke, wenn der Brennzünder über den Deckungen tätig wird, fast senkrecht dicht hinter diesen aufschlagen. Das Geschoß hat Doppelzünder, ausnahmsweise mit Verzögerung (leichte Haubitze) und ist sonst besonders für Kanonen leichtern Kalibers (Feldkanone, 10 cm-Kanone etc.) zur Ergänzung ihres Schrapnellfeuers geeignet. Während diese G. hauptsächlich für die Feldartillerie bestimmt sind, hatte man bei der andern Aufgabe der G., möglichst zerstörende Wirkung gegen feste Ziele zu äußern, die Fußartillerie im Auge und erhöhte diese Wirkung durch Anwendung brisanter Stoffe als Sprengladung an Stelle des Schwarzpulvers. Der Stoß der Geschützladung brachte aber meist das Springen der G. im Rohr zuwege, bis endlich Mitte der 1880er Jahre es gelang, aus Mörsern, bei denen jener Stoß verhältnismäßig gering ist, mit nasser Schießwolle geladene G. zu verschießen. Derartige G. führte zuerst Italien unter der Bezeichnung Minen- oder Torpedogranaten ein, und Krupp wandte solche G. L/6 aus Mörsern an. Später gelang es dann, andre Brisanzstoffe (Deutschland Pikrinsäure, Frankreich Melinit und Crésylit, England Lyddit etc.) zu benutzen und damit gefüllte G. sogar aus Kanonen zu verschießen. Man verlängerte, damit sie viel Sprengstoff fassen konnten, die G. auf 4,5, ausnahmsweise auf 6 Kaliber und nannte sie Langgranaten (Fia. 4). Die kürzern Sprenggranaten (Fig. 5) traten allmählich an Stelle der Pulvergranaten, die man auch von 2 auf 31/2 Kaliber verlängert hatte. Die Langgranaten hatten meist nur Aufschlag-, die Sprenggranaten Doppelzünder, die auch »mit Verzögerung« zu gebrauchen waren (s. Zündungen), wenn die G. in das Ziel eindringen und dann erst explodieren sollen. Äußerlich erhalten die G. einen gelben Anstrich mit Ausschluß der Zentrierwulst und des Führungsringes; sind sie aber mit der Einrichtung für Zündung mit Verzögerung versehen, so erhalten sie zwischen Zentrierwulst und Führungsring einen schwarzen Anstrich, der mit weißer Ölfarbe die Bezeichnung trägt m. V. Die dünnwandigen G. (Fig. 6) sind durch ihre weite Höhlung zur Aufnahme einer großen Sprengladung und ihren starken Kopf geeignet, in schweren Geschützen gegen sehr widerstandsfähige Ziele verwendet zu werden. Das Geschoß hat für diese Zwecke stets Aufschlagzünder und Aufschlagzünder mit Verzögerung. Diese Granate findet bei allen Geschützen von großer Zerstörungskraft, z. B. schweren Feldhaubitzen, schweren Mörsern, 10 cm-Kanonen etc., Anwendung. G. mit der Bezeichnung »Sprenggranaten« finden sich namentlich noch in ältern Beständen bei der Fußartillerie; sie sind verhältnismäßig kurz, dickwandig und mit Doppelzünder versehen.

Fig. 3. Dickwandige Granate. Fig. 4. 10,5 cm- (Lang-) Granate. Fig. 5. cm- (Spreng-) Granate. Fig. 6. Dünnwandige Granate.
Fig. 3. Dickwandige Granate. Fig. 4. 10,5 cm- (Lang-) Granate. Fig. 5. cm- (Spreng-) Granate. Fig. 6. Dünnwandige Granate.

Den Namen »Langgranaten« führen die G., wenn sie eine Länge von 4, höchstens 41/2 Durchmesser haben und neben einer kürzern Sprenggranate für ein und dasselbe Geschütz vorhanden sind. Die sonst im Gebrauch der Fußartillerie befindlichen schweren Geschütze haben in der Ausrüstung nur die erwähnten dünnwandigen G. mit einer Länge von 4 Kalibern, und somit fallen die frühern Bezeichnungen »Spreng- und Langgranate« fort.

Tabelle

http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.