Nicolai


Nicolai

Nicolai, 1) Philipp, geistlicher Liederdichter, geb. 10. Aug. 1556 in Mengeringhausen, starb 26. Okt. 1608 als Pfarrer in Hamburg. Von ihm rühren her die Lieder: »Wie schön leuchtet der Morgenstern«, »Wachet auf, ruft uns die Stimme« u.a. Er ist auch Verfasser zahlreicher polemischer Schriften gegen die Calvinisten. Vgl. Curtze, Ph. Nicolais Leben und Lieder (Halle 1859); Wendt, Dr. Ph. N. (Hamb. 1859).

2) Christoph Friedrich, Schriftsteller, geb. 18. März 1733 in Berlin, gest. daselbst 11. Jan. 1811, besuchte eine Zeitlang die Schule des Waisenhauses in Halle, dessen pietistische Richtung ihn zum Widerspruch herausforderte, lernte seit 1749 in Frankfurt a. O. als Buchhändler und suchte sich dabei durch ausgebreitete Lektüre, namentlich der englischen Schriftsteller, weiter fortzubilden. Nach seiner Rückkehr nach Berlin (1752) veröffentlichte er ohne Nennung seines Namens eine Schrift, in der er die törichten Angriffe der Gottschedianer gegen Milton zurückwies (1753), dann trat er mit den gleichfalls anonym erschienenen »Briefen über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften« (Berl. 1755; Neudruck von Ellinger, das. 1894) hervor, die sich sowohl gegen Gottsched als gegen die Schweizer Theoretiker wandten, für die Mustergültigkeit der englischen Literatur eintraten und strengere Handhabung der Kritik forderten. Sein Streben führte ihn mit Lessing und Moses Mendelssohn zu gemeinschaftlicher Tätigkeit zusammen, und bald schlossen sich andre an. Die Fortsetzung der mit Mendelssohn begonnenen »Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste«, in der N. seine beachtenswerte »Abhandlung vom Trauerspiel« veröffentlicht hatte (Leipz. 1757–58, 4 Bde.), ihrem Freunde Chr. Felix Weiße in Leipzig überlassend, begründeten beide im Verein mit Lessing die »Briefe, die neueste Literatur betreffend« (Berl. 1759–65, 24 Bde.). Hierauf brachte N. 1765 den Plan einer »Allgemeinen deutschen Bibliothek« zur Ausführung, die er anfangs mit Geschick und Erfolg redigierte, später aber mehr und mehr zum Organ der plattesten Aufklärung machte. Zensurschwierigkeiten, die unter dem Ministerium Wöllner entstanden, veranlaßten N., seine Zeitschrift 1792 mit dem 107. Band eingehen zu lassen; doch erschien eine Fortsetzung u. d. T. »Neue allgemeine deutsche Bibliothek« von 1793–1800 (55 Bde.) in Kiel; erst von Bd. 56 an (1800) wurde sie wieder von N. herausgegeben und schloß 1805. Die Zeitschrift hatte einen sehr ausgedehnten Mitarbeiterkreis (vgl deren Verzeichnis von Partey, Berl. 1842). Von Nicolais eignen Schriften galt seine »Topographisch historische Beschreibung von Berlin und Potsdam« (Berl. 1769; 3. Aufl. 1786, 3 Bde.) für die damalige Zeit als ein Musterwerk; seine »Charakteristischen Anekdoten von Friedrich II.« (Berl. 1788–92, 6 Hefte) waren nicht völlig wertlos. Unter seinen Romanen waren »Leben und Meinungen des Magisters Sebaldus Nothanker« (Berl. 1773–76, 3 Bde.; 4. Aufl. 1799), eine Nachahmung Sternes, als realistische Wiedergabe beengter Lebenszustände und als satirische Tendenzschrift gegen die Herrschaft der Orthodoxie der bedeutendste. In der Satire »Freuden des jungen Werther« (1775) wandte er sich gegen Goethe in dem »Kleinen seinen Almanach« (2 Jahrgänge 1777–78; Neudruck, Berl. 1888) gegen die wiedererwachende Neigung zur Volkspoesie. Seinen literarischen Gegnern ist die »Geschichte eines dicken Mannes« (Berl. 1794, 2 Bde.), ein unsäglich seichtes, unerquickliches Buch, gewidmet. Heftigen Widerspruch zog ihm die breite und eine »Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz« (Berl. 1781; 3. Aufl. 1788–96, 12 Bde.) zu. Sein borniertes Ankämpfen gegen alle neuern Richtungen in der Literatur wurde der Anlaß zu zahlreichen Angriffen gegen ihn, wie sie namentlich von Herder, von Goethe und Schiller in den »Xenien«, von Lavater, Fichte und den beiden Schlegel ausgingen. Die nüchterne Beschränktheit und polternde Rechthaberei des alternden Schriftstellers, der sich gern für den geistigen Erben Lessings ausgegeben hätte, führten schließlich dahin, daß man auch seine wirklichen Verdienste übersah und leugnete. Noch sind seine biographischen Schriften über Ewald v. Kleist (1760), Thomas Abbt (1767), Justus Möser (1797) u.a. zu erwähnen. Seinen Briefwechsel mit Herder veröffentlichte O. Hoffmann (Berl. 1887), R. M. Werner den Briefwechsel mit dem Wiener Staatsrat v. Gebler (das. 1888). Vgl. Göckingk, Nicolais Leben und literarischer Nachlaß (Berl. 1820); Minor, Lessings Jugendfreunde (in Kürschners »Deutscher Nationalliteratur«, Bd. 72); Altenkrüger, F. Nicolais Jugendschriften (Berl. 1894); Schwinger, F. Nicolais Roman »Sebaldus Nothanker« (Weim. 1897).

3) Otto, Komponist, geb. 9. Juni 1810 in Königsberg, gest. 11. Mai 1849 in Berlin, Schüler B. Kleins und Zelters in Berlin, trat daselbst 1833 mit einem von der Singakademie aufgeführten Tedeum zum erstenmal in die Öffentlichkeit. Bald darauf ging er als Organist der preußischen Gesandtschaft nach Rom, wo er noch unter Baini studierte. Der Bühne trat er zuerst nahe als Kapellmeister am Kärntnertor-Theater in Wien im Winter 1837/38, doch schrieb er seine ersten Opern, als er bereits wieder in Italien war (1839–1841 »Enrico II.«, »Rosmonda d'Ingilterra«, »Il templario«, »Odoardo e Gildippe«, »Il proscritto«). Die Italiener hielten ihn für einen echten Italiener. 1841–47 wirkte er als Kapellmeister an der Hofoper in Wien, wo er philharmonische Konzerte ins Leben rief. 1847 zog ihn Friedrich Wilhelm IV. als Dirigent des Domchors und Hofopernkapellmeister nach Berlin, wo kurz vor seinem Tode die Erstaufführung seiner noch jetzt allbeliebten deutschen Oper »Die lustigen Weiber von Windsor« (Text von S. Mosenthal) stattfand, ohne Zweifel eine der besten deutschen komischen Opern überhaupt. Vgl. Mendel, Otto N. (2 Aufl., Berl. 1866); B. Schröder, Otto N., Tagebücher nebst biographischen Ergänzungen (Leipz. 1892).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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