Mittelamerika


Mittelamerika

Mittelamerika, das Übergangsland zwischen Nord- und Südamerika (s. diese Artikel und Karte »Westindien und Mittelamerika«), das sich in der Richtung von NW. nach SO. von der Landenge von Tehuantepec bis zur Landenge von Panama erstreckt, den Stillen Ozean vom Atlantischen (Mexikanischen und Karibischen Meer) scheidet und in seinen geologischen und morphologischen Verhältnissen von Nord- und Südamerika erheblich abweicht, hat ein Areal von 775,000 qkm und 5,3 Mill. Einw. Bei Panama auf 50 km, in Costarica teilweise auf 75 km, am Hondurasgolf auf 260 km und bei Tehuantepec auf 220 km verschmälert, ist es auch in Honduras nur 520 km breit, während die Halbinsel Yukatan (s. d.) ein fremdartiges Anhängsel zu dem langgestreckten Hauptkörper des Landes bildet. Letzterer besteht in seinem Kern aus stark abgeflachten, aus kristallinischen und paläozoischen Gesteinsarten zusammengesetzten Bergrücken, die ostwestlich streichen, in Guatemala in der Sierra de las Minas bis 3000 m, in den Altos Cuchumatanes bis 3700 m aufsteigen und an die sich beiderseits in ihrer Lagerung vielfach gestörte und von zahlreichen Brüchen durchsetzte cretazeïsche und tertiäre Kalk-, Sandstein- und Mergelschichten anlehnen. In südöstlicher Richtung verlaufende Reihen junger, vielfach noch tätiger Vulkane, darunter der Tacana (3990 m), Tajamulco (4210 m), Santa Maria (3768 m, mit starkem Ausbruch 1902), Acatenango (3960 m), Agua (3753 m), Coseguina, Momotombo, Masaya (mit Ausbruch 1902), Orosi, Poas (2711 m), Irazu (3417 m), Turialba (3300 m) und Chiriqui (3437 m), begleiten die Südwestseite. Dahin richtet sich auch der Steilabfall des Landes, so daß dort zwischen hohet. Vorgebirgen, die unmittelbar an den Stillen Ozean treten, nur schmale, mit Lagunen besetzte und mit Mangroven bewachsene, alluviale Küstenniederungen liegen. Die durch Vulkanaufschüttungen abgedämmte Fonsecabai sowie die durch junge Einbrüche gebildete Nicoyabucht, der Golfo Dulce, die Montijobai und der Golf von Panama (s. d.) gliedern hier das Land und gewähren bei Amapala, Punt' Arenas, Santo Domingo und Panama gute Ankerplätze. Der sanfteren Nordostabdachung folgen die Hauptflüsse, vor allem Usumacinta, Hondo, Belize, Motagua, San Juan (der Abfluß des Managua- und Nicaraguasees) und Chagres, durch deren Anschwemmungswirkung sich am Mexikanischen und Karibischen Meer ausgedehntere Waldniederungen ausbreiten. Nur der Hondurasgolf (Golf von Amatique) greift hier tiefer landein, die Chetumal-, Caratasca-, Moskito- u. Chiriquilagune sind seicht, und an guten Ankerplätzen herrscht entlang der ganzen atlantischen Küste Mangel. Die Halbinsel Yukatan (s. d.) ist ein niedriges Tafelland aus tertiärem Kalkstein, mit zahlreichen Höhlen und unterirdischen Gewässern, aber beinahe vollständig ohne oberflächliche Ströme und für den Seeverkehr nur mit schlechten Reeden ausgestattet. Eine Ausnahme bildet der Inselhafen Carmen, an der Laguna de Terminos, nahe der Ansatzstelle der Halbinsel. Verheerende Erdbeben sind an der pazifischen Seite häufig. Die geologischen Verhältnisse ebenso wie die biologischen des Landes und der Meere deuten darauf hin, daß M. vor der mittlern Tertiärzeit zeitweise aus einer Anzahl von Inseln bestand Von 82 bekannt gewordenen Fischfamilien sind an der Landenge von Panama 79 beiden Ozeanen gemeinsam, von 218 Gattungen 170, dagegen finden sich von den 374 pazifischen Arten nur 54 zugleich im Karibischen Meer.

Das Klima ist tropisch, bietet aber je nach der Lage zu den Ozeanen und nach der Höhe große Verschiedenheiten. In der atlantischen Küstenniederung haben Belize und Colon 26,2° mittlere Jahrestemperatur, bis 34,5° im heißesten und bis 15,4, bez. 18,9° im kühlsten Monat, am pazifischen Gehänge San José de Costarica (1135 m ü. M.) 19,6° und Guatemala (1480 m) 18,6° Jahresmittel bei 34,7, bez. 30,8° höchstem und 8,2, bez. 7,6° niedrigstem Extrem. Im höhern Gebirge hat Quezaltenango (2350 m ü. M.) 14,2° Mittel- und -3° niedrigste Temperatur. Schnee fällt auch auf den höchsten Berggipfeln selten, weil der Winter die Trockenzeit ist. An Niederschlägen ist das atlantische Gehänge (Greytown mit 6583 mm, Setal mit 5288 mm, Puerto Simon 3747 mm) ungleich reicher als das pazifische (San José de Costarica 1754 mm, Guatemala 1410 mm). Entsprechend dem zweimaligen Zenitstande der Sonne gibt es zwei regenreiche Jahreszeiten (invierno, Mai bis Juli und September bis November) und zwei Trockenzeiten (verano und veranillo, Dezember bis April und August), die letztern sind aber nur an der pazifischen Seite streng ausgeprägt. Hauptregenbringer ist der Passatwind aus NO. Die Pflanzenwelt lehnt sich eng an die kolumbianische Tropenvegetation an, jedoch mischen sich den tropischen Typen zahlreiche borealsubtropische bei, besonders nördlich von der Talsenke des Nicaraguasees, die als die hauptsächlichste pflanzengeographische Scheidelinie zu gelten hat. Guatemala hat in den Höhen von 2900–3300 m noch ausgedehnte Bestände von Pinus occidentalis, und erst an den Vulkanen in der Umgebung der Fonsecabai findet der nordische Koniferengürtel sein Ende. Die ganze Formenfülle des dichten neotropischen Regenwaldes bietet der Südosten, der namentlich durch zahlreiche Palmen von den Gattungen Bactris, Geonoma, Iriartea, Elaeis, Guilelmia und Chamaedorea sowie daneben durch Farnbäume, Scitamineen, Bromeliazeen, Aroideen und Helikonien ausgezeichnet ist. Auf der ganzen pazifischen Seite ist der Wald entsprechend dem trocknern Klima lichter, und weit verbreitet sind hier Savannen mit zerstreuten Baum- und Strauchbeständen von Mimosen, Guaven, Bombax und Xerophilen. In den Wäldern des Nordwestens sind die Korozopalme (Attalea cohune), der Kautschukbaum (Castilloa elastica), der Mahagoni- (Swietenia umhagoni) und der Kampeschebaum (Haematoxylon campechianum) wichtige Charakterformen. Stark im Vordergrunde stehen im N. auch immergrüne Eichen. Scharf ausgeprägt sind im ganzen Gebiete die Höhenregionen der echt tropischen Küstenniederungen und Fußhügelgegenden (tierra caliente, bis 1000 m), der vorwiegend subtropischen mittlern Gebirgs- und Plateaulagen (tierra templada, bis 2000 oder 2200 m) und der ein borealalpines Pflanzenkleid tragenden höchsten Lagen. Auch hinsichtlich der Tierwelt stellt sich M. viel näher zu Süd-als zu Nordamerika, so daß es als die am weitesten gegen NW. vorgeschobene Subregion der Neotropen bezeichnet werden darf. Von 69 bekannten Säugetiergattungen sind nur zwei Fledermäuse dem Land eigentümlich, während 41 Gattungen allgemein neotropisch sind, nur 5 Gattungen aber neoboreal, 9 allgemein amerikanisch und 12 kosmopolitisch. Stark vertreten sind Fledermäuse (28 Gattungen), Karnivoren (12) und Nager (12), verhältnismäßig schwa ch Affen (5), Insektenfresser (2), Huftiere (2) und Beuteltiere (2). Besonders hervorgehoben seien von südlichen Formen Jaguar, Puma, Ameisenbär, Tapir, Pecari, Paca, Gürtel tier und Faultier, ein nordischer Wolf, Spitzmaus, Hirsch, Hase und Eichhörnchen. Außerordentlich reich ist die Vogelwelt, die 37 eigentümliche Gattungen aufweist, vor allem den farbenprächtigen Quesal (Trogon resplendens), Papageien, Penelopiden, Hokkohühner u. a. Auch Reptilien gibt es viele, darunter die Giftschlangen Bothrops, Lachesis und Crotalus, den Kaiman, verschiedene Iguaniden, Frösche und Kröten. Die Süßwasserfischfauna, ebenso wie die Insekten- und Landschneckenfauna, ist sehr eigentümlich und regional stark abweichend, so daß durch sie die Annahme von der einstigen Zersplitterung des Landes in Inseln eine wichtige Stütze erhält. Weitverbreitet sind pflanzenfressende, nächtliche Landkrabben. In der Bevölkerung hat das Indianerelement noch stärker als in Mexiko das Übergewicht; die Gesamtzahl der unvermischten Weißen wird nur auf etwa 25,000 Köpfe veranschlagt. Neger und Mulatten sind namentlich in Panama und an der atlantischen Küste zahlreich. Politisch zerfällt der Südosten von M. in die sechs selbständigen Republiken Guatemala, Salvador, Honduras, Nicaragua, Costarica und Panama (s. d.), den Nordwesten aber nehmen die mexikanischen Staaten Chiapas, Tabasco, Campeche, Yukatan und Teile von Oajaca und Veracruz (s. d.) sowie Britisch-Honduras ein. Zum Bau und zur militärischen Beherrschung des Panamakanals (s. d.) wurde 1904 von der Republik Panama ein von Ozean zu Ozean reichender Landstreifen nebst den vorgelagerten kleinen Inseln (Perico, Naos, Flamengo, Culebra) an die Vereinigten Staaten von Nordamerika abgetreten. Vgl. außer der Literatur zum Artikel »Amerika«: Reichardt, Centroamerika (Braunschw. 1851); Baily, Description of Central America (Lond. 1850; deutsch, Berl. 1851); Squier, The states of Central America (New York 1858; deutsch von K. Andree, Leipz. 1865); Foledo, Geografia de Centro-America (Guatemala 1874); Polakowsky, Die Republiken Mittelamerikas (in der »Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin«, 1889–91); Keane, Central-America and West-Indies (Lond. 1902); Reisebeschreibungen von Stephens (das. 1842), Dunlop (das. 1847), Byam (deutsch, Dresd. 1850), Scherzer (Braunschw. 1857), Fröbel (Lond. 1859), Marr (Hamb. 1863), Belly (Par. 1867, 2 Bde.), Boyle (Lond. 1868), Morelet (deutsch, Jena 1872), Boddam-Whetham (Lond. 1877), Bovalius (Upsala 1887); Preuß, Expedition nach Zentral- und Südamerika (Berl. 1901) und besonders die zahlreichen Schriften von K. Sapper (s. d.); H. Bancroft, History of Central America (San Francisco 1881–87, 3 Bde.); Haebler, Die Religion des mittlern Amerika (Münster 1899).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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