Mantua


Mantua

Mantua, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Provinz (s. oben), liegt 20 m ü. M. am Mincio, der sich an der Nordseite der Stadt seeartig verbreitert (Lago Superiore, Lago di Mezzo und Lago Inferiore) und sie an der Südseite mit einem von Sümpfen begleiteten Arm umgibt. M. ist eine starke Festung. Die Werke der eigentlichen Stadt bestehen in einer bastionierten Umfassungsmauer. In den westlichen Sümpfen liegt das Hornwerk Pradella, an der Südseite die stark befestigte Insel Cerese, das Fort Miglioretto, das ein verschanztes Lager deckt, ein großes Stauwerk, wodurch das ganze südliche Sumpfland unter Wasser gesetzt werden kann, endlich das starke Außenfort Pietole. Die Nord- und Ostseite wird durch die Zitadelle und das Fort San Giorgio gedeckt, wohin befestigte Dämme (Argine Mulino und Ponte San Giorgio) über den seeartig erweiterten Mincio führen. Infolge ihrer sumpfigen Lage und des schlechten Wassers ist die Stadt sehr ungesund. Unter den öffentlichen Plätzen zeichnen sich aus: die Piazza Virgiliana mit der Büste des Dichters Vergil, die Piazza Sordello mit dem Denkmal der politischen Märtyrer von 1851; die Piazza d'Erbe mit der Statue Dantes. Bemerkenswerte Gebäude sind: der Dom San Pietro, eine fünfschiffige Säulenbasilika aus dem 14. Jahrh., im Innern von Giulio Romano erneuert; die Kirche Sant' Andrea, eins der bedeutendsten Gebäude der Renaissance (1472 nach Albertis Entwürfen begonnen), mit gotischem Backsteinturm und dem Grabmal des Malers Andrea Mantegna; die neue Synagoge (1843); der herzogliche Palast (Corte reale), 1302 erbaut, von Giulio Romano 1525–31 im Innern ausgeschmückt, mit schönen Sälen, prächtigen Decken, Fresken etc.; das Castello di Corte, der älteste Teil des herzoglichen Palastes mit Türmen, im Innern Wandgemälde aus dem Leben Ludwig Gonzagas von Mantegna enthaltend; der vor dem südlichen Tor (Porta Pusterla) gelegene Palazzo del Te (abgekürzt aus Tejetto), nach dem Plan Giulio Romanos erbaut, mit berühmten Fresken dieses Meisters; das Gerichtsgebäude (ehemals Palast Colloredo), das Wohnhaus des Giulio Roman o, zwei Theater etc. Die Stadt besitzt zahlreiche Paläste und Privathäuser sowie Kirchen aus der Renaissancezeit und sechs alte Türme (13.–15. Jahrh.). Die Zahl der Einwohner beträgt (1901) 29,117 (darunter ca. 3000 Juden), die Fabrikation von Ackergeräten, Zündhölzern, Leder, Pelz- und Spielwaren sowie Handel betreiben. M. ist Knotenpunkt der Eisenbahnlinien Verona-Modena und Pavia-Monselice sowie der Dampfstraßenbahnen nach Brescia, Ostiglia, Asola und Viadana. Zu den Verkehrsstraßen gehört auch ein durch die Stadt führender Kanal, der am Ausgang einen Hafen bildet. Von Kunst- und wissenschaftlichen Anstalten besitzt M. eine Akademie (Virgiliana), ein Lyzeum, ein Gymnasium, ein Technisches Institut, eine Technische Schule, ein Seminar, eine öffentliche Bibliothek mit 80,000 Bänden und 1200 Manuskripten, ein Antiquitätenmuseum, 2 Archive, eine Sternwarte, ein chemisches Laboratorium, ein physikalisches Kabinett, einen botanischen Garten, ein mineralogisches Museum. Ferner befinden sich hier ein Militärspital, ein allgemeines Krankenhaus mit Irrenanstalt und Findelhaus, 2 Waisenhäuser und ein Strafhaus. M. ist Sitz der Provinzialbehörden, eines Bischofs u. eines Festungskommandos.

Geschichte. M. ist wahrscheinlich eine etruskische Gründung, kam später in den Besitz der Kelten und von diesen an die Römer. Nach der Auflösung des weströmischen Reiches teilte M. die Geschicke von Oberitalien. Unter der fränkischen und deutschen Herrschaft war es Hauptort einer Grafschaft, die im 10. Jahrh. an das Haus Canossa kam. Nach dem Tode der Markgräfin Mathilde (1115; s. Mathilde 3) erlangte die Stadt munizipale Freiheit und trat 1167 dem lombardischen Städtebund bei. 1236 wurde sie von Friedrich II. erobert, verteidigte sich aber mit Erfolg gegen Ezzelino. Seit 1268 herrschten heftige Kämpfe unter den mächtigen Geschlechtern der Stadt; 1272 bemächtige sich Pinamonte Bonaccolsi der Herrschaft, zunächst mit einem ihm zur Seite gestellten Kollegen, nach dessen Ermordung allein: 1274 wurde er zum Generalkapitän von M. ernannt. Ihm folgte 1293 sein Sohn Bardellone, der 1299 seinem Neffen Guido Bonaccolsi, mit dem Beinamen Bottigella, einem Parteigänger der Ghibellinen, den Platz räumen mußte. Dessen Bruder Rinaldo Bonaccolsi, mit dem Beinamen Passerino (Spätzlein), ward vom Kaiser Heinrich VII. zum Reichsvikar ernannt und eroberte 1313 auch Modena. Nachdem er 1328 bei einem Aufstand gefallen und seine Söhne gefangen genommen waren, übernahm Luigi Gonzaga mit dem Titel eines Capitano die Regierung der Stadt und wurde 1329 von Kaiser Ludwig mit dem Reichsvikariat über dieselbe beliehen. Er wurde Stifter der Dynastie Gonzaga und des Fürstentums M., das ein ansehnliches Gebiet umfaßte. Johann Franz Gonzaga nahm 1425 an dem Bündnis gegen Mailand teil und ward vom Kaiser Siegmund 1432 zum Markgrafen von M. ernannt. Markgraf Friedrich II. erhielt von Karl V. 1530 die Herzogswürde und 1536 das Marquisat Montserrat, das 1574 gleichfalls zum Herzogtum erhoben wurde. Als mit Vincenzo II. 26. Dez. 1627 die italienische Hauptlinie der Gonzaga ausstarb, besaßen die nächste Anwartschaft Ferdinand, Fürst von Guastalla, und Karl Gonzaga, Herzog von Nevers und Rethel, der seinen gleichnamigen Sohn sogleich nach Vincenzos Tode Besitz von dem Herzogtum nehmen ließ. Kaiser Ferdinand II. verhängte hierauf als Lehnsherr das Sequester über M.; der junge Herzog fand jedoch Hilfe in Frankreich und bei Venedig, und so entstand der Mantuanische Erbfolgekrieg. Der Kaiser sprach über Karl die Reichsacht aus, und M. ward 18. Juli 1630 von den Kaiserlichen erstürmt und drei Tage lang furchtbar verwüstet. Wegen der Fortschritte der Schweden in Deutschland entschloß sich jedoch der Kaiser, durch den Frieden von Chierasco 1631 Karl von Nevers als Herzog von M. anzuerkennen, wogegen dieser einen Teil von Montserrat an Savoyen abtreten mußte. Der letzte Nevers, Ferdinand Karl (IV.), wurde, weil er im Spanischen Erbfolgekrieg sich den Franzosen anschloß, vom Kaiser Leopold I. der Felonie schuldig erklärt, worauf Prinz Eugen das Herzogtum bis auf die Hauptstadt besetzte. Unter Joseph I. ganz aus dem Lande vertrieben und 30. Juni 1708 geächtet, starb Ferdinand Karl bald darauf, und nun ward das Herzogtum M. vom Kaiser eingezogen und mit den italienischen Besitzungen des Hauses Österreich vereinigt. Im französischen Revolutionskrieg ergab sich M. nach achtmonatiger Belagerung 2. Febr. 1797 den Franzosen und wurde zur Zisalpinischen Republik geschlagen. Im J. 1799 wurde M. vom Mai bis Juli von dem österreichischen General Kray eingeschlossen und zuletzt vier Tage lang bombardiert, worauf der französische General Foissac-Latour die Stadt an die Österreicher übergab. Im Frieden zu Lüneville kam M. wieder an die Zisalpinische, dann an die italienische Republik und 1805 an das Königreich Italien. 1814 fiel es an Österreich zurück und wurde in das Lombardisch-Venezianische Königreich gezogen. Vom März bis Juli 1848 ward es durch die Piemontesen blockiert, und 18. Juli fand hier eine Schlacht zwischen diesen und den Österreichern statt. Infolge des Friedens von Villafranca (12. Juli 1859) ward es von der Lombardei getrennt und kam zu Venetien, mit dem es endlich 1866 an das geeinigte Italien fiel. Vgl. Volta, Compendio della storia di Mantova (Mantua 1807 bis 1838, 5 Bde.); Graf Arco, Studi intorno al municipio di Mantova (das. 1871–74, 7 Bde.); Hartig, Bonaparte vor M. Ende Juni 1796 (Rostock 1903); B. Schneider, Der Mantuanische Erbfolgestreit (Dissertation, Bonn 1905).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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