Krokodile [1]


Krokodile [1]

Krokodile (Crocodilia, Loricata, Panzerechsen, hierzu die Tafel »Krokodile«), Ordnung der Reptilien, große, eidechsenähnliche Tiere meist mit knöchernen Hautschilden, einfachem Nasenloch, kegelförmigen, in die Kiefer eingekeilten Zähnen, vier kurzen Beinen mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen und langem, seitlich zusammengedrücktem Ruderschwanz. Meist ist bei ihnen der vierte Zahn des Unterkiefers ein großer Fangzahn und greift beim Schließen des weiten Rachens in eine Lücke des Oberkiefers ein. Rippen sind auch an den Halswirbeln vorhanden. Das Brustbein hat häufig eine Verlängerung nach hinten (Bauchsternum), von der gleichfalls kurze Rippen abgehen. Das Kreuzbein wird von nur zwei Wirbeln gebildet. Die rezenten K. haben außer den zwei Lidern noch eine Nickhaut; Nase und Ohren können durch Hautklappen geschlossen werden. Das Herz ist in zwei Vorkammern und zwei Herzkammern völlig getrennt und kommt insofern dem der Warmblüter gleich. Die Harnblase fehlt. Im übrigen s. Reptilien. – Von den drei großen Gruppen der K. ist die der Parasuchier (Parasuchia) ausgestorben, sie lebte in der Trias von Ostindien, Europa und Nordamerika (z. B. Belodon, bis 3 m lang, aus Württemberg, s. Tafel »Triasformation II«, Fig. 8). Ebenso die zweite, die Pseudosuchier (»falsche K.«, Pseudosuchia); hierher Aëtosaurus (s. d. u. Tafel »Triasformation II«, Fig. 5). Die dritte Gruppe, die echten K. (Eusuchia), umfaßt neben mehreren fossilen Familien aus Lias, Jura und Kreide (Gattungen Teleosaurus, Steneosaurus, Plesiosuchus etc.) die lebenden K. Letztere hausen in den großen Strömen der wärmern Klimate; man unterscheidet etwa 25 Arten, die man in 4 oder auch mehr Gattungen und nurll Familien unterbringt: 1) Alligatoren (s. d., Alligatoridae, Kaiman, s. Tafel, Fig. 1), nur in Amerika; 2) Gaviale (s. d., Gavialidae, Fig. 4), in Nordaustralien, auch Borneo und im Ganges; 3) K. im engern Sinne (Crocodilidae, mit Nilkrokodil und Leistenkrokodil, Fig. 2 u. 3), in Afrika, Ostindien, Nordaustralien, Mittel- und Südamerika, namentlich durch den Zahnbau von den Alligatoren und Gavialen unterschieden; die Nackenschilde sind von den Rückenschilden meist getrennt, Bauchschilde fehlen, die Füße haben Schwimmhäute.

Das Panzerkrokodil (Crocodilus cataphractus Cuv.), mit verlängertem Schädel und schmaler Schnauze, etwa 6 m lang, ist braungrün, schwarz gefleckt, unterseits gelblichweiß mit kleinern Flecken, bewohnt sehr zahlreich die größern Flüsse der afrikanischen Westküste vom Senegal bis Gabun, wandert wahrscheinlich in der trocknen Jahreszeit, nährt sich von Fischen und Reptilien, raubt aber Menschen nur, wenn es sie sogleich in tiefes Wasser ziehen kann. Das Weibchen bedeckt seine Eier mit Blättern und andern Stoffen. Man jagt das Panzerkrokodil des wohlschmeckenden Fleisches halber. Das Riesenkrokodil von Madagaskar, C. robustus Cur., 10 m lang, legt seine Eier in eine Grube von 0,6–0,9 m Tiefe, scharrt die Grube zu und schläft nachts auf dem Nest. Die jungen, dem Ausschlüpfen nahen Tiere bringen noch im Ei mit geschlossenem Munde, wie es scheint unter starker Zusammenziehung der Bauchmuskeln, schluchzende Töne hervor, und sobald die Mutter diese Töne hört, scharrt sie die Grube auf, um die Jungen zu befreien. Das Spitzkrokodil (C. americanus Gray), mit verlängerter, schmaler, spitzer Schnauze, 6 m lang, braun mit gelben Zickzacklinien, unten gelb, bewohnt Mittelamerika, Südamerika und Westindien zwischen dem Wendekreis und dem 5. Grad südl. Br., ist an manchen Orten ungemein häufig, nährt sich von Fischen und andern Tieren, die es im Wasser erbeuten kann, ist je nach der Örtlichkeit, in der es wohnt, mehr oder minder gefährlich und greift namentlich im Alter den Menschen an. Einen weißen Reiher, der auf seinem Rücken umherläuft und Nahrung sucht, läßt es unbeachtet. Beim Austrocknen isolierter Wasserbecken vergräbt es sich im Schlamm, erwacht erst wieder in der Regenzeit und wandert dann in Rudeln zum Wasser. Das Weibchen legt gegen 100 Eier in eine Grube, die es sorgfältig bedeckt, soll zur Zeit des Auskriechens der Jungen wieder erscheinen und diese kleinern Wasserbecken zuführen. Das Fleisch wird hier und da gegessen, das Fett arzneilich benutzt. Das Leistenkrokodil (C. porosus Gray, Fig. 3), mit keilförmigem Kopf und zwei auf der Schnauze verlaufenden, perlschnurartig gegliederten Knochenleisten, 10 m lang, gelblichgrün mit dunkeln Flecken, bewohnt alle Gewässer Südasiens, der Inseln von Ceylon bis Neuirland, Neuguineas, der Nordküste Australiens, der Seschellen und Mauritius, geht an den Strommündungen oft mehrere Seemeilen weit ins Meer, ist höchst raubgierig und überfällt von einem Hinterhalt aus die Tiere, die sich dem Wasser nähern, sowie auch den Menschen. Es bewegt sich im Wasser pfeilschnell, auf dem Land aber ist es unbehilflich und ergreift stets die Flucht. Die trockne Jahreszeit verbringt es im Schlamm. An manchen Orten wird das Leistenkrokodil eifrig verfolgt, in Siam ißt man sein Fleisch, an andern Orten wird es als heilig verehrt und in Teichen mit Fischen gefüttert. Das Nilkrokodil (C. niloticus L., Fig. 2), mit weniger spitzem Kopf, wird 6 m lang, ist dunkel bronzegrün, schwarz gefleckt, auf der Unterseite schmutziggelb, findet sich in allen größern Gewässern Afrikas, am reichlichsten wohl in den Binnenseen, im Zerka- und Krokodilsee nahe Cäsarea in Palästina, während es in Ägypten fast ausgerottet ist. Die Eingebornen waren diesen Ungetümen gegenüber so gut wie ohnmächtig, während die Feuerwaffen schnell unter ihnen aufgeräumt haben. Eine Kugel durchbohrt stets den Panzer, tötet das Tier aber nur selten sofort. Es ist im Wasser sehr behend, schwimmt und taucht vortrefflich, bewegt sich auf dem Lande gewöhnlich langsam und schwerfällig, auf der Jagd oder Flucht aber sehr schnell, nur legt es niemals weitere Strecken zu Lande zurück; Gesicht und Gehör des Krokodils sind sehr scharf; auf dem Lande zeigt es sich sehr feig, im Wasser dreist und unternehmend; mit seinesgleichen lebt es gesellig. Allen Tieren, die es bewältigen kann, auch kleinen Krokodilen, bleibt es stets gefährlich; einem Vogel, dem Krokodilwächter (s. d.), gestattet es, auf seinem Rücken Nahrung zu suchen etc. Vor dem Menschen ist es auf der Hut, greift ihn aber im Wasser an und bewältigt ihn sehr leicht. In großer Aufregung stößt es dumpf brüllende Laute aus. Etwa alle 10 Minuten erscheint es an der Oberfläche des Wassers, um zu atmen; mittags sonnt es sich und schläft, oft gesellig, auf einer Sandbank, und mit der Dämmerung beginnt es die Jagd auf Fische und alle zur Tränke kommenden Tiere, selbst Pferde, Rinder und Kamele. Es frißt auch tote Tiere, jagt aber niemals auf dem Land und verläßt ein Wasserbecken überhaupt nur, um sich in ein andres zu begeben; bisweilen wird es daran verhindert, dann bleibt es in der Lache und vergräbt sich endlich, wenn sie austrocknet, bis zur nächsten Regenzeit in den Schlamm. In der Paarungszeit verbreitet das Krokodil starken Moschusgeruch. Das Weibchen legt bis 100 (im Mittel 40–60) Eier von der Größe der Gänseeier, aber mit weicher, rauher Kalkschale, in den Sand, verscharrt sie sorgfältig und soll sie bewachen. Die Entwickelungsdauer beträgt 40 Tage. Die reisen Tiere erzeugen im Ei Töne, ähnlich wie oben beim Riesenkrokodil geschildert (s. S. 727). Die ausgekrochenen Jungen sind 20–28 cm lang, wachsen in der Jugend ziemlich schnell, später aber so langsam, daß man das Alter der großen Tiere auf mehr als 100 Jahre schätzen muß. Man jagt das Nilkrokodil hauptsächlich der Moschusdrüsen halber, deren Inhalt zu Pomaden benutzt wird. Auch das Fleisch duftet nach Moschus, wird aber, wie das Fett, von den Eingebornen sehr geschätzt. Die Eier gelten diesen als Leckerbissen. Manche Teile des Tieres werden noch jetzt wie im Altertum medizinisch benutzt.

Im alten Ägypten war das Krokodil wie alles Schädliche in der Natur dem Seth-Typhon geweiht und wurde an mehreren Orten (Krokodilopolis) verehrt, an andern aber verabscheut und verfolgt. Um dies zu erklären, hat man, was naturwissenschaftlich nicht begründet ist, von zwei Arten gesprochen. Die eine, größere, durch Wildheit und Zerstörungswut ausgezeichnet, das Symbol des bösen Prinzips, wurde in Teichen gefüttert, um den Zorn des bösen Geistes zu besänftigen. Dieses sollte beim Anblick eines Menschen Tränen vergießen und ihn dann sofort fressen (Krokodilstränen); die andre, kleinere Art traf mit Beginn der Nilüberschwemmung ein, galt als Symbol des glückbringenden Prinzips, wurde gezähmt, mit Gold und Edelsteinen geschmückt und sorgsam balsamiert; derartige Mumien finden sich in den Gräbern von Theben, und in einer Höhle bei Monfalut liegen viele Tausende alter und junger K., die, wie auch Eier, sehr einfach balsamiert sind. Das Krokodil versinnbildlicht auch das Reich und die Macht der Ägypter, aber nicht bei diesen selbst. Das Krokodil ist auch der Leviathan der Bibel. Vgl. Strauch, Synopsis der gegenwärtig lebenden Krokodiliden (Petersb. 1866); Rathke, Untersuchungen über die Entwickelung und den Körperbau der K. (Braunschw. 1867).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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