Kochemer Loschen


Kochemer Loschen

Kochemer Loschen (Kochemerloschaun, verderbt Kokumloschen, v. hebr. chacham, klug, und laschon, Sprache), der gaunerklassische Ausdruck für den vollkommenen Begriff der Gaunersprache, d. h. der Sprache des Gauners vom Fach. Gleich klassisch ist der Ausdruck Chessenloschen (v. hebr. chess, klug), auch wohl Chessenkohl (von kol, Stimme, Sprache), davon auch das weniger gebräuchliche Kochemerkohl. Die Ausdrücke: Kochemersprache, Kaloschen- oder Galoschensprache, Jenische Sprache sind keine echten Gaunerausdrücke, sondern von Polizei und Volk gemacht, ebenso Schurersprache (v. zigeunerischen schorr, tschorr [Sanskrit tschora], Dieb), ferner Rotwelsch (s. d.), Mengisch (von Pamphilus Gengenbach eingeführt) u. a. m. Plattenkohl (v. hebr. palat, glatt sein, entkommen) war der jetzt veraltete stehende Ausdruck in der Bande des Balthasar Krummfinger in der Mitte des 18. Jahrh. Im Dreißigjährigen Kriege kam der rein deutsche, aber kurzlebige Ausdruck Feldsprach auf. Die Gaunersprache ist, wie besonders Avé-Lallemants Forschungen erwiesen haben, ihrer Grundlage nach durchaus deutsch. Aber da sie die Sprache eines aus den niedrigsten Elementen, aus Fremden und Einheimischen, aus den Verkommenen aller Stände gemischten Standes und ihr Zweck die Unverständlichkeit für Nichteingeweihte ist, so enthält sie nicht nur eine Menge mundartlicher und aus dem Wortschatz verschiedener Volksgruppen stammender, sondern namentlich auch exotischer und selbstgeschaffener Wörter. Sie erscheint so als eine konventionelle oder gemachte Sprache, im Gegensatze zu einer naturgemäß gewordenen, und zeichnet sich durchgängig durch Scharfsinn und geradezu schöpferische Phantasie, lebhafte Bilder und übermütigen Witz aus. Daher sind ihre eignen Bildungen meist von greifbarer, man möchte sagen ursprachiger Anschaulichkeit, z. B.: Kraut fressen, abkrauten, aus der Gefangenschaft (ins freie Feld) fliehen, ebenso die Krautsuppe essen; Langmichel, Degen; Schwarzreuter, Floh; Windfang, Mantel; stille Marschierer, Läuse; Knackert, Brennholz; Hitzling, Ofen; Rauschert, Stroh; Scheinling, Auge; Krätzling, Dornbusch; Mistkratzer, Huhn; Strohbohrer, Breitfuß, Gans; ausgehemd, ausgepeitscht, u. a. Hier hat sie im Prinzip viel gemein mit den Schöpfungen der Studenten- und Jägersprache, aus denen sie dann auch manches entlehnt hat, wie sie es nicht minder getan hat aus dem andern deutschen Volksgruppen eigentümlichen Wortvorrat, z. B. aus der Bauern-, Schiffer-, Bergmanns-, Handwerker-, Soldaten-, Kellner-, Schinder- und Freudenmädchensprache, welch letztere besonders vom Klerus des Mittelalters mit meistens latinisierenden Bereicherungen versehen worden ist. Die exotischen Lehnwörter stammen aus dem Slawischen, Romanischen, aus der Zigeunersprache; so gehört dieser an: Zink, Nase, Geruch; zinkenen, zu verstehen geben, winken, bezeichnen; davon Zinksleppe, Paß, Steckbrief; matto (Sanskrit matta), betrunken, etc.; das Hauptkontingent aber stellt der jüdisch-deutsche Dialekt. Aus ihm stammen unter andern die Ausdrücke: Massematten, Handel, Diebstahl; acheln, ochel sein (hebr. achal), essen; dabbern, dibbern, medabber sein (hebr. dabar, Wort, reden), reden. Sein Einfluß zeigt sich übrigens vielfach auch im Sprachbau, z. B. er hat meramme (hebr. rama, betrügen) gewesen auf mir, er hat mich betrogen, u. dgl. – Die Grammatik der Gaunersprache beschränkt sich im wesentlichen auf den schon seit langer Zeit gesammelten Wortvorrat, dessen Studium sehr interessant ist, und zu dem Pott (»Die Zigeuner in Europa und Asien«, Bd. 2, Halle 1845) und Avé-LallemantDeutsches Gaunertum«, Bd. 3 u. 4, Leipz. 1862) bis jetzt die vollständigsten Beiträge geliefert haben. Die ersten Spuren eines Vokabulars findet man im Notatenbuch des Kanonikus Dithmar von Meckebach in Breslau um die Mitte des 14. Jahrh. Bemerkenswert ist das Vokabular des Ratsherrn Gerold Edlibach (Zürich 1488) sowie auch das sogar von Luther 1523 herausgegebene »Liber vagatorum«, das (abgesehen von einzelnen originellen und verdienstvollen Sammlungen, wie z. B. Mejer, Grolmann und Zimmermann) die Grundlage aller spätern »rotwelschen« Vokabulare und Grammatiken geblieben und vielfach von unwissenden Epigonen entstellt worden ist. Das merkwürdigste, weil einzige unmittelbar von einem gefährlichen Gauner herrührende Wörterbuch ist die »Wahrhafte Entdeckung der Jauner- oder Jenischensprache von dem ehemals berüchtigten Jauner Kostanzer Hanß. Auf Begehren von Ihme selbst aufgesetzt und zum Druck befördert« (Sulz am Neckar 1791), das sich bei Avé-Lallemant (»Gaunertum«, Bd. 4) vollständig abgedruckt findet. Die namentlich von Thiele aufgestellte besondere »Jüdische Gaunersprache«, die es ebensowenig gibt wie ein besonderes jüdisches Gaunertum, ist eine Verwechselung und Identifizierung des Jüdisch-deutschen Dialekts (s. d.) mit der Gaunersprache. Vgl. noch F. Kluge, Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen (Straßb. 1901, Bd. 1); H. Groß, Das Gaunerglossar der Freistätter Handschrift (im »Archiv für Kriminalanthropologie«, Bd. 4, Leipz. 1900). – Über die gleichfalls häufig mit der Gaunersprache verwechselte Zigeunersprache s. Zigeuner. Vgl. auch Zinken.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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