Kleist


Kleist

Kleist, 1) Ewald Christian von, namhafter Dichter, geb. 7. März 1715 auf dem väterlichen Gut Zeblin unweit Köslin in Pommern, gest. 24. Aug. 1759 in Frankfurt a. O., besuchte das Gymnasium in Danzig und die Universität in Königsberg, ward 1736 dänischer Offizier, 1740 aber von Friedrich II. reklamiert und zum Leutnant beim Regiment des Prinzen Heinrich ernannt. Gleim, der zu jener Zeit in Potsdam lebte, weckte zuerst Kleists dichterische Begabung, und Ramler, den K. 1749 kennen lernte, lehrte ihn die Feile an seine Geisteswerke legen, vielfach freilich ohne Schonung der fremden Eigentümlichkeit. Eine unglückliche Liebe trübte früh die natürliche Heiterkeit von Kleists Gemüt. Nachdem er 1744–1745 den zweiten Schlesischen Krieg mitgemacht, rückte er 1749 zum Stabskapitän auf, und zwei Jahre später erhielt er eine Kompanie. Auf einer Reise in die Schweiz, wo er von Juni 1752 bis Februar 1753 auf Werbung war, verkehrte er freundschaftlich mit Bodmer und Sal. Geßner. Nach einer überstandenen schweren Krankheit hatte er im Mai 1756 eben angefangen, eine Kur in Freienwalde zu gebrauchen, als ihn ein Befehl zum Regiment zurückrief und er ins Feld zog. Schon 1757 ward er zum Major und bald darauf zum Direktor eines in Leipzig errichteten Feldlazaretts ernannt. In letzterer Stadt begann er sein kleines Epos »Cissides und Paches« und gewann unter anderm auch die aufrichtige Freundschaft Lessings, der ihn bestimmte, ein Trauerspiel zu schreiben. Es entstand der Entwurf des »Seneca«, ein Fehlversuch, wofür ihn K. selbst erkannte. Im Mai 1758 folgte K. dem Korps des Prinzen Heinrich, das die Reichsarmee bis hinter Hof zurücktrieb; trotz mehrfacher Zurücksetzung konnte er sich nicht entschließen, seinen Abschied zu nehmen. In der Schlacht bei Kunersdorf 12. Aug. 1759 drang er an der Spitze seines Bataillons gegen eine feindliche Batterie vor, ward an der rechten Hand verwundet, nahm aber den Degen in die Linke und stürmte weiter, als ihm drei Kartätschenkugeln das rechte Bein zerschmetterten. Ohnmächtig blieb K. die Nacht über auf dem Schlachtfeld liegen, wurde von Kosaken ausgeplündert und erst 13. Aug. nach Frankfurt a. O. gebracht. Hier erlag er seinen Wunden und ward von der russischen Garnison ehrenvoll begraben. Kleists reines Gemüt spiegelt sich in allen seinen Poesien, vorzüglich in den Erzählungen: »Die Freundschaft« und »Arist« sowie in dem Idyll »Irin«. Korrektheit des Ausdrucks, glücklich gewählte Bilder, in denen er gewöhnlich die Natur mit frischem Leben zeichnet, sowie Fülle und Wohlklang der Diktion charakterisieren seine Gedichte, unter denen sein beschreibendes Gedicht »Der Frühling« wohlverdienten Beifall errang; es war ursprünglich als Teil eines größern Gedichts: »Die Landluft«, gedacht und erschien zuerst 1749 bloß für Freunde gedruckt, erlebte aber später zahlreiche Auflagen. Außer im beschreibenden Gedicht versuchte sich K. auch in der Fabel, im Idyll und in der Hymne. Seine »Sämtlichen Werke« sind von Ramler (Berl. 1760, 2 Bde.), W. Körte (mit Biographie, das. 1803, 2 Bde.; 5. Aufl. 1853), neuerdings mit den »Briefen von und an K.« von A. Sauer (das. 1884, 3 Tle.) herausgegeben worden. Vgl. Einbeck, Ewald Chr. v. K. (1861); Chuquet, De Ewaldi Kleistii vita et scriptis (Par. 1887).

2) Friedrich Heinrich Ferdinand Emil K., Graf von Nollendorf, preuß. General, geb. 9. April 1762 in Berlin, gest. daselbst 27. Febr. 1823, wurde 1774 Page des Prinzen Heinrich von Preußen und 1778 Offizier, trat 1790 als Quartiermeisterleutnant in den Generalstab und wurde 1803 vortragender Generaladjutant des Königs. Nach der Schlacht bei Jena antwortete er im Auftrage des Königs Napoleon I. auf die durch den General Bertrand gemachten Friedensvorschläge. Ende 1808 bei der neuen Organisation der Armee Kommandeur der niederschlesischen Brigade und 1809 Kommandant von Berlin geworden, befehligte K. 1812 im russischen Feldzug eine Brigade des Yorckschen Korps und nahm als Generalleutnant im letztern auch am ersten Teil des Krieges von 1813 teil. Als preußischer Bevollmächtigter schloß er den Waffenstillstand von Poischwitz (4. Juni) ab, befehligte dann das 2. Korps, das nebst den Garden zum österreichischen Heer in Böhmen stieß, fiel auf dem Rückzug nach der Schlacht bei Dresden über Nollendorf in den Rücken des Feindes, entschied dadurch die Schlacht bei Kulm (s. d.) und wurde zum Grafen von Nollendorf ernannt. Bei Leipzig befehligte er den linken Flügel der böhmischen Armee und kämpfte bei Markkleeberg. Nach der Schlacht mit der Blockade von Erfurt beauftragt, nahm K. durch Konvention die Stadt, übergab die Einschließung der Zitadellen dem General Dobschütz und folgte der Armee nach Frankreich, wo er 14. Febr. 1814 in die Niederlage bei Etoges verwickelt wurde, aber bei Laon 9. und 10. März wesentlich zum Siege beitrug. Nach der Schlacht bei Paris (30. März) ward K. von den verbündeten Monarchen nach England zu Ludwig XVIII. gesandt, der König ernannte ihn zum General der Infanterie und verlieh ihm als Dotation die Domäne Stötterlingenburg im Fürstentum Halberstadt. Beim Ausbruch des Krieges von 1815 führte er das norddeutsche Armeekorps, trat aber bald krankheitshalber zurück, erhielt das Generalkommando der Provinz Sachsen, zog sich jedoch 1821 vom aktiven Dienst zurück und ward bei seiner Entlassung Generalfeldmarschall. Ihm zu Ehren heißt seit 1889 das 1. westpreußische Grenadierregiment Nr. 6 Grenadierregiment »Graf K. von Nollendorf«. Sein Bildnis s. Tafel »Feldherren des Deutschen Befreiungskrieges I« (Bd. 4).

3) Heinrich von, hervorragender deutscher Dichter, ein Verwandter von K. 1), geb. 18. Okt. 1777 in Frankfurt a. O., gest. 21. Nov. 1811 am Wannsee bei Potsdam, Sohn eines preußischen Offiziers, verlor bereits früh seine Eltern, den Vater 1788, die Mutter 1793; nach deren Tod übernahm eine Tante, Frau v. Massow, die Führung des Haushaltes; Kleists Herzen am nächsten stand seine Stiefschwester Ulrike (geb. 1774). Zuerst in seiner Vaterstadt durch Privatunterricht herangebildet, wurde K. 1788 in Berlin dem Prediger Catel in Pension gegeben, bei dem er sich eine ausgezeichnete Kenntnis der französischen Sprache erwarb. Den Überlieferungen seiner Familie folgend, trat K. im Dezember 1792 in das Heer ein (1. Garderegiment), wurde zunächst Gefreiter-Korporal, war als solcher in den nächsten Jahren an den kriegerischen Operationen am Rhein beteiligt und schloß hier Freundschaft mit Fouqué, wurde 14. Mai 1795 zum Fähnrich befördert, kehrte nach Potsdam zurück und rückte hier 7. März 1797 zum Sekondeleutnant auf. Unbefriedigt von dem Dienst und von heißem Bildungstrieb erfüllt, nahm K., dessen Seele 1798 durch die erste Liebe, zu Fräulein Luise v. Linkersdorf, erschüttert worden war, 4. April 1799 seinen Abschied aus der Armee und begab sich in seine Vaterstadt, um sich an der dortigen Universität dem Studium der Mathematik, Philosophie und Kameralwissenschaften zu widmen. Den Freuden des Studentenlebens blieb er fern; in ungestümem Eifer die Gefahren der Überbürdung und Zersplitterung nicht erkennend, gewann er auch zur Wissenschaft kein freies und glückliches Verhältnis. Aber eine tiefe Wandlung erfuhr Kleists Seelenleben durch die Liebe zu Wilhelmine v. Zeuge, der Tochter des im Februar 1799 als Chef des dortigen Infanterieregiments nach Frankfurt versetzten Obersten v. Zeuge, die des Jünglings Gefühle aufrichtig erwiderte und bewundernd zu ihm emporschaute, während er ihr gegenüber in oft fast befremdender Weise den belehrenden Hofmeister spielte. Nach drei in Frankfurt verbrachten Studiensemestern zog K. 14. Aug. 1800 nach Berlin, in der Hoffnung, in der Zoll- und Steuerverwaltung oder auch in der Königlichen Seehandlung eine Anstellung zu erhalten. Doch zunächst reiste er in Begleitung seines edlen Freundes Brockes nach Würzburg, wahrscheinlich, um in der dortigen Klinik von einem Leiden, das sein Gemüt verdüsterte, Heilung zu suchen (vgl. Morris, H. v. Kleists Reise nach Würzburg, Berl. 1899); auf der Hinreise ließ er sich in Leipzig unter falschem Namen immatrikulieren. Bald nach seiner Rückkehr, 28. Okt. 1800, scheint K. für einige Monate als Volontär im Handelsressort des Ministeriums beschäftigt worden zu sein; seine Stimmung war heiter, zumal ihn der Verkehr mit den Freunden Brockes, Rühle v. Lilienstern, Ernst v. Pfuel und Graf Alexander zur Lippe beglückte.

Erst um das Jahr 1800 erwachte Kleists poetisches Talent; bereits in Würzburg beschäftigte ihn der Plan der »Familie Schroffenstein« und auch wohl schon der des »Robert Guiscard«. Mit Leidenschaft bohrte er sich in die Probleme des Lebens hinein; auf Reisen und dann in der Zurückgezogenheit eines weltfremden idyllischen Milieus wollte er seinen Geist bereichern und den tiefsten Grund seines Ichs entdecken. Ende April 1801 brach K. in Begleitung der geliebten Schwester Ulrike von Berlin auf, um sich nach kurzem Aufenthalt in Dresden, Leipzig, Halberstadt (wo er den alten Gleim besuchte), Kassel, Frankfurt und Straßburg nach Paris zu begeben, wo er kurz vor dem Nationalfeste des 14. Juli eintraf. Aber dem harten Ostelbier war das Treiben, das er hier beobachtete, zuwider, er faßte tiefe Abneigung gegen die Franzosen, und, einseitig nach innen lebend, blind für die große Kultur der Weltstadt, beschloß er, sich als einfacher Landmann in der Schweiz niederzulassen, um dort (Jahrzehnte vor Tolstoi!) das Rousseausche Naturideal zu verwirklichen. Im Dezember 1801 traf der Dichter in Basel ein; Ulrike kehrte heim. Aber K. fand nicht, was er suchte. Wohl bot ihm in Bern die Freundschaft mit Heinrich Zschokke, Ludwig Wieland, dem Sohne des »Oberon«-Dichters, und Heinrich Geßner, dem Sohne des Idyllendichters, anregende Stunden, wohl befand sich das Häuschen auf dem Delosea-Inseli (am Ausfluß der Aare aus dem Thuner See), das K. mietete, in entzückender Lage, wohl erfrischte ihn die naive Natur seiner Wirtstochter, die hier lange seinen einzigen Umgang bildete, aber der Bruch mit Wilhelmine v. Zeuge, den K. selbst durch seinen Brief vom 20. Mai 1802 herbeiführte (sie lehnte es ab, ihm als Bauersfrau in die Schweiz zu folgen), und die unablässigen Aufregungen des in grüblerischem Ehrgeiz sich einsam zermarternden Dichters zerrütteten seine Gesundheit. Freunde brachten ihn im Sommer nach Bern in ärztliche Obhut; im Oktober eilte Ulrike herbei. Im November 1802 weilte K. in Jena und Weimar, wo er Goethe kennen lernte und glänzende Aufnahme bei Wieland fand, als dessen Gast er bis Ende Februar 1803 in Oßmannstedt blieb. Mehrere Monate verbrachte der Dichter in Leipzig, 13. Juni traf er in Dresden ein, wo er mit den alten Freunden Fouqué, Rühle und Pfuel zusammen lebte, aber lebensmüde und geistig bankrott erschien. Um ihm zu helfen, erbot sich Pfuel zum Reisebegleiter nach der Schweiz und Oberitalien; aber unbefriedigter Ehrgeiz verdüsterte auch hier das Gemüt des Kranken. »Wie von der Furie gepeitscht« eilte er mit dem Freund im Oktober 1803 nach Lyon und Paris, verbrannte hier in einem Wahnsinnsanfall das Manuskript des fast vollendeten »Guiscard«, begab sich, Pfuel entfliehend, ohne Paß nach Nordfrankreich, um sich für das französische Heer anwerben zu lassen, ward aber von einem Bekannten auf die Gefahr seiner Lage aufmerksam gemacht und bestimmt, von dem preußischen Gesandten in Paris einen Paß zu erbitten, den dieser aber direkt nach Potsdam ausstellte. Nach Deutschland zurückgekehrt, verblieb K. zunächst wegen eines schweren Nervenleidens fünf Monate in Mainz, im Frühjahr 1804 wurde er bei einem Pfarrer in der Nähe von Wiesbaden untergebracht, und nachdem er noch den Versuch gemacht hatte, sich als Tischler zu verdingen, traf er im Juli, leidlich genesen, wieder in Potsdam ein.

Kleists erstes Werk: »Die Familie Schroffenstein« (Bern 1803), hatte ursprünglich den Titel »Familie Ghonorez« und wurde erst nachträglich auf Ludwig Wielands Rat und zum Teil von diesem selbst in die jetzige Fassung gebracht (die ältere Form, hrsg. von E. Wolff, in Hendels »Bibliothek der Gesamtliteratur«, Nr. 1643); es ist in Einzelheiten genial und durchgreifend, vielfach aber noch unreif, unselbständig und fremdartig. Die von E. Wolff herausgegebenen »Zwei Jugendlustspiele« (Oldenb. u. Leipz. 1898) rühren nicht von K. her, sondern sind klägliche Machwerke Ludwig Wielands. Dagegen ist der durch ein Bild angeregte, in der Hauptsache 1803 geschriebene, aber erst 1811 veröffentlichte »Zerbrochene Krug« eines der bedeutendsten Lustspiele der deutschen Literatur; es ist durch Lebensfülle und-Wahrheit, köstlichen Humor, höchst eigenartige, nur selten etwas schleppende Führung der Handlung, ausgezeichnete Charakterzeichnung und treffliche Milieuschilderung in gleicher Weise bemerkenswert. Und nicht minder vollendet in seiner Art ist das vom »Robert Guiscard« gerettete Fragment (zuerst veröffentlicht im »Phöbus« 1808), das durch den meisterhaften Stil und durch die majestätische Größe des Helden an die ersten Muster tragischer Kunst gemahnt.

Um die Mitte des Jahres 1804 bewarb sich K. auf Anraten seiner Freunde wieder um eine Staatsanstellung; er wurde im Auswärtigen Amt beschäftigt und um die Jahreswende nach Königsberg versetzt, wo er sich mit größerer Freiheit der Seele als zuvor seiner poetischen Produktion widmen konnte, mit dem Dichter F. A. v. Stägemann bekannt wurde und außer dem Freunde Pfuel auch seine einstige Braut Wilhelmine, die sich mit dem Philosophie-Professor Krug verheiratet hatte, wiedersah. Von der Königin Luise war ihm eine Jahrespension von 60 Louisdor ausgesetzt worden. Seine Gesundheit blieb schwankend; das Seebad in Pillau, das er 1806 besuchte, brachte ihm keine Erleichterung. Tief bewegte ihn die nationale Not; wie ihn schon Österreichs Mißgeschick bei Austerlitz erschüttert hatte, so vollends Preußens Zusammenbruch nach der Schlacht bei Jena; aber er ließ zunächst den Mut nicht sinken und bewunderte den Heldensinn der Königin Luise. Im Januar 1807 verließ K. Königsberg, um in Dresden die Drucklegung mehrerer seiner Werke zu überwachen; aber in Berlin wurde er mit zwei Bekannten von den französischen Behörden als angeblicher Spion verhaftet und nach dem Fort de Joux bei Pontarlier nahe der Schweizer Grenze gebracht, wo er 5. März 1807 eintraf und erst 13. Juli nach langen Remonstrationen befreit wurde. Ende August war K. in Dresden, wo er einer verhältnismäßig ruhigen und glücklichen Zeit entgegenging. Er traf hier wieder mit Rühle und Pfuel zusammen und wurde mit dem Naturphilosophen G. H. v. Schubert und dem romantischen Publizisten Adam Müller genauer bekannt, oberflächlicher auch mit den Brüdern Schlegel, Varnhagen v. Ense, Dahlmann und Ludwig Tieck. Zahlreiche Dichtungen veröffentlichte K. in der von ihm während des Jahres 1808 herausgegebenen Zeitschrift »Phöbus«, mit der er jedoch trotz namhafter Mitarbeiter (Goethe, auf den er gerechnet hatte, hielt sich unfreundlich zurück) keinen äußern Erfolg erzielte. Auch eine Buchhandlung, die er mit Rühle und Pfuel ins Leben rief, scheiterte. Neue Liebeshoffnung erfüllte Kleists Herz, als er in dem Hause Gottfried Körners dessen Pflegetochter Juliane Kunze kennen lernte, die zwar des Dichters Gefühl erwiderte, aber sich doch nach einiger Zeit verletzt von ihm abwandte. In heftige Erregung versetzten ihn die Ereignisse des politischen Lebens: hatte ihn bereits der Erfurter Kongreß (September und Oktober 1808) mit Bitterkeit erfüllt, so entfachte der Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Österreich im Frühjahr 1809 seine nationale Leidenschaft zu heller Glut; am 29. April verließ er die Hauptstadt des mit Frankreich verbündeten neuen Königreiches Sachsen.

Die Jahre 1804–09 waren für K. an poetischen Erträgnissen überaus reich. Seine geistvolle Neubearbeitung des Molièreschen »Amphitryon« (Dresd. 1807) bietet eine Umdeutung der Fabel ins Christliche: Alkmene erscheint als eine zweite Jungfrau Maria und Juppiters Besuch wird aus einem leichtfertigen Abenteuer zur göttlichen Begnadigung (über das Verhältnis zu Molière vgl. Ruland, Kleists »Amphitryon«, Dissert., Rost. 1897). In dem Trauerspiel »Penthesilea« (Tübing. 1808), das des Grauenvollen und Furchtbaren fast zu viel bietet, schildert der Dichter in gewaltiger Darstellung den Übergang von Liebe zu Haß in der Brust der Amazone und die erschütternde Reaktion, die sie erfährt, nachdem sie ihr Liebstes getötet hat; zugleich spiegeln sich in dem Werke Kleists eigne Erfahrungen, die er bei der Entstehung seines Lieblingswerkes, »Robert Guiscard«, gemacht hatte. Die langsam vorrückende Handlung des Stückes ist durch große Anschaulichkeit einzelner Gemälde ausgezeichnet, die Charakterzeichnung der beiden Hauptpersonen ist tief, aber von fast abstoßendem Realismus, der Stil bildkräftig, aber auch nicht frei von Übertreibungen. Die Sympathien weiter Kreise erwarb sich K. durch sein Ritterschauspiel »Das Käthchen von Heilbronn« (Berl. 1810), dessen Konzeption mit Kleists Liebesbeziehungen zu Julie Kunze in innerer Beziehung steht. Unter Anlehnung an eine Ballade Bürgers und eine solche aus Percys »Relics of ancient English poetry« sowie an Schuberts mystische Naturphilosophie, ersann K. eine Handlung von unvergleichlichem romantischen Liebreiz, die trotz des bedenklichen (wahrscheinlich erst nachträglich eingeführten) Schlusses alle Herzen gefangen nimmt; dabei ist dem Dichter die Milieuschilderung ebenso vortrefflich gelungen wie die Charakterzeichnung, und in der Hauptfigur schuf er eine Frauengestalt, deren poetische Weihe fast an Goethes Kunst gemahnt. Nicht minder groß zeigte sich K. in seinen Erzählungen, unter denen »Das Erdbeben von Chili«, »Die Marquise von O.«, »Die Verlobung in St. Domingo«, vor allem aber »Michael Kohlhaas«, die tragische Geschichte des beleidigten und verirrten Rechtsgefühls, hervorragen. K. fesselt in diesen Werken ebensosehr durch die Wahrheit und Tiefe der Seelenschilderung wie durch die erschütternden Schicksalswendungen; das erzählende Element kommt fast ausschließlich zur Geltung, Reflexionen und lyrische Ergüsse sind fern gehalten, nirgends treten ermüdende Beschreibungen hervor, und dennoch erzielt der Dichter eine fast greifbare Anschaulichkeit der Darstellung, die ihresgleichen sucht; auch der spröde periodenreiche und von Sonderlichkeiten nicht freie Stil ist ausdrucksvoll und bedeutend.

Nach dem Abschied von Dresden begab sich K. in Begleitung Dahlmanns nach Prag, vernahm mit Jubel die Nachricht von dem Siege bei Aspern, mit Schmerzen die von der Niederlage von Wagram, erbat, von Krankheit und Schulden bedrückt, den Beistand der Schwester Ulrike, erschien im November 1809 in der Heimatstadt, hielt sich im Dezember und Januar in unbekannter Absicht in Gotha und Frankfurt a. M. auf und ließ sich im Februar 1810 in Berlin nieder, wo er bis zu seinem frühen Lebensende verblieb. Hier trat er in die von Achim v. Arnim u. Adam Müller begründete Christlich-deutsche Tischgesellschaft, welche die besten und tüchtigsten Vaterlandsfreunde in sich vereinte und der opportunistischen Politik des Staatskanzlers Grafen von Hardenberg entgegenarbeitete. K. gab vom 1. Okt. 1810 ab die im Sinne dieses Kreises gehaltenen »Berliner Abendblätter« heraus, bis sie Ende März 1811 von der Regierung unterdrückt wurden; er widmete sich dieser Arbeit mit dem hingebenden Fleiß und der ganzen Energie seiner feurigen Natur. Das Scheitern des Unternehmens war für ihn ein schwerer Schlag. Aber schon vorher hatte ihn ein noch schwererer getroffen: der am 19. Juli 1810 erfolgte Tod seiner hohen Gönnerin, der Königin Luise. Damit verlor K. auch seine kleine Pension, und, aller Mittel beraubt, entschloß er sich schweren Herzens, bei dem König um Wiederanstellung im Militärdienst einzukommen, den er vor mehr als 11 Jahren verlassen hatte; aber K. war so arm, daß er nicht einmal die zu seiner Equipierung erforderlichen 20 Louisdor aufbringen konnte; überdies erschien ihm die naheliegende Möglichkeit, als preußischer Offizier unter Napoleons Oberherrschaft ins Feld ziehen zu müssen, unerträglich. Zu alledem kamen noch Herzenswirren, die nicht völlig aufgeklärt sind: es ist möglich, daß K. zu Maria v. K., der Gattin eines Vetters, in nähere Beziehungen getreten war, die sein Leben erschütterten; jedenfalls verknüpfte ihn ein sonderbares Liebesband mit Henriette Vogel, der leidenden Gattin des Rendanten Louis Vogel in Berlin, der gegenüber er vielleicht ritterliche Pflichten zu erfüllen hatte, die seinem Gefühl widersprachen. Nachdem er noch in Frankfurt eine höchst kränkende Familienszene erduldet hatte, in der ihn selbst Ulrike mit bittersten Vorwürfen überhäufte, erschoß er Henriette und sich 21. Nov. 1811 an den Ufern des Wannsees in der Nähe von Potsdam. Hier ist auch seine letzte Ruhestätte, die 1904 von dem Prinzen Friedrich Leopold (s. Friedrich 65), dem Besitzer des Grund und Bodens, der deutschen Nation zu eigen gegeben wurde. Erst zehn Jahre nach Kleists Tod erschienen in den von Tieck herausgegebenen »Hinterlassenen Schriften« (Berl. 1821), die Meisterwerke seiner letzten Jahre: »Prinz Friedrich von Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, die im engern Kreise seiner Bekannten meist ebenso teilnahmlos aufgenommen worden waren wie die Mehrzahl seiner andern Werke von dem großen Publikum seiner Zeit. Den vielbehandelten Stoff der »Hermannsschlacht« (vgl. Riffert, Die Hermannsschlacht in der deutschen Literatur, Dissert., Leipz. 1887) belebte K. dadurch, daß er in ihm die modernsten Zeitverhältnisse spiegelte, unter den Römern die Franzosen, unter den zu Hermann und Marbod stehenden Germanen die Preußen und Österreicher verstand und zahlreiche Anspielungen auf die Rheinbundfürsten, den Tugendbund etc. anbrachte; vor allem aber tränkte er den Stoff mit seinem eignen Herzblut, er schrieb ein nationales Tendenzgedicht. Seine Helden sind durchaus keine blassen Idealgestalten, sein Hermann ein verschlagener Fanatiker, Thusnelda von weiblicher Schwäche und brutaler Grausamkeit nicht frei; auch sonst fehlt es nicht an barbarischer Härte, und der Stil des Werkes ist ungleich; aber die wohlgebaute Handlung ist wie im ganzen zündend, so im einzelnen von poetischer Kraft. Am vollkommensten verkündet sich Kleists Eigenart in dem »Prinzen von Homburg«, einem Werk, das den großen Gegensatz zwischen soldatischem Pflichtgefühl und der Neigung des Herzens meisterhaft verkörpert, in der Figur des Kurfürsten eine geschlossene Gestalt von Shakespearescher Größe aufstellt, den soldatischen Geist seiner Umgebung unübertrefflich schildert und in der Person des Prinzen die große Entwickelung von somnambuler Träumerei bis zur Todesbereitschaft und unbedingter Anerkennung der Staatsräson in packender Handlung und glänzendem Stil ergreifend vorführt.

Kleists Dichtung ragt durch Wahrheit und Größe über die aller seiner Zeitgenossen empor; aber sie hält sich nicht frei von dem Abschreckenden und Fürchterlichen, sie führt oft hinüber in das Gebiet dunkler und krankhafter Seelenregungen und ermangelt der Schönheit und Abtönung, auf die das an Goethes Dichtung herangebildete Geschlecht den größten Wert legte; erst eine spätere Zeit ist ihm gerecht geworden, wohl einsehend, daß die Nachwelt gut machen müsse, was die Mitwelt an dem von tragischen Lebenswirren zermarterten Dichter gesündigt hatte. Die »Gesammelten Schriften« Kleists wurden zuerst von Ludwig Tieck herausgegeben (Berl. 1826, 3 Bde.; revidiert von Julian Schmidt, zuletzt 1891, 2 Bde.), von Heinr. Kurz (Hildburgh. 1872, 2 Bde.), von A. Wilbrandt (Berl. 1879), von Grisebach (Leipz. 1884, 2 Bde.), gut von Zolling (Stuttg. 1884), ferner von Muncker (das. 1884, 4 Bde.; neue Ausg. 1893), am besten, im Verein mit R. Steig und G. Minde-Pouet von Erich Schmidt (Leipz. 1904 ff., 5 Bde.; mit vollständiger Sammlung der Briefe); ein Abdruck der »Abendblätter«, früher ungenau und fragmentarisch als »Politische Schriften« von Köpke herausgegeben (Berl. 1862), wird von Steig vorbereitet. Briefe Kleists wurden von E. v. Bülow (»Kleists Leben und Briefe«, Berl. 1848), Koberstein (»Kleists Briefe an seine Schwester Ulrike«, das. 1860), Rahmer (dieselben, das. 1904), Zolling (in »H. v. K. in der Schweiz«, Stuttg. 1882) und K. Biedermann (»H. v. Kleists Briefe an seine Braut«, Bresl. 1883) veröffentlicht. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Klassiker des 19. Jahrhunderts« (S. 96 dieses Bandes). Vgl. Wilbrandt, Heinrich v. K. (Nördling. 1863); H. v. Treitschke, Historisch-politische Aufsätze, neue Folge, Bd. 2 (Leipz. 1870); Brahm, Heinrich v. K. (3. Aufl., Berl. 1892); Bonafous, Henri de K., sa vie et ses œuvres (Par. 1894); Minde-Pouet, H. v. K., seine Sprache und sein Stil (Weim. 1897); R. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe (Berl. 1901, wertvoll) und Neue Kunde zu H. v. K. (das. 1902); F. Servaes, H. v. K. (Leipz. 1902); Rahmer, Das Kleist-Problem (Berl. 1903); Bertold Schulze, Neue Studien über H. v. K (Heidelb. 1904); Wukadinović, Kleist-Studien (Stuttg. 1904); W. Hegeler, Kleist (Berl. 1904).

4) Hans Hugo von, s. Kleist-Retzow.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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