Kabbăla


Kabbăla

Kabbăla (hebr., »Überlieferung«, »empfangene Lehre«), in der talmudischen Zeit die neben dem schriftlichen Gesetz der Juden hergehende Tradition, die halachische Überlieferung, das mündliche Gesetz, dann auch die Gesamtheit der prophetischen Schriften der Bibel. Jetzt versteht man unter K. die mystische Religionsphilosophie des jüdischen Mittelalters, die aus der ältern Geheimlehre hervorging und sich vom 13. Jahrh. n. Chr. an zu einem eignen System ausbildete. Letztere, aus dem Streben, die tiefsten Fragen über Gott und Welt zu lösen, entstanden, vereinigt Elemente der jüdisch-hellenistischen Geistesrichtung und der orientalischen Emanationslehre. In phantastischen Bildern und Ausdrücken wurden früh schon metaphysische Betrachtungen (über Gott, sein Wesen und Wirken, seinen Thron und Hofstaat [Maasse merkaba]) und physische (über Welt und Schöpfung [Maasse bereschit]) angestellt; aber diese Lehre, die leicht gefährlich werden konnte, ward geheimgehalten. Sie drang ein in die Schriften jüdischer Gelehrten und machte sich in einer Reihe selbständiger Werke geltend, deren Verfasser sich nicht nennen, aber zur Erhöhung des Wertes ihrer Schriften irgend einen großen Gelehrten als Autor vorschieben. So war es bereits mit den ältern kabbalistischen Büchern, Jezirah (s. d.), Rasiel, Bahir, geschehen, und so geschah es auch mit dem Buch Sohar (s. d.), dem Hauptwerk der K. Wie in diesem Buch, so zeigt sich die K. überhaupt als eine religionsphilosophische Exegese, die in haggadischer Form mit Buchstaben- und Zahlenspielerei und neben den Erörterungen natürlicher und übernatürlicher Fragen auch mit Moral und mit den jüdischen Legenden, Allegorien und Sentenzen sich beschäftigt. Nach der Kulturepoche der jüdischen Literatur des Mittelalters (15.–16. Jahrh.) verflachte sich, zuerst in Palästina (s. Sabbatäer) und Italien, das literarische Leben im Studium der K., die dann in Deutschland und bis auf unsre Zeit in Polen (s. Chassidim) begeisterte Anhänger fand. Die Theorien der K. suchte man auch praktisch zu verwerten und glaubte durch Amulette, Aussprechen und Schreiben gewisser Wörter, der Gottesnamen und Bibelstellen Wundertaten verrichten zu können. Auch Christen, durch den Scholastiker Raimund Lullus (geb. 1253) auf die K. hingewiesen, wie Papst Sixtus IV., Johannes Pico von Mirandola, Reuchlin, Agrippa von Nettesheim, Knorr o. Rosenroth u. a., machten sie zum Gegenstand der Forschung. Vgl. Bloch, Geschichte der Entwickelung der K. (Trier 1894); Artikel »Cabala« in »The Jewish Encyclopedia«, Bd. 3 (New York 1902), wo die gesamte Literatur verzeichnet ist, und E. Bischoff, Die Kabbalah, Einführung in die jüdische Mystik und Geheimwissenschaft (Leipz. 1903). Die kabbalistischen Schriftsteller s. Jüdische Literatur, S. 346 s. – K. heißt auch die dem Schächter (Schochet) nach abgelegter Prüfung von dem Rabbiner erteilte Befugnis zum Schächten (Schlachten des Viehes nach jüdischer Vorschrift).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Kabbala — • It primarily signifies reception, and, secondarily, a doctrine received by oral tradition Catholic Encyclopedia. Kevin Knight. 2006. Kabbala     Kabbala      …   Catholic encyclopedia

  • KABBALA — Hebraeis dicta est lex non scripta, sed per traditionem πατροπαράδοτον ad posteros propagata; a voce Kibbel, i. e. accipere. Sentiunt enim, Verbum Dei s. Legem, iam ab ipsis Mosis temporibus duplicem esse, unam scripto traditam, quam vocant Thora …   Hofmann J. Lexicon universale

  • Kabbala — may refer to; *Kabbala Village, in the Karnataka State of India *Kabbalah, is a religious philosophical system claiming an insight into divine nature …   Wikipedia

  • Kabbăla — (hebr., genauer Kabāla, d.i. die empfangene Lehre), 1) die Geheimlehre der Juden, welche sich bis zum 12. Jahrh. allmälig zu einer eigenen Schule u. Literatur ausgebildet hatte. Die ersten Elemente derselben zeigen sich schon im Persisch… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Kabbala — Kabbăla (hebr., »Überlieferung«), die Geheimlehre der Juden, eine mystische Religionsphilosophie, die sich im Anschluß an die orient. Emanationslehre mit dem geheimen Sinn des Gesetzes, den magischen Kräften gewisser Namen etc. beschäftigt. Das… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Kabbala — Kabbala, eine rabbinische Geheimlehre, die in dem Zahlenwerthe der hebräischen Buchstaben, sowie in deren Versetzung, tiefsinnige Offenbarungen erblickt und Alles mystisch deutet und auslegt. Diese Lehre fand viele Anhänger; Einige behaupteten,… …   Damen Conversations Lexikon

  • Kabbala — (vom hebr. kabal = auffangen, empfangen, daher K. = die empfangene, näher die mündlich überlieferte Lehre), die mystische Religionsphilosophie der Juden. Dieselbe soll sich auf die Uroffenbarung Gottes an die Menschen im Paradiese stützen, welche …   Herders Conversations-Lexikon

  • Kabbala — Baum der Sephiroth Die Kabbala (auch Kabbalah) ist die mystische Tradition des Judentums. Sie wird seit Pico della Mirandola auch in nichtjüdischen Kreisen fortgeführt. Die Wurzeln der Kabbala finden sich in der Tora, der Heiligen Schrift des… …   Deutsch Wikipedia

  • Kabbala — or Cabbala Jewish mysticism as it developed in the 12th century and after. Essentially an oral tradition, it laid claim to secret wisdom of the unwritten Torah communicated by God to Adam and Moses. It provided Jews with a direct approach to God …   Universalium

  • Kabbala — Kạb|ba|la 〈f.; ; unz.〉 aus den verschiedensten Elementen bestehende, stark mit Buchstaben u. Zahlensymbolik arbeitende, sich an die Bibel anlehnende, myst. jüd. Geheimlehre u. ihre Schriften [<neuhebr. qabbala „Überlieferung, Geheimlehre“] *… …   Universal-Lexikon