Jupĭter [1]


Jupĭter [1]

Jupĭter (Juppiter), der höchste Himmelsgott der italischen Völker, dem griechischen Zeus (s. d.) im Wesen wie auch im Namen verwandt; denn J. ist zusammengezogen aus Iovis (ältere Form Diovis) pater, Zeus entstanden aus Djeus (ind. djaus, »der lichte Himmel«). Nur andre Form von J. ist Diespiter. Als der italische Gott dem griechischen angeglichen wurde, machte man ihn zum Sohn des Saturnus und der Ops, die man Uranos und Rhea gleichstellte. Von J. kommen alle Himmelserscheinungen. Als Lucetius (von lux, »Licht«) ist er Lichtbringer; geheiligt sind ihm die Idus (13. oder 15.) sämtlicher Monate als Vollmondstage, an denen ihm sein Priester, der Flamen dialis, ein weißes Lamm (ovis idulis) opferte. Wie er heitern Himmel gewährt, so führt er auch alle Wetter herauf: als J. Fulgur (später Fulgurator und Fulminator, »Blitzer«, und Tonans, »Donnerer«) bringt er Gewitter, als Pluvius den befruchtenden Regen. Bei großer Dürre veranstaltete man ihm als Elicius in Rom ein Betfest, Aquaelicium (»Regenbeschwörung«) genannt, bei dem die Pontifices den sogen. Lapis manalisRegenstein«) in die Stadt zogen, während die Matronen mit bloßen Füßen und die Behörden ohne Amtsabzeichen folgten. Überhaupt ist er Spender alles Natursegens, dem insbes. die beiden Feste der Vinalien (s. d.) galten, wie ihm auch bei Beginn der Weinlese der Flamen dialis ein Lamm opferte. Allgemein wurde ferner J. als Entscheider der Schlachten und Siegverleiher (Victor) verehrt, vornehmlich in Rom, wo ihm als Stator (der die Flucht hemmt) und Feretrius (dem die von einem römischen Feldherrn einem feindlichen Feldherrn abgenommene Rüstung dargebracht wird, s. Spolien) schon Romulus Heiligtümer gestiftet haben sollte. Auch Wächter über Recht und Wahrheit ist J. und daher ältester und vornehmster Schwurgott, der vornehmlich bei feierlichen Friedensschlüssen von den Fetialen (s. d.) als Zeuge angerufen wurde. Wie das Völkerrecht, so steht das Gastrecht unter seinem besondern Schutz. Auch offenbart er den Menschen durch dem Kundigen verständliche Zeichen (s. Auspizien) die Zukunft und seine Billigung oder Mißbilligung eines beabsichtigten Unternehmens. Von alters her verehrten ihn die lateinischen Völker unter dem Namen J. Latiaris auf dem Albanergebirge als Stammgott und nach Stiftung des Latinischen Bundes als Bundesgott durch ein gemeinsames Opferfest (feriae Latinae), das auch nach Auflösung des Bundes unter der Leitung der römischen Konsuln fortbestand. In Rom war seine Hauptkultstätte die Südspitze des Kapitols, wo er als ideales Staatsoberhaupt, als Mehrer und Erhalter römischer Macht und Ehre, als J. Optimus Maximusder Beste und Größte«) verehrt wurde. Hier thronte sein tönernes Bild mit dem Blitz in der Rechten im Mittelschiff des von Tarquinius Superbus, dem letzten König, begonnenen und im dritten Jahre der Republik eingeweihten Tempels (s. Kapitol). Hier brachten ihm die Konsuln beim Amtsantritt Opfer und beim Auszug in den Krieg feierliche Gelübde dar; hierher ging der Triumph des im Festschmuck des Gottes daherfahrenden siegreichen Feldherrn, der vor dem aus weißen Stieren bestehenden Dankopfer zum Bilde des J. betete und ihm den Siegeslorbeer in den Schoß legte. Wie in Rom das Kapitol den sakralen Mittelpunkt bildete, so auch die in den römischen Kolonien eingerichteten Kapitole (vgl. Kuhfeldt, De Capitoliis imperii Romani, Berl. 1883). Dem höchsten Staatsgott wurden natürlich auch die stattlichsten Feste gefeiert, vornehmlich die römischen, die großen und die plebejischen Spiele (s. Ludi). Auch die Kaiserzeit erkannte in dem kapitolinischen J. den höchsten Repräsentanten der Majestät des römischen Reiches, und sein Dienst breitete sich allmählich über das ganze Reich aus. Vielfach verschmolz J. mit den höchsten Gottheiten der Provinzen, so mit dem Sonnengott von Heliopolis und Doliche in Syrien zu dem im 2. und 3. Jahrh. n. Chr. weit und breit verehrten J. Heliopolitanus und Dolichenus (s. d.), auch mit keltischen und germanischen Gottheiten, namentlich den auf den Alpenhöhen als Beschützer der Wanderer verehrten, wie J. Optimus Maximus Poeninus auf dem Großen St. Bernhard. Über die bildlichen Darstellungen s. Zeus. Vgl. Austin Roschers »Lexikon der Mythologie«, Bd. 2, Sp. 618 ff.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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