Hunger


Hunger

Hunger (Fames, Inanition), das Gefühl, durch welches das Bedürfnis nach Nahrung zum Bewußtsein gebracht wird. Die Empfindung des Hungers ist anfangs nicht unangenehm (Appetit, Eßlust), sie wird es erst, wenn man das Nahrungsbedürfnis nicht befriedigt; es stellt sich dann ein Gefühl von Mattigkeit, Muskelschwäche und schmerzhafter Druck im Magen ein. Später nehmen diese Empfindungen zu; länger dauernder H. kann zu großer Aufregung, Irrereden (Inanitionsdelirien), selbst Tobsucht führen. Die Schwäche steigt dabei aufs höchste, die Muskeln versagen ihren Dienst, die meisten Sekretionen vermindern sich oder hören auf, die Schleimhäute werden trocken. Hungernde Tiere werden so stumpf, daß sie schließlich vorgehaltenes Futter gar nicht mehr aufnehmen, sondern unter zunehmender Schwäche zugrunde gehen. Die ersten Empfindungen des Hungers, besonders die lästigen Gefühle im Magen, werden zweifellos durch die Leere des Magens verursacht und gehen von dessen Empfindungsnerven aus. Sie werden durch Füllung des Magens selbst mit unverdaulichen Stoffen (s. Erdeessen) beseitigt. Die später auftretenden Empfindungen müssen als Folge allgemeiner Veränderungen, als Ausdruck des Stoffbedürfnisses des Gesamtorganismus aufgefaßt werden. Auf welchem Wege, durch welche Nervenbahnen dies Bedürfnis zum Bewußtsein gelangt, ist nicht bekannt. Der Stoffwechsel besteht im Hungerzustand fort, aber mit sehr verminderter Energie, so daß die Ausscheidung von Stickstoff und Kohlenstoff auf die Hälfte bis ein Drittel sinkt. Im ernährten Körper regelt sich die Stoffabgabe nach der Einnahme; beim Hungern tritt das Körpergewebe (zuerst das abgelagerte Fett und hierauf das Organeiweiß) an die Stelle der zugeführten Nahrung, bis die Grenze der Existenzfähigkeit des auf diese Weise konsumierten Körpers erreicht ist. Der Tod tritt ein, wenn das Körpergewicht auf drei Fünftel seines ursprünglichen Wertes gesunken ist. Die Frist aber bis zum Tod ist stets abhängig von der Individualität des Hungernden, besonders auch von seinem Fettvorrat. Bei Kindern und jungen Tieren ist der Stoffwechsel lebhafter, sie können demnach das Hungern nicht so lange ertragen wie Erwachsene. Kräftige, wohlgenährte Hunde erliegen dem Hungertod erst nach 4–6 Wochen, der Mensch nach etwa 12 Tagen; bei Genuß von Wasser erträgt er den H. viel länger; bei Melancholie hat man erst nach 41 Tagen den Tod eintreten sehen. Nach dem Vorgang des amerikanischen Arztes Tanner haben in neuester Zeit mehrere Personen 40 Tage und länger angeblich aller Speise sich enthalten (Hungerkünstler). Pferde vermögen 8–15 Tage den H. ohne üble Folgen zu ertragen, wenn sie an Wasser keinen Mangel leiden. Die kaltblütigen Wirbeltiere, namentlich die Amphibien und Reptilien, hungern sehr lange, oft ein ganzes Jahr, doch ertragen sie bei höherer Temperatur den Futtermangel viel weniger leicht als in der Kälte. Am Gewichtsverlust hungernder Tiere sind die verschiedenen Organe sehr ungleich beteiligt. Während Gehirn und Herz nur eine geringe Einbuße erleiden, zeigt das Fettgewebe eine bedeutende Einschmelzung; ganz besonders verlieren die Muskeln an Masse. Wenn der Lachs zur Erlangung seiner Geschlechtsreife in die Flüsse hinaufsteigt, bleibt er gänzlich ohne Nahrung; dabei nehmen aber seine Geschlechtsorgane mächtig an Masse zu, das Material dafür liefert die Muskulatur. S. auch Ernährung. Vgl. Luciani, Das Hungern. Studien und Experimente am Menschen (deutsch, Hamb. 1890).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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  • Hunger — ist eine unangenehme körperliche Empfindung, die Menschen und Tiere dazu veranlasst, Nahrung aufzunehmen. Die biologische Funktion dieses Reizes besteht darin, die ausreichende Versorgung des Organismus mit Nährstoffen und Energie sicherzustellen …   Deutsch Wikipedia

  • Hünger — ist ein ländlicher Ort und Stadtteil in Wermelskirchen in Nordrhein Westfalen. Inhaltsverzeichnis 1 Geographie 2 Geschichte 3 Kultur und Sehenswürdigkeiten 4 …   Deutsch Wikipedia

  • Hunger — Hun ger, n. [AS. hungor; akin to OFries. hunger, D. honger, OS. & OHG. hungar, G. hunger, Icel. hungr, Sw. & Dan. hunger, Goth. h?hrus hunger, huggrjan to hunger.] 1. An uneasy sensation occasioned normally by the want of food; a craving or… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • Hunger — Sm std. (8. Jh.), mhd. hunger, ahd. hunger, as. hungar Stammwort. Aus g. * hungru m. Hunger , auch in anord. hungr m./(n.), ae. hungor, afr. hunger; ohne grammatischen Wechsel gt. hūhrus (mit Nasalschwund vor h), vgl. aber gt. huggrjan hungern .… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Hunger — Hunger: Das gemeingerm. Substantiv mhd. hunger, ahd. hungar, got. (mit gramm. Wechsel) hūhrus, engl. hunger, schwed. hunger gehört im Sinne von »Brennen, brennendes Verlangen« zu der idg. Wurzelform *kenk »brennen« (auch vom Schmerz, Durst,… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Hunger — Hunger, das Gefühl des Bedürfnisses nach Nahrung, welches entsteht, wenn die zur Ernährung des Körpers nöthigen Stoffe diesem fehlen. Er vergeht nach dem Genusse von Nahrung, wenn er nicht krankhaftes, durch zu scharfe Magensäfte erregtes… …   Damen Conversations Lexikon

  • hunger — (n.) O.E. hungor unease or pain caused by lack of food, craving appetite, debility from lack of food, from P.Gmc. *hungruz (Cf. O.Fris. hunger, O.S. hungar, O.H.G. hungar, O.N. hungr, Ger. hunger, Du. honger, Goth. huhrus), probably from PIE root …   Etymology dictionary

  • Hunger — Hun ger, v. i. [imp. & p. p. {Hungered}; p. pr. & vb. n. {Hungering}.] [OE. hungren, AS. hyngrian. See {Hunger}, n.] 1. To feel the craving or uneasiness occasioned by want of food; to be oppressed by hunger. [1913 Webster] 2. To have an eager… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • hunger — [huŋ′gər] n. [ME < OE hungor, akin to Ger hunger < IE base * kenk , to burn, dry up > Lith kankà, pain] 1. a) the discomfort, pain, or weakness caused by a need for food b) famine; starvation 2. a desire, need, or appetite for food 3.… …   English World dictionary

  • Hunger — [Basiswortschatz (Rating 1 1500)] Bsp.: • Sie starben fast vor Hunger …   Deutsch Wörterbuch

  • hunger — ► NOUN 1) a feeling of discomfort or weakness caused by lack of food, coupled with the desire to eat. 2) a strong desire. ► VERB (hunger after/for) ▪ have a strong desire for. ORIGIN Old English …   English terms dictionary