Hegel


Hegel

Hegel, 1) Georg Wilhelm Friedrich, namhafter Philosoph, geb. 27. Aug. 1770 in Stuttgart, gest. 14. Nov. 1831 in Berlin, ward teils durch Privatlehrer, teils auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt für die Universität vorbereitet, widmete sich auf dem theologischen Stift in Tübingen, wo er sich mit Hölderlin und dem um fünf Jahre jüngern Schelling befreundete, 1788–93 dem Studium der Philosophie und Theologie und bezeugte rege Teilnahme für die Ereignisse in Frankreich. Dann lebte er als Hauslehrer zuerst (1793–96) in Bern, später in Frankfurt a. M. (1797–1800), in welchen Zeitraum die ersten Entwürfe seines philosophischen Systems fallen. 1800 begab er sich nach Jena, wo er sich mit der Abhandlung »De orbitis planetarum« (Jena 1801), deren Behauptungen durch die gleichzeitig (1. Jan. 1801) erfolgte Entdeckung des Planeten Ceres (durch Piazzi) widerlegt wurden, als Dozent der Philosophie habilitierte und mit Schelling das »Kritische Journal der Philosophie« (Tübing. 1802) herausgab, nachdem er schon vorher eine Schrift: »Über die Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems« (Jena 1801), veröffentlicht hatte. In dieser bezeichnete er Fichtes Wissenschaftslehre als subjektiven Idealismus, die Schellingsche Identitätslehre als subjektiv-objektiven, daher als absoluten Idealismus, zu dem er sich bekannte, wenn er auch eine gewisse Selbständigkeit darin zeigte. Seit 1804 arbeitete er eins seiner Hauptwerke, die »Phänomenologie des Geistes« (Bamb. 1807; 2. Aufl., Berl. 1841) aus, in der er den Unterschied seiner Ansichten von den Schellingschen sehr bestimmt zu erkennen gab. Seit dieser Zeit trat eine starke Entfremdung Schellings ihm gegenüber ein. Der »Phänomenologie« sollten die Logik als zweiter, die Natur- und Geistesphilosophie als dritter und vierter Teil folgen, wie er es dann später in der Enzyklopädie ausführte. Nach Schellings Abgang zum außerordentlichen Professor ernannt, verließ H. nach der Schlacht bei Jena, wo er Napoleon, den »Weltgeist zu Pferde«, gesehen hatte, die vereinsamte Universität und redigierte zwei Jahre hindurch die »Bamberger Zeitung«, bis er im Herbst 1808 zum Rektor des Ägidiengymnasiums in Nürnberg ernannt wurde. Hier arbeitete er sein andres Hauptwerk, die »Wissenschaft der Logik« (Nürnb. 1812 bis 1816, 3 Bde.; 2. Aufl., Berl. 1841), aus, wurde im Herbst 1816 auf Daubs Veranlassung als Professor der Philosophie nach Heidelberg berufen, wo er seine »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften« (Heidelb. 1817; 4. Aufl., Berl. 1845; neu hrsg. von v. Kirchmann, das. 1870) sowie auch seine »Beurteilung der württembergischen Ständeverfassung« schrieb, und folgte 1818 dem Rufe als Professor der Philosophie nach Berlin, wo sich bald ein weiter Zuhörerkreis um ihn sammelte. Seine »Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder Naturrecht und Staatswissenschaft« (Berl. 1820, 3. Aufl. 1854) trugen dazu bei, seiner Philosophie in Deutschland allgemeinere Anerkennung zu verschaffen, und die 1827 von ihm in Gemeinschaft mit mehreren seiner Anhänger gegründeten »Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik« wurden ein wirksames Organ für die Verbreitung seiner Lehre. Mit einer neuen Ausgabe seiner Werke beschäftigt, erlag er der Cholera, nachdem seine Philosophie in Preußen eine Art Staatsphilosophie geworden war. Von mehreren seiner Schüler wurde die Herausgabe seiner sämtlichen Werke (Berl. 1834–45, 18 Bde.) besorgt. Als Fortsetzung dazu erschienen »Briefe von und an H.« (hrsg. von seinem Sohn Karl, Leipz. 1887, 2 Tle.). Am 3. Juni 1871 wurde ihm auf dem Hegelplatz in Berlin ein Denkmal errichtet. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Philosophen I« (beim Artikel » Philosophie«).

Hegels Philosophie ist mit Recht eine geistige Macht genannt worden und hat den ganzen Bereich deutscher Bildung und (auch schönwissenschaftlicher) Literatur seit der Julirevolution in durchgreifender Weise bestimmt, übt auch jetzt noch, besonders auf den Gebieten der Ästhetik, der Rechts- und Religionsphilosophie, bedeutenden Einfluß aus. Sie ist jedoch so wenig wie die ihr in manchen Punkten (z. B. in ihrer bestechenden Systematik) verwandte Philosophie Wolffs als ein ureignes Werk ihres Urhebers anzusehen, vielmehr, wie diese als die Vollendung des von Leibniz eingeschlagenen Weges, so als die volle Ausführung der einen von beiden durch Kant und seine Nachfolger gleichsam zur Wahl überlassenen Möglichkeiten, der nach der idealistischen Seite hin, zu betrachten. Dadurch, daß Kant, um Erkenntnis zu erlangen, statt diese wie bisher als Wirkung des Einflusses der Dinge (des Objekts) auf den Vorstellenden (das Subjekt) anzusehen, sie vielmehr als Folge der Organisation, des Erkenntnisvermögens, wenn auch nicht allein als solche, betrachtete, war die Wendung, die schließlich zur Philosophie Hegels führte, angebahnt. Bei Kant bedurfte das Erkenntnisvermögen zur Erkenntnis noch der Ergänzung durch einen äußern Faktor, durch das Ding an sich. Sie lag im Erkenntnisvermögen zwar der Form, keineswegs aber dem Stoffe nach vorgebildet; das Inventar der reinen Vernunft, das Kant aufzunehmen unternahm, erstreckte sich nur über den subjektiven, keineswegs über den objektiven (vom Ding an sich stammenden) Faktor der Erkenntnis. Mit dem Hinwegfall des Dinges an sich, den nach Schulze-Änesidemus' Vorgang der subjektive Idealismus Fichtes ins Werk setzte, fiel der Grund dieser Beschränkung hinweg. Das Erkenntnisvermögen, die »reine Vernunft«, umfaßte in sich von jetzt an die gesamte Anlage aller künftigen Erkenntnis; sie trug die gesamte Erkenntnis der Möglichkeit nach in sich, und es kam nur darauf an, ihren in ihr gleichsam eingewickelten Inhalt aus ihr gleichsam herauszuwickeln.

Daß zu diesem Übergang aus der Anlage zur Entfaltung, aus der Möglichkeit zur Wirklichkeit Bewegung erforderlich sei, hatte schon Aristoteles gelehrt. Es kam darauf an, ob zunächst diese Heraussetzung dem im Keim Enthaltenen aus Tageslicht (des Bewußtseins) versucht oder das von Kant angestrebte »Inventar der reinen Vernunft«, die Inhaltsangabe des Keims, zum Abschluß gebracht werden sollte. Ersteres haben Fichte und Schelling, letzteres H. getan, der dadurch als Vollender des von Kant betretenen Weges in der Richtung des Idealismus erscheint. Die Dreigliederung des Fortschrittes von Thesis, Antithesis und Synthesis hat H. mit Fichte und Schelling gemein, wenngleich er jene Stadien abweichend benannt und an die Stelle des Sichsetzens und Wiederaufhebens, das den Schein einer spontanen Tätigkeit des »Keims« (des Ichs oder des Absoluten) erzeugt, die notwendige Fortbewegung desselben (der »reinen Vernunft«) von einem zum andern (vom An-sich durch das Für-sich zum An-und-für-sich; Idee, Natur, Geist) gesetzt hat. Den »Keim«, den Fichte »Ich«, Schelling »das Absolute« genannt hatte, bezeichnete H. wieder, wie Kant, als »reine (oder absolute) Vernunft« (Idee) und nahm nach Beseitigung des Dinges an sich ebensowenig wie seine Vorgänger Anstand, zu erklären, daß (wie Fichte vom Ich, Schelling vom Absoluten behauptete) nunmehr die Vernunft (das Denken) das einzige wahrhaft Wirkliche (Sein) und demnach nicht nur alles Wirkliche notwendig Vernunft, sondern auch die Vernunft notwendig wirklich sei. Die Vernunft ist die einzige »Substanz«, die demnach keine reale, sondern eine rein ideale und das »Logische«, folglich die Substanz von allem ist (Panlogismus). Diese »Substanz zum Subjekt«, d. h. die ursprünglich bewußtlose Vernunft zur selbstbewußten, zum »Geist« und zwar, da sie absolute Vernunft ist, zum »absoluten Geist« zu erheben, ist die Aufgabe des Weltprozesses; die Entäußerung derselben von ihrem ursprünglichen Dasein als logische Idee zu ihrem »Anderssein« als Natur und die schließliche Selbstverfassung ihrer selbst als des einzigen wahren Wirklichen, was und wie es an sich selbst ist, sind die Stadien des Weltprozesses.

Die drei sich daraus ergebenden Teile des Systems sind: 1) die Logik, die die Vernunft oder »Idee« in ihrem »An-sich-sein«, 2) die Naturphilosophie, die dieselbe in ihrem »Anderssein«, und 3) die Geistesphilosophie, die sie in ihrem »An-und-für-sich-sein« umfaßt. Erstere soll »die Darstellung Gottes sein, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist«, die Darstellung dessen, was den logischen Kern der Welt bildet; sie macht das eigentlich Neue der Philosophie Hegels aus. Da die Vernunft zugleich das einzige Seiende ist, so gilt die Inhaltsangabe derselben nicht nur für das Denken, sondern auch für das Sein, und die Logik fällt mit dem, was sonst Metaphysik oder Ontologie genannt worden, zusammen. Statt aber, wie Aristoteles, die allgemeinsten Arten des Seins oder die höchsten Gattungsbegriffe (Kategorien, s. d.) »empirisch« aufzuraffen oder, wie Kant, dieselben aus der Tafel der Urteilsformen zu deduzieren, sollen sie (und damit der Inhalt des Denkens wie des mit ihm identischen Seins) durch dieselbe Methode notwendiger Fortbewegung gewonnen werden, die den Fortschritt der Idee vom An-sich-sein zum Anders- und An-und-für-sich-sein bedingt. Diese, die dialektische Methode, besteht darin, daß jedes Gesetzte in sein Gegenteil »umschlägt« und beide, Gesetztes und Entgegengesetztes, sich zu einem Dritten als »höherer Einheit« vereinigen. Diese Methode, nach der nicht nur die logische Idee selbst in ihr Gegenteil, die Natur, umschlägt und sich mit dieser zum Geist als »höherer Einheit« zusammenfaßt, sondern auch jeder Teil des Inhalts der Vernunft (jedes »Moment der logischen Idee«) sein Gegenteil aus sich erzeugt und sich mit diesem zu einem »Höhern« vereinigt, macht jenes von Kant angestrebte »Inventar der reinen Vernunft«, d. h. die Explizierung des in der logischen Idee implizite enthaltenen Vernunftgehalts, möglich, der, da die Natur nur das Anderssein der Idee ist, zugleich der Vernunftgehalt der Natur und, da der Geist die höhere Einheit beider repräsentiert, zugleich in diesem enthalten ist. Kants gewaltiges Vorhaben, den Inhalt der Vernunft auszuschöpfen, ist durch die Hegelsche Logik buchstäblich auszuführen versucht worden. Durch den Wegfall des Dinges an sich ist jede nichtidealistische Erkenntnisquelle beseitigt, das Denken ist das einzige Sein; so ist das an sich mögliche Wissen (die Totalität des Wißbaren) erreicht, nicht, wie der für das menschliche Erkennen Grenzen steckende Kritizismus meinte, subjektiv, sondern objektiv. In diesem Sinne darf Hegels Logik sich allerdings rühmen, die höchste denkbare Aufgabe sich gestellt zu haben. Um sie zu lösen, setzte Hegel den unbestimmtesten Begriff des Seins, das fast Nichts und daher identisch mit dem Nichts ist, an den Anfang, um es in sein Gegenteil »umschlagen« und beide als identisch sich in der höhern Einheit des »Werdens« aufheben zu lassen. Im weitern Prozeß erscheint das ursprünglich ganz unbestimmte Sein näher bestimmt als Qualität. An die Qualität reihen sich Quantität und Maß an, womit der erste logische Zyklus, die Sphäre des Seins, vollendet und dessen Resultat, das Wesen, gesetzt ist. Die Lehre von diesem bildet den zweiten, jene vom Begriff, unter dem von H. etwas ganz andres als die gewöhnlich mit diesem Wort bezeichnete abstrakte und inhaltlose Gedankenform verstanden wird, den dritten Teil der Logik. Durch das »notwendige« Umschlagen des bloß Subjektiven in das bloß Objektive entsteht die »Lehre vom Objekt«, in der der Inhalt der sogen. objektiven Logik, der Sein- und Wesenlehre, unter einem »höhern« Gesichtspunkt wiederkehrt, und die in »Mechanismus, Chemismus und Teleologie« verläuft. Synthese dieser beiden, d. h. als Identität der Subjektivität und Objektivität, ist der Begriff nunmehr als Idee, d. h. als höchste Wahrheit, in der alle andern niedern Standpunkte der Logik aufgehoben sind, die aber, wie jede andre Synthesis, nichts weniger als Ruhe, Neutralisierung der beiden Seiten (der Subjektivität und Objektivität, des Denkens und Seins), sondern vielmehr wesentlich Unruhe, Prozeß ist. Dieselbe ist, dem allgemeinen Schema des Objektiven, Subjektiven und Subjektiv-Objektiven als Identität beider Momente entsprechend, zuerst als bloße Realität, Leben, sodann als deren Gegenteil, Idealität (Tod, d. h. Aufhebung und Umsetzung der Realität in Idealität), Erkennen (und zwar als theoretischer Prozeß, der das Wahre, und als praktischer, der das Gute zum Produkt hat), zuletzt als Einheit des Lebens und Erkennens absolute Idee, das sich selbst wissende Leben in seiner vernünftigen Notwendigkeit und diese als die sich selbst wissende Wahrheit oder Wirklichkeit. Was aufgehoben und verändert wird, »macht nur die Oberfläche, nicht das wahrhafte Wesen der Welt aus; dieses ist der an und für sich seiende Begriff, und die Welt ist so selbst die Idee«. Das Gute, der Endzweck der Welt, ist nur, indem es sich stets hervorbringt; das Gute und Vernünftige ist stets wirklich, und alles, was wirklich ist, ist vernünftig, indem es (nämlich die Welt selbst) ewig als Zweck sich setzt und als Tätigkeit oder Prozeß sich ewig selbst hervorbringt. Die ihrem Inhalt nach durchsichtig gewordene logische Idee ist aber noch nicht sich selbst durchsichtig geworden; sie stellt selbst ein An-sich dar, das die Bestimmung hat, in sein Anderssein (die Natur) umzuschlagen und sich aus diesem in die Einheit (ihrer selbst und der Natur), den Geist, zurückzunehmen. Jenes ist Gegenstand der Naturphilosophie, die in aufsteigender Ordnung als Mechanik, Physik und Organik oder Biologie auftritt; dieses ist Gegenstand der Geistesphilosophie, die in die Lehre vom subjektiven (der Psychologie), vom objektiven (der Ethik entsprechend) und vom absoluten Geist zerfällt. Erstere umfaßt die Anthropologie; die Lehre vom objektiven Geist, die objektiv und real gewordene vernünftige Organisation der Rechtsidee, der Moralität und Sittlichkeit, deren Momente die Familie, die bürgerliche Gesellschaft und die Staatsverfassung sind. Die Einheit des subjektiven (Einzel-) und objektiven (Geschichtsgeistes) ist der absolute Geist, Wissen der absoluten Substanz, der Vernunft, von sich selbst (Subjekt-werden der Substanz) ein Wissen, das selbst Prozeß ist und als solcher abermals in den drei Stufen des An-sich-, Für-sich- und An-und-für-sich-seins (Kunst, Religion, Philosophie) verläuft. Die Kunst gewährt die konkrete Anschauung des absoluten Geistes als des Ideals in der konkreten Gestalt der Schönheit, die aus dem subjektiven Geiste geboren ist; die Religion bietet das Wahre auf der Stufe der Vorstellung, die Philosophie das Wahre in der Form des Gedankens. In dem Begriff der Philosophie als des sich selbst wissenden Absoluten oder der sich selbst denkenden Idee, der Vernunft, die alles in allem und in allen ist, ist »die Wissenschaft in ihren Anfang zurückgegangen«. Sie entwickelt sich im System und in der Geschichte auf gleiche Weise, indem sie vom Abstraktesten zu immer konkreterer Erkenntnis der Wahrheit fortschreitet. In H. hat sie das absolute Wissen, über das hinaus es keine Entwickelung mehr gibt, erreicht.

Durch seine schematisierende Methode des sich selbst bewegenden Begriffs, die »Seele des Systems«, die einer universellen Anwendung fähig war, hat H. seinen Einfluß (wie es Spinoza und Wolff von ihrer mathematischen Methode hofften) auf die Darstellung fast aller besondern Wissenschaften (Religionsphilosophie, Geschichte der Philosophie, Philosophie der Geschichte, Ästhetik etc.) ausgedehnt. Zu seinen ältern Schülern gehörten Gabler, Hinrichs, v. Henning, Michelet, Hotho, Rötscher, Gans, Rosenkranz, Mußmann, Erdmann; zu seinen wärmsten Verehrern, ohne seine Schüler zu sein, Daub, Marheineke, Göschel. Nach seinem Tode vollzog sich die Auflösung der Schule in der Weise, daß sämtliche drei Punkte, in denen H. dem »revolutionären« Einfluß der Kantschen Kritik gegenüber als »Restaurator« aufgetreten war: Wiederherstellung der Metaphysik, des Dogmas, der Staatsautorität, nacheinander innerhalb der Schule selbst wieder in Frage gestellt wurden. Gegen Hegels Behauptung, daß sein System »orthodox« sei, erhoben sich bald nach seinem Tode nicht nur Stimmen außerhalb, sondern auch innerhalb der Schule. Heinr. Leo in Halle klagte 1838 die »Hegelingen« des Strebens nach Umwälzung der bestehenden Staats- und Kirchenformen, der Leugnung eines persönlichen Gottes und einer individuellen Unsterblichkeit an. Innerhalb der Schule bestritten Feuerbach und Richter, verteidigte Göschel die persönliche Fortdauer, während Weiße und Conradi eine vermittelnde Stellung einnahmen. Durch das Erscheinen von Strauß' »Leben Jesu« trat eine neue Spaltung ein; die Schule zerfiel in eine Linke (Strauß), zu der später noch eine äußerste Linke (Feuerbach, die Brüder Bauer u. a.) kam, eine Rechte (Göschel, Gabler, Hinrichs, Erdmann) und ein Zentrum (Rosenkranz, Vatke, Conradi). Das Organ der ersten, der sogen. Junghegelianer, die ihre Wirksamkeit bald auf das politische und soziale Gebiet ausdehnten, wurden die von Ruge und Echtermeyer 1. Jan. 1838 gegründeten »Hallischen Jahrbücher«, die sich im Juli 1841 in »Deutsche Jahrbücher« und infolge des Zensurdruckes und endlichen Verbotes (1843) seit 1844 in »Deutsch-französische Jahrbücher« verwandelten. Die extremen Ausläufer der erstern, der pseudonyme Max Stirner (Schmidt), Daumer (der später katholisch wurde), der Sozialdemokrat Karl Marx u. a., verloren sich in den Stürmen der Revolution und Reaktion während und nach dem Jahre 1848.

Während unter den gegenwärtig in Deutschland Philosophierenden nur wenige (z. B. Kuno Fischer, Lasson) noch als Hegelianer bezeichnet werden können und vielleicht nicht einmal wollen, hat Hegels Philosophie außerhalb Deutschlands Eingang gefunden: in Frankreich durch P. Leroux, Ott (»H. et la philosophie allemande«, Par. 1844), PrévostH. exposition de sa doctrine«, Toulouse 1845), Willm u. a.; in England durch Stirling: »The secret of H., being the Hegelian system in origen, principle, form and matter« (Lond. 1865, 2 Bde.) und gewissermaßen durch Green; in Italien durch A. Vera, den Übersetzer von Hegels Hauptwerken ins Französische, Raffaele Mariano, Spaventa u. a. Vgl. K. Rosenkranz, G. W. F. Hegels Leben (Königsb. 1844); Michelet, Geschichte der letzten Systeme der Philosophie in Deutschland (Berl. 1837–38, 2 Bde.); Erdmann, Geschichte der neuern Philosophie, Bd. 3 (Leipz. 1848–1853, 2 Tle.) und Grundriß der Geschichte der Philosophie, Bd. 2 (4. Aufl., Berl. 1896); Kuno Fischer, Hegels Leben, Werke und Lehre (Heidelb. 1901, 2 Tle.); über Hegels dialektische Methode: Exner, Die Psychologie der Hegelschen Schule (Leipz. 1842–44, 2 Hefte); über Hegels Stellung zu der Generation nach 1848: Haym, H. und seine Zeit (Berl. 1857), womit Rosenkranz, Apologie Hegels (das. 1858) und »H. als deutscher Nationalphilosoph« (Leipz. 1870), zu vergleichen ist; Köstlin, H. in philosophischer, politischer und nationaler Beziehung (Tübing. 1870); Caird, H. (Lond. 1883); Michelet und Haring, Historischkritische Darstellung der dialektischen Methode Hegels (Leipz. 1888); Schmitt, Das Geheimnis der Hegelschen Dialektik (Halle 1888); Barth, Die Geschichtsphilosophie Hegels und der Hegelianer bis auf Marx und Hartmann (Leipz. 1890); Richert, Hegels Religionsphilosophie in ihren Grundzügen (Bromb. 1900); E. Ott, Die Religionsphilosophie Hegels (Berl. 1904); »Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Religion« in gekürzter Form hrsg. von A. Drews (Jena 1905).

2) Karl von, Geschichtschreiber, Sohn des vorigen, geb. 7. Juni 1813 in Nürnberg, gest. 5. Dez. 1901 in Erlangen, studierte in Berlin und Heidelberg, hielt sich eine Zeitlang in Italien auf, wirkte als Hilfslehrer seit 1840 am Kölnischen Gymnasium in Berlin, ward 1841 außerordentlicher Professor der Geschichte in Rostock, nach dem Erscheinen seines Hauptwerkes. »Geschichte der Städteverfassung von Italien« (Leipz. 1847, 2 Bde.), 1848 ordentlicher Professor und ging 1856 in gleicher Eigenschaft nach Erlangen. In den Jahren 1844 und 1849 entfaltete H. als Redakteur der in Schwerin erscheinenden »Mecklenburgischen Zeitung« eine politische Tätigkeit, die ihm einen Sitz im Erfurter Parlament eintrug. Als Mitglied der Historischen Kommission in München leitete er seit 1862 die Herausgabe der »Chroniken der deutschen Städte«, in denen er selbst Nürnberg, Straßburg, Köln und Mainz bearbeitete. Sonderabdrücke daraus sind: »Verfassungsgeschichte von Köln im Mittelalter« (Leipz. 1877) und von Mainz (das. 1882). Auch der Kommission für Herausgabe der »Monumenta Germaniae historica« und dem Verwaltungsausschuß des Germanischen Nationalmuseums gehörte H. an. Andre Schriften von ihm sind: »Geschichte der mecklenburgischen Landstände bis 1555« (Rostock 1856); »Die Ordnungen der Gerechtigkeit in der florentinischen Republik« (Erlang. 1867); »Dino Compagni, Versuch einer Rettung« (Leipz. 1875); »Über den historischen Wert der ältern Dante-Kommentare« (das. 1878); »Städte und Gilden der germanischen Völker im Mittelalter« (das. 1891, 2 Bde.); »Die Entstehung des deutschen Städtewesens« (das. 1898) und seine Selbstbiographie: »Leben und Erinnerungen« (das. 1900).

3) Immanuel, Bruder des vorigen, geb. 24. Sept. 1814 in Nürnberg, gest. 26. Nov. 1891 in Berlin, war seit 1836 im preußischen Staatsdienst in Handels- und Finanzsachen tätig, wurde 1858 Kurator des Staatsschatzes und 1865 Präsident des Konsistoriums der Provinz Brandenburg und war einer der Hauptführer der orthodoxen Partei. Anfang 1891 nahm er seine Entlassung. Er veröffentlichte: »Erinnerungen aus meinem Leben« (Berl. 1891).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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