Gudscharat


Gudscharat

Gudscharat (Guzerat), Gebiet an der Nordwestküste von Vorderindien (s. Karte »Ostindien«), besteht aus der Insel Katsch, der Halbinsel Kathiawar und dem anstoßenden Festland, wird im N. von Radschputana, im O. von Zentralindien u. dem Distrikt Khandesch (Dekhan), im S. von der Division Konkan, im W. vom Arabischen Meerbusen begrenzt und umfaßt die britische Division G. mit einem Areal von 26,666 qkm und (1901) 2,700,719 Einw. (meist Hindu, ca. 300,000 Mohammedaner, 4500 Christen), administrativ geteilt in die Distrikte Ahmedabad, Kaira, Pantsch Mehals, Barotsch und Surat, den in viele große und kleine Parzellen zersplitterten Staat Baroda (s. d.) und die unter die Oberaufsicht des britischen Kommissars der Division gestellten Tributärstaaten Katsch, Kambay und Narukot, Kathiawar (187 einheimische Fürsten) und die Agentschaften von Mahi Kantha (59 Fürsten), Rewa Kantha (61 Fürsten), Palanpur (13 Fürsten) und Surat (3 Fürsten), zusammen (ohne Baroda) 134,853 qkm mit (1901) 4,436,492 Einw. (meist Hindu, 600,000 Mohammedaner, 1700 Christen), so daß das ganze Gebiet mit Baroda 182,824 qkm und (1901) 9,088,138 Einw. umfaßt. Dazu kommen noch die kleinen portugiesischen Besitzungen Daman an der Küste von Surat und Diu an der Südspitze von Kathiawar. Die Halbinsel Kathiawar zeigt mit Katsch (s. d.) in der Richtung ihrer ozeanischen Küste (von NW. nach SO.) wie in ihrem geologischen Aufbau große Verwandtschaft, doch ist sie höher; die Gebirge im S. steigen bis 531 m an, die nördlichern wilden granitischen Girnarberge erreichen im Goraknath 1117 m. Am Ostende der letztern, bei der Stadt Palitana, erhebt sich der isolierte doppelgipfelige, 600 m hohe Basaltfelsen Satrundschaja, der heiligste der sieben Berge der Dschain, mit prachtvollen, fast eine kleine Stadt bildenden Tempelbauten aus weißem Marmor. Gegen N. senkt sich das Land, der 110 km breite Isthmus liegt höchstens 15 m ü. M. und wird zum großen Teil von einem Salzsumpf eingenommen. Das Festland teilt der Mahifluß in einen nördlichen, ebenen, kahlen, trocknen Strich, wo sich während der Trockenzeit der ganze Verkehr der dann scheinbar ausgestorbenen Landschaft in den ganz wasserleeren, bis 20 m tief eingegrabenen Flußbetten bewegt, und einen südlichen, hügeligen, von den wasserreichen Flüssen Narbada und Tapti durchströmt, durch fruchtbare Felder, prächtige Obstgärten, aber auch durch undurchdringliche Dickichte ausgezeichnet. Das Klima, im N. heiß und trocken, wird im S. von Juli bis Oktober durch den Südwestmonsun gemäßigt, ist aber, namentlich auf der Halbinsel, wegen der Fieber Europäern sehr gefährlich.

Als eine der fruchtbarsten und am besten kultivierten Landschaften Indiens erzeugt G. Reis, Weizen, Gerste, Dschuwar (Sorghum vulgare) und Bhaschira (Beta bengalensis), die letzten beiden die Hauptnahrung des Volkes; die Kultur des Zuckerrohrs breitet sich im S. aus. Berühmt ist G. durch seine Baumwolle, die auf beiden Seiten des Golfs von Kambay in großem Maßstab gebaut wird und, nach den Ortschaften benannt, als Surat, Dhollerah u. a. in den Handel kommt; Dattel-, Palmyra- und Kokospalmen pflanzt man viel am Meeresufer; ebenso häufig sind Mangobäume und Mahwa (Bassia latifolia). Von nutzbaren Mineralien werden nur Eisenerze und im untern Tal der Narbada Karneol gefunden. Von wilden Tieren kommen vor: der mähnenlose Löwe (nur auf der Halbinsel Kathiawar), Königstiger, Leopard, Panther, Hyäne, Luchs, Wolf, Schakal, in den Ebenen des Mahl und Sabarmati Antilopen und Nylgau, in der Nachbarschaft des Rann wilde Esel und Gazellen, im Gebirge Wildschweine und der indische Hirsch, überall zahlloses Geflügel. Die gewöhnlichen Haustiere sind: das Kamel, neben dem auch der Ochs als Lasttier dient, das etwas entartete Pferd in Kathiawar, außerdem sehr schöne Büffel, Zebus und kleine häßliche Esel. Die Bevölkerung besteht zum größern Teil aus Hindu, zum kleinern aus Mohammedanern und Parsen. Unter den Hindu sind die Brahmanen zahlreich; die Radschputen nehmen in Kathiawar, die Mahratthen auf dem Festland eine hervorragende Stelle ein. Die kaufmännische Klasse der Banjanen ist in allen Handelsstädten vertreten. Auch wohnen in G. zahlreiche halbwilde Stämme, von denen die Kol (s. d.) in Kathiawar die zahlreichsten sind, im NO. Bhil u. a. Die verbreitetste Sprache ist das Gudscharati (s. d.). Die Hauptindustrie war ehemals die Weberei von seinen Musselinen und Baumwollenzeugen, die aber durch die Einfuhr englischer Stoffe sehr geschädigt wurde, bis 1862 mit indischem Kapital mechanische Webereien in Barotsch, Surat und Ahmedabad errichtet wurden In Surat werden auch Seidenwaren, in Ahmedabad Teppiche angefertigt. An guten Straßen ist großer Mangel; eine Eisenbahnlinie durchzieht das Festland von N. nach S., von Ahmedabad geht eine Linie westwärts, um darauf die Halbinsel Kathiawar nach verschiedenen Richtungen zu durchschneiden. Kathiawar hat mehrere durch Tempelbauten sowie durch Industrie und Handel bedeutende Städte (Bhavnagar, Nawanagar, Dschunaga), Sitz des englischen Agenten ist Rädschkot (s. d.). Auf dem Festland sind Ahmedabad, Surat, Barotsch, Cambay, Patan die wichtigsten Orte.

Geschichte. G. war das südlichste Gebiet, das an der Westküste Indiens Arier um 1500 v. Chr. mit geschlossenen Siedelungen belegten; von hier aus drangen sie dann ostwärts vor, während ein Teil um 540 v. Chr. Ceylon besetzte. Die Griechen nannten G. Syrastrene oder Larike und trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen Barotsch. Nach der brahmanischen Zeit blühte hier, besonders im 6. Jahrh. n. Chr., der Dschainismus; damals herrschte die Walabhî-Dynastie über G. Anfang des 11. Jahrh. zog der Tatar Mahmud Ghasni plündernd bis zur Südspitze der Halbinsel; 1194 wurde G. eine Beute der gleichfalls mohammedanischen Dynastie Ghor und teilte von nun an die Schicksale des hindostanischen Kaiserreichs Dehli, bis es um 1450 in die Hände der Bahmani-Dynastie zu Kulbarga fiel. Die ersten Mogulkaiser hatten bis 1593 mit unaufhörlichen Unbotmäßigkeiten der Radschas von G. zu kämpfen. Von 1611 an gründeten Engländer, Portugiesen, Holländer und Franzosen Faktoreien in Surat, Cambay, Barotsch, Gogo, Diu und Daman. Um 1730 machte sich der Mahratthe Badschi Rao unabhängig und unterwarf G.; aber für ihre Unterstützung ließen sich die Engländer die Distrikte Surat, Barotsch, Ahmedabad und Kaira abtreten, ohne daß sich jedoch die den »Schutz« gewährende Ostindische Kompanie in die innern Angelegenheiten von G. hätte einmischen dürfen. Vgl. Schmidt im 2. Band von Helmolts »Weltgeschichte« (Leipz. 1902).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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