Gryphĭus


Gryphĭus

Gryphĭus, 1) (Greyff) Sebastian, Buchdrucker, geb. 1493 in Reutlingen als Sohn des Buchdruckers Martin Greyff (nach andern in der Nähe von Augsburg), ließ sich 1528 in Lyon nieder und starb daselbst 7. Sept. 1556 G. lieferte sehr schöne und außerordentlich korrekte Drucke, als deren berühmteste seine lateinische Bibel von 1550, die in den größten bis dahin für Bibeldruck gebrauchten Typen ausgeführt wurde, und sein »Thesaurus linguae sanctae« von Sanctès Pagnin (1529) gelten. Von G. datiert in Lyon das Wiederaufleben der daselbst sehr in Verfall geratenen Buchdruckerkunst. Sein Sohn Antoine setzte anfänglich das Geschäft des Vaters in würdiger Weise fort, vernachlässigte es aber später. – Sebastians Bruder Franz war bis 1540 in Paris tätig und druckte ein »Lexicon graeco-latinum« in Quart. Vgl. Leubscher, Schediasma de eiaris Gryphiis (Brieg 1702); Vingtrinier, Histoire de i'imprimerie à Lyon (Lyon 1894).

2) (Gryph, eigentlich Greif) Andreas, namhafter deutscher Dichter, geb. 11. Okt. 1616 zu Glogau in Schlesien, gest. daselbst 16. Juli 1664, verlor frühzeitig seinen Vater, der Prediger war, und verlebte durch die Schuld eines lieblosen Stiefvaters eine trübe Jugendzeit. Er erhielt seine erste Bildung auf den Schulen zu Görlitz, Glogau und Fraustadt und besuchte seit 1634 das Gymnasium zu Danzig. 1636 wurde er Hauslehrer bei dem kaiserlichen Pfalzgrafen Georg von Schönborn in Fraustadt, der ihn 1637 zum Dichter krönte. Nach dem Tode seines Mäcens, der ihn in seinem Testament bedacht hatte, war ihm die Möglichkeit geboten, im Ausland seine Bildung zu vervollkommnen. Er ging 1638 zuerst nach Amsterdam und von da nach Leiden, wo er erst Vorlesungen hörte und später selbst solche hielt; auch gab er dort bei Elzevier »Sonn- und Feiertags-Sonette« (1639; Neudruck von Welti, Halle 1883) heraus. Sodann bereiste er die Niederlande, Frankreich und Italien und ließ sich nach seiner Rückkehr ins Vaterland 1647 zu Fraustadt nieder. 1650 wurde er, nachdem er Berufungen als Professor nach Frankfurt a. O., Upsala und Heidelberg abgelehnt hatte, zum Landsyndikus des Fürstentums Glogau ernannt. Als Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft (seit 1662) hieß er der »Unsterbliche«. Die pessimistische Grundstimmung seines tief religiösen Gemüts spiegelt sich vor allem in seiner Lyrik: gehaltvollen Sonetten, satirischen Epigrammen und erhabenen Oden voll ergreifender Kraft. Sein lateinisch geschriebenes, religiöses Epos »Olivetum« (»Der Ölberg«, Flor. 1646) verrät in den allegorischen Zutaten weitläufige Beziehungen zu Dante und darf als Vorklang zu Klopstocks »Messias« angesehen werden. Seine dramatische Tätigkeit begann G. als Übersetzer der »Felicitas« des Jesuiten Causinus und von Joost van Vondels »De Gebroeders« (»Die sieben Brüder oder die Gibeoniter«); erst 1646 ließ er sein erstes Originalwerk folgen, die byzantinische Palasttragödie »Leo Armenius«, ein pathetisches Renaissancedrama mit Geistererscheinungen und Greueltaten; ihr folgten. das Märtyrerstück »Katharina von Georgien« (gedruckt 1657); »Cardenio und Celinde« (verfaßt nach 1647), eine moralisierende Spukgeschichte, das einzige »bürgerliche Trauerspiel« vor Lessings »Miß Sara Sampson«; »Ermordete Majestät, oder. Carolus Stuardus, König von Großbritannien« (zuerst 1657), bemerkenswert durch Behandlung eines Stoffes aus dem Leben der Zeit; endlich »Papinianus« (1659), worin der berühmte Jurist als Märtyrer seiner Rechtsüberzeugung dargestellt ist. Unter Berücksichtigung der drei Einheiten behandelt G. meist grauenvolle Stoffe in bilderreichem, oft etwas überladenem Stil, aber durch ausdrucksvolle Kürze anregend und in gehaltvollen Chorgesängen große Auffassung offenbarend. Seine Vorbilder sind Seneca und Vondel. Auch als Lustspieldichter leistete G. Bedeutendes. Auf die Übersetzung des Stückes »La balia« des Italieners Razzi (»Die Seugamme«, gedruckt zuerst 1663) ließ er das Schimpfspiel »Absurda comica, oder: Herr Peter Squentz« (zuerst o. J., dann 1663; Neudruck, Halle 1877; in Reclams Universal-Bibliothek u. ö.) folgen, worin er die Geschichte von Pyramus und Thisbe in einer von Shakespeares »Sommernachtstraum« abweichenden Version unter Anlehnung an ein verloren gegangenes Stück von Daniel Schwenter und das niederländische Stück von Gramsbergen höchst drastisch darstellt (vgl. Burg in der »Zeitschrift für deutsches Altertum«, Bd. 25, 1881, und Borinski, das., Bd. 32, 1888). Daneben fesselt sein »Horribilicribrifax«, zwar in der Handlung verworren, aber ein gutes Bild der deutschen Zustände nach dem großen Kriege; im Mittelpunkt stehen hier zwei prahlerische Soldaten. Unbedeutender sind seine Singspiele: »Majuma« und »Das verliebte Gespenst« (1660), nach Quinaults »Fantôme amoureux«; doch vortrefflich ist das in dieses letztere Stück eingelegte, im schlesischen Dialekt geschriebene Scherzspiel »Die geliebte Dornrose«, das sich aber auch wieder an ein Werk VondelsDe Leuwendalers«) anlehnt. Seinen Zeitgenossen galt G. als ein Wunder der Gelehrsamkeit, denn er verstand elf Sprachen, hielt über Logik, Anatomie, Geographie, Geschichte, Mathematik, Astronomie und römische Altertümer Vorlesungen und beschäftigte sich auch mit Chiromantik. Die besten und relatio vollständigsten Ausgaben seiner Werke sind die zu Breslau 1657 und 1663 erschienenen und die von seinem Sohne besorgte (Bresl. u. Leipz. 1698, 2 Tle.). In den »Publikationen des Literarischen Vereins in Stuttgart« erschienen die »Lustspiele« (Bd 138, 1879), die »Trauerspiele« (Bd. 162, 1883) und die »Lyrischen Gedichte« (Bd. 171, 1885), herausgegeben von Palm, der auch eine Auswahl der dramatischen Dichtungen nebst Gedichten (in Kürschners »Deutscher Nationalliteratur«, Bd. 29, Stuttg. 1883) veröffentlichte; Tittmann gab eine Auswahl aus den dramatischen Dichtungen (Leipz. 1870) und die »Lyrischen Gedichte« (das. 1880) heraus. Vgl. Herrmann, Über Andreas G. (Leipz. 1851); Klopp, Andreas G. als Dramatiker (Osnabr. 1852); Th. Wissowa, Beiträge zur Kenntnis von A. G.' Leben und Schriften (Glog. 1876); Kollewijn, über den Einfluß des holländischen Dramas auf A. G. (Amersfoort u. Heilbr. 1880); Wysocki, Andreas G. et la tragédie allemande an XVII. siècle (Par. 1893); Manheimer, Die Lyrik des Andr. G. (Berl. 1904).

3) Christian, deutscher Dichter und Schriftsteller, Sohn des vorigen, geb. 29. Sept. 1649 in Fraustadt, gest. 6. März 1706 in Breslau, war 1686 Rektor und seit 1699 zugleich Bibliothekar am Magdalenengymnasium zu Breslau. In seinen Jugendjahren ein Bewunderer Lohensteins uno Hoffmannswaldaus, näherte er sich in seinen Gedichten später mehr der maßvollen Nüchternheit Canitzens. Seine dichterischen Arbeiten erschienen u. d. T.: »Poetische Wälder« (Frankf. 1698; 3. Aufl., Bresl. u. Leipz. 1718). Nach seinem Tod erschien der dramatische Schulaktus »Der deutschen Sprache unterschiedene Alter etc.« (Bresl. 1708).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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