Gottschall


Gottschall

Gottschall, Rudolf von, Dichter und Schriftsteller, geb. 30. Sept. 1823 in Breslau, Sohn eines preußischen Artillerieoffiziers, studierte seit 1841 in Königsberg die Rechte und nahm lebhaften Anteil an der liberalen Bewegung in Ostpreußen, dem er in zwei anonymen Gedichtsammlungen. »Lieder der Gegenwart« (2. Aufl., Königsb. 1842) und »Zensurflüchtlinge« (2 Aufl., Zürich 1843), frischen Ausdruck gab. Er wurde hierdurch rasch bekannt, geriet aber auch politisch in Konflikte, wurde von der Universität Breslau verwiesen und beendigte seine Studien in Königsberg, wo er 1846 als Doktor der Rechte promovierte und später als Dramaturg wirkte. 1848 siedelte G. nach Hamburg über, wo er zunächst eine Episode aus der Geschichte Hamburgs in der Tragödie »Hieronymus Snitger« dramatisch bearbeitete. Die Dramen: »Ulrich von Hutten« und »Maximilian Robespierre« waren Vorläufer der stürmisch-revolutionären dramatischen und lyrischen Produkte, mit denen G. die Jahre 1848–50 begrüßte und begleitete; das kleine Drama »Die Marseillaise«, die Tragödien: »Lambertine von Méricourt« (Hamb. 1850), »Ferdinand von Schill« (das. 1851), die »Wiener Immortellen« (das. 1848) und die erste Sammlung seiner »Gedichte« (das. 1850). Eine Art künstlerischen Abschlusses fand diese Periode in dem größern lyrisch-epischen Gedicht »Die Göttin, ein Hoheslied vom Weibe« (Hamb. 1853; 2. Aufl., Bresl. 1876). 1852 heiratete G. Marie, Freiin von Seherr-Thoß und nahm seinen Wohnsitz in Breslau. 1862 redigierte er die »Ostdeutsche Zeitung«, 1863 machte er eine Reise nach Italien, die er in den »Reisebildern aus Italien« (Bresl. 1864) lebendig beschrieb, 1864 wurde er von der Firma F. A. Brockhaus nach Leipzig berufen, um die Redaktion der Zeitschrift »Unsere Zeit« und der »Blätter für literarische Unterhaltung« zu übernehmen, die er bis 1888 führte. Zugleich war er jahrzehntelang als Kritiker des »Leipziger Tageblattes« tätig. 1864 wurde er vom Großherzog von Weimar zum Hofrat, später zum Geheimen Hofrat ernannt, 1877 vom deutschen Kaiser geadelt; an seinem 80. Geburtstage (1903) setzten ihm der Kaiser, die Stadt Leipzig und die Deutsche Schillerstiftung Jahresgehalte aus, Freunde und Verehrer überreichten ihm eine ansehnliche Ehrengabe. Als Lyriker bewährte sich G. noch in den durch den Krimkrieg geweckten Gesängen »Sebastopol« (Bresl. 1856), den »Neuen Gedichten« (das. 1858, darin antike Metra mit Reimen), den Sammlungen »Janus« (Leipz. 1873) und »Bunte Blüten« (Berl. 1891). Von lyrisch-epischen Dichtungen veröffentlichte er ferner: »Carlo Zeno« (Bresl. 1854, 2. Aufl. 1877), »Maja« (das. 1864, 3. Aufl. 1876), worin eine Episode des indischen Aufstandes behandelt wird, »König Pharao«, ein komisches Epos (Leipz. 1872), »Merlins Wanderungen« (das. 1887). Eine treffliche Leistung war sein Lustspiel »Pitt und Fox«, das, 1854 zuerst in Breslau ausgeführt, seitdem die Runde über alle deutschen Bühnen machte, und das der Verfasser in spätern Lustspielen (»Die Diplomaten«, »Die Welt des Schwindels«, »Ein Vater auf Kündigung« [unter dem Pseudonym Karl Rudolf], »Der Spion von Rheinsberg«, »Schulröschen«, »So zahlt man seine Schulden«) nicht wieder erreichte. Von seinen Tragödien hatten »Mazeppa« und namentlich »Katharina Howard« den größten Erfolg; neben ihnen sind zu nennen: »Der Nabob«, »Karl XII.«, »Die Rose vom Kaukasus«, »Bernhard pou Weimar«, »Amy Robsart«, »Arabella Stuart«, »Gutenberg«, »Rahab« und »Der Götze von Venedig« (die ältern gesammelt in den »Dramatischen Werken«, 2. Aufl., Leipz. 1884, 12 Bde.). Erst spät wandte sich G. dem Roman zu und begann erfolgreich mit dem historischen Roman »Im Banne des Schwarzen Adlers« (Bresl. 1875, 4. Aufl. 1884); ihm folgten. »Welke Blätter« (das. 1877, 3 Bde.), »Das goldene Kalb« (das. 1880, 3 Bde.), »Das Fräulein von St. Amaranthe« (Berl. 1881, 3 Bde.), »Die Erbschaft des Blutes« (Bresl. 1881, 3 Bde.), »Die Papierprinzessin« (das. 1883, 3 Bde.), »Verschollene Größen« (das. 1886, 3 Bde.), »Die Tochter Rübezahls« (das. 1889, 3 Bde.), »Der steinerne Gast« (das. 1891), »Verkümmerte Existenzen« (das. 1892, 2 Bde.), »Dämmerungen« (das. 1893, 3 Bde.), »Aretin und sein Haus« (Berl. 1896), »Moderne Streber« (Jena 1896, 2 Bde.), »Auf freien Bahnen« (das. 1900, 2 Bde.); daneben die Novellen und Erzählungen: »Schulröschen« (Bresl. 1886), »Romeo und Julie am Pregel« (Dresd. 1892), »Eine Dichterliebe« (das. 1894), »Das Mädchen vom Prohner Wieck« (Bresl. 1898), »Ariadne« (Berl. 1902). – Außerdem entfaltete G. eine sehr rege Tätigkeit als Kritiker und Literarhistoriker; seine Hauptwerke dieser Art sind »Die deutsche Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts« (7. Aufl., Bresl. 1901–02, 4 Bde.) und seine »Poetik« (6. Aufl., das. 1903, 2 Bde.). Hierzu kamen die »Porträts und Studien« (Bd. 1 und 2. »Literarische Charakterköpfe«, Leipz. 1870; Bd. 3 und 4: »Paris unter dem zweiten Kaiserreich«, 1871), die »Literarischen Totenklänge und Lebensfragen« (Berl. 1885); »Das Theater und Drama der Chinesen« (Bresl. 1887); »Studien zur neuen deutschen Literatur« (Berl. 1892); die vergleichenden Studien »Zur Kritik des modernen Dramas« (das. 1900), das Charakterbild »Georg Ebers« (Leipz. 1898) sowie Darstellungen über Schiller, Lenau und Grabbe in Reclams Universal-Bibliothek. Auch der von G. zusammengestellte »Blütenkranz neuer deutscher Dichtung« (12. Aufl., Bresl. 1897), sein »Deutsches Frauenalbum in Wort und Bild« (2. Aufl., Leipz. 1884) und seine »Gedankenharmonie aus Goethe und Schiller« (8. Aufl., das. 1893) sind hier zu erwähnen. Im Verein mit hervorragenden Historikern gab G. den »Deutschen Plutarch« (Leipz. 1874–88, 12 Bde.) heraus und veröffentlichte fesselnde Erinnerungen »Aus meiner Jugend« (Berl. 1898). Gottschalls vielseitiges Talent wurde durch rhetorische Wortfülle getrübt und gelangte infolge allzu rastloser Produktion und unzulänglicher Eigenart nicht zur Vollendung. G. ging von jungdeutschen Tendenzen aus, schloß sich aber bald noch entschiedener an Schiller an, offenbarte einen lebhaften Sinn für große historische Ideen und pathetische Darstellungen und wußte als Kritiker oft mit seinem ästhetischen Verständnis den Kern der Dichtungen zu erschließen. Aber sein schwacher Wirklichkeitssinn beeinträchtigte Schaffen und Kritik und brachte ihn in scharfen Gegensatz zu den Bestrebungen der neuesten Zeit.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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