Garnier


Garnier

Garnier (spr. garnjē), 1) Robert, franz. Dichter, geb. 1534 zu La Ferté-Bernard in Maine, studierte in Toulouse die Rechte, wurde Parlamentsadvokat in Paris, dann Lieutenant-criminel von Le Mans, wo er 20. Sept. 1590 starb. Schon 1565 in den Jeux floraux als Dichter gekrönt, widmete er sich dem Theater, errang mit seinen Tragödien: »Porcie«. »Bradamante« u. a. große Erfolge und kann der Vorläufer Corneilles genannt werden. Seine Tragödien (acht an Zahl) waren bloße Buchdramen; sie erschienen gesammelt Paris 1585, hiernach in neuer Ausgabe von W. Förster (Heilbr. 1883, 4 Bde.). Vgl. Bernage. Étude sur R. G. (Par. 1880).

2) Auguste, Pariser Verlagsbuchhändler, geb. 1812 in Lingreville, gest. 1887, begründete 1833 in Paris ein Verlagsgeschäft, aus dem große Sammelwerke hervorgingen, wie »Chefs-d'œuvre de la littérature française« (60 Bde., enthaltend die Werke von Molière, Lafontaine, Boileau, Racine, Montesquieu u. a.), »Collection des grands écrivains du XVIII. siècle« (enthaltend die vollständigen Werke von Voltaire [52 Bde.] Diderot, die Korrespondenz von Grimm), die »Bibliothèque choisie« französischer und ausländischer Schriftsteller, die »Nouvelle Bibliothèque latine-française« (81 Bde.); ferner die Werke von Rabelais (illustriert von G. Doré), Chateaubriand, Béranger u. a., Wörterbücher (namentlich das »Dictionnaire national« von Bescherelle), Grammatiken und andre Schulbücher, Volks- und Jugendschriften etc. Nach seinem Tode ging das Geschäft in den Besitz seines Bruders Hippolyte G., geb. 1815, über. der daneben auch das in Rio de Janeiro gegründete Zweiggeschäft noch gegenwärtig leitet.

3) Joseph Clément, franz. Nationalökonom, Hauptvertreter des Freihandels, geb. 3. Okt. 1813 in Beuil (Grafschaft Nizza), gest. 25. Sept. 1881 in Paris, begab sich 1829 nach Paris, woselbst er an der Oberhandelsschule erst Schüler, dann Professor wurde. Nachdem er drei Jahre lang Vorträge am Collège Chaptal und am Athénée royal gehalten, wurde er 1846 als Professor der Volkswirtschaft an die École des ponts et chaussées berufen. 1845 übernahm er die Redaktion des von ihm 1841 mitbegründeten »Journal des Économistes«, die er bis zu seinem Tode weiterführte. Nach dem Siege der von R. Cobden gestifteten Freihandelsliga gründete er mit F. Bastiat, Chevalier u. a. die Association pour la liberté des échanges, auch war er 1842 bei der Gründung der Pariser Société d'économie politique beteiligt. 1876 wurde er von seinem Heimatswahlkreis zum Senator gewählt. Von seinen zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: »Introduction á l'économie politique« (Par. 1837); »Traité d'économie politique« (1846, 9. Aufl. 1889); »Richard Cobden, les ligueurs et la ligue« (1846); »Sur l'association, l'économie politique et la misère« (1846); »Premières notions d'économie politique« (4. Aufl. 1872); »Notes et petits traités« (2. Aufl. 1864); »Traité des finances« (4. Aufl. 1882); »Du principe de population« (1857, 2. Aufl. 1885); »Traité d'arithmétique théorique et appliqué an commerce, etc.« (3. Aufl. 1880) u. a. Vgl. »Biographie de l'économiste J. G. par son frère J. J. G.« (Turin 1882).

4) Charles, franz. Architekt, geb. 6. Nov. 1825 in Paris, gest. daselbst 3. Aug. 1898, widmete sich anfangs der Bildhauerkunst und trat 1842 in die Ecole des beaux-arts, wo er in der Architektur Schüler von Levieil und Lebas wurde und 1848 für ein Projekt zu einem Konservatorium der Künste und Gewerbe den Preis für Rom erhielt. Hier bildete er sich weiter aus, durchforschte die Bauwerke im übrigen Italien, in Griechenland und einem Teil der Türkei und stellte als eine der Früchte seines dortigen Aufenthalts die polychrome Restauration des Tempels der Athena auf Ägina aus. 1854 kehrte er nach Paris zurück und wurde 1860 Architekt von zwei Arrondissements. Das Projekt zur Erbauung eines neuen Opernhauses eröffnete ihm 1861 ein großartiges Feld der Tätigkeit, als die Jury dem von ihm eingereichten Plan den ersten Preis zuerkannte und ihm die Ausführung des Riesenbaues übertrug, der 1863 begonnen und 1874 vollendet wurde. Obwohl sich alle Künste vereinigt hatten, um eine entsprechende Vorstellung von dem französischen Kunstvermögen zu geben, entbehrt das Ganze des Gesamteindrucks vornehmer Schönheit, namentlich wegen der gedruckten Verhältnisse der Hauptfassade und der Überladung mit Skulpturen und Malereien. Außer der Oper hat er in Paris den Cercle de la librairie, die Panoramen Valentino und Marigny und mehrere Privathäuser, in Monte Carlo das Kasino und in Nizza das Observatorium (beschrieben 1890) erbaut. Er schrieb: »Travers les arts; causeries et mélanges« (1869), »Études sur le théâtre« (1871), »L'habitation humaine« (mit Ammann, 1892) und besorgte auch die Herausgabe der »Nouvel opéra de Paris« (1876–81). Er war Mitglied des Instituts. Vgl. Pascal, Charles G., architecte de l'Opéra de Paris (Par. 1899).

5) Francis, franz. Schiffsleutnant und Reisender, geb. 25. Juli 1839 in St.-Etienne, gest. 21. Dez. 1873 in Tongking, machte 1860–62 als Schiffsfähnrich den China- und Kotschinchina-Feldzug mit. Nach der Eroberung von Saigon wurde er Beamter der jungen französischen Kolonie und war dann Teilnehmer und nach dem Tode des Chefs Doudard de Lagrée Leiter der großen Expedition, die 1866–68 die Schiffbarkeit des Mekong untersuchte. G. besuchte noch die Rebellenhauptstadt Talifu in Jünnan und fuhr den Jangtsekiang bis nach Hankou hinab. 1870/71 nahm er teil an der Verteidigung von Paris, unternahm darauf eine Reise in das Innere von China und wurde dann nach Tongking geschickt. Er eroberte dort 20. Nov. 1873 mit wenigen Leuten die Hauptstadt Hanoi, fiel aber bald darauf im Kampf gegen chinesische Räuberbanden. Er schrieb: »Voyage d'explorationen Indo-Chine, etc.« (Par. 1873, 2 Bde., mit Atlas). Vgl. Petit, Francis G. (Par. 1885).

6) Jules Arsène, franz. Maler, geb. 22. Jan. 1847 in Paris, gest. daselbst 25. Dez. 1889, wurde Schüler Gérômes und kultivierte neben figurenreichen Kultur- und Sittenbildern mit Vorliebe die dramatische Greuelszene. 1869 stellte er im Salon das lüsterne Nachtstück: Fräulein v. Sombreuil, das Glas Blut leerend, aus; 1872 folgte das Herrenrecht, eine seine Sittenstudie, 1874 Le roi s'amuse nach Victor Hugo, 1875 die Hinrichtung einer Frau im 16. Jahrh., 1876 die Strafe der Ehebrecher, ein mittelalterliches Sittenbild von großer koloristischer Wirkung. Den Salon 1877 beschickte er mit dem nach Victor Hugos »Orientales« geschaffenen Bilde: die Favoritin, der der blutende Kopf ihrer eben enthaupteten Nebenbuhlerin gebracht wird. Ferner stellte er aus: 1878 das Gemälde: der Befreier des Gebiets, nach dem Bericht des »Journal officiel«, am 17. Juni 1877, wo Thiers in der Kammer jubelnd so genannt ward, 1879 die Versuchung eines frommen Einsiedlers durch zwei nackte Frauengestalten und den humorsprudelnden Festtag, eine Art von Dorfkirmes à la Teniers, 1881 die Verteilung der Fahnen 14. Juli 1880.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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