Colonna


Colonna

Colonna, röm. Adelsgeschlecht, das, seit 1101 nachweisbar, seinen Namen von dem Ort La C. an den Albanerbergen führt und bis zum Ende des Mittelalters durch seine großen Besitzungen und die große Schar seiner Klienten auf die Angelegenheiten des Kirchenstaates bedeutenden Einfluß ausgeübt hat. In den Kämpfen zwischen Kaiser und Papst standen die C. meist auf seiten der Ghibellinen. Aus der Familie, die jetzt noch in vier herzoglichen und fürstlichen Linien, Paliano, Stigliano, Sciarra und Romano, blüht, sind außer Papst Martin V. (s.d.) besonders nennenswert:

1) Stefano, geb. in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh., floh vor Papst Bonifatius VIII. nach England und Frankreich, kehrte nach dessen Tode zurück, schloß sich 1312 Heinrich VII. an, hielt sich aber 1327 von Ludwig dem Bayern zurück und wurde nach dessen Abzug aus Rom Senator der Stadt. Bei der Erhebung des Rienzi stand C. an der Spitze des diesem feindlichen Adels, kehrte nach Rienzis Sturz im Dezember 1347 nach Rom zurück, starb aber bald darauf, wahrscheinlich 1348.

2) Sciarra, Bruder des vorigen, wurde von Bonifatius VIII. in Palestrina belagert, floh 1298 nach Übergabe der Stadt und wurde an der französischen Küste von Seeräubern gefangen genommen, von denen ihn der König von Frankreich loskaufte. 1303 kehrte er mit dessen Kanzler Nogaret zurück und nahm Bonifaz in Anagni gefangen. 1328 öffnete er Ludwig dem Bayern die Tore der Hauptstadt und überreichte ihm in der Peterskirche 17. Jan. die Kaiserkrone, floh aber nach Ludwigs Abzug aus Rom und starb 1329 im Exil.

3) Prospero, berühmter Condottiere, geb. 1452, gest. 30. Dez. 1523, kämpfte für Karl VIII. von Frankreich bei dessen Einfall in Italien 1494/95, trat aber dann zu den Spaniern über und half diesen die Franzosen aus Italien vertreiben. In den folgenden italienischen Kriegen, in denen er General des Papstes wurde, waren der Sieg bei Vicenza 1513 und der Einfall der Schweizer in Piemont sein Werk. 1515 von den Franzosen gefangen, löste er sich mit 350 Pfd. Gold, befehligte dann das Heer der Verbündeten und entriß den Franzosen Italien. Ein neues französisches Heer unter Lautrec schlug er bei Bicocca 27. April 1522 und endigte den Feldzug durch die Einnahme von Cremona und Genua.

4) Pompeo, Kardinal, Neffe des vorigen, geb. 12. Mai 1479, gest. 28. Juni 1532, wurde 1508 Bischof von Rieti, bemächtigte sich 1511 auf das Gerücht vom Tode des Papstes Julius II. durch Überfall des Kapitols und ward deshalb seiner Würden entsetzt von Leo X. aber begnadigt und 1517 zum Kardinal ernannt. Er war später Führer der kaiserlichen Partei im Kardinalskollegium und erhob sich zugunsten Karls V. gegen Clemens VII. 1526, näherte sich aber nach der Plünderung Roms 1527 dem Papst wieder. 1529 wurde er von Karl V. zum Vizekönig von Neapel ernannt und 1531 Erzbischof von Monreale. C. war ein geschmackvoller Dichter; sein Hauptwerk: »De lan dibus mulierum«, schrieb er zu Ehren der Vittoria C

5) Vittoria C., Marchesa von Pescara, berühmte ital. Dichterin, geb. 1492 in Marino, gest 25. Febr. 1547 in Rom, wurde bereits als Kind mit Ferrante d'Avalos, Marchese von Pescara, verlobt und 1509 vermählt. Sie liebte ihren Gatten innig, fand aber keine Erwiderung. Als dieser in der Nacht vom 2. auf den 3. Dez. 1525 an einer Krankheit gestorben war, brachte sie die folgenden Jahre in tiefer Trauer hin und verherrlichte ihren Gatten in Gedichten. Seit 1541 lebte sie dauernd in Rom. Sie stand mit den berühmtesten Gelehrten Italiens in Verkehr und schloß sich namentlich eng an die Männer an, die zur Zeit Pauls III. eine Reform der katholischen Kirche anstrebten, wie Juan Valdez, Occhino, Kardinal Pole u. a. Das innigste Freundschaftsverhältnis aber verknüpfte sie mit Michelangelo, der sie auch in seinen Gedichten feierte; auch Ariost widmete ihr einige glänzende Stanzen seines »Orlando« (Gesang 37). Vittorias Gedichte, meist religiöse Sonette, von wahrer Frömmigkeit, sind bis auf ihr schönstes Lied, eine Epistel (1512), erst nach Pescaras Tode verfaßt. Erste Ausgabe der »Rime« Parma 1538, beste Ausgabe: »V. C., rime e lettere« (Flor. 1860). Mittelmäßige Übersetzung von Berta Arndts (Schaffh. 1858, 2 Bde.). Den Briefwechsel der Dichterin gaben Ferrero und Müller (Turin 1889) heraus, eine Ergänzung dazu Tordi (das. 1892). Vgl. A. v. Reumont, Vittoria C. (Freiburg 1881); Zumbini, Studi di letteratura italiana (Flor. 1894); F. X. Kraus, Essays, 1. Sammlung (Berl. 1896); Mazzone, Vittoria C. eil suo canzoniere (Marsala 1897); Tordi, Il codice delle rime di V. C. etc. (Pistoja 1900).

6) Mark Antonio, geb. 1536, gest. 1. Aug. 1584, trat, von Papst Pius IV. aus Rom verbannt, in spanische Dienste und leitete unter Alba 1556 die Operationen gegen den Kirchenstaat mit so viel Erfolg, daß der Papst ihn zurückberief. Pius V. vertraute ihm 1571 die gegen die Türken ausgerüstete Expedition an, die sich mit der spanischen unter Juan d'Austria vereinigte. Nach dem Sieg bei Lepanto erhielt er einen in altrömischer Weise gefeierten Triumph. Darauf verwaltete er Sizilien als spanischer Vizekönig und wollte eben den Oberbefehl der Armada übernehmen, als er in Medinaceli starb.

Der Palazzo C. in Rom, am Fuß des Quirinals gelegen, stammt in seiner jetzigen Gestalt aus dem 15.–18. Jahrh. und ist berühmt durch seine prachtvolle Gemäldegalerie, die einst 1362 Gemälde zählte, aber auch jetzt noch, obschon durch Erbteilung sehr verkleinert, reich an vortrefflichen Kunstwerken ist (Temperalandschaften von Poussin, Madonna von Palma Vecchio etc.). Aus der Galerie gelangt man in den am Westgehänge des Quirinals in Terrassen emporsteigenden herrlichen Garten (mit Bauresten von den Thermen Konstantins). Vgl. Coppi, Memorie Colonnesi (Rom 1855); A. v. Reumont, Beiträge zur italienischen Geschichte, Bd. 5 (Berl. 1877).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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