Chile


Chile

Chile (spr. tschīle), Republik an der Westküste Südamerikas (s. die Karte beim Art. »Argentinische Republik«), zwischen 17°47' und 55°59' südl. Br., zieht sich als ein etwa 4297 km langer und meist 140, bisweilen nur 110, in der Provinz Antofagasta aber über 400 km breiter Küstenstrich zwischen dem Stillen Ozean im W. und den Anden im O. hin und grenzt im N. an Peru, im O. an Bolivia und Argentinien. Nach den mit den Nachbarstaaten zu Anfang der 1880er Jahre geschlossenen Verträgen gehören das Feuerland westlich von 68°34' westl. L., die ganze Magalhãesstraße und Patagonien südlich von 52° südl. Br. und westlich vom Kamm der Kordilleren zu C., die Kordilleren bilden die Grenze zwischen C. und Argentinien und vom Vulkan Licancaur (23°8' südl. Br.) an auch gegen Bolivia und Peru. Über die Kordillerengrenze gab es neuerdings viele Streitigkeiten mit Argentinien, weil die Flüsse vielfach östlich der Hauptkette entspringen und daher die Wasserscheide, welche die Grenze bilden soll, nach dem ursprünglichen Vertrag, auf von Argentinien beanspruchtes Gebiet zu liegen kommt. Zu C. gehören ferner die Juan Fernandez-Inseln (s.d.) und die Osterinsel (s.d.). Ohne letztere umfaßt C. 724,664 qkm, nach planimetrischer Berechnung von Trognitz 776,000 qkm.

Die Küste verläuft im größern nördlichen Teil ziemlich gleichmäßig; sie hat zwar viele, aber nur wenig vor- und einspringende Vorgebirge und Baien. Letztere bieten meist geringen Schutz. Die wenigen vorgelagerten Inseln sind klein und unbedeutend. Vom 42.° südl. Br. dagegen fällt das große, ganz C. durchziehende Längstal plötzlich ins Meer und bildet einen bis über die Magalhãesstraße hinausreichenden Kanal, der eine Reihe großer Inseln und Inselgruppen abtrennt, wie Chiloé, Chonosarchipel, Campaña und Wellington, Madre de Dios-Archipel, Chatham, Hannover, Königin Adelaide-Archipel, Santa Inés, Feuerland, Navarin, Wollaston u. a.

Physische Verhältnisse

Den Charakter des Landes bestimmt der Grenzwall der Kordilleren, deren Schneehäupter bei der außerordentlichen Durchsichtigkeit der Atmosphäre, von der See gesehen, über dem Meer zu hängen scheinen. Südlich vom 42.° südl. Br. steigt die Kordillere (s. Kordilleren) unmittelbar vom Meer an, es lagern ihr aber zahlreiche gebirgige Inseln vor. Nördlich tritt dicht an der Küste ein Gebirgszug auf, und die von der Kordillere herabkommenden Flüsse haben durch diese Cordillera de la Costa ihren Durchgang erzwungen und sie somit in viele Abschnitte zerschnitten. Zwischen Küstengebirge und Kordillere breitet sich eine durch kleinere Höhenzüge abgeteilte Ebene (Llano intermedio) aus, die allmählich bis zur Reloncavibai herabsinkt. In den Anden hat C. über 50 Berge, die von 2000 bis über 6000 m emporsteigen, der höchste ist der Cerro del Mercedario (6798 m) unter 31°59' südl. Br., dagegen gehört der Aconcagua ihm nicht mehr an. In der Küstenkordillere überschreiten 17 Gipfel 1000 m. Die Schneegrenze steigt in der Kordillere von Atacama bis 4500 und 5000 m hinauf, beträgt in der Breite von Santiago 3300, südlich von Concepcion 2000, in der Kordillere von Llanquihue 1500, im Feuerland nur 1100 m. Gipfel und Pässe nehmen an Höhe zu, je weiter man nach N. geht. Der Barilochepaß (41°20' südl. Br.) hat eine Höhe von nur 840 m; auch der 25 km nördlichere Pedro-Rosalespaß ist nur 836 m hoch. Die wichtigern Pässe sind sodann: Planchonpaß (2507 m), Cumbre- oder Uspallatapaß (3960 m), Portezuelo de Azufre (3645 m), Come Caballa (4356 m), Tacorapaß (17°50' südl. Br., 4170 m).

Geognostisch besteht die Küstenkordillere im N. namentlich aus Granit und Porphyrgesteinen, im S. wesentlich aus Gneis und Glimmerschiefer, die auch auf den Inseln herrschen. Einer viel jüngern Erhebung entspricht die Hauptkette der Anden. Abgesehen von einzelnen Vorkommnissen archäischer Gesteine im S. ist sie aus Sedimenten aufgebaut, die nicht älter als die permische Zeit zu sein scheinen und in ihren organischen Resten ganz das Gepräge europäischer Jura- und Kreideablagerungen zeigen, dabei aber mächtige Einlagerungen von Porphyr, Porphyrtuffen und Konglomeraten enthalten. Diesen Bildungen sind Vulkane ausgesetzt, deren Ströme und Aschen den Untergrund in großer Ausdehnung und Mächtigkeit bedecken. Vielfach sind die Schiefer und Kalke der Jura- und Kreideformation von andesitischen und trachytischen (in Patagonien auch basaltischen) Gesteinen durchsetzt, die oft mit reichen Erzvorkommnissen in nachweisbarem Zusammenhang stehen. Im Hügelland zwischen der Küstenkordillere und den Anden treten Sedimentgesteine vorwiegend mesozoischen Alters auf, oft bedeckt von jüngern (auch braunkohlenführenden tertiären) Sedimentbildungen und Salzablagerungen. An der Küste kommen an mehreren Stellen Kreidesedimente vor und in größerer Ausdehnung tertiäre Gebilde, in denen die berühmten Kohlengruben von Lota, Chiloé sowie die der Magalhãesstraße liegen. Unter den zahlreichen Vulkanen scheinen die bei Chillan (Tinguiririca, Chillan, Antuco, Villarica, Osorno) die tätigsten zu sein. Solfataren und heiße Quellen sind ebenfalls sehr zahlreich vorhanden. Erdbeben kommen außerordentlich häufig vor; man teilt sie in die ungefährlichen und häufigern »Temblores« und die heftigen »Terremotos«. Das furchtbare Erdbeben von 1751 begrub die alte Stadt Concepcion im Meer und zerstörte fast alle Ortschaften von 34–40° südl. Br., 1822 wurde Valparaiso arg verwüstet und 1835 besonders Neu-Concepcion. Im allgemeinen nimmt Stärke und Häufigkeit der Erdbeben gegen S. immer mehr ab (vgl. Südamerika). Unter den Metallen, an denen C. sehr reich ist, nehmen Kupfer und Silber die erste Stelle ein. Silber findet sich vorzüglich auf Erzgängen in oberjurassischem Kalkstein bei Caracoles und Chañarcillo; Kupfererze kommen namentlich gangförmig in dioritischen Gesteinen am Ostfuß der Küstenkordille vor; Gold wurde früher in größern Mengen im Alluvium und auf Quarzgängen der Küstenkordillere gewonnen. Von andern Metallen wird nur noch Blei und Kobalt ausgebeutet, außerdem Schwefel, Marmor, Steinkohle (vgl. oben), Steinsalz, Boronatrocalcit, Borax und Salpeter (Chilisalpeter), der ganze Gegenden in der Provinz Atacama überzieht (s. unten: Bergbau, S. 26).

Die Bewässerung ist im nördlichen C., wo fast alle Bäche nach kurzem Laufe vom Erdboden aufgesaugt werden, sehr dürftig, viel reichlicher dagegen im südlichen C., obschon nur wenige Flüsse einige Meilen weit aufwärts schiffbar sind. Die wichtigern sind: der Rio Loa, der einzige bedeutendere des Nordens, der Choapa, der reißende, für die Bewässerung des Tales von Santiago wichtige Maipó, der noch am weitesten schiffbare Maule, der Bio-Bio, der größte, aber doch im untern Lauf nur von Schiffen mittlerer Größe befahrbare Fluß Chiles, der Cautín (Rio Imperial), der Callecalle oder Rio de Valdivia, der wichtigste von allen wegen des wohlgeschützten Hafens an der Mündung, der Rio Bueno und der Rio Maullín. Auch gibt es im S. viele große und sehr tiefe Seen, z. B. Llanquihue, Ranco, Huanehue, sowie zahlreiche Heilquellen, von denen die von Chillan, Apoquindo, Cauquenes und Colima benutzt werden.

Das Klima ist bei der großen Ausdehnung des Landes und seinen Höhenunterschieden sehr verschieden. Die nördlichen Küsten haben passatartige, verhältnismäßig kühle Süd- und Südwestwinde, während an den südlichen im Sommer West-, im Winter Nordwestwinde vorherrschen. Land- und Seewinde wechseln im Sommer mit großer Beständigkeit; erstere haben an der Küste eine außerordentliche Heftigkeit. Auf dem Lande sind die Winde unregelmäßiger. An der Küste und auch in den mittlern Höhenlagen ist die Temperatur sehr gleichmäßig. Mittlere Wärmeextreme: Copiapó 32,1 und 3,1°, Santiago 30,9 und -0,9°, Valdivia 28,9 und -1,4°. Die nördlichen Küstengebiete haben ausgesprochene, aber sehr spärliche Winterregen, die nach S. hin nach und nach in reichlichere, über das ganze Jahr mehr oder weniger gleichmäßig verteilte Regen übergehen. Während der Norden fast regenlos ist (Wüstenklima), beginnt schon jenseit 35° südl. Br. ein außerordentlich regenreiches Gebiet. Die Zunahme der Regenmenge nach S. hin zeigt folgende Zusammenstellung: Copiapó 1, Serena 4, Valparaiso 34, Santiago 36, Talia 50, Valdivia 293, Corral 253, Puerto Montt 245 cm. Gewitter sind sehr selten, so daß man sie in Santiago ebenso fürchtet wie Erdbeben. Die Äquatorialgrenze des Schneefalles reicht an der Küste bis 35° südl. Br., die untere Grenze des alljährlichen Schneefalles in 35° südl. Br. liegt bei 850 m Seehöhe, weiter nach N. hin steigt sie immer mehr an. Die Schneegrenze liegt in 271/2 südl. Br. 4500 m hoch; in der Provinz Santiago erreicht sie 3500 m, beim Vulkan von Antuco 2000 m und an dem von Osorno 1460 m. In der südlichen Kordillere treten auch Gletscher auf, die von Colchagua südwärts immer häufiger und großer werden. Das Klima gilt für gesund. Häufig sind aber die durch die bedeutenden täglichen Temperaturschwankungen veranlaßten Affektionen der Atmungsorgane und Diarrhöen.

Die Wüste Atacama scheidet die Flora der tropischen Anden von der chilenischen ab. Die chilenischen Anden entbehren zusammenhängender Waldungen. Die Bedingungen des Baumlebens kehren überhaupt erst im Süden von Valparaiso und Santiago wieder, und nun beginnen über Concepción hinaus jene dichten Wälder, die dem feuchten Klima von Valdivia und Chiloé entsprechen. Hier ist auch die Zone des Getreidebaues. Der weite Zwischenraum vom Kap Blanco bis Valparaiso ist waldlos. Die Hochebenen zwischen den Kordilleren sind öde Hochsteppen. Baumwuchs auf der Höhe ist zwar nicht ausgeschlossen; besonders erhebt sich der Boldu, eine Laurazee, zu stattlichem Wuchs und allenfalls noch die Rosazee Quillaria saponaria, der Seifenbaum, doch kommt dieser nur zerstreut vor und erreicht eine unbedeutende Stammhöhe. Die Anzahl einheimischer Bäume ist gering. Die meisten sind immergrün und gehören zu den Formen der Oliven (Buddleia), der Tamarinden und Mimoseen. Die einzige Palme ist Jubaea spectabilis, südwärts bis zu 35° reichend. Die Strauchform, ebenfalls nur spärlich vertreten, ist häufig durch Dornenbildung gekennzeichnet (Rhamnus und Berberis). Die dornenlosen Sträucher gehören größtenteils zur Myrten- und Oleanderform. Die übrigen Vegetationsformen sind meist dieselben wie an der pazifischen Abdachung Perus. Juden untern Regionen treten an den dürren Gehängen die grotesken Gebilde der Cereen (Cereus Quisco mit armleuchterartig verzweigtem Stamm) und Opuntien auf, nach aufwärts folgen die kugelförmig angeschwollenen Echinocactus- und Mamillaria-Arten. An den Flußufern der Andentäler ist die südamerikanische Weide (Salix Humboldtiana) häufig. Der durch Verwitterung vulkanischer Gesteine entstandene Tonboden erzeugt eine Menge von Zwiebelgewächsen (Liliazeen und Amaryllidazeen) und Stauden, auch Bromeliazeen, so daß die Landschaft im Winter und Frühling mit schönfarbigen Blumen geschmückt ist. Zahlreiche Stauden- und Holzgewächse sind durch Absonderung flüchtiger Ole und Harze gekennzeichnet. Mit den sie begleitenden Steppengräsern geben diese niedern Gewächse den schattenlosen Anhöhen Chiles den Wert eines großen Weidelandes. Die klimatischen Analogien Chiles und Europas haben zu einer besonders reichen Ansiedelung europäischer Ruderalpflanzen geführt. Der von Santiago südwärts das Land bekleidende Hochwald enthält die prächtige, gegen 30 m hohe Araucaria imbricata und die um Valdivia herrschende Buche (Fagus obliqua). Die Zypressen vertreten die Gattungen Libocedrus und Fitzroya, welch letztere, Alerce genannt, eins der wichtigsten Nutzhölzer liefert, ebenso wie die immergrüne Laurazee Persea Lingue.

Die Tierwelt Chiles bildet einen Teil der neotropischen Region, und zwar der chilenischen oder patagonischen Subregion. Charakteristisch sind die Nagetiere; in den Anden geht bis zu einer Höhe von 4000 m die als Pelztier wertvolle Wollmaus (Chinchilla, Eriomys lanigera), die Hasenmaus (Lagidium) sogar bis 5000 m, an den Flüssen haust der Sumpfbiber oder Coypu (Myopotamus), und eine Reihe weiterer Arten, besonders der Trugratten (Octodontidae) und echten Mäuse (Muridae), ist ebenfalls charakteristisch für C. Von Raubtieren finden sich in den Waldern der Puma und in den Anden ein besonderer Bär, der Brillenbär (Tremarctos ornatus). Die Paarzeher sind vertreten durch das charakteristische, seiner weichen Wolle wegen hochgeschätzte Vicuña (Auchenia vicunna), die als Haustiere gehaltenen Lamas und Alpakas und kleine Hirscharten mit einfachem Geweih (Cervus chilensis). Aus der Ordnung der Zahnarmen findet sich die seltene Gürtelmaus oder das Mantelgürteltier (Chlamydophorus truncatus). Unter den Vögeln sind bemerkenswert eine Art Papageien (Henicognathus), zwei Arten Tauben, eine Reihe Wasservögel, unter diesen der chilenische Schwan, eine Anzahl Sperlingsvögel und von den Raubvögeln der die höchsten Anden bewohnende Kondor; im Süden findet sich auch der patagonische Strauß. Unter den Reptilien besitzt C. einige südamerikanische Arten der Nattern und Baumschlangen und einige auf C. beschränkte Arten der Eidechsen, Geckonen und Iguanas; die Amphibien sind nur durch ungeschwänzte Arten (Frösche und Kröten) vertreten. Von Süßwasserfischen beherbergt C. eine Reihe ihm eigentümlicher Arten, die hauptsächlich den Familien der Barsche, Weise und Zahnkarpfen angehören; bemerkenswert ist die Verwandtschaft mehrerer Süßwasserfischarten mit australischen und neuseeländischen Formen. Auch die Insekten zeigen viele eigentümliche Arten, bilden jedoch ein Gemisch tropischer und mehr nördlicher Formen.

Tabelle

Unter Zurechnung von 50,000 Indianern und solchen. die sich der Zählung entzogen haben, erhöht sich die Bevölkerungsziffer auf etwa 3,430,000. Die Zahl der Ausländer betrug 87,077, darunter 34,901 Peruaner, 13,146 Bolivier, 9835 Argentinier, 6808 Deutsche, 5303 Engländer, 4198 Franzosen, 4114 Italiener, 2508 Spanier, 1275 Schweizer, 1164 Chinesen etc. Die Deutschen behaupten auf allen Gebieten des Handels, des gewerblichen Lebens und der Wissenschaft eine hervorragende Stellung, vielfach bereits die erste. Die deutsche Einwanderung hat jedoch nahezu aufgehört, nachdem Deutsche während zweier Menschenalter den Süden von C. aus einem abgelegenen Urwaldgebiet in Kulturland mit bedeutenden Industrien und direktem Überseehandel umgewandelt und dabei ihre deutsche Gesinnung und Eigenart bewahrt haben. Deutsche beherrschen den Geldmarkt, im Schiffsgeschäft stehen sie noch den Engländern nach, auch geht der Wechselverkehr noch vorwiegend über London. Die einheimische Bevölkerung besteht aus Indianern, Spaniern und Negern nebst Mischlingen. Die Indianer nördlich vom Fluß Bio-Bio sind längst Christen und seßhaft, die südlicher wohnenden hellern Indianer dagegen, die Araukaner, teilen sich in zwei Hauptäste: die Indianos Costinos (Küstenindianer) und die sehr kriegerischen Moluches, Bewohner der längs der Änden sich hinziehenden Ebenen (s. Araukaner). Die spanischen Kreolen zeichnen sich vor ihren amerikanischen Stammesverwandten durch größere Körperkraft, Energie, Unternehmungsgeist und Vaterlandsliebe vorteilhaft aus; die als Sklaven eingeführten, seit 1811 freien Neger sind meist durch Vermischung mit andern Stämmen verschwunden. Ferner gibt es zahlreiche Mestizen (Cholos) und Chinos (Kinder von Weißen und Cholos).

Religion. Die römisch-katholische Kirche ist Staatskirche, doch sind andre Konfessionen geduldet. Sie steht unter dem Erzbischof von Santiago und drei Bischöfen: von La Serena, Concepcion und Ancud. Deutsche evangelische Kirchengemeinden, meist Lutheraner aus Württemberg, bestehen in Valparaiso, Santiago, Valdivia, Osorno und Puerto Montt. Zivilehe und Standesbücher sind durch Gesetz eingeführt. Der Unterricht ist auf allen Stufen, selbst an der Universität, unentgeltlich, ein Schulzwang besteht nicht, doch sind mehr als 1000 Staats- und gegen 500 Privatschulen vorhanden. Den Sekundärunterricht erteilen das Nationalinstitut in Santiago nebst je 9 Lyzeen ersten und zweiten Ranges. Von Deutschen wurden gegründet das Jinnasio Chileno, Instituto Internacional, Colejio Aleman, Instituto Aleman und tüchtige deutsche Schulen in Valparaiso, Concepcion, Valdivia, Puerto Montt und Osorno. An der Spitze aller Unterrichtsanstalten steht die 1743 von den Jesuiten begründete Universität in Santiago mit vier Fakultäten (Rechtswissenschaft, Medizin, Theologie und Naturwissenschaften). Für die Ausbildung von Lehrern für die Lyzeen besteht eben'alls in Santiago ein pädagogisches Institut mit Internat. Eine katholische Universität wurde dort 1889 eröffnet. Dem technischen Unterricht dienen eine Kunstgewerbeschule, Akademie der graphischen Künste, Maschinistenschule, Mädchenberufsschule, 2 Bergschulen, ein Ackerbauinstitut, 5 praktische Ackerbauschulen und eine landwirtschaftliche Station. In Santiago besteht auch eine Nationalbibliothek und eine Sternwarte. Es erscheinen etwa 200 Zeitungen und Zeitschriften (16 in Santiago, 15 in Valparaiso), darunter 2 deutsche.

Erwerbsverhältnisse

Der Landbau leidet unter dem Fluch der Latifundienwirtschaft, der allerdings für den mittlern Teil des Landes, wo der Feldbau großartige Bewässerungsanstalten bedingt, einige Berechtigung hat. Auch in den später erworbenen südlichen Bezirken hat die Regierung den größten Teil des Landes an große Kapitalisten verkauft und nur kleinere Bezirke für kleinere Landwirte behalten. Die Majorate, auf denen die Wirtschaft durch Fronbauern (Inquilinos) betrieben wurde, sind bereits 1828 aufgehoben worden, und während es 1832 nur 12,028 ländliche Grundbesitzer gab, zählte man deren 1875 bereits 121,055. Die größern Güter werden vielfach durch Pachter bewirtschaftet, die einen Teil des Ertrags als Pacht zahlen. Geerntet wird meist noch mit der Sichel und das Ausdreschen durch Pferde besorgt. Weizen ist die Hauptkultur. Sein Anbau wurde zuerst durch die Entdeckung der Goldfelder Kaliforniens, dann durch die Australiens gefördert. Aber durch die zunehmende Produktion dieser Länder, die selbst Ausfuhrgebiete wurden, sowie durch die Argentiniens ist das Absatzgebiet sehr beschränkt worden. Nächstdem wichtig ist der Anbau von Gerste und Mais, dann von Bohnen, Kichererbsen, Kartoffeln, Rüben (seit 1883, ohne aber zu einer Zuckerproduktion zu führen), Tabak (besonders seit Aufhebung des Tabakmonopols 1880), Linsen, Hanf, Flachs u. a. Europäische Obstbäume gedeihen vorzüglich. Ausgeführt werden Gerste und Weizen (meist nach England, 1900 für 1,472,000 Pesos Gerste, für 1,168,000 Pesos Weizen), Mehl (Ecuador u. a.), Kartoffeln, Walnüsse etc. Der Weinbau (auf 70,000 Hektar mit einer Jahresproduktion von 11/2 Mill. hl) ist über ganz C. verbreitet, die jährliche Einfuhr beträgt 40–50,000, die Ausfuhr dagegen an 700,000 Pesos. Palmenhonig wird in großer Menge aus den Palmenbeständen des Nordens gewonnen. Die Viehzucht wird begünstigt durch die vortrefflichen Gräser der Ebene wie des Gebirges; 1875 zählte man bereits 586,073 Rinder, 1,183,591 Schafe und Ziegen, 196,174 Pferde. Die Pferde, von andalusischer Rasse, sind lebhaft, gelehrig und unermüdlich, aber als Zugtiere nicht schwer genug. Man hat daher englische und französische Rassen eingeführt. Die Rinder, spanische Rasse, sind von Mittelgröße und stark, geben aber nur wenig Fleisch. Für die Milchwirtschaft hat man englisches Vieh eingeführt. Auch kommt viel Rindvieh aus Argentinien, um auf den fetten Weiden gemästet zu werden. Für Verbesserung der Schafzucht durch Kreuzung ist bereits viel geschehen. An der Sonne getrocknetes Rindfleisch (Charqui) bildet einen wichtigen Ausfuhrartikel, ebenso Horn, Häute, Knochen, gesalzenes Fleisch, Fett, geräucherte Zungen und Schinken. Die Bienenzucht (1844 eingeführt) lieferte in den letzten Jahren für 118–50,000 Pesos Honig. Dagegen ist die Fischerei von ganz untergeordneter Bedeutung. Die Wälder des Südens liefern neben Nutzholz noch wertvolle Rinden, wie die des Quittabaumes, die zum Waschen von Wolle benutzt wird, und verschiedene Gerberrinden.

Bergbau. An nutzbaren Metallen und Mineralien ist C. ungemein reich (s. oben, S. 23). Die weitaus erste Stelle unter den Bergbauprodukten nimmt der Natronsalpeter ein, der in den nördlichen, ehemals Bolivia und Peru gehörigen Provinzen gewonnen wird. 1900 wurden für 109,945,000 Pesos ausgeführt, größtenteils nach Deutschland, von den Häfen Pisagua, Iquique, Tocopilla, Antofagasta und Taltal. Mit der Produktion von Salpeter steht die von Jod in natürlicher Verbindung; 1900 wurde für 4,043,000 Pesos ausgeführt. An Kupfer sind die Provinzen Taparaca, Antofagasta, Atacama, Santiago und Coquimbo am reichsten. Der größte Teil des Kupfers wird im Lande selbst verschmolzen und in Gestalt von Stangen ausgeführt. Die bedeutendsten Hüttenwerke befinden sich in Lota, Coronel, Talca, Valparaiso, Aconcagua, Huasco, Carrizal, Caldera, Copiapó, Taltal, Chañarat, Antofagasta etc. Sie beschäftigen gegen 6000 Arbeiter. Früher nahm C. als Kupfer produzierendes Land die erste Stelle ein, jetzt die dritte; 1900 wurde für 22,016,000 Pesos Kupfer ausgeführt. Hinsichtlich seiner Goldproduktion stand C. im Anfang des 19. Jahrh. gleich hinter Brasilien und Kolumbien, seitdem ging die Produktion sehr zurück, hob sich indes seit 1886 wieder; 1900 wurde für 2,864,000 Pesos Gold ausgeführt. Für Silber bildet Copiapó den Zentralpunkt; die ergiebigsten Minenreviere sind die von Chañarcillo, Iquique, Antofagasta etc. Die Ausfuhr wertete 1900 nur noch 2,668,000 Pesos. Eisenerze kommen an vielen Stellen vor, sind aber bisher in der Nähe von Kohlen noch nicht bekannt. Großartige tertiäre Kohlenlager wurden Anfang der 1850er Jahre bei Lota und Coronel, südlich vom Bio-Bio, entdeckt; 1900 wurde für 3,909,000 Pesos Kohle ausgeführt. Reiche Lager von Guano befinden sich auf den Lobosinseln, die unter chilenischer Verwaltung bleiben, bis 1 Mill. Ton. ausgeführt sind (1900 für 1,377,000 Pesos), und dann wieder an Peru zurückkommen sollen.

Die Industrie ist, abgesehen von den Hüttenwerken, der Bierbrauerei, Leder- u. Zuckerfabrikation, den Korn- und Sägemühlen (im S.), Seifensiedereien und Stärkefabriken, noch ziemlich unbedeutend. Die Hausindustrie liefert namentlich Gewebe, Stickereien, Teppiche, Körbe und irdene Waren.

Der Handel wird begünstigt durch die langgestreckte Küste mit ihren zahlreichen Häfen, unter denen Valparaiso, dann Talcahuano besonders als Einfuhrhäfen die wichtigsten Plätze an der ganzen Westküste Amerikas sind, während bei der Ausfuhr die Salpeterhäfen Iquique und Pisagua, dann Coquimbo, Coronel, Antofagasta und Valdivia hervorragen. Die Einfuhr besteht vornehmlich aus Stabeisen, Eisenblech, Talg, Manufakturwaren, Steinkohlen, Bauholz, Zucker und Rindvieh (aus Argentinien), die Ausfuhr aus Salpeter und Borkalk, Kupfer, Silber und Silbererzen, Jod, Weizen, Gerste, Steinkohlen, Guano, Eisenerzen, Sohlleder, Walnüssen, Wolle etc. Der Spezialhandel betrug in Pesos:

Tabelle

An der Ein- und Ausfuhr hat England bei weitem den größten Anteil; 1890 wurden ausgeführt nach England für 46, nach Nordamerika für 8,5, nach Deutschland (Hamburg) für 6,4, nach Frankreich für 2,3, nach Peru für 2,2 Mill. Pesos Waren. Die Handelsflotte bestand 1900 aus 49 Dampfern mit 36,515 Ton. und 112 Segelschiffen (von 50 Ton. und mehr) mit 50,767 Ton. Der Schiffsverkehr betrug 1899 im Ein- und Ausgang 14,421 Schiffe von 19,755,473 Ton., wobei England weitaus die erste Stelle einnimmt; hierauf folgt C. selber, dann Deutschland, Frankreich und Nordamerika. Den Verkehr mit Europa vermitteln 6 Dampfschiffahrtsgesellschaften: 2 englische, 2 deutsche (die Kosmos- und die Hamburg-Pacific-Gesellschaft), eine französische und eine italienische. Von Eisenbahnen waren 1899 im Betrieb 4586 km, davon 2286 km Staats- und über 2300 km Privatbahnen. Die Fertigstellung der großen Überlandbahn, die Valparaiso mit Buenos Aires über den Uspallatapaß verbinden soll, ist hinausgeschoben, da 1896 vier chilenische Banken als Gläubiger die Bahn mit Beschlag belegt haben. Die Telegraphen des Staates beförderten 1899: 1,183,691 Telegramme und hatten die Länge von 17,905 km, die Privattelegraphen und Telephone hatten 4363 km Linien. Ein Kabel geht nach Panama, eine Linie über den Cumbrepaß nach Montevideo. Die Post beförderte 1899 durch 723 Anstalten im innern Verkehr 55,399,412 Briefpostsendungen, im äußern Verkehr 7,485,315. Die Banken sind sämtlich Privatbanken, mit dem Recht der Notenausgabe. Die Nationalbank besorgt die Geschäfte der Regierung; andre Banken sind die Caja de Crédito Hipotecarío, Banco Chileno, de Valparaiso, de Santiago, Agricola, Comercial, Popular Hipotecario, Crédito Unido, Hipotecario etc. Ein deutsches Berufskonsulat besteht in Valparaiso, Handelskonsulate in Antofagasta, Concepción, Pisagua, Santiago, Tacna, Vizekonsulate in Coronel, Osorno, Puerto Montt, Punta Arenas, Agenturen in Arica, Talcahuano und Traiguén.

Die metrischen Maße und Gewichte sind seit Anfang 1863 gesetzlich, befinden sich aber nicht in ausschließlichem Gebrauch. Man mißt Längen neben der Vara = 0,836 m mit dem englischen Yard, Flüssigkeiten mit dem altenglischen Weingallon, Getreide mit der Zollfanega von 150 Libras = 69,02 kg. Das Fäßchen Mehl enthält 190–200 Libras, und unter der Tonelada versteht man 2000 Libras = 920 kg. Das Münzwesen ward durch Gesetz vom 11. Febr. 1895 auf die Grundlage von 10 Pesos zu 100 Centavos = 5,49178 g = 15,223 Mk. gestellt und die Einziehung des Papiergeldes bis Anfang 1898 mit 18 engl. Pence für 1 bisherigen Peso verordnet. Goldmünzen sind 1/12 fein: der Colon oder Condor zu 20, der Doblon zu 10 und der Escudo zu 5 Pesos nuevos; Scheidemünzen in Silber mit 835/1000 Feinheit, bei Zahlungen bis 50 Pesos erlaubt: Peso von 20 g Gewicht, 20,10 und 5 Centavos; in Kupfer mit 5 Proz. Nickel: 2 und 1 Centavo.

Staatliche Verhältnisse

Die Verfassung, die 1833 angenommen, aber seitdem mehrfach abgeändert wurde, hat den bis dahin seit der Unabhängigkeitserklärung vom 18. Sept. 1810 bestehenden Bundesstaat in einen einheitlichen verwandelt. Die Souveränität beruht im Volk und wird ausgeübt durch drei Gewalten: die vollziehende, gesetzgebende und richterliche. Die Exekutive hat der Präsident, der auf fünf Jahre indirekt vom Volk gewählt wird. Er ist für eine zweite Amtsdauer nicht wählbar und bezieht einen Gehalt von 18,000 Pesos. Ihm zur Seite steht ein Kabinett von sechs Ministern: für das Innere, für Äußeres, Kulte und Kolonisation, für Justiz und Unterricht, für Finanzen, für Krieg und Marine und für Industrie und öffentliche Arbeiten. Die gesetzgebende Gewalt befindet sich in der Hand von zwei Körpern, einer Kammer der Abgeordneten aus 94 Mitgliedern (eins für je 15,000–30,000 Einw.), die departementsweise direkt vom Volk auf drei Jahre gewählt werden, und einem Senat aus 32 Mitgliedern (eins auf je drei Deputierte), die provinzweise ebenfalls direkt auf sechs Jahre gewählt und alle drei Jahre zur Hälfte erneuert werden. Zur Wahlberechtigung sind 21 Lebensjahre und zur Wählbarkeit ein Zensus sowie als Senator 36 und als Deputierter 21 Jahre erforderlich. Die richterliche Gewalt wird ausgeübt von einem obersten Gerichtshof von sieben Mitgliedern in Santiago, sechs Appellgerichten in Concepcion, Iquique, Santiago, Serena, Talea und Valparaiso, Amtsgerichten in den Departements und Friedensgerichten in den Städten und Gemeinden. Ein Schwurgericht besteht nur für Preßvergehen. Sämtliche Richter werden von dem Präsidenten ernannt und sind unabsetzbar. Die Verfassung gewährleistet Sicherheit der Person und des Eigentums, Freiheit der Presse, des Handels und der Industrie. Die Sklaverei ist seit 1811 aufgehoben. Privilegierte Stände bestehen nicht.

Für die neuere Verwaltung ist C. in 23 Provinzen und ein Territorium (s. Tabelle, S. 25), Departements, Subdelegationen und Distrikte eingeteilt. Die Intendanten der Provinzen, die Gouverneure der Departements, die Subdelegados und Inspektoren in den Distrikten werden sämtlich von der Zentralregierung ernannt; doch hat jedes Departement einen von den Bürgern gewählten Munizipalrat, in dem der Gouverneur den Vorsitz führt, und der sich mit dem Polizeidienst, dem Gefängniswesen, dem Straßenbau und andern Lokalangelegenheiten befaßt.

Finanzen. Das Budget für 1902 veranschlagt die Einnahmen auf 96,950,000 Pesos, davon 74 Mill. Zölle, 15 Mill. Bahnen, die Ausgaben auf 95,850,000 Pesos. Die Staatsschuld betrug 31. Dez. 1899: 310,254,183 Pesos, davon äußere Schuld 234,289,413, innere Schuld 75,964,770, Papiergeld 51,119,680 Pesos.

[Heer und Flotte.] Das Heer zerfällt in das stehende Heer und die Nationalgarde. Seit 1898 ist die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, nach der jeder Chilene vom 20.–40. Lebensjahr dienstpflichtig ist. Mit dem 20. Jahr beginnt eine viermonatige Ausbildung, der eine nicht aktive Dienstzeit in zwei Kategorien der Nationalgarde folgt; außerdem besteht in den Anden eine besondere Landsturmorganisation. Die Reorganisation des Heeres ist mit Hilfe des aus preußischen Diensten stammenden Generals Körner und andrer 1897 entsandter deutscher Offiziere bewirkt, Ausbildung, Unterricht auf Militärbildungsanstalten (Kriegsakademie, Militärschule, Unteroffizier- und Schießschule) finden nach preußischem System statt. Im Frieden bestehen: 10 Infanterieregimenter zu einem Bataillon, 8 Kavallerieregimenter zu 5 Eskadrons, 4 Gebirgsartillerieregimenter zu 4 Batterien, 1 Regiment reitender, 1 Regiment Küstenartillerie, 1 Pionierbataillon, zusammen 8700 Mann. Die Kriegsstärke ist die doppelte, sie dient als Kadre für die auf 474,000 Mann zu veranschlagende Nationalgarde. Bewaffnung: Infanterie und Kavallerie 7 mmm- (Mauser M/93) Gewehr, bez. Karabiner; Kavallerie außerdem Korbsäbel, das erste Glied Bambuslanzen; Gebirgsartillerie zerlegbare 7,5 cm Kruppsche Geschütze C/91, die reitende Artillerie 7 cm Kruppsche Schnellfeuerkanonen; außerdem Mitrailleusen etc. Uniform: hellblaue Grundfarbe, die Waffen durch schwarze Verschnürungen unterschieden, im übrigen nach preußischem Muster Helm, Mütze, Achselklappen etc. Die Flotte bestand 1902 aus 1 Linienschiff (von 6900 Ton.), 2 Panzerkreuzern (von 7000 und 8500 T.), 1 Küstenpanzerschiff, 1 Panzerkanonenboot, 4 kleinen Kreuzern, 3 Torpedokanonenbooten, 6 Torpedobootszerstörern, 6 Hochsee-, 10 Küsten- und 9 Hafentorpedobooten, 1 Seekadettenschulschiff, 2 Vermeßschiffen, 4 Truppendampfern, 15 Hilfskreuzern, etwa 15 Schiffen für den Hafendienst. Das Personal zählte 612 Offiziere und Beamte und 4648 Mann. Marineausgaben für 1902: 11,1 Mill. Pesos. Eine Kriegsakademie und eine Kadettenschule bestehen zu Santiago, ein hydrographisches Amt in Valparaiso. Talcahuano und Valparaiso sind Kriegshäfen mit Marinewerft und Dockanlagen.

Das Wappen der Republik ist ein von Blau über Rot quergeteilter Schild, darin ein silberner fünfstrahliger Stern (s. Tafel »Wappen III«); Wappenhalter sind ein Huemul (Art Reh) und ein Kondor, beide mit goldener Krone; auf dem Schilde drei blau-weißrote Straußfedern. Die Devise lautet: »Por la razon o la fuerza«. Die Flagge besteht aus zwei horizontalen Streifen, der obere im ersten Drittel blau, mit weißem fünfstrahligen Stern, im übrigen weiß; der untere Streifen rot (s. Tafel »Flaggen I«). Die Landesfarben sind Weiß, Blau, Rot.

[Geographisch-statistische Literatur.] Vgl. Gay, Historia fisica y politica de C. (Par. 1844–54, 24 Bde. mit Atlas; davon Botanik 8 Bde., Zoologie 8 Bde.); Asta-Buruaga, Diccionario geografico de la republica de C. (2. Aufl., Santiago 1899); Wiener, Chili et Chiliens (Par. 1888); Medina, Los aborigenes de C. (Santiago 1882); Ochsenius, C., Land und Leute (Leipz. 1884); Echevarriay Reyes, Geografia politica de C. (Santiago 1890, 2 Bde.); Gomez Vidaurre, Historia geografica, natural y civil del reino de C. (Madr. 1890, 2 Bde.); Espinosa, Jeografia descriptiva de la republica de C. (4. Aufl., Santiago 1897); Child, The Spanish-American Republics (New York 1891); Kunz, Chile und die deuschen Kolonien (Leipz. 1891); Morant, Chili and the river Plate in 1891; Vattier, Le Chili minier, métallurgique, industriel (Par. 1892); W. A. Smith, Temperate C., a progressive Spain (Lond. 1899); Cordemoy, Au Chili (illustriert, Par. 1899); Unold, Das Deutschtum in C. (Münch. 1899); »Kurze Beschreibung der Republik C.«, hrsg. von der chilen. Gesandtschaft in Berlin (Leipz. 1901); W. Kaerger, Landwirtschaft und Kolonisation im spanischen Amerika, Bd. 2 (das. 1901). Beiträge zur Kenntnis des Landes und seiner Bewohner bieten auch die seit 1843 erscheinenden »Annales« der Universität von Santiago. Karten von Pissis 1: 250,000 (13 Blatt) und Polakowsky und Opitz 1: 2,500,000 (2. Aufl. 1891,4 Blatt).

Geschichte

Das Dasein von C. als politisch selbständiges Gebiet geht zurück auf die Verordnung Karls V. vom 21. Mai 1534, durch die er dem Diego de Almagrr als Entschädigung dafür, daß Pizarro in Peru fast alle Hoheitsrechte für sich selbst in Anspruch genommen hatte, ein annähernd gleich großes Kolonisationsgebiet unmittelbar im Süden von Peru ganz in der gleichen Weise überließ. Almagro unternahm daraufhin von Cuzco aus in den Jahren 1536–38 einen Zug nach C., auf dem er unter furchtbaren Entbehrungen und Anstrengungen die Kordillere überschritt und bis in das Tal von Copiapo vordrang. Doch ließen es damals die Feindseligkeiten der Eingebornen, dann die innern Streitigkeiten in Peru zu keiner dauernden Besiedelung kommen. Der eigentliche Begründer von C. ist Pedro de Valdivia, der seit 1539 in beständigen Kämpfen mit den kriegsgeübten und tapfern Araukanern den größten Teil der Provinz für die Spanier eroberte und die ersten Städte (zuerst 12. Febr. 1541 Santiago de Nueva Extremadura) gründete. Seine und seiner heroischen Gegner Taten sind von Ercilla in dem Heldengedicht »La Araucana« unsterblich gemacht worden. In diesen Kämpfen ist Valdivia 1554 gefallen. Aber die Kolonie war bereits hinlänglich gefestigt. Valdivias Nachfolger, vor allem Garcia Hurtado de Mendoza, der von 1557–1561 an der Spitze der Provinz stand, hatten allerdings noch mehrere Menschenalter hindurch gegen die unüberwindlichen Araukaner zu kämpfen. Daneben aber nahm in den gesicherten Küstenbezirken die Kolonie ihre friedliche Entwickelung: Städte wurden begründet, Straßen eröffnet, Ackerbau in Angriff genommen, und vor allem wurden schon seit 1580 die reichen mineralischen Schätze des Landes ausgebeutet. Der beständige Kriegszustand gegen die Araukaner wurde seit 1640 auch häufiger durch friedlichere Perioden unterbrochen, seit man versuchte, durch Missionare zu erreichen, was den Waffen nicht gelingen wollte. Administrativ bildete C. ein eignes Generalkapitanat, dessen Oberhaupt unmittelbar vom König ernannt wurde. Die beiden Bistümer des Landes, Santiago und La Imperial, dagegen waren Suffragane des Erzbistums von Los Reyes, Peru, und abgesehen von einem kurzen Zeitabschnitte (1565–74), wo die Provinz einen eignen Obergerichtshof (chancilleria) hatte, unterstand es auch in dieser Beziehung der audiencia der Nachbarprovinz.

C. hat als spanische Provinz eine ziemlich ruhige Entwickelung genommen. Die natürlichen Bedingungen des Landes nötigten zu ernster Arbeit, die sich aber hinlänglich belohnt machte, und keinerlei überraschende Schatzfunde lockten das gewöhnliche Kolonialproletariat so weit nach dem außertropischen Süden. Dagegen fand im 18. Jahrh. aus Aragonien und den Baskenlanden eine starke Einwanderung von Ackerbauern statt, die der Entwickelung des Landes sehr zu statten kam. Machten sich auch von Zeit zu Zeit Kriegszüge gegen die wilden Indianer (Araukaner) nötig, so war doch das Verhältnis der Kolonisten zu den unterworfenen Indianern so intim, daß eine starke Vermischung des Blutes stattfand. Während C. um 1575 kaum 2000 Europäer und ca. 70,000 angesiedelte Indianer zählte, wird seine Bevölkerung bei Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges auf 1/2 Mill. Einw., überwiegend Mischlinge, geschätzt.

Auch der Unabhängigkeitskampf vollzog sich in C. unter ungewöhnlichen Formen. Auf die Kunde von der Gefangennahme Ferdinands VII. und der Vorgänge, die in Spanien und in den andern Kolonien damit zusammenhingen, sagte sich auch C. von dem Napoleonischen Spanien los. Am 18. Sept. 1810 wurde eine eigne Regierung eingesetzt; die neue Verfassung aber erkannte Ferdinand VII. als König an, erklärte die Spanier als Brüder, und der Präsident Carrera betrachtete sich als verfassungsmäßiger Statthalter. Trotzdem setzte er dem Vizekönig von Peru bewaffneten Widerstand entgegen, als dieser die königliche Selbstherrlichkeit wieder herstellen wollte. Dabei wurden jedoch die neuen Machthaber geschlagen, und von 1814–17 war C. nochmals spanische Provinz. Erst der Feldzug San Martins (s.d.), dem sich die flüchtige Regentschaft angeschlossen hatte, führte nach einem kurzen Kampfe die endgültige Beseitigung der spanischen Herrschaft herbei, und Bernardo O'Higgins wurde zum verfassungsmäßigen Diktator von C. erwählt. Unter ihm konnte das »Heer der Befreier« San Martins auch in Peru und Bolivia dem spanischen Regimente den Todesstoß versetzen. C. aber son derte sich binnen kürzester Frist partikularistisch von dieser gemeinsamen Befreiungsaktion ab. O'Higgins mußte im Januar 1823 abdanken, und C. ging unter seinem Nachfolger, dem zum Präsidenten der Republik erwählten General Freire, fortan wieder abseits seine eignen Wege. In den ersten Jahren blieben auch der Republik C. unruhige Zeiten nicht erspart. Die ersten Versuche, ihr eine Verfassung zu geben, erwiesen sich als bedenkliche Mißgriffe, so daß Präsident Freire schon 1827 sein Amt niederlegte. Das war das Zeichen zu heftigen Kämpfen unter den politischen Parteien, die sich hartnäckig befehdeten. Nach mehreren Jahren blutiger Bürgerkriege, in denen C. mehr als 2000 seiner befken Bürger verlor, errang die sogen. konservative Partei endgültig die Oberhand, und ihr Führer, General Prieto, vermochte sich dauernd gegen die von Freire geführten liberalen Aufstande zu behaupten. Nachdem C. auch den Versuch des peruanischen Diktators Santa Cruz, der darauf abzielte, die benachbarten Staaten zum Anschluß an Peru zu zwingen, 1836 dadurch vereitelt hatte, daß es seinen Gegnern zu seinem Sturze behilflich war, begann für die Republik eine Periode ruhigen stetigen Fortschrittes, wie ihn keine andre der spanisch-amerikanischen Republiken zu verzeichnen hatte. Diese Entwickelung wurde dadurch bestimmt, daß sich C. eine konservative Verfassung mit starker Zentralgewalt gegeben hatte, so daß es dauernd gelang, Ruhe und Ordnung im Land aufrecht zu erhalten. Dazu kam, daß die Präsidenten Prieto (1831–41), Bulnes (bis 1851) und besonders Manuel Montt (bis 1861) sich mit Eifer die Förderung der Kultur im Land angelegen sein ließen. Ackerbau und Handel, Verkehr und Schulwesen wurden sorgsam gepflegt und durch Heranziehung ausländischer Hilfskräfte gefördert. Die 1843 begründete Universität von Santiago war bald ein Mittelpunkt regen geistigen Lebens, der seinerseits den gemeinnützigen Bestrebungen der Regierung hervorragende Dienste leistete. Nachdem schon 1840 die erste chilenische Dampferlinie (zwischen Valparaiso und Callao) eröffnet worden war, folgten unter Montts Verwaltung die ersten Eisenbahnen; Kohlenbergwerke wurden in Betrieb genommen, Gasanstalten errichtet und nach jeder Richtung hin die Fortschritte der Wissenschaft in den Dienst des öffentlichen Wohles gestellt. Trotzdem hatte auch Montt noch wiederholt mit Aufständen der Liberalen zu kämpfen, denen die Regierung nicht freisinnig genug zu sein schien. Erst sein Nachfolger, J. I. Perez (1861–71), versuchte eine Versöhnung der politischen Parteien, doch erreichte er zunächst nur deren Zersplitterung. In seine Amtszeit fallen die ersten Differenzen mit Bolivia wegen der Salpeterlager im Distrikt von Atacama, die von chilenischen Unternehmern eifrig ausgebeutet wurden. Auch hatte er einen Krieg gegen Spanien (1864–69) zu führen, das die Unterstützung, die Peru von seiten Chiles erfahren hatte, als Kriegsfall ansah, Valparaiso und Callao erst blockierte und endlich beschoß, schließlich aber, unter Vermittelung der Vereinigten Staaten, wesentlich auf die von C. gestellten Bedingungen 1869 einen Waffenstillstand schloß, der erst 1884 durch einen offiziellen Friedensvertrag ratifiziert ward. Mit Fed. Errázuriz kam 1871 die Partei Montts wieder aus Ruder, und in dessen Geiste wurden die Institutionen fortgebildet. Wertvoll war die vollkommene Beseitigung der geistlichen Gerichtsbarkeit und die Zurückdrängung aller klerikalen Einflüsse. Dagegen wurden auf wirtschaftlichem Gebiete die Reformen so überstürzt, daß das Staatsbudget nicht mehr imstande war, den ihm aufgebürdeten Lasten gerecht zu werden. Errázuriz nahm seinen Abschied und Präsident A. Pinto trat 1876 an seine Stelle.

Unter diesem kam es mit Bolivia und Peru zum Krieg. Bei der Konstituierung der spanisch-amerikanischen Republiken hatte auch Bolivia einen Zugang zum Meer erhalten, der sich zwischen Peru und C. zur Küste hinabzog. Da das Gebiet aber öde und unwirtlich war, hatte Bolivia seine Hoheitsrechte kaum ernstlich geltend gemacht, noch auch die Grenzen bestimmt festgelegt. Erst als die chilenische Landesaufnahme feststellte, daß sich die Kupfergänge und die Salpeterablagerungen, die im Norden von C. beginnen, nicht nur durch das bolivianische Atacama, sondern bis nach Peru in die Provinzen Taracapa, Arica und Tacna erstrecken, gewannen diese wüsten Landstriche einen wirtschaftlichen Wert, und zwar waren es weit überwiegend chilenische Gesellschaften, die mit chilenischen Arbeitskräften diese Bodenschätze ausbeuteten. Durch diese Verhältnisse machte sich auch die Regelung der Grenze zwischen C. und Bolivia nötig, und es wurde 1866 bestimmt, daß der 24.° südl. Br. die Grenzlinie bilden, dagegen die Zolleinkünfte aus dem ganzen streitigen Gebiete vom 23.–24.° zwischen beiden Staaten gleichmäßig geteilt werden sollten. Da Bolivia infolge der geringen Stabilität seiner Regierung diesen Verpflichtungen nicht nachzukommen vermochte, wurde der Vertrag bereits 1873 abgeändert und 1874 ganz aufgehoben; dafür übernahm Bolivia die Verpflichtung, die bestehenden Zölle binnen 25 Jahren nicht zu erhöhen und eventuelle Streitigkeiten durch Schiedsspruch entscheiden zu lassen. Inzwischen hatte auch Peru begonnen, die chilenischen Salpetergesellschaften zu bedrücken, um den einträglichen Handel mit diesem Artikel zum Staatsmonopol zu machen, und die gemeinsamen Differenzen, die Peru und Bolivia darüber mit C. auszufechten hatten, führten 1873 ein geheimes Schutz- und Trutzbündnis zwischen diesen Staaten herbei. Als nun überdies C. 1878 in einen Grenzkonflikt mit Argentinien (s.d.) verwickelt wurde, der zum Kriege zu führen drohte, hielt Bolivia den Zeitpunkt zu einem Vorstoß gegen C. für gekommen. Es legte der Salpeterindustrie von Atacama mit rückwirkender Kraft eine neue Abgabe auf und drohte, wenn die Rückstände nicht binnen kürzester Frist beglichen würden, die Salpeterwerke zu konfiszieren. Darauf antwortete C., indem es zum Schutze seiner Untertanen in Antofagasta, dem Hafen der Provinz Atacama, Truppen landete, und bei deren Ankunft wurden von der weit überwiegend aus Chilenen bestehenden Bevölkerung in der ganzen Provinz die bolivianischen Beamten vertrieben. In diesem Augenblicke mischte Peru sich in den Streit. Es erbot sich angeblich zur Vermittelung, betrieb aber gleichzeitig so offenkundige Kriegsrüstungen, daß C. 5. April 1879 an Peru den Krieg erklärte. Er verlief anfangs für C. wenig günstig. Das Gelände machte größere Truppenbewegungen in den Grenzdistrikten fast unmöglich; die See aber wurde zunächst vollkommen von der peruanischen Flotte beherrscht. Vor allem fügte das von dem Admiral Grau meisterhaft geführt Panzerschiff Huascar den Chilenen mannigfachen Schaden zu. Erst als dieses in einem ungleichen Kampf auf der Höhe von Angamos 8. Okt. von den Chilenen genommen worden war, wendete sich das Blatt. Bereits im November bemächtigten sich die Chilenen durch die Kämpfe bei Pisagua der Provinz Tarapaca, und in der Schlacht von Tacna, 26. Mai 1880, wurde fast die ganze reguläre Armee des Gegners zersprengt. Diese Niederlage hatte zwar den Sturz der Regierung in Peru zur Folge, aber der Diktator Pierola setzte den Widerstand fort. So war C. genötigt, weiter zu kämpfen, wobei nach mehrtägigen Gefechten vom 13.–15. Jan. 1881 endlich Lima eingenommen wurde. Damit brach in Peru die staatliche Ordnung so zusammen, daß C. die Stadt bis 1883 besetzt halten mußte, ehe es die Früchte seines Sieges durch einen Friedensschluß sichern konnte. In diesem trat Peru die Provinz Tarapaca endgültig, Tacna und Arica auf 10 Jahre an C. ab; dann sollte eine Volksabstimmung über die dauernde Zugehörigkeit der beiden Bezirke entscheiden, der verlierende Teil aber von dem Gewinner 10 Mill. Pesos Entschädigung erhalten. Dieser Teil des Vertrags ist aber bis heute nicht zur Ausführung gelangt. Am 29. Nov. 1884 erfolgte ein Friedensschluß mit Bolivia, das Atacama an C. abtrat.

Inzwischen war 1881 die Präsidentschaft von C. auf D. Santa Maria übergegangen, mit dem zum erstenmal die Liberalen aus Ruder gelangten. War auch die Folge davon ein Konflikt mit dem Vatikan (1883), so machten doch anderseits die Grundsätze einer duldsamen, auf Volksbildung und wirtschaftlichem Fortschritt begründeten Politik beträchtliche Fortschritte, und die erwähnten Friedensschlüsse, zu denen sich ein Grenzregulierungsvertrag mit Argentinien (1881) und der endgültige Friede mit Spanien (1884) gesellte, stellten auch nach außen hin allgemein friedliche Beziehungen für C. her. Auch der nächste Präsident, Balmaceda (s.d.), gelangte als Kandidat der liberalen Partei an die Spitze des Staates und befolgte zunächst durchaus die gleiche Politik wie seine Vorgänger. Er stellte, ohne der unbedingten Religionsfreiheit etwas zu vergeben, den Frieden mit der Kurie wieder her, förderte durch Gründung von Schulen und Lyzeen, besonders aber auch durch Verbesserung der Methoden unter Zuhilfenahme fremder, vorwiegend deutscher Lehrkräfte die Volksbildung und suchte Handel und Industrie in ihrer gedeihlichen Entwickelung zu fördern; namentlich plante er, den Umfang des Eisenbahnnetzes annähernd zu verdoppeln. Diese Unternehmungen standen jedoch weder mit den finanziellen Kräften, noch mit den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Landes in richtigem Verhältnis und wurden durch eine Spekulation betrieben, die das Vertrauen in die Ehrlichkeit der Regierung erschüttern mußte. Wenn es auch Balmaceda fast immer gelang, im Kongreß eine gefügige Mehrheit für seine Anträge zu finden, so erreichte er dieses Ziel nur durch zweifelhafte Mittel. Die Regierung hatte längst keine geschlossene Mehrheit mehr hinter sich, und trotz der offenkundig betriebenen Wahlbeeinflussungen mußte Balmaceda nicht weniger als 16mal innerhalb fünf Jahren sein Ministerium wechseln, um von Fall zu Fall durch immer neue Kombinationen der Parteien von der klerikalen Rechten bis zur radikalliberalen Linken seine Vorschläge zur Annahme zu bringen. Er erreichte damit allerdings eine vollständige Auflösung der alten Parteiverbände, gewann aber keine feste Grundlage für seine Regierung. Trotzdem kam es erst am Ende seiner Amtszeit darüber zu einem offenen Konflikt zwischen ihm und dem Kongreß, daß Balmaceda einen unfähigen und unbeliebten Anhänger als offiziellen Kandidaten für die Präsidentschaft aufstellte, diesen an die Spitze des Ministeriums berief und sich weigerte, sein Kabinett zu ändern, obwohl der Kongreß ihm ein Mißtrauensvotum ausstellte. Er erklärte vielmehr, als der Kongreß sich daraufhin weigerte, das Budget für 1891 zu beraten, dessen Tagung für geschlossen und erließ 1. Jan. 1891 ein Manifest, worin er es als seine Pflicht erklärte, auch ohne die Bewilligung durch die Landesvertreter für den Fortbestand der Regierung zu sorgen. Der Konflikt war durchaus aus ungesunden Verhältnissen bei beiden Parteien hervorgegangen, und das formale Recht war weit eher auf seiten des Präsidenten, als des Kongresses. Aber der Ausschuß des letztern, die sogen. Junta conservadora, welche die Rechte der Volksvertretung wahrzunehmen hatte, solange der Kongreß selbst nicht tagte, fand einen unerwarteten Bundesgenossen in den jüngern ehrgeizigen Offizieren der Flotte. Mit diesen wurde ein revolutionäres Komplott vereinbart, und 7. Jan. 1891, während die höhern Flottenoffiziere sich an Land befanden, bemächtigten sich die Verschwornen unter der Führung des Kapitäns z. S. Jorge Montt der Schiffe, nahmen die Häupter der Kongreßpartei heimlich an Bord und begaben sich nach dem äußersten Norden des Landes, in der Hoffnung, in den industriereichen Nordprovinzen Anhänger und Mittel zu werben, um die bestehende Regierung zu stürzen. Hier zeigte es sich abermals, daß die Herrschaft auf dem Meer unter den besondern Bedingungen des Landes ausschlaggebend für den Besitz der Macht ist. Der Flotte beraubt, war die Regierung Balmacedas trotz Verhängung des Belagerungszustandes und Verleihung diktatorialer Vollmachten an den Präsidenten nicht imstande, zu verhindern, daß die Aufständischen in den kürzlich eroberten Provinzen langsam, aber unentwegt ihre Anhänger an sich zogen, ein kleines Heer, überwiegend aus Freiwilligen bestehend, bildeten, und mit Hilfe des zu ihnen übergetretenen, von Balmaceda selbst als Instrukteur nach C. berufenen preußischen Hauptmanns Emil Körner (s.d.) einexerzierten und die Mittel für ein offensives Vorgehen zusammenbrachten. Ein Vermittelungsversuch der neutralen Mächte scheiterte ebensosehr an den übertriebenen Bedingungen der Aufständischen, als an der geringen Geneigtheit zu Konzessionen auf seiten Balmacedas. Aber in den vielen Monaten, welche die Kriegsvorbereitungen der Aufständischen erforderten, war deren Fühlung mit der Partei, für deren Rechte sie zu fechten vorgaben, fast ganz verloren gegangen, und das öffentliche Interesse würde sich vollkommen von ihnen abgewendet haben, wäre es ihnen nicht gelungen, sich von Zeit zu Zeit durch kleine Erfolge in Erinnerung zu bringen und zu erweisen, daß ihre kriegerische Organisierung langsame Fortschritte machte. Erst Ende Juli war diese so weit gediehen, daß sie die Offensive ernstlich ergreifen konnten. An eine systematische Bekämpfung ihrer Gegner konnte die Kongreßpartei auch jetzt nicht denken, wohl aber war sie stark genug, gegen die über das ganze Land zerstreuten Streitkräfte der Regierung an irgend einer Stelle einen Handstreich zu unternehmen, und für diesen bot sich ihr, sowohl wegen des zu erhoffenden Anhanges als wegen des moralischen Eindruckes als geeignetstes Objekt, das Zentrum der feindlichen Stellung, Santiago und zunächst dessen Hafenplatz Valparaiso. Am 20. Aug. bewerkstelligten sie in der Bai von Quinteros, 35 km nördlich von Valparaiso, unbehelligt die Ausschiffung ihres Expeditionskorps von ca. 10,000 Mann, und 21. Aug. erfochten sie bei Concon vermöge ihrer bessern Ausrüstung und Ausbildung einen leichten Sieg über die Regierungstruppen, und nach einigen weitern Gefechten bei Vma del Mar und Placilla mußte ihnen 28. Aug. Valparaiso die Tore öffnen. Damit war Balmacedas Schicksal besiegelt; am 29. Aug. legte er die Gewalt in die Hände des Generals Baquedano nieder, um weiteres Blutvergießen zu verhindern, und flüchtete in die argentinische Gesandtschaft. Dort machte er 19. Sept. selbst seinem Leben ein Ende.

Die Aufständischen konstituierten unter Jorje Montt eine provisorische Regierung, und 18. Nov. wurde dieser einstimmig zum konstitutionellen Präsidenten erwählt. Die Revolution mißbrauchte ihren Sieg nicht; auf die anfänglich erlassenen Verfolgungs- und Anklagedekrete folgte 25. Dez. ein Amnestiegesetz, das nur die höchsten militärischen und Zivilbeamten und die, die sich gemeiner Verbrechen schuldig gemacht hatten, der weitern Verfolgung preisgab, im übrigen aber Friede und Eintracht unter den Bürgern des Staates wieder herzustellen bemüht war. Montt wendete sein Augenmerk hauptsächlich den finanziellen Fragen zu und suchte das durch Balmacedas Verschwendung und die Kosten des Bürgerkrieges gestörte Gleichgewicht im Staatshaushalte möglichst wiederherzustellen. Daneben nahm der Grenzstreit mit Argentinien (s.d.) vielfach die Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch, auch nachdem 1896 die Frage dem Richterspruch des Königs von England prinzipiell anheimgestellt worden war. Wenn es Montt annähernd gelang, im Geiste der alten chilenischen Traditionen die Regierung auszuüben, so zeigte sich doch schon unter seinem Nachfolger, daß nicht ohne schwere Schädigung der nationalen Institutionen die Folge der Regierungen durch bürgerliche Revolutionen unterbrochen worden war.

Errázuriz verdankte seine Wahl (1896) den Klerikal-Konservativen. Zwar nötigte allerdings auch ihn der Kongreß zur Berufung liberaler Ministerien, allein es wiederholte sich jetzt das Schauspiel, daß die Kabinette von kürzester Lebensdauer einander in rascher Folge ablösten, und daß, um ein Ministerium zu bilden, oft längere Zeit darauf verwendet werden mußte, als es sich im Amte behaupten konnte. Dazu riß in der Finanzgebarung wieder Verschleuderung und Unehrlichkeit ein, die Metallwährung mußte aufgehoben werden, selbst der Schuldendienst drohte zu stocken, und das geschah, obwohl die Hausse der Kupferpreise dem Lande ganz ungewöhnlich günstige Konjunkturen schuf. Der Streit mit Argentinien stand mehr als einmal auf dem Punkte, zu kriegerischen Verwickelungen zu führen, und C. mußte unbedingt gewärtigen, dabei fast alle Nachbarn an der Seite seiner Feinde zu finden. Das nötigt C. zwar zu großen Rüstungen, die das Budget belasten, doch ist es bis jetzt noch immer gelungen, die drohenden Kriegswolken durch eine ruhige, aber feste Haltung zu beschwören. Eine solche hat auch G. Riesco bisher zu bewahren gewußt, der bei der Wahl von 1901 gegen Pedro Montt von den Liberalen auf den Präsidentenstuhl erhoben worden ist.

Geschichtsliteratur: Molina, Geschichte der Eroberung von C. (deutsch, Leipz. 1791); Gay (7 Bde. der »Historia«, s. oben, S. 27); Merandez, Manual de historia y cronologia de C. (Par. 1860); Barros Arana, Historia jeneral de la independencia de C. (2. Aufl., Santiago 1855–63, 4 Bde.); Derselbe, Histoire de la guerre du Pacifique 1879–1880 (Par. 1881–82, 2 Bde.); Rosales, Historia jeneral del reyno de C. (Valpar. 1877–78, 3 Bde.); Barros Arana, Historia general de C. (Madr. 1885–98, 15 Bde.); Markham, The war between Peru and C. (Lond. 1882); Hancock, A history of C. (das. 1894); Kunz, der Bürgerkrieg in C. (Leipz. 1892); Moreno, Guerra de Pacifico (Valpar. 1885–92, 8 Bde.): Pérez Garcia, Historia natural, militar, civil y sagrada del reino de C. (Santiago 1900, 2 Bde.); Suarez, Biografias de hombres notables de C. (2. Aufl., Par. 1870); »Coleccion de historiadores de C. y documentos relativos a la historia nacional« (Santiago 1861–98, Bd. 1–17) und »Coleccion de documentos ineditos etc.« (das., bis 1898, 18 Bde.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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