Zeitalter


Zeitalter

Zeitalter (Weltalter, Aetates), nach den Dichtern und Philosophen des Altertums die verschiedenen Stufen der Kultur, Sittlichkeit und Glückseligkeit, auf denen das Menschengeschlecht in verschiedenen Zeiträumen seiner Entwickelung gestanden haben soll. Hesiod und nach ihm Proklos nehmen deren fünf an. Im goldenen oder Saturnischen Z., unter der Regierung des Kronos (Saturn), lebten die Menschen einfach und patriarchalisch und wurden nach ihrem Tode himmlische Schutzgeister. Im silbernen Z. waren die Menschen schon an Gestalt und Sinn verändert, üppig und gottlos und wurden nach dem Tode die irdischen Genien. Im ebernen Z. wurden Künste getrieben, Kriege geführt, Gewalttaten geübt und unermeßliches Elend über die Erde gebracht; die Menschen aber kamen, wenn sie starben, in die Unterwelt. Dem heroischen Z., das wieder besser und stärker war als jenes, stellt der Dichter das mensch liche oder eiserne Z., das seiner Zeitgenossen, gegenüber, dessen Schlechtigkeit ihn wünschen läßt, entweder früher gelebt zu haben, oder später, nachdem es wieder besser geworden, geboren zu sein. Ovid hält in seinen »Metamorphosen« die Vorstellung des Hesiod fest, läßt aber das heroische Z. weg und beschränkt die Z. auf die Zeit bis zur Deukalionischen Flut, worauf durch Deukalion das neue Geschlecht entstand. Aratos nimmt drei Z. an: das goldene, silberne und eherne, indem bei ihm das eherne und eiserne des Ovid zusammenfallen. Vergil unterscheidet nur zwei Z. nach dem Weltregiment des Saturnus und dem des Jupiter, unter jenem das bessere, glücklichere Leben, unter diesem das immer schlimmer werdende bis auf des Dichters Zeit. Später bildete die Orphische Schule diesen Gedanken eigentümlich um, und er ging aus der Poesie auch in die Philosophie über. Man sah diese Z. als die Teile des großen Weltjahrs an, das vollendet sein werde, wenn einst die Gestirne und Planeten am Himmel wieder denselben Stand einnehmen werden, worauf dann der vorige Wechsel der Schicksale wiederkehren werde, und ließ das erste oder goldene Z. von Kronos, das zweite von Zeus, das dritte von Poseidon und das letzte von Pluton, nach andern von Apollon, regiert werden. Die Zeit für den Ablauf des großen Weltjahrs wurde auf 3000 Sonnenjahre berechnet, nach andern auf 7777, nach Cicero auf 12,954 und nach Heraklit auf 18,000. Die Sibyllinischen Bücher teilten es in zehn säkularische Monate oder vier Jahreszeiten, wo der Frühling das goldene, der Sommer das silberne, der Herbst das eherne, in das die Deukalionische Flut fällt, und der Winter das eiserne Z. in sich begriff. Die jüdisch-christliche Welt sah aus ähnlichen Vorstellungen, die zu allen Zeiten herrschten und die gegenwärtige Zeit immer als den Abgrund der Verderbnis betrachteten, Adam als den Gipfel aller geistigen und körperlichen Vollkommenheiten an, von dem an mit dem Sündenfall ein stetes Herabsinken der Körpergröße, Gesundheit, Lebensdauer, Kraft, Vollkommenheit und Herzensgüte erfolgt sei, ebenso wie schon Homer ein solches Herabsinken der alten Kraft beklagte. Es ist der Paradiesestraum, der auf die Wiederkehr des goldenen Zeitalters seine Hoffnung richtet. Auch in dem Tausendjährigen Reich der Apokalypse und in den heiligen Büchern der Inder finden wir die Idee der Z. wieder, und selbst die neuere Philosophie hat diesen Begriff auf ihre Weise zu verarbeiten gesucht. So nahm Fichte fünf Weltalter an, von denen wir uns jetzt im dritten befinden, und Hegel drei, von denen wir ebenfalls im dritten stehen sollen. Vgl. Roth, Über den Mythus von den fünf Menschengeschlechtern bei Hesiod und die indische Lehre von den vier Weltaltern (Tübing. 1860); E. Pfleiderer, Die Idee eines goldenen Zeitalters (Berl. 1877); Graf, Ad aureae aetatis fabulam symbola (Leipz. 1884); Sterne (Pseudonym für Ernst Krause), Plaudereien aus dem Paradiese (Teschen 1886); Büchner, Das goldene Z. (Berl. 1891).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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