Witt


Witt

Witt, 1) Johan de, Ratpensionär von Holland, geb. 25. Dez. 1625 in Dordrecht aus einem patrizischen Geschlecht, gest. 20. Aug. 1672 im Haag, erhielt eine vortreffliche Erziehung und erbte von seinem Vater, dem Bürgermeister Jakob de W., der als einer der Führer der Loevesteinschen Partei 1650 auf Befehl Wilhelms II. von Oranien verhaftet worden war, die Furcht vor der Macht des Hauses Oranien und die Grundsätze der republikanisch gesinnten städtischen Aristokratie in Holland. Er wurde erst zum Pensionär (Stadtrat) seiner Vaterstadt, im Juli 1653 zum Ratpensionär von Holland erwählt, welches Amt ihm die Leitung der Staatsangelegenheiten der niederländischen Republik in die Hand gab. De W. besaß eine außergewöhnliche Arbeitskraft, vielseitiges, gründliches Wissen, einen klaren, tief eindringenden Verstand und große Energie und Zähigkeit in der Verfolgung seiner Pläne. Im Innern suchte er die Herrschaft der städtischen Aristokratie dauernd zu begründen, die oranische Partei durch Abschaffung der Statthalterwürde und Beschränkung des Landheeres niederzuhalten, die Finanzen durch Reduktion des Zinsfußes der Anleihen und weise Sparsamkeit zu bessern, Industrie und Handel zu befördern; nach außen war er vor allem bemüht, die Seemacht der Niederlande zu behaupten, namentlich gegen das rivalisierende England, sonst aber Kriege möglichst zu vermeiden. Nachdem der unglückliche erste Seekrieg gegen England (1654) beendet war, wobei de W. die Bedingung der Ausschließungsakte des Hauses Oranien eingehen ließ, wahrte er im dänisch-schwedischen Krieg (1658–60) die Freiheit der Ostsee und hatte 1665 einen neuen Krieg zu führen gegen das seit der Restauration der Stuarts nicht bloß der Seemacht, sondern auch der Verfassung der Republik gefährliche England. Er beendete denselben glücklich durch den Frieden von Breda (1667) und wandte sich dann gegen Frankreich, das durch die Eroberung der spanischen Niederlande die Unabhängigkeit der Republik ernstlich bedrohte. Er schloß im Januar 1668 mit England und Schweden die Tripelallianz, die Ludwig XIV. zum Frieden von Aachen zwang. Seine und seiner Partei Machtstellung schien so befestigt, daß diese 1668 durch das Ewige Edikt den heranwachsenden Prinzen Wilhelm III von Oranien für immer von der Statthalterschaft auszuschließen wagte. Aber die Republik hatte sich den unversöhnlichen Zorn Ludwigs XIV. zugezogen, und da er die Generalstaaten nicht zu energischen Rüstungen bewegen konnte, auch selbst die Größe der Gefahr nicht in vollem Maß erkannte, so fielen bei dem plötzlichen Überfall Frankreichs und Englands im April 1672 fast die ganzen Niederlande in die Gewalt der Feinde. Nachdem der Prinz von Oranien zum Generalkapitän und Statthalter erwählt worden, legte de W., den das erbitterte Volk des Verrats beschuldigte, im Juli 1672 sein Amt nieder. Als er 20. Aug. im Haag seinen Bruder Cornelis de W., Ruwaard von Putten, und energischen Staatsmann seiner Partei, der, eines Mordanschlags gegen den Prinzen von Oranien fälschlich beschuldigt, in das Gefängnis geworfen worden war, in diesem besuchte, entstand ein Volksauflauf, der Pöbel erbrach das Gefängnis und brachte beide Brüder auf grausame Weise ums Leben. Untersuchung und Bestrafung der Mörder erfolgte aber nie. Die »Mémoires de Jean de E.« (Regensb. 1709) sind nur eine französische Bearbeitung von de la Courts »Aanwysing der heilsame politike grondenen maximen van de Republike van Holland« (Leid. 1669), von der de W. vielleicht bloß zwei Kapitel geschrieben hat. Vgl. »Brieven van J. de W.« (Haag 1723–25, 6 Bde.) und hrsg. von R. Tiuin (Bd. 1, Amsterd. 1906); Geddes, History of the administration of John de W. (Lond. 1879, Bd. 1: 1623–1654); Lefèvre-Pontalis, Jean de W., grand pensionnaire de Hollande (Par. 1884, 2 Bde.).

2) Henriette de, franz. Jugendschriftstellerin, Tochter Guizots, geb. 6. Aug. 1829 in Paris, seit 1850 mit Conrad de W. verheiratet, gest. 6. Mai 1908 in Paris, s. Guizot, S. 514.

3) Otto N., Chemiker, geb. 31. (19.) März 1853 in Petersburg, studierte in Zürich, arbeitete seit 1875 in chemischen Fabriken am Rhein, in der Schweiz und in England, lebte 1879–82 im Elsaß, wurde 1882 Direktor des Vereins chemischer Fabriken in Mannheim, habilitierte sich 1885 an der Technischen Hochschule in Charlottenburg und wurde daselbst 1890 ordentlicher Professor und Direktor des chemisch-technischen Instituts. Er zeigte 1876 den Zusammenhang der Eigenschaften der Farbstoffe mit ihrer Konstitutionsformel und die Bedeutung der chromogenen, chromophoren und auxochromen Atomgruppen, entdeckte seit 1876 Azofarbstoffe und 1879 die Azinfarbstoffe, deren Konstitutionsformel er aufklärte. 1893 war er Kommissar und Preisrichter auf der Chicagoer Weltausstellung, 1900 Jurypräsident auf der Pariser Weltausstellung. Er schrieb: »Die Diatomazeen der Polyzystinenkreide von Jérémie in Haïti« (mit Truan y Luard, Berl. 1888); »Chemische Homologie und Isomerie in ihrem Einfluß auf Erfindungen« (das. 1889); »Reiseskizzen aus den Südkarpathen« (das. 1889); »Chemische Technologie der Gespinstfasern« (Braunschweig 1888 ff.); »Die deutsche chemische Industrie in ihren Beziehungen zum Patentwesen« (Berl. 1893); »Die chemische Industrie auf der kolumbischen Weltausstellung zu Chicago 1893« (das. 1894); »Pariser Weltausstellungsbriefe« (das. 1900); »Die chemische Industrie auf der internationalen Weltausstellung zu Paris« (das. 1902); »Die chemische Industrie des Deutschen Reichs im Beginn des 20. Jahrhunderts« (das. 1902); »Narthekion. Nachdenkliche Betrachtungen eines Naturforschers« (das. 1901–08, 3 Bde.). 1890 begründete er die Wochenschrift »Prometheus«, und seit 1894 ist er Herausgeber der Zeitschrift »Die chemische Industrie«.

4) Charlotte (verehelichte v. Borotha), Schauspielerin, geb. 23. April 1870 in Berlin als Tochter eines Schauspielerpaares, spielte schon in frühester Jugend Kinderrollen und fand 1886 in Mainz ihr erstes Engagement als Naive. 1889–92 wirkte sie am Stadttheater in Elberfeld; 1892 ging sie an das Hamburger Thaliatheater über, wo sie unter Direktor Maurice ihr ursprüngliches Fach auf Salondamen des modernen und jugendliche Heroinen des klassischen Schauspiels ausdehnte (Madame Sans-Gêne, offizielle Frau, Grille, Rautendelein, Dorine im »Tartüff« u. a.). 1898 wurde sie an das Wiener Burgtheater berufen, 1900 zur Hofschauspielerin, 1903 zum lebenslänglichen Mitglied dieser Bühne ernannt. Hier findet W. ihre Hauptaufgaben in Rollen, die in erster Linie ein frisches Naturell, eine gemütsstarke Ursprünglichkeit oder eine gesunde, herzhafte Fröhlichkeit verlangen (Haubenlerche, Alma in der »Ehre«, Yanetta in Brieux' »Roter Robe«, Hanne Schäl in Hauptmanns »Fuhrmann Henschel«, Zwillingsschwester von Fulda, Franziska in »Minna von Barnhelm«, Vittorino in »Renaissance«, Claire im »Hüttenbesitzer«, Renate im »Strom« von Halbe etc.). Vgl. Bahr, Wiener Theater, S. 66 (Berl. 1899).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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