Betschuanen

Betschuanen

Betschuanen (Be-tschuana, Betjuana, Bechuana), ein zur großen Völkergruppe der Bantu gehöriges Volk in der Mitte Südafrikas, begrenzt von den Sulu im O., den Nama und Ovaherero im W., dem Oranjefluß im SO. und der Steppe im SW. Von den Bewohnern der Äquatorialgegenden sind sie schwer zu sondern, doch kann der Sambesi als Nordgrenze angenommen werden. Überall ist das auf 275,000 qkm zu schätzende Gebiet vom Meer abgeschieden. Die auf 350,000 Seelen geschätzten B., zwischen 28 und 16° südl. Br. (s. Karte bei »Kapkolonie« und die Tafel »Afrikanische Völker II«, Fig. 8), zerfallen in die beiden Hauptabteilungen der Westbetschuanen und Ostbetschuanen. Zu erstern gehören die Batlapi (12,000 Köpfe) mit der Missionsstation Kuruman, die Barolong (15,000) am Molopofluß um Mafeking, die Bangkwaketsi und Bakwena (50,000) mit der Hauptstadt Molopolole, einst Sitz des durch Livingstone getauften Häuptlings Setscheli, die Bamangwato (40,000), westlich vom obern Limpopo mit der Hauptstadt Schoschong unter dem getauften Häuptling Khama, die vielfach mit Buschmännern vermischten Bakalahari in der Kalahariwüste (s. d.), die Bahurutse südöstlich vom Ngamisee. Zu den Ostbetschuanen gehören die Basuto (130,000 Köpfe), zu denen auch die früher mächtigen, jetzt im Marutse-Mambundareich ausgegangenen Makololo (s. d.) zu rechnen sind, die kleinen Stämme der frühern Burenrepubliken. Die Hautfarbe der B. ist ein helleres oder dunkleres Kaffeebraun. Ihr Wuchs ist schlank und ebenmäßig, ihre breite Gesichtsbildung mit flacher Nase und großen, aufgeworfenen Lippen nähert sich der der Neger, mit denen sie auch das kurze, krause Wollhaar gemein haben. In Bezug auf Muskelkraft und geistige Fähigkeiten stehen die B. den Kaffern nach, auch sind sie nicht so kriegerisch, vielmehr friedlichen Beschäftigungen ergeben. Die Kleidung besteht meist nur aus einer ledernen Binde (bei den Weibern mit Fransen und Glasperlen besetzt), die zwischen den Beinen durchläuft, außerdem zum Schmuck oder gegen die Kälte in einem »Karoß« aus Fellen. Als Schmuck dienen metallglänzende Salbe, Ringe aus Metall, Elfenbein, Leder und Haaren, Glas- und Metallperlen. Bemerkenswert sind die Güte und Mannigfaltigkeit ihrer Waffen: Speere, Streitäxte, Dolchmesser, Keulen, Bogen und Pfeile (von den Buschmännern angenommen), endlich Schilde aus Rindshaut. Von den Hausgeräten zeichnen sich die hölzernen durch Originalität und Zierlichkeit der Formen sowie durch Feinheit der Arbeit aus. Auch in irdenen Waren und Flechtwerk leisten sie Bemerkenswertes. Die Hütten sind kreisförmig und konisch bedacht; der Hausbau ist Sache der Frauen. Viehzucht ist die Grundlage des Lebens. Man hält große Herden von Rindern, großschwänzigen Schafen, kleinen Ziegen, außerdem Hunde und Hühner. Die Felder werden sehr unvollkommen mit der Hacke bestellt; Hirse, Mais, Kürbisse, Melonen und die von den Missionaren eingeführten Kartoffeln sind die Hauptfrüchte. Auch die Gewinnung und Verarbeitung mancher Erze (Eisen, früher auch Kupfer) beschäftigt einige Stämme, wie die Bakatla und Bahurutse. Die Frauen werden gekauft; Vielweiberei ist allgemein, die Kinderliebe bei beiden Geschlechtern sehr groß. Die Ehen werden früh geschlossen, bei den Knaben oft schon nach der Beschneidung, die im Alter von 14 Jahren stattfindet. Der Religion nach sind die B. (mit Ausnahme der in den Missionsstaaten Angesiedelten) Heiden, ihr Gott ist Morimo (»der Höchste«), ein schlaues oder gar böswilliges Wesen. Tieraberglaube ist bei den B. wie bei allen Südafrikanern in großem Maße heimisch. Der Glaube an ein Fortleben nach dem Tod und eine Wiederkehr spricht sich deutlich im Begräbniswesen aus. Großen Einfluß besitzen die Regenmacher. Jeder Stamm hat sein eignes Oberhaupt, dessen Würde in seiner Familie erblich ist. Unter ihm stehen die Chefs der einzelnen Ortschaften und unter diesen wieder kleinere Chefs, die Kofi (die »Reichen«). Die Macht des Oberhauptes ist im allgemeinen despotisch unbeschränkt; doch darf bei wichtigen Angelegenheiten nichts geschehen ohne eine öffentliche Versammlung der kleinern Chefs. Eigentliche Sklaverei findet nicht statt, doch vertreten die armen, verachteten, zerstreut in den Wäldern wohnenden Balala gewissermaßen die Stelle der Sklaven. Die Sprache der B., das Setschuana, grammatisch dargestellt von Archbell (Grahamstown 1837), gehört zum Sprachstamm der Bantu (s. d.). – Die Wohnsitze der B. reichten früher viel weiter nach S., doch wurden sie durch die Hottentotten und Kaffern verdrängt. Dann gründeten die Buren mitten im alten Gebiete der B. ihre Staaten, endlich hat England sich des Basutolandes bemächtigt und, als die kleinen Burenrepubliken Stellaland und Goosen entstanden, seine Hand auf das ganze noch freie Gebiet der B. gelegt (s. Betschuanenland). Vgl. Fritsch, Die Eingebornen Südafrikas (Bresl. 1872).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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