Vincke

Vincke

Vincke, 1) Ludwig Friedrich Wilhelm Philipp, Freiherr von, preuß. Staatsmann, geb. 23. Dez. 1774 in Minden, gest. 2. Dez. 1844, studierte die Rechte, arbeitete seit 1795 in der kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer und im Manufakturkollegium zu Berlin, ward 1798 Landrat in Minden, 1803 Präsident der Kammer in Aurich und 1804 in Münster und Hamm. Nach dem Einmarsch der Franzosen 1806 förderte V. von England aus das vaterländische Interesse. Nach dem Frieden von Tilsit wurde er Präsident der Regierung zu Potsdam, nahm 1810 seine Entlassung und schrieb das Buch: »Über die Verwaltung Großbritanniens« (hrsg. von Niebuhr, Berl. 1816). Den französischen Behörden verdächtig und auf das linke Rheinufer verwiesen, wurde V. 1813 Zivilgouverneur Westfalens und entwickelte als solcher eine fruchtbare Tätigkeit, namentlich bei der Organisation der Landwehr und des Landsturms. 1815 Oberpräsident der neu zu organisierenden Provinz Westfalen geworden, schuf V. eine Menge Kunststraßen, machte die Lippe bis Hamm schiffbar, richtete den Rheinhafen bei Ruhrort ein, regelte das Verhältnis zwischen Gutsherrn und Bauern, beförderte die Landeskultur durch die Gemeinheits- und Heideteilung (vgl. seine Schrift »Über die Gemeinheitsteilung«, Berl. 1825), gründete mehrere Schullehrerseminare und sorgte für wissenschaftliche Institute. Seit 1817 war V. auch Mitglied des Staatsrats. Am 3. Ang. 1857 wurde seinem Andenken auf Hohensyburg bei Hagen ein 30 m hoher Turm geweiht. Vgl. Bodelschwingh, Leben des Oberpräsidenten Freiherrn v. V. (Berl. 1853, nur Bd. 1, bis 1816); »Ludwig Freiherr v. V., Westfalens Oberpräsident, sein Leben und seine Zeit« (Lemgo 1858).

2) (V.-Olbendorf) Karl Friedrich Ludwig, Freiherr von, preuß. Politiker, geb. 17. April 1800 in Minden, gest. 18. Mai 1869 in Berlin, Offizier, begleitete 1838 Moltke nach der Türkei und nahm am Kriege gegen Ägypten teil, schied 1843 aus dem Dienst und bewirtschaftete sein Gut Olbendorf bei Strehlen. V. gehörte 1849 der Ersten Kammer, 1850 dem Unionsparlament, seit 1858 dem Abgeordnetenhaus und seit 1867 dem Reichstag an, war gemäßigt-liberal und suchte im Streit über die Heeresreorganisation vergeblich zu vermitteln. V. schrieb: »Die Patrimonial- und Polizeigerichtsbarkeit auf dem Lande« (Berl. 1847); »Über Reformen in der preußischen Kriegsverfassung« (das. 1860); »Die Reorganisation des preußischen Heerwesens« (das. 1864).

3) Georg Ernst Friedrich, Freiherr von, preuß. Politiker, ältester Sohn von V. 1), geb. 15. Mai 1811 auf Haus-Busch bei Hagen, gest. 3. Juni 1875 in Öynhausen, studierte die Rechte und war später in Münster und Minden Richter. Seit 1837 Landrat des Kreises Hagen, gehörte V. 1843 und 1845 dem westfälischen Provinziallandtag an und wurde in weitern Kreisen bekannt durch seine Tätigkeit auf dem Vereinigten Landtag von 1847, auf dem er streng konstitutionelle Ansichten nach englischem Vorbild vertrat. In der deutschen Nationalversammlung 1848 gehörte er zu den Führern der erbkaiserlichen Partei. Ende Februar 1849 in die preußische Zweite Kammer gewählt, bekämpfte er das Ministerium ebenso lebhaft wie die demokratischen Prinzipien. Als Mitglied des Erfurter Parlaments war er Anhänger der Unionspolitik und half die Partei der Gothaer gründen. Im preußischen Landtag 1850–55 die Reaktion des Ministeriums Manteuffel bekämpfend, seit 1858 wieder Mitglied des Abgeordnetenhauses, wurde V. Führer der freisinnigen Mehrheit, die das Ministerium der neuen Ära unterstützen sollte, aber mit ihm wegen der Heeresreform zerfiel. Im Sommer 1866 bildete V. im Abgeordnetenhaus die altliberale Fraktion und war auch im Reichstag 1867–69 der bedeutendste Redner der Altliberalen. Als Beamter längst verabschiedet, lebte er meist auf dem Stammgut Ostenwalde im Hannoverschen, das ihm 1846 durch den Tod seines Vetters, des Geschichtsforschers Ernst Ludwig v. V., zufiel.

4) Gisbert, Freiherr von, Dichter, Bruder des vorigen, geb. 6. Sept. 1813 auf dem Gut Haus-Busch bei Hagen, gest. 6. Febr. 1892 in Freiburg i. Br., studierte in Heidelberg und Berlin die Rechte, war 1846–60 bei der Regierung in Münster tätig und ließ sich dann zu Freiburg i. Br. nieder. Außer Übertragungen aus dem Englischen (»Rose und Distel«, Dessau 1853; 2. Aufl., Weim. 1865) und Bearbeitungen Shakespearescher (»Ende gut, alles gut«, »Maß für Maß«, »Cymbeline«, »Antonius und Kleopatra« etc.) sowie Calderonscher Dramen (»Tochter der Luft«, 1875; »Das Leben ein Traum«, 1883) veröffentlichte er: »Gedichte« (Iserl. 1860, 2. Ausg. 1863); »Sagen und Bilder aus Westfalen« (Berl. 1857); »Im Banne der Jungfrau«, Novellen (Hannover 1864, 3 Bde.; 2. Aufl. 1873); »Lustspiele« (Münst. 1869; neue Folge, Freiburg 1881); »Reisegeschichten«, Novellen in Versen (Münst. 1869); »ABC für Haus und Welt« (das. 1870; 3. Aufl., Berl. 1880); »Ein kleines Sündenregister« (Freib. 1882; 4. Aufl., Münst. 1889); »Alte Geschichten« (das. 1887, 2 Bde.); »Kleine Geschichten« (das. 1889, 2 Bde.); »Zwei westfälische Geschichten« (das. 1892). Nach seinem Tode erschienen »Gesammelte Aufsätze zur Bühnengeschichte« (Hamb. 1893).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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