Stimmung


Stimmung

Stimmung bezeichnet jenen relativ beharrlichen Zustand des Gemütes, in dem allen einzelnen Erlebnissen eine (von ihrer Beschaffenheit unabhängige) gleichmäßige Gefühlsfärbung sich mitteilt. Im allgemeinen hängt wohl die S. hauptsächlich von den im Organismus wurzelnden, ein verschwommenes Ganze bildenden Bestandteilen des Gemeingefühls (s. d.) ab, weswegen sie vom körperlichen Befinden (Gesundheit, Krankheit, Jugend, Alter etc.) stark beeinflußt wird und oft die Entwickelung krankhafter Störungen lange vorher anzeigt. Im besondern laufen fast alle heftigern Gemütsbewegungen in eine ihnen selbst verwandte (also z. B. freudige, traurige, zornige etc.) S. aus, die gewissermaßen auf einem Nachklingen der betreffenden Gefühlszustände beruht. Die Disposition zu raschem Wechsel der S. macht die Laune (s. d.) aus.

In der Musik versteht man unter S. die Feststellung der Tonhöhe, und zwar 1) Feststellung der absoluten Tonhöhe, d. h. der Schwingungszahl eines Tones, nach dem die übrigen gestimmt werden. In ältern Zeiten hatte man vielerlei S., den Kammerton (s. d.), den einen Ton höhern Chorton (s. d.) und den noch höhern Kornetton (s. d.). Doch schwankten die Stimmungen noch weiter an verschiedenen Orten, so daß man von einer Pariser, Wiener, Berliner, Petersburger S. etc. spricht, ja sie schwankten auch an demselben Orte stetig auf und ab. Die tiefste S. des Kammertons, die bisher nachgewiesen worden, differierte gegen die jetzige normale (435 [Doppel-] Schwingungen) für a1) um eine kleine Terz nach unten (377 Schwingungen), die höchste gar um eine Quarte nach oben (bis 567 Schwingungen); jene findet sich um 1511 in deutschen und im 18. Jahrh. in französischen Orgeln, diese um 1600 in deutschen und englischen Orgeln. Arnold Schlick (1511) und M. Prätorius (1618) unterscheiden hohe und tiefe Stimmungen als nebeneinander bestehende mit mancherlei Namen. Steins Stimmgabel für Mozarts Klavier von 1780 (422 Schwingungen) und Händels Stimmgabel von 1751 differieren gegen die heutige Normalstimmung nur um ca. 1/4 Ton nach unten, dagegen standen die Wiener S. von 1859 (456 Schwingungen) und die Londoner von 1874 (455 Schwingungen) um ebensoviel höher. Um dem fortdauernden Schwanken des Kammertons Einhalt zu tun und die Einführung einer allgemein gültigen S. anzubahnen, nahm man in Deutschland in Übereinstimmung mit der Deutschen Naturforschergesellschaft (1834) Scheiblers Bestimmung als für den Kammerton maßgebend an, nach der dem eingestrichenen a in der Sekunde 440 Doppelschwingungen zukommen, während man 1858 in Paris auf Anlaß Napoleons III, durch eine Kommission von Sachverständigen einen neuen Kammerton (diapason normal) feststellte, der zunächst für Frankreich die normale Tonhöhe für 870 einfache (= 435 Doppel-) Schwingungen bestimmte. Dieselbe fand allmählich Verbreitung und wurde auf der 16.–19. Nov. 1885 in Wien tagenden internationalen Konferenz zur Feststellung eines einheitlichen Stimmtones endlich einstimmig angenommen, auch 1891 bei den deutschen Militärmusiken eingeführt. Vgl. J. Ellis, History of musical pitch (Lond. 1877) und in den Sitzungsberichten der Society of Arts 1880 und 1881. – 2) Theoretische Bestimmung der relativen Tonhöhen, der Verhältnisse (Intervalle) der Töne untereinander, und zwar a) als mathematisch-physikalische Tonbestimmung (s. d.), welche die Verhältnisse der eigentlich vom Ohr geforderten natürlichen oder reinen S. aufweist, und b) deren notwendiger Ersatz für die Praxis, die statt der zahllosen theoretisch definierten Tonwerte der reinen S. nur wenige mittlere substituierende Temperatur (s. d.), für die ebenfalls wieder die theoretische Ausstellung und die praktische Ausführung, die Stimmkunst, unterschieden werden. Von Schriften, welche die S. der Klavierinstrumente behandeln, seien besonders die von Werkmeister (1691 u. 1715), Sinn (1717), Sorge (1744,1748,1754,1758), Kirnberger (1760), Marpurg (1776 u. 1790), Schröter (1747 u. 1782), Wiese (1791,1792,1793), Türk (1806), Abt Vogler (1807) und Scheibler (1834,1835 u. 1838) erwähnt. – 3) In neuerer Zeit sind vielfache Versuche gemacht worden, die Zahl der praktisch zu verwendenden Tonstufen zu vermehren und an die Stelle der temperierten die möglichst annähernd durchgeführte reine S. zu setzen. Doch kann nur ein System von 41 oder gar 53 Stufen innerhalb der Oktave bessere Resultate als das zwölfstufige ergeben; dasselbe ist aber viel zu kompliziert, um jemals für die Praxis ernstlich in Frage zu kommen. Vgl. Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen (5. Aufl., Braunschw. 1896); G. Engel, Das mathematische Harmonium (Berl. 1881); Tanaka. Studien auf dem Gebiete der reinen S. (Leipz. 1890); Riemann, Katechismus der Musikwissenschaft (das. 1891); Eitz, Das mathematischreine Tonsystem (Leipz. 1897); v. Janko, Über mehr als zwölfstufige gleichschwebende Temperaturen (1901, in Stumpfs »Beiträge zur Akustik und Musik«). Praktische Schriften über das Klavierstimmen s. Klavier (am Schluß).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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