Siegfried [1]


Siegfried [1]

Siegfried (althochd. Sigufrid, altnord. Sigurd), die glänzendste Gestalt der germanischen Heldensage. Was von ihm berichtet wird, ist namentlich in zwei voneinander sehr erheblich verschiedenen Fassungen erhalten. Die ältere und ursprünglichere (repräsentiert durch die beiden Edden und die Volsungasaga) geht auf einen wahrscheinlich bei den Franken am Niederrhein ausgebildeten Mythus zurück, der aber schon in der Heimat mit historischen Elementen durchsetzt wurde und im 6. Jahrh. nach dem skandinavischen Norden gelangte. wo er im Laufe der Zeit noch einige eigentümliche Züge aufgenommen hat. Nach den genannten nordischen Quellen war S. dem Geschlechte der Wolsungen entsprossen, das seinen Ursprung auf Odin zurückführte. Sein Vater Siegmund war schon vor seiner Geburt in einer Schlacht gefallen, und der Knabe verlebte seine Jugend an dem Hofe des Königs Hjalprek, des zweiten Gatten seiner Mutter Hjordis. Von dem weisen und kunstfertigen Zwerge Regin erzogen, wuchs er zu einem herrlichen Jünglinge heran. Regin erzählt ihm von dem verhängnisvollen Goldhort aus Otrs (s. d.) Buße, dessen sich sein Bruder Fafnir allein bemächtigt habe und ihm seinen Anteil vorenthalte, und reizt ihn, Fafnir, der auf der Gnitaheide den Schatz in Drachengestalt hütete, zu töten. S. will erst seinen Vater an den Söhnen Hundings, die ihn getötet, rächen. Er wählt sich aus Hjalpreks Gestüt den Hengst Grani, läßt sich von Regin aus den Stücken des Schwertes, die ihm sein sterbender Vater dazu hinterlassen, das Schwert Gram schmieden und vollzieht nun die Vaterrache; darauf tötet er Fafnir, der nun sterbend Unheil von Regin prophezeit. Als S. Fafnirs Herz brät, verbrennt er sich bei Berührung desselben den Finger, und als er diesen in den Mund steckt und so Fafnirs Blut ihm auf die Zunge kommt, versteht er die Sprache der Vögel, die Fafnirs Warnung vor Regins Tücke wiederholen. Da erschlägt S. auch diesen und kommt so in den Besitz des Goldhorts sowie des schrecklichen Ägishelms (der Tarnkappe der deutschen Sage entsprechend) und des verhängnisvollen Ringes Andwaranaut (s. d.), auf den die Götter den Fluch gelegt hatten, daß er jedem Eigentümer zum Verderben gereichen solle. Dieser Fluch geht alsbald auch an S. in Erfüllung. Nachdem er mit Gudrun (der Kriemhild der deutschen Sage), der Schwester des Burgunderkönigs Gunnar (Gunther), sich vermählt hat, wird er von diesem gebeten, ihm Atlis (Etzels) Schwester, Brunhild, erwerben zu helfen. Dieser, einer Walküre, hat Odin für einen Ungehorsam die Strafe auferlegt, daß sie wie jedes irdische Weib sich vermählen solle; sie aber hat das Gelübde getan, nur dem sich zu eigen zu geben, der dadurch als ein furchtloser Held sich erweise, daß er die Flamme, die Odin um ihren Wohnsitz Hindarfjall entfacht, durchreite, und der sie von dem Zauberschlaf, in den sie versinken wird, erwecke. Als nun S. und Gunnar vor Hindarfjall anlangen, vermag dieser nicht das Feuer zu durchdringen. S. dagegen, der die Gestalt seines Schwagers angenommen hat, sprengt auf seinem Rosse Grani in die Burg hinein und erweckt Brunhild, bei der er drei Tage weilt, aber des Nachts sein blankes Schwert zwischen sich und die Jungfrau legt, angeblich weil ihm so beschieden sei, die Verlobung zu feiern, sonst ereile ihn der Tod. Er nimmt ihr den Ring Andwaranaut dabei wieder ab, kehrt dann zu seinen Gesellen zurück. wechselt wieder die Gestalt, und Gunnar führt Brunhild heim. Als eines Tages Brunhild und Gudrun baden, entsteht ein Wettstreit zwischen den Frauen, bei dem Gudrun die Brunhild damit höhnt, daß S. sie überwunden und ihr zum Zeugnis den Andwaranaut zeigt. Als Brunhild erfährt, daß sie getäuscht worden ist, beschließt sie aus Verzweiflung darüber den Tod Siegfrieds, der auf ihr Anstiften von Gutthorm, einem Bruder Gunnars, ermordet wird. Aber auch Gutthorm fällt, von dem rächenden Schwerte des tödlich Verwundeten getroffen. Auf dem Scheiterhaufen, der Siegfrieds Leiche verzehren soll, ersticht sich Brunhild und folgt dem einzig Geliebten, den sie selber hatte besitzen sollen, den aber das neidische Schicksal ihr nicht gegönnt hat, in den Tod. Weiter erzählen dann unsre Quellen, wie Gudrun von ihren Brüdern Buße nimmt und sich noch mit Am vermählt, der dann schließlich an ihren Brüdern, den Giukunge, für Brunhilds Unglück Rache nimmt, indem er sie treulos einladet und tötet (Gunnar stirbt im Schlangenturm). Eine späte nordische Zutat ist es, wenn die Volsungasaga unter Aufgabe des so bedeutsam ethisch in der Edda entwickelten Verhältnisses Siegfrieds zur Brunhild, eine Tochter der beiden, die Aslaug (s. d.), einführt, die dann für die Ahnmutter der norwegischen Könige galt (vgl. Swanhild).

Die zweite, jüngere Fassung liegt in dem mittelhochdeutschen Nibelungenliede (s. d.) vor. Sie hat das Mythische fast gänzlich aufgegeben; Brunhild z. B., deren Charakter an erhabener Größe beträchtlich eingebüßt hat, behielt von ihrer ursprünglichen Walkürennatur nichts mehr als eine außer gewöhnliche Stärke, und die Proben. die auch sie von ihren Freiern fordert, erscheinen, weil sie durch nichts motiviert werden, nur als eine Weiberlaune. Der Schluß, nach dem Kriemhild nicht mehr ihre Brüder an dem zweiten Gatten, sondern ihren ersten, nie vergessenen Gemahl an ihren Brüdern rächt, ist unter dem Einfluß der durch das Christentum veränderten Denk- und Sinnesweise gänzlich umgestaltet. – Andre, noch spätere Bearbeitungen, wie der »Rosengarten«, haben die Sage zum Tel willkürlich entstellt, während z. B. das Volkslied vom Hürnen Seyfried einzelne alte Züge (besonders aus der Jugendgeschichte des Helden) bewahrt hat. Vgl. im übrigen Sijmons Artikel »Heldensage« in Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Aufl., Bd. 3, S. 651 ff. (Straßb. 1900), und die dort angezogene Literatur.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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