Presbyteriāner


Presbyteriāner

Presbyteriāner (griech.), Gesamtbezeichnung derjenigen Bekenner der reformierten Kirche im britischen Reich und in Nordamerika, die im Gegensatz zu der Episkopalverfassung der anglikanischen Kirche ihr Kirchenwesen nach den Grundsätzen Calvins ordneten. Sogleich beim Beginn der reformatorischen Bewegungen in England hatten sich viele wegen der von Maria der Katholischen über sie verhängten Verfolgungen nach Genf, Zürich, Straßburg geflüchtet, wo sie sich mit den Grundsätzen der presbyterianischen Kirchenverfassung befreundeten. In Schottland gewannen sie unter Führung von John Knox (s. d.) bald die Oberhand. Als durch Elisabeths Thronbesteigung ihnen die Rückkehr auch nach England erlaubt worden, nahmen sie als Puritaner (s. d.) eine schroffe Stellung der anglikanischen Kirche gegenüber ein. Es war die Reformation durch die Gemeinde, welche die P. der Reformation durch die Tudors entgegensetzten. Die Uniformitätsakte von 1559, ein auf Gleichförmigkeit im Kirchenwesen abzweckendes Gesetz, die 39 Artikel von 1563 und der zugleich damit in verschärfter Form wieder eingeführte Suprematseid trieben sie seit 1567 aus der Kirche. Jetzt wurden sie im Gegensatz zu denjenigen, die sich diesen Befehlen fügten, Nonkonformisten, später Dissenters genannt. Der Prediger Field errichtete 1572 in Wandsworth bei London die erste presbyterianische Kirchengemeinde mit elf Presbytern. Ähnliche Gemeinden entstanden in andern Gegenden Englands, und noch unter Elisabeths Regierung wuchsen die P. auf 100,000; sie erklärten alle Diener der Kirche für einander völlig gleich, wollten die Kirche aus ihrer engen Verbindung mit dem Staate herausgerissen haben und forderten, daß die einzelnen Kirchengemeinschaften durch Presbyterien, die ganze Kirche aber durch eine aus diesen Presbyterien gebildete Synode regiert werde. Über diese Forderung gingen die Kongregationalisten oder Independenten (s. d.) noch hinaus, indem sie die kirchliche Selbständigkeit auch der Einzelgemeinden forderten. Nachdem die P. in den letzten Regierungsjahren der Elisabeth etwas Ruhe gehabt hatten, begannen unter Jakob I. und Karl I. neue Verfolgung en; die absolutistisch gesinnten Stuarts verfolgten sie auch in Schottland, wo ihnen jetzt anglikanische Bischöfe und Kultusformen aufgedrungen werden sollten. Dagegen schlossen die Schotten 1638 den Großen Covenant (s. d.). In England fürchtete man die Wiedereinführung des Katholizismus und gab die Ermordung der Protestanten in Irland (1641) dem König schuld. Unruhen entstanden, die, nachdem ein größtenteils mit Presbyterianern besetztes Parlament zustande gekommen, zum wirklichen Bürgerkriege gegen den König führten. Während desselben tagte die vom Langen Parlament einberufene, aus englischen und schottischen Presbyterianern bestehende Westminstersynode (1643–48, bez. 1652), von der das Glaubensbekenntnis der Partei, die noch heute gültige sogen. Westminsterkoufession (1648), herrührt. Vgl. Hetherington, The history of the Westminster Assembly (4. Aufl., Edinb. 1878). Unter Cromwell behaupteten die Independenten, d. h. die presbyterianischen Ultras, das Übergewicht; aber nach des Protektors Tod und Karls II. Rückkehr ward die Episkopalverfassung in England und Schottland wiederhergestellt. Eine neue Uniformitätsakte erschien 1662. Das Toleranzedikt von 1672 hatte wenig Erfolg, zumal da durch die Testakte des Parlaments von 1673 jeder, der nicht den König als obersten Gewalthaber auch über die Kirche anerkannte und das Abendmahl nach anglikanischem Ritus empfing, von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen ward. Tausende von Presbyterianern und andern Dissenters wanderten unter Karls II. Regierung in das Gefängnis oder entflohen und gründeten in den nordamerikanischen Kolonien presbyterianische Kirchengemeinden. Erst die Toleranzakte von 1689 gestattete allen Dissenters freie Religionsübung in Kapellen und machte sie nur zur Fortentrichtung des Zehnten an die Staatskirche verbindlich. Auch kam 1691 eine Vereinigung der presbyterianischen und der independentistischen Geistlichkeit zustande. In der neuern und neuesten Zeit sind die Freiheiten der P. noch vermehrt worden (s. Anglikanische Kirche); dafür haben diese viel von ihrer frühern asketischen Strenge aufgegeben und sich zum Teil an die Episkopalkirche angeschlossen; auch neigen sie sich neuerlich mehr arminianischen und selbst unitarischen Lehrmeinungen zu. In andern Ländern haben sich die P. in eine Menge kleinerer Parteien gespalten, die sich öfters nur durch ganz unwesentliche Eigentümlichkeiten voneinander unterscheiden. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas betrug 1900 die Summe der P. mit Ausschluß der Kongregationalisten 1,560,847. Vgl. Weingarten, Die Revolutionskirchen Englands (Leipz. 1868); Skeats, History of the Free Churches of England (2. Aufl., Lond. 1869); Drysdale, History of the Presbyterians in England (das. 1889); Howard, The rise and progress of Presbyterianism (das. 1898); Gillett, History of the Presbyterian church in the United States (2. Aufl., Philad. 1875); Briggs, American Presbyterianism, its origin and growth (New York 1885); Patton, Popular history of the Presbyterian church in the United States (das. 1900); Thompson, The Presbyterians (das. 1903); Reed, History of the Presbyterian churches of the world (Philad. 1905).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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  • Presbyterianer — Pres|by|te|ri|a|ner, der; s, (Angehöriger protestantischer Kirchen mit Presbyterialverfassung in England und Amerika) …   Die deutsche Rechtschreibung