Pauli


Pauli

Pauli, 1) Johannes, geb. um 1455 in Pfeddersheim (wie mitunter, jedoch ohne hinlängliche Begründung, behauptet wird, von jüdischen Eltern), gest. nach 1530 zu Thann im Oberelsaß, trat in den Franziskanerorden ein, in dem er als Prediger sehr geschätzt war, und wirkte in verschiedenen elsässischen Städten als Guardian und Lesemeister. P. ist Verfasser des seinerzeit sehr beliebten Buches »Schimpff und Ernst« (Straßb. 1522), das in regelmäßiger Reihenfolge scherzhafte (»schimpfliche«) und ernsthafte Geschichten enthält, die verschiedene Regeln der Moral und Lebensweisheit enthalten und sehr frisch und lebendig vorgetragen sind. Das Buch erlebte zahlreiche Auflagen (neu hrsg. von Österley, Stuttg. 1866; »erneut« von Simrock, Heilbr. 1876; in Auswahl von Dithmar, Marb. 1856, und von Junghans in Reclams Universal-Bibliothek). Außerdem hat er eine große Anzahl deutscher Predigten von Geiler von Kaisersberg, den er Gelegenheit hatte von 1506–10 in Straßburg regelmäßig zu hören, nachgeschrieben und herausgegeben. Vgl. Veith, Über den Barfüßer Johannes P. etc. (Wien 1839).

2) Karl Wilhelm, Rechtshistoriker, geb. 18. Dez. 1792 in Lübeck, gest. daselbst 18. März 1879, studierte in Tübingen, trat 1813 als Freiwilliger in das Wallmodensche Korps ein und nahm als Offizier an der Belagerung der Festung Glückstadt teil, setzte dann von 1814 ab seine Studien in Göttingen fort, ließ sich 1816 nach deren Absolvierung als Rechtsanwalt in Lübeck nieder und ward daselbst 1820 bei Begründung des gemeinsamen Oberappellationsgerichts der vier freien Städte Sekretär an diesem, welche Stellung er bis 1843 bekleidet hat, in welchem Jahr er als Rat in das Gericht selbst eintrat. Seine beiden literarischen Hauptwerke sind die »Abhandlungen aus dem lübischen Recht« (4 Tle., Lübeck 1837, 1840, 1841 u. 1865), in denen er hauptsächlich auf Grund der von ihm wiederaufgefundenen Ober- und Niederstadtbücher Lübecks eine Reihe privatrechtlicher Institute des lübischen Rechts in ihrer historischen Entwickelung darstellte, und die »Lübischen Zustände« (3 Tle., das. 1847, 1872, 1878), Darstellungen des Lübecker städtischen Lebens zu Anfang des 14. Jahrh. in volkstümlicher Behandlung, zum Teil aus seinen Vorträgen in der Patriotischen Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit entstanden. Auch hat sich P. an der Herausgabe des »Urkundenbuches der Stadt Lübeck« und an der 1855 begründeten »Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde« beteiligt.

3) Friedrich August von, Ingenieur, geb. 6. Mai 1802 in Osthofen bei Worms, gest. 26. Juni 1883 in Kissingen, bildete sich in England, studierte dann in Göttingen und München, wurde beim Bau des Main-Donaukanals beschäftigt und darauf zum Professor und Rektor der Technischen Hochschule in München berufen. Als Direktor des Oberbaukollegs in München erwarb er sich große Verdienste um Brücken- und Eisenbahnbauwesen und gab ein eignes, nach ihm benanntes System an, nach dem die Großhesseloher Brücke über die Isar und die Mainzer Eisenbahnbrücke gebaut sind (Paulische Träger). Auch benutzte er zuerst bei Plänen die Isohypsen. Sein Standbild (von Knoll) wurde im Münchener Neuen Bahnhof errichtet.

4) Reinhold, Geschichtschreiber, geb. 25. Mai 1823 in Berlin, gest. 3. Juni 1882 in Bremen, studierte in Berlin und Bonn, lebte seit 1847 in England und Schottland im Interesse eigner Studien und für die »Monumenta Germ. hist.« und kam, 1849–52 Privatsekretär bei Bunsen (s. d. 1), mit bedeutenden Männern Englands, Gelehrten und Politikern, in persönliche Berührung. Im Herbst 1855 nach Deutschland zurückgekehrt, habilitierte sich P. in Bonn, wurde 1857 Professor in Rostock, 1859 in Tübingen. 1866 wegen eines scharfen Artikels über die Zustände Württembergs in den »Preußischen Jahrbüchern« zur Strafe an das Seminar in Schönthal versetzt, nahm er seinen Abschied und wurde 1867 Professor in Marburg, 1870 in Göttingen. Er schrieb: »König Aelfred und seine Stelle in der Geschichte Englands« (Berl. 1851, in zweifacher englischer Übersetzung erschienen); die Fortsetzung von Lappenbergs »Geschichte von England« (Bd. 3–5, Gotha 1853–58); ferner eine »Geschichte Englands seit den Friedensschlüssen von 1814 und 1815« (Leipz. 1864–75, 3 Bde.); »Bilder aus Altengland« (Gotha 1860, 2. Ausg. 1876; ebenfalls in das Englische übersetzt); »Simon von Montfort, Graf von Leicester, der Schöpfer des Hauses der Gemeinen« (Tübing. 1867; engl., Lond. 1876); »Aufsätze zur englischen Geschichte« (Leipz. 1869, neue Folge 1883) u.a. Außerdem gab er J. Gowers. »Confessio amantis« heraus (Lond. 1856, 3 Bde.).

5) Alfred, Bürgermeister von Bremen, Sohn von P. 2), geb. 7. Aug. 1827 in Lübeck, ließ sich 1852 in Bremen als Rechtsanwalt nieder, ward 1864 Staatsanwalt, 1868 Direktor des Kriminalgerichts, 1870 Mitglied des Obergerichts, kam im März 1872 in den Senat und war 1902–05 Bürgermeister. Als Senatsmitglied wirkte P. besonders als Vorsitzender der Justizkommission, der Kommission für Reichs- und auswärtige Angelegenheiten und derjenigen für Handelssachen; seit 1900 ist er bremischer Bevollmächtigter beim Bundesrat. P. schrieb: »Das Bremische Strafrecht« (Brem. 1863) und mehrere handelsrechtliche Abhandlungen.

6) Karl, Philolog, geb. 14. Okt. 1839 in Barth (Pommern), gest. 7. Aug. 1901 in Lugano, studierte in Erlangen und Greifswald, war dann Lehrer in Stettin, Lauenburg i. P., Münden, Hannover und Ülzen, lebte 1884–93 in Leipzig als Privatgelehrter und seit 1893 als Professor der klassischen Sprachen am Kantonallyzeum in Lugano. Sein Hauptgebiet ist die Erforschung der italischen Sprachen, namentlich des Etruskischen. Er veröffentlichte: »Etruskische Studien« (Heft 1–3, Götting. 1879–80; fortgesetzt mit Deecke als »Etruskische Forschungen und Studien«, Stuttg. 1881–84, 6 Hefte); »Altitalische Studien« (Hannov. 1883–87,5 Hefte); »Altitalische Forschungen« (Bd. 1: »Die Inschriften nordetruskischen Alphabets«, Leipz. 1885; Bd. 2: »Eine vorgriechische Inschrift von Lemnos«, das. 1886–94; Bd. 3: »Die Veneter und ihre Schriftdenkmäler«, das. 1891); »Corpus inscriptionum Etruscarum« (mit Beihilfe von A. Danielsson in Upsala, Bd. 1, das. 1893–1902).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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