Passionsspiele


Passionsspiele

Passionsspiele, eine unter den dramatischen Aufführungen des Mittelalters besonders häufig vertretene Art der »geistlichen Spiele«, die den Kreuzestod Jesu zum Mittelpunkt haben. Der Wechselvortrag des Passionsevangeliums, die symbolische Darstellung der Grablegung Christi und die aus den alten Karfreitagslamentationen entwickelte Klage der Maria und des Johannes unter dem Kreuze (s. Marienklagen) bildeten die liturgische Grundlage, auf der sich die P. unter dem Einfluß der Osterspiele (s. d.) und in engem Zusammenhange mit ihnen entwickelten. Durch diese Verbindung und zugleich durch ein weiteres Zurückgreifen auf das Leben Christi rundeten sich die P. allmählich zu einer Darstellung des gesamten Erlösungswerkes ab. Unter den spärlichen Resten von Passionsspielen, die wir aus der lateinischen Epoche der geistlichen Spiele besitzen, ist das Benediktbeurer (niedergeschrieben ca. 1300) besonders bemerkenswert. Das älteste volkssprachliche Passionsspiel ist das St. Galler (14. Jahrh.); die eigentliche Blütezeit der P. ist das ausgehende Mittelalter, in dem sie eine so große Ausdehnung erhielten, daß sie sich meist über mehrere Tage erstreckten. Neben den Evangelien benutzten die Dichter die Legenden (z. B. von Longinus und Veronica) und die ausschmückenden Zusätze in den Schriften der kontemplativen Theologen. Zu komischen Zusätzen boten die Teufelsszenen und (namentlich in Deutschland) die Judenszenen Anlaß. Auch pflegten die Dichter im umfangreichen Maße die Werke ihrer Vorgänger auszuschreiben, so daß die in ein und derselben Gegend entstandenen Spiele oft eine nahe Verwandtschaft untereinander zeigen. In Deutschland treten besonders deutlich hervor die Tiroler Gruppe (vgl. Wackernell, Die ältesten P. in Tirol, Wien 1887, und »Altdeutsche P. aus Tirol« als 1. Bd. der »Quellen und Forschungen zur Geschichte, Literatur und Sprache Österreichs«, Graz 1897) und die Frankfurter Gruppe, deren ältester Repräsentant die für den Gebrauch des Regisseurs niedergeschriebene »Frankfurter Dirigierrolle« aus dem 14. Jahrh. ist. Zu dieser Gruppe gehören unter andern das Friedberger und das Alsfelder Passionsspiel (hrsg. von Froning in Kürschners »Deutscher Nationalliteratur«, Bd. 14). Aus dem provenzalisch-katalanischen Sprachgebiet haben wir P. in Texten des 14. Jahrh., aus dem nordfranzösischen Gebiet sind bloß Texte des 15. Jahrh. vorhanden, dann aber in sehr großer Anzahl; am berühmtesten wurden die P. von Arnoul Greban (ca. 1450) und von Jehan Michel (1486). In Paris befaßte sich eine besondere Bruderschaft, die Confrérie de la Passion (s. d.), mit der Ausführung von Passionsspielen. Auch aus Italien haben wir ein Passionsspiel (hrsg. von Promis, Turin 1888); in England wurden die P. meist bei Gelegenheit der großen Prozessionen ausgeführt (s. Fronleichnamsspiele). Der poetische Wert der Texte ist meist sehr gering, dagegen pflegte man auf die Inszenierung große Sorgfalt zu verwenden. Musik u. Gesang (in Deutschland noch vielfach mit lateinischem Text) hatten an der Ausführung großen Anteil. Vgl. Hase, Das geistliche Schauspiel (Leipz. 1858); Creizenach, Geschichte des neuern Dramas, Bd. 1 (Halle 1893).

Die Anhänger der Reformation verhielten sich im allgemeinen gegen die P. nach Luthers Vorgang ablehnend und bevorzugten in ihren biblischen Dramen alttestamentliche Stoffe; nur wenige, wie z. B. Hans Sachs, haben auch P. verfaßt. In den katholisch bleibenden Teilen Deutschlands, namentlich in den Bayrischen, Tiroler und Salzburger Alpen, bestanden dieselben jedoch fort, teils in der vollen mittelalterlichen Naivität, teils in Umarbeitungen, die besonders die Jesuiten und die von ihnen gebildeten Geistlichen vornahmen. Diejenigen der ältern Spiele, die sich bis ins 18. Jahrh. hinein behauptet hatten, fielen der überall eindringenden Aufklärung allmählich zum Opfer. Unter Karl Theodor und König Max Joseph I. wurden selbst in Bayern die Passionsaufführungen untersagt und eine Ausnahme nur mit dem

Oberammergauer Passionsspiel

gemacht, das in neuester Zeit die Blicke der ganzen gebildeten Welt auf sich gezogen hat. Die Gemeinde von Oberammergau hatte bei einer 1633 ihr Dorf heimsuchenden Seuche das Gelübde getan, nach dem Erlöschen der Krankheit das Leiden und Sterben des Erlösers dramatisch auszuführen. Mit den anderwärts noch fortdauernden mittelalterlichen Passionsspielen stand die neue in Oberammergau entstehende (und periodisch, zuletzt von zehn zu zehn Jahren wiederholte) Ausführung insofern in Beziehung, als die Bauern und Bildschnitzer ihr Spiel den vorhandenen ähnlichen Aufführungen anzunähern wünschten. Das ursprüngliche Gedicht (nach der Handschrift von 1662 hrsg. von Hartmann, Leipz. 1880) erweist sich als Verschmelzung eines geistlichen Schauspiels aus dem 15. Jahrh. und eines Passionsspiels des Augsburger Meistersingers Seb. Wild. Der im Laufe der Zeit verzopfte und verschnörkelte Text wurde durch Ettaler Klosterherren vollends den rhetorischen, opernhaften und schwülstig-allegorischen Jesuitenspielen angenähert, während die Darstellung sich an die reinern Vorbilder der deutschen Maler und Holzschneider des 15. u. 16. Jahrh. anlehnte. Das Oberammergauer Spiel entwickelte sich unter reger Teilnahme der gesamten Bevölkerung des Ortes namentlich nach der malerisch-plastischen Seite der Aufführungen hin in ungewöhnlicher Weise. Unter Montgelas (s. d.) verboten, wurde das Spiel 1811 von König Max I. wieder gestattet, nach Umarbeitung des Gedichts durch Othmar Weiß (ehemals Benediktiner in Ettal, gest. 1843 als Pfarrer in Jesenwang). Dieser Text erfuhr eine nochmalige, schwache Nachwirkungen der Humanitätsanschauungen des 18. Jahrh. verratende Überarbeitung durch den Geistlichen Rat Daisenberger (gest. 1883). Die von dem Oberammergauer Lehrer Rochus Dedler komponierte Musik trägt einen eklektischen, weichlichen und opernhaften Charakter. Gleichwohl blieb dem Spiel durch die den Evangelien entlehnten Szenen, durch die Einheit der Darstellung, die Vorführung von Aufzügen und Volksszenen und die lebenden Bilder mit Szenen aus dem Alten Testament (Präfigurationen) ein bedeutender Eindruck, der durch die Aufführungen von 1830, 1840 und 1850 in weiteste Kreise getragen wurde und auch die Aufmerksamkeit der Dramaturgen erregte (vgl. Ed. Devrient, Das Passionsspiel zu Oberammergau, Leipz. 1850, 3. Aufl. 1880). Nur einheimische Kräfte sind am Spiel beteiligt; einzelne Rollen vererben sich wie Ehrenämter. Die im Laufe der Zeit herausgebildete künstlerische Tradition hat zu der vollendeten Darstellung der Hauptgestalten, insbes. der Gestalt Christi, geführt, welche die letzten Aufführungen (1880, 1890 und 1900) auszeichnete. Etwa 550 Darsteller sind am Spiel beteiligt. Das Theater steht auf einer Wiese vor dem Dorf, und die Matten und Hügel ringsum bilden den großartigen Hintergrund. Der mehr als 4000 Menschen fassende Zuschauerraum steigt amphitheatralisch auf. Die einzelnen Aufführungen währen, mit einstündiger Pause, je 9 Stunden. Die Einnahmen der Ammergauer Spiele kommen nach Abzug der Kosten und einer mäßigen Entschädigung an die Darsteller der Gemeinde, ihrer Kirche und Schule, ihren Stiftungen etc. zugute. – Nachdem durch diese Spiele die Teilnahme weiter Kreise an den Passionsspielen neu belebt war, wurde in den letzten Jahren auch an andern Orten (Brixlegg in Tirol, Höritz in Böhmen) den Passionsspielen eine erneute Sorgfalt zugewendet. Vgl. Trautmann, Oberammergau und sein Passionsspiel (3. Aufl., Bamb. 1890); H. Diemer (geborne v. Hillern), Oberammergau und seine P. (Münch. u. Oberammerg. 1900); weitere Schriften von A. Stern (Leipz. 1878), H. Holland (2. Aufl., Münch. 1890), Huyssen (Barmen 1890), Ludwig (Davos 1891) u.a.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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