Murat [2]

Murat [2]

Murat (spr. müra), Joachim, König von Neapel, einer der tapfersten Generale Napoleons I., geb. 25. März 1767 als der Sohn eines Gastwirts in La Bastide-Fortunière (jetzt La Bastide-M.) bei Cahors (Lot), gest. 13. Okt. 1815. Er studierte Theologie in Toulouse, trat jedoch bei Beginn der Revolution in die Armee und stieg durch seine Tapferkeit und seinen Eifer für die Sache der Revolution rasch bis zum Kommandeur eines reitenden Jägerregiments in der Pyrenäenarmee, wurde mit Bonaparte bekannt und befreundet, stand ihm bei der Verteidigung des Konvents 13. Vendémiaire (5. Okt. 1795) bei, begleitete ihn als Adjutant nach Italien, wo er an der Spitze der Reiterei große Dienste leistete und zum Brigadegeneral ernannt wurde. 1798 folgte er Bonaparte auch nach Ägypten und Syrien, wo er zum Divisionsgeneral aufstieg. Nach Europa zurückgekehrt, trieb M. bei dem Staatsstreich vom 18. Brumaire in St.-Cloud an der Spitze von 60 Grenadieren den Rat der Fünfhundert auseinander. Bonaparte ernannte ihn dafür zum Kommandanten der Konsulargarde und verheiratete ihn 20. Jan. 1800 mit seiner jüngsten Schwester, Karoline (s. Bonaparte 7). Zum Gouverneur der Zisalpinischen Republik ernannt, vertrieb er 1801 die Neapolitaner aus dem Kirchenstaat und schloß einen Waffenstillstand mit dem König beider Sizilien. Napoleon erhob ihn nach seiner Thronbesteigung 1804 zum Reichsmarschall und zum Prinzen des französischen Reiches und übertrug ihm im Feldzug von 1805 den Oberbefehl über die Reiterei. Am 8. Okt. schlug M. die Österreicher bei Wertingen, nahm am 18. den General Werneck mit 16,000 Mann gefangen, drang 13. Nov. bis nach Wien vor und trug bei Austerlitz 2. Dez. viel zum Siege bei, wofür er 18. März 1806 zum Großherzog des neugeschaffenen Großherzogtums Berg erhoben wurde. Im Feldzug von 1806 stand er wieder an der Spitze der Kavallerie. Nach dem Tilsiter Frieden von dem Kaiser nach Spanien gesandt, bewog er Karl IV. zu der verhängnisvollen Reise nach Bayonne, zog 23. April 1808 an der Spitze der französischen Armee in Madrid ein, erhielt aber nicht den spanischen Thron, wie er gehofft, sondern an Joseph Bonapartes Stelle das Königreich Neapel und wurde 15. Juli unter dem Namen Joachim I. Napoleon als König beider Sizilien proklamiert; Sizilien blieb aber unter dem Schutze der englischen Flotte im Besitz der Bourbonen. Er tat viel für die Herstellung der innern Ordnung und die Regelung der Verwaltung des Landes. Mit Napoleon allerdings geriet er bisweilen in Konflikt, da auch er sich die rücksichtslose Ausbeutung seines Königreichs zum Vorteil des Eroberers nicht ruhig gefallen lassen wollte. Dennoch stieß M. im Feldzuge gegen Rußland 1812 mit 10,000 Mann zur Großen Armee, übernahm den Oberbefehl über die gesamte Kavallerie und focht mit glänzender Tapferkeit fast immer als Führer der Avantgarde. Als der Kaiser die Armee verließ, übertrug er (5. Dez. 1812) M. den Oberbefehl; dieser leitete den Rückzug von Smolensk nach Wilna. In der Schlacht bei Dresden 1813 befehligte er den rechten Flügel der Franzosen, der die Österreicher zum Rückzug zwang. Nach der Schlacht bei Leipzig verließ er das Heer, um seinen Abfall vorzubereiten, und schloß 11. Jan. 1814 mit Österreich einen Vertrag, demzufolge er 30,000 Mann zu dem Heere der Alliierten stellen sollte, wofür er den Besitz seiner Staaten durch Österreich und England garantiert erhielt. Er bekämpfte hierauf den Vizekönig Eugen in Oberitalien. Da indessen die Verhandlungen des Wiener Kongresses sich ungünstig für ihn zu gestalten schienen, trat er mit dem Kaiser auf Elba in geheime Verbindung. Auf die Kunde von Napoleons Landung in Frankreich ließ er im Februar 1815 den Kirchenstaat besetzen und begann ohne Kriegserklärung 30. März die Feindseligkeiten gegen Österreich. Aber von den Österreichern ward er infolge der Feigheit seiner neapolitanischen Truppen 12. April bei Ferrara und 2. Mai bei Tolentino gänzlich geschlagen. Er floh 18. Mai nach Frankreich, dann (25. Aug.) nach Korsika, sammelte hier ein kleines Korps Korsen und französischer Flüchtlinge und schiffte sich, auf die Sympathien der neapolitanischen Bevölkerung rechnend, 28. Sept. auf sechs Schiffen nach Neapel ein. Daß ihn ein Sturm zur Landung bei Pizzo in Kalabrien gezwungen habe, ist nur eine Erfindung, die M. später zu seiner Entschuldigung vorbrachte; unfreundlich aufgenommen und auf der Flucht schließlich an der Küste gefangen, wurde M. durch ein Kriegsgericht als Usurpator zum Tode verurteilt und im Vorhofe des Castello Pizzo erschossen. Sein Leichnam ruht in der Kirche daselbst. Zu Cahors ist ihm ein Denkmal errichtet. Seine Witwe Karoline, geb. 26. März 1782 in Ajaccio, nahm den Titel einer Gräfin von Lipona (Anagramm von Napoli) an und starb 18. Mai 1839 in Florenz. Vgl. Gallois, Histoire de Joachim M. (Par. 1828); Helfert, Joachim M., seine letzten Kämpfe und sein Ende (Wien 1878); G. Romano, Ricordi Muratiani (Pavia 1890); Sassenaye, Les derniers mois de M. (Par. 1896); Graf Murat, M., lieutenant de l'empereuren Espagne 1808 (das. 1897); Schirmer, Feldzug der Österreicher gegen König Joachim M. im Jahre 1815 (Budap. 1898); »Correspondance de Joachim M., juillet 1791-juillet 1808« (hrsg. von Lumbroso, Turin 1899); Guardione, Gioacchino M. in Italia (Palermo 1899); Weil, Le prince Eugène et M., 1813–1814 (Par. 1901–04, 5 Bde.); Chavanon und Saint-Yves, Joachim M. (das. 1905); Widmann, Kalabrien-Apulien (2. Aufl., Frauenfeld 1904); Lumbroso, L'agonia di un regno; Gioacchino M. al Pizzo (Mail. 1904).

Joachim M. hinterließ zwei Söhne: 1) Achille M., geb. 21. Jan. 1801, gest. 15. April 1847, lebte als Landwirt und Advokat in der Grafschaft Jefferson in Florida und war seit 1826 mit Karoline Dudley, einer Nichte Washingtons, vermählt. Er ist Verfasser des Werkes »Exposition des principes du gouvernement républicain tel qu'il a été perfectionnéen Amérique« (1833). – 2) Lucien M., geb. 16. Mai 1803, gest. 10. April 1878, seit 5. Dez. 1812 Fürst von Ponte-Corvo, begab sich gleichfalls nach Amerika und heiratete dort 1831 Karoline Fraser. Nach der Februarrevolution von 1848 kehrte er nach Frankreich zurück, wurde 1849 von dem Präsidenten Napoleon zum Gesandten in Turin, 1852 zum Senator ernannt und erhielt 1853 den Titel »Prinz«. Seine Gattin starb 10. Febr. 1879. Lucien M. hinterließ 3 Söhne und 2 Töchter: Joachim, Prinz M., geb. 21. Juli 1834, gest. 23. Okt. 1901, wurde Ordonnanzoffizier Napoleons III., war 1870 Brigadier der Kavallerie und ließ sich 16. Aug. bei Vionville von den Deutschen völlig überraschen; er war 1854–84 mit Maley Berthier, einer Tochter des Fürsten von Wagram, vermählt, die ihm 28. Febr. 1856 den gegenwärtigen Chef der Familie, Fürsten Joachim M. (seit 1884 vermählt mit Cäcilie Ney von Elchingen), und 2 Töchter gebar, von denen die jüngere, Anna (geb. 1863), seit 1885 Gemahlin des österreichischen Ministers Grafen Agenor von Goluchowski (s. d. 2) ist; Achille, geb. 2. Jan. 1847, vermählt 1868 mit Salome Prinzessin Dadian von Mingrelien, gest. 27. Febr. 1895 zu Sugdidi in Mingrelien; Ludwig, geb. 22. Dez. 1851, trat in die kaiserliche Marine ein, vermählte sich 1873 mit der verwitweten Fürstin Eudoxia Orbeliani, geborne Somow, und war einige Zeit Ordonnanzoffizier König Karls XV. von Schweden; Karoline, geb. 31. Dez. 1832, vermählt 1850 mit Baron Karl v. Chassiron, 1872–85 mit John Garden; Anna, geb. 3. Febr. 1841, vermählt 1865 mit Antoine des Noailles, Herzog von Mouchy, gehörte zu den intimsten Freundinnen der Kaiserin Eugenie. – Von den Töchtern des Königs M. war Lätitia Josephina, geb. 1802, mit dem Marquis von Pepoli in Bologna vermählt und starb 12. März 1859; Luise Julie Karoline, geb. 1805, mit dem Grafen Rasponi in Ravenna vermählt, seit 1877 Witwe, starb 1. Dez. 1889 in Ravenna.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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