Augsburg [2]

Augsburg [2]

Augsburg (Augusta Vindelicorum. hierzu der Stadtplan), unmittelbare Stadt u. Hauptstadt des bayr. Regierungsbezirks Schwaben, 490 m ü. M. inmitten der schwäbisch-bayrischen Hochebene zwischen Wertach u. Lech, die sich unterhalb der Stadt vereinigen, Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Pleinfeld-A.-Buchloe, Regensburg-Ingolstadt-A. und Ulm-A.-München, besteht aus der obern und untern Stadt und der Jakob er Vorstadt, an die sich die neuen Stadtteile West-, Süd-, Ost- u. Nordend und die Werkach-Vorstädte anschließen.

Wappen von Augsburg
Wappen von Augsburg

Unter den Straßen ist die Maximiliansstraße, von St. Ulrich bis zum Ludwigsplatz, die schönste; andre Hauptstraßen sind die Karolinen- und Ludwigsstraße, die St. Annastraße und die Philippine Welser-Straße mit dem Denkmal des Haus Jakob Fugger (modelliert von Brugger). Hauptplätze sind der Fronhof oder Domplatz mit dem Sieges- und Friedensdenkmal von Zumbusch, der Maximiliansplatz bei St. Ulrich, der Ludwigsplatz beim Perlach und der Prinz-Regentenplatz, auf dem das Standbild des Prinz-Regenten Luitpold errichtet wird. Eine Hauptzierde Augsburgs sind die öffentlichen, größtenteils mit metallenen Figuren geschmückten Brunnen: der Augustusbrunnen auf dem Ludwigsplatz (ein Werk des bayrischen Hofbildhauers Hubert Gerhard von 1594), der Merkur- und der Herkulesbrunnen (s. Tafel »Brunnen«, Fig. 9) in der Maximiliansstraße (1599 und 1602 von Adrian de Vries aus dem Haag erbaut). Unter den kirchlichen Gebäuden (6 evangelische, 17 kath. Kirchen und Kapellen und eine Synagoge) ist zunächst der zweitürmige Dom zu erwähnen, dessen ältester Teil aus den Jahrenn 994–1006 stammt. Er ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit westlichem Chor, die im 14. Jahrh. gotisiert und durch zwei Nebenschiffe und ein östliches Chor erweitert wurde; ganz romanisch sind die beiden Türme und die Krypte. An der Außenseite sind bemerkenswert neben den beiden reich mit Skulpturen geschmückten Hauptportalen die ins südliche Seitenschiff führenden Bronzetüren am Mittelportal (aus dem 11. Jahrh.), die Szenen aus dem Alten Testament, rätselhafte und phantastische Gestalten etc. darstellen. Der ganze Dom ist 113 m lang, 39 m breit und im Mittelschiff 28,5 m hoch. Er enthält mehrere schöne Altarbilder (vier Altarblätter von H. Holbein dem ältern) und viele alte Glasmalereien (s. Tafel »Glasmalerei«, Fig. 1), z. T. aus dem 11. Jahrh. (vgl. Braun, Beschreibung der Augsburger Domkirche, Augsb. 1829). Die katholische St. Ulrichs- und Afrakirche, 1474–1500 erbaut, ist ein spätgotischer Bau, der ein prächtiges, hoch gewölbtes Mittelschiff, daneben sehr niedrige Seitenschiffe enthält; der 93,5 m hohe Turm wurde erst 1594 vollendet. Die Kirche steht auf dem Platze, wo die ersten Christen der Gegend den Märtyrertod erlitten, und wo man über der Gruft der heil. Afra bereits im 6. Jahrh. eine Kapelle errichtet hatte. Die Hauptpfarrkirche der Protestanten ist die St. Annakirche, die 1649 in den Besitz der Evangelischen kam, aber ihre gegenwärtige Gestalt erst 1747 erhielt. Eine Hauptmerkwürdigkeit der Stadt ist das Rathaus, 1615–20 im Renaissancestil von Elias Holl erbaut. Das Gebäude ist 43 m breit, auf der Westseite 44,5, auf der Ostseite 51 m hoch. Ein weites, 6,4 m hohes und 3,8 m breites Portal bildet den Eingang; über den Torflügeln halten zwei Greise das Stadtwappen. Die größte Zierde des ganzen Hauses ist der sogen. goldene Saal, der 14,22 m hoch, 17,3 m breit und 32,65 m lang ist. Die Decke, durch ein Hängewerk getragen, prangt mit vergoldetem Schnitzwerk, und der Fußboden des Saales ist mit Marmorplatten belegt. An den Ecken des Saales befinden sich die vier sogen. Fürstenzimmer. (Vgl. das Prachtwerk von Leybold: »Das Rathaus der Stadt A.«, 2. Aufl., Berl. 1892.) Nördlich vom Rathaus erhebt sich der Perlachturm, teilweise noch aus dem 11. Jahrh. stammend; seine Windfahne stellt »Cisa«, die alte heidnische Schutzgöttin der Stadt, dar. Bemerkenswert sind auch das Zeughaus (1602–1607, s. Tafel »Architektur XI«, Fig. 4), das Bäckerhaus (1602) und das Metzgerhaus (1608), sämtlich von Holl erbaut. Ferner verdient die ehemalige bischöfliche Pfalz oder sogen. Residenz am Fronhof Erwähnung, die ihre gegenwärtige Gestalt 1743 erhielt und jetzt als Sitz der königlichen Kreisregierung dient. In einem jetzt verbauten Zimmer des Gebäudes überreichten die protestantischen Fürsten 25. Juni 1530 dem Kaiser Karl V. die »Augsburgische Konfession«; der Platz davor (Fronhof) diente ehedem zu Ritterturnieren und andern Festlichkeiten. Beachtung verdienen noch das Maximiliansmuseum in der Philippine Welser-Straße, mit den Sammlungen des Historischen und des Naturhistorischen Vereins, und das alte prächtige Fuggerhaus, seit Jahrhunderten Wohnsitz des Geschlechts der Fugger und gegenwärtig Eigentum des Fürsten Karl von Fugger-Babenhausen. Die Wandflächen des Gebäudes wurden 1860–63 von Ferd. Wagner mit Fresken aus der Augsburger Geschichte geschmückt; das Innere enthält unter anderm die ebenfalls mit Fresken (von Anton Ponzano) gezierten Räume des Kunstvereins. Nennenswert sind endlich noch das 1876–77 erbaute Theater, die Börse, die Bibliothek (1892–93 erbaut), die »Drei Mohren«, einer der berühmtesten Gasthöfe Deutschlands mit interessantem Fremdenbuch etc. Die Jakober Vorstadt umschließt auch die Fuggerei, eine kleine Binnenstadt mit 3 Haupt- und 3 Nebengassen, 3 Toren, einer eignen Kirche und 53 Häusern mit 106 Wohnungen, worin arme Bürger Augsburgs für den geringen Mietzins von jährlich 3,43 Mark Wohnung finden. Diese Anstalt wurde 1519 von den Brüdern Ulrich, Georg und Jakob Fugger gestiftet.

Die Zahl der Einwohner betrug 1900 mit der Garnison (ein Infanterieregiment Nr. 3,4 Eskadrons Chevau-legers Nr. 4 und ein Feldartillerieregiment Nr. 4) 89,170 Seelen, darunter 23,995 Evangelische und 1171 Juden. In der gewerblichen Tätigkeit nimmt die Textilindustrie (Baumwollspinnerei und -Weberei, Zwirnerei, Nähfadenfabrikation und Kammgarnspinnerei) eine ganz hervorragende Stelle ein (1900: 16 Fabriken mit 9624 Arbeitern, 5799 Webstühlen und 514,530 Spindeln). Von Bedeutung sind ferner die Bleicherei, Färberei, Druckerei, die Appreturanstalten, Eisengießerei, Maschinen- und Zahnradfabrikation sowie die Herstellung von Papier, Buntpapier, Hutstumpen, Zündhölzern, Wichse, Bindfaden, Pergament, Uhrfedern, Laubsägen, Tapeten, Chemikalien, Wachstuch, Leder, Tabak, Gold- und Silberwaren etc. und die Bierbrauerei. Ein großer Teil des Wassers vom Lech und von der Wertach wird in Werkkanälen durch die Stadt geleitet. Die an denselben befindlichen 96 Triebwerke haben zusammen 9095 Pferdekräfte, wovon 8660 durch Privatetablissements und 435 durch die Stadtgemeinde ausgenutzt werden. Der gegen das Mittelalter zwar sehr zurückgegangene, aber immer noch bedeutende Handel wird unterstützt durch eine Börse, eine Reichsbankstelle (Umsatz 1901: 766,3 Mill. Mark), Filialen der königlichen Bank, der Bayrischen Notenbank etc. Zwei »Dulten« (Messen) finden im April-Mai und Oktober, ein Wollmarkt im Juni und mehrere Schaf- und Getreidemärkte statt. Ansehnlich ist auch der Buchhandel. Außer vier Lokalblättern erscheinen in A. noch die »Augsburger Abendzeitung« und die »Postzeitung« (s. unten), nachdem die 1798 von Cotta begründete »Allgemeine Zeitung« 1882 nach München verlegt worden ist.

Als gemeinnützige und Wohltätigkeitsanstalten sind zu bemerken: der Landwirtschaftliche Verein des Regierungsbezirks, ein technischer, naturhistorischer, historischer und Kunstverein, mehrere Waisenhäuser, reiche Pfründneranstalten etc. An wissenschaftlichen Anstalten besitzt A. 2 Gymnasien, ein Lyzeum, ein Studienseminar, ein Realgymnasium, eine Sternwarte, eine Industrie-, Kreisreal-, Kunst-, Musik-, Brauerschule, eine Handelslehranstalt, eine landwirtschaftliche Winterschule, eine Baugewerkschule, eine Taubstummen- und eine Blindenanstalt etc. Die Bibliothek (Staats-, Kreis- und Stadtbibliothek, s. Tafel »Bibliothekgebäude I«, Fig. 4, II, Fig. 4) hat 200,000 Bände, zahlreiche Handschriften und eine seltene Inkunabeln- und Bibelsammlung. Die königliche Gemäldegalerie, in den Räumen des ehemaligen Katharinenklosters, enthält besonders Gemälde der altschwäbischen Schule (von Hans Holbein dem ältern und Burgkmair), außerdem solche von Rubens, Tizian, Tintoretto, Leonardo da Vinci, Rembrandt, van Dyck, Altdorfer, Dürer, I. de Barbari, Poussin, Salv. Rosa, Ostade, Ruisdael und andern namhaften Meistern, zusammen 800 Nummern. – A. ist Sitz der Regierung für Schwaben, eines Oberlandes- und Landgerichts, eines Bezirksamts, des Kommandos der 2. bayrischen Division, der 3. Infanterie- und der 2. Kavalleriebrigade, eines Hauptzollamts und eines Bistums mit Domkapitel. Der Magistrat besteht aus 25, das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten aus 42 Mitgliedern. – Der Landgerichtsbezirk A. umfaßt die acht Amtsgerichte zu Aichach, A., Burgau, Friedberg, Landsberg a. L., Schwabmünchen, Wertingen und Zusmarshausen.

[Geschichte.] A. ward 15 v. Chr. nach Eroberung Vindeliziens durch die Römer von Drusus unter dem Namen Augusta Vindelicorum angelegt. Die Kolonie wurde bald als Handelsplatz sowie als Knotenpunkt mehrerer Straßen wichtig und die Hauptstadt von Vindelizien oder Raetia secunda. Mit den römischen Legionen kam das Christentum früh nach A., wie auch die Legende von der Märtyrerin St. Afra (gest. 304) zeigt. Bald entstand in dem mittlern Teil der alten römischen Stadt ein Kastell, das um 536 an die Franken kam. 832 kommt zuerst der Name A. (Augustburg) vor. Kaiser Otto I. schlug 955 die Ungarn auf dem Lechfeld im Südosten von A. und erweiterte die Stadt nach der Nord- und Südseite hin. Herzog Welf von Bayern zerstörte sie zwar 1026 in einer Fehde mit dem Bischof, doch erstand sie bald neu. Die Bürger von A. erwirkten 1276 die Anerkennung ihres Stadtbuches und die Bestätigung Augsburgs als freier Reichsstadt, worauf sie sich 1331 dem Schwäbischen Städtebund anschlossen. Das Stadtregiment hatten 12 Personen, deren Vorstände Stadtpfleger hießen. Diese Consules oder Bürgermeister wurden nur aus den eingewanderten freien Bürgern oder Patriziern genommen. 1368 gewannen die Zünfte maßgebenden Einfluß auf die Regierung, so daß diese wesentlich demokratisch wurde. Kaiser Siegmund befreite 1426 die Stadt von der Gewalt der kaiserlichen Land- und Stadtvögte. Damit begann Augsburgs Blütezeit. A. war nächst Nürnberg der Mittelpunkt des Handels zwischen Italien und dem Norden und zwischen dem Orient und dem nordwestlichen Europa. Die Kaufhäuser der Fugger und Welser waren weltberühmt, die »Augsburger Pracht« sprichwörtlich. Die Verbindung mit Italien beförderte die Pflege der Künste und Wissenschaften, die Malerei wurde von Burgkmair und den beiden hier gebornen Holbein ausgeübt. Durch die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien und Amerikas aber erhielt der Handel Augsburgs einen großen Stoß. Die Reformation fand in A. früh Eingang. 1518 hatte Luther dort seine Zusammenkunft mit dem Kardinal Cajetan. Hier wurden mehrere Reichstage gehalten, die berühmtesten 1530, wo die Augsburgische Konfession (s. d.) übergeben, und 1547–48, wo das Interim beschlossen wurde. 1555 ward hier der zweite Religionsfriede (s. Augsburger Religionsfriede) geschlossen. Luthers Lehre herrschte in A. seit 1534, wofür aber die Stadt im Schmalkaldischen Kriege büßen mußte. 1548 stellte Karl V. die aristokratische Regierungsform wieder her. Seitdem überwog die Zahl der Katholiken. Im Dreißigjährigen Kriege besetzten 1632 die Schweden die Stadt, 1635 mußte sie sich aber den Kaiserlichen ergeben. 1646 wurde sie von Wrangel vergeblich belagert. Im Spanischen Erbfolgekrieg eroberte sie 1703 der Kurfürst von Bayern und trieb eine Kontribution von 4 Tonnen Goldes ein, räumte sie aber 1704. Auch in dem Österreichischen Erbfolgekrieg wurde A. hart mitgenommen, hob sich aber bald durch Handel und Industrie wieder. 1803 wurde es durch den Reichsdeputationshauptschluß als Reichsstadt bestätigt, doch infolge des Friedens zu Preßburg ergriff Bayern 26. Dez. 1805 von A. Besitz, und 4. März 1806 erfolgte die Einverleibung. Seit 1837 ist A. die Hauptstadt des Regierungsbezirks Schwaben und Neuburg. Vgl. Wagenseil, Geschichte der Stadt A. (Augsb. 1820–22, 3 Bde.); Jäger, Geschichte von A. (2. Aufl., das. 1862); Werner, Geschichte der Stadt A. (das. 1899); Kleinschmidt, A., Nürnberg und ihre Handelsfürsten im 15. und 16. Jahrhundert (Kassel 1881); die von der bayrischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen »Chroniken der deutschen Städte«, Bd. 4, 5, 22, 23 u. 25 (Leipz. 1865–96); Meyer, Urkundenbuch der Stadt A. (Augsb. 1874–78, 2 Bde.); Roth, Augsburgs Reformationsgeschichte 1517–1527 (2. Aufl., Münch. 1902); Graßmann, Entwickelung der Augsburger Industrie (Augsb. 1894); Buff, Augsburg (Zürich 1883); Derselbe, A. in der Renaissancezeit (Bamb. 1893); Probst und Müllegger, A. in Bild und Wort (Augsb. 1897).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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